Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.11.2005. Die FAZ fordert nach den jüngsten Pisa-Befunden die Verstaatlichung der Kindererziehung in Migrantenmilieus. Die SZ fürchtet eine Degradierung der DDR zur historischen Fußnote. Die taz besucht die Schriftstellerin Brigitte Kronauer, die morgen den Georg-Büchner-Preis erhält. Die NZZ entdeckt in Caral das älteste Quipu der Welt. Die Welt fiebert Kate Bushs neuem Album entgegen, und die FR versinkt in Melancholie.

TAZ, 04.11.2005

Morgen wird Brigitte Kronauer der Georg-Büchner-Preis verliehen, Maja Rettig hat die Schriftstellerin in Teufelsbrück besucht und sich erzählen lassen, warum Eskimokinder sich ganz schnell im Kreis drehen und dann in den Schnee fallen lassen: "Die Ordnung ist das eine, das andere der Schwindel. Ob man sich dafür nun schnell im Schnee dreht oder Leute sich periodisch betrinken: 'Man braucht beides, das ist ein ganz praktisches Überlebensprinzip, um nicht verrückt zu werden und um nicht zu verknöchern.'"

Weiteres: Dominique Johnson spricht mit den beiden Filmemachern Ali Samadi und Oliver Stoltz, deren Film "Lost Children" über ugandische Kindersoldaten heute in die Kinos kommt. Guido Kirsten stellt in der Achse des Pop neue Platten des Nouvelle Chanson vor.

In der tazzwei unterhalten sich Daniel Bax und Zonya Dengi mit Grusel-Rapper Bushido, der sich pünktlich zum Erscheinen seines neuen Albums "Staatsfeind Nr. 1" vor einem Linzer Gericht wegen schwerer Körperverletzung verantworten darf (und der sich seine Wäsche noch von Mama machen lässt, wie die beiden Interviewer ziemlich schnell herausgefunden haben).

Und hier noch TOM.

Welt, 04.11.2005

Heute kommt Kate Bushs neues Album "Aerial" heraus, das erste seit zwölf Jahren. Michael Pilz heizt das seit Tagen grassierende Fieber weiter an: "Ob sie über Inzest sang, über Masturbation, James Joyce oder die nukleare Katastrophe: Ihre Selbstbehauptung mittels Schrullen oder Lebensabschnittsrollen ließ Madonna wirken wie eine beflissene Praktikantin. 1980 rief der Sunday Telegraph die Leser auf, zu wählen: Wer ist die beliebteste und wer die meistgehasste Sängerin im Königreich? Die Wahl gewann Kate Bush, und zwar in beiden Fällen."

Weiteres: Berthold Seewald berichtet von den kulturpolischen Eckpunkten, auf die sich Union und SPD in den Koalitionsverhandlungen geeinigt haben, darunter die kostenneutrale Empfehlung, die Kultur als Staatsziel ins Grundgesetz aufzunehmen. Uwe Wittstock feiert das 50-jährige Bestehen des Marbacher Literaturarchivs. Thomas Kielinger erinnert an den Gun Powder Plot, jene katholische Verschwörung, bei der am 5. November 1605 das englische Parlament in die Luft gesprengt werden sollte. Manfred Quiring berichtet vom Fall des russischen Satirikers Viktor Schenderowitsch, der sich, seit er für die Duma-Wahlen kandidiert, vom Kreml bedroht sieht. Manuel Brug kündigt eine Deutschlandtournee des norwegischen Pianisten Leif Ove Andsnes an.

Und auf den Forumsseiten erinnert Hubert Markl, früherer Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, anlässlich der neuen Pisa-Ergebnisse daran, "dass wir von keinem Kleinkind ausschließen können, dass gerade aus ihr oder ihm etwas ganz Besonderes werden kann": "Wer zu früh ausliest, wer zu früh nur wenigen zugute kommen lässt, was nur den angeblich als besonders begabt erkannten Kindern zugute kommen soll, der schadet der ganzen Gesellschaft, indem er chancenreiche, aber früh noch nicht sicher erkennbare Talente verschwendet. "

FAZ, 04.11.2005

Nach den jüngsten Pisa-Befunden, die besondere Bildungsmängel in Migrantenmilieus feststellten attestiert sich Jürgen Kaube den Mut, die Verstaatlichung der Kindererziehung in den Migrantenmilieus zu fordern: "Noch wagt es kein Politiker auszusprechen: dass die Erziehung dieser Kinder nicht länger ihren Eltern und ihren Milieus überlassen werden darf."

Weitere Artikel: Eberhard Rathgeb war ganz Ohr, als Angela Merkel in München über Werte und ihren Glauben sprach. In der Glosse geht es um entsetzliche Sponsorenprosa, wenn nicht -lyrik. In der Serie "Kunststücke" stellt Eduard Beaucamp heute Werner Tübkes Panoramabild "Arbeiterklasse und Intelligenz" vor. Wie und warum zwei harmlos aussehende Statuen in einer chinesischen Ausstellung einen politischen Skandal ausgelöst haben, erklärt Zhou Derong. David Grossmann gedenkt am zehnten Jahrestag seiner Ermordung Jitzhak Rabin. Den kriegsfeindlichen Militärhistoriker John Keegan porträtiert Nils Minkmar. Kerstin Holm resümiert das Heldenleben des Michail Chodorkowski. Martin Otto setzt mit historischem Blick die Diskussion um den ökumenischen Theologen Klaus Berger fort. Gemeldet wird, dass den diesjährigen Goncourt-Preis nicht Michel Houellebecq, sondern Francois Weyergans (mehr, in französischer Sprache) erhält.

Besprochen werden das neue Computerspiel "Fahrenheit", eine Ausstellung mit Werken Bernhard Heiligers im Berliner Gropius-Bau, eine triumphale Düsseldorfer Entdeckung der Scarlatti-Oper "Telemaco" und Cameron Crowes bestenfalls "süßer" Film "Elizabethtown".

Rezensionen gibt es zur frühen Erzählung "Place de la Bastille" von Leon de Winter und zu neuen Sachbüchern: Richard Sigurdsons bisher nur in englischer Sprache erschienener Studie "Jacob Burckhardt's Social and Political Thought" und Won-Lim Byun-Brenks Buch über "Frauen in Korea" (mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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NZZ, 04.11.2005

Knut Henkel berichtet von den sensationellen Ausgrabungen von Caral, der ältesten Stadt Amerikas. Unter anderem haben die peruanischen Forscher zum Beispiel das älteste Quipu der Welt gefunden: "Für Laien ist das aus Baumwollfäden unterschiedlicher Länge und mit zahlreichen Knoten versehene Quipu nicht viel mehr als ein schmutzig braunes Wollknäuel. Doch die Knoten sind fein säuberlich geknüpfte Worte und stehen für eine der ältesten Schriftsprachen der Welt. Die kann man immer noch nicht entziffern, und niemand hatte bis zum April 2005 vermutet, dass die Knotensprache so alt sein könnte. 5000 Jahre, so haben die Untersuchungen ergeben, alt ist das Quipu und ein weiterer Beweis für die älteste Hochkultur auf dem Kontinent - die von Caral."

Aldo Keel erzählt, wie die Norweger ihrem beliebten Volkskönig Olav ein Denkmal setzen wollten und stattdessen eine Statue des Bildhauers Knut Steen bekamen: "Auf einem monumentalen Sockel thront der König in Uniform, den überdimensionierten rechten Arm zu einer dubiosen Geste erhoben. Ihm zu Füßen recken sich gesichtslose Geschöpfe, die das norwegische Volk darstellen. Der Kunsthistoriker Tommy Sörbö deutete das Werk im Radio als 'Kreuzung von Dagobert Duck und Kim Il Sung'."

Weiteres: Marc Zitzmann meldet, dass Francois Weyergans Roman "Drei Tage bei meiner Mutter" den Prix Goncourt gewonnen hat (mit sechs zu vier Stimmen gegen Michel Houellebecqs "Möglichkeit einer Insel"). Paul Jandl schreibt zum Tod des Südtiroler Dichters Gerhard Kofler. Besprochen wird eine Ausstellung zur zeitgenössischen Weinarchitektur im Architekturzentrum Wien.

Auf der Medienseite sagt Detlef Borchers voraus, dass nach den Hobbybastlern nun die Risikokapitalisten den Open-Source-Bereich stürmen werden. Marlis Prinzing lüftet die Geheimnisse des Agenda-Settings.

FR, 04.11.2005

Zehn Jahre lang hat Jean Clair Zeit gehabt, die Ausstellung über die Melancholie im Grand Palais in Paris vorzubereiten, berichtet Martina Meister, die schwer beeindruckt ist von diesem "melancholischen Meisterwerk": "Über 250 Werke sind zu sehen, die vielen Gesichter der Melancholie. Es sind Fratzen darunter, erschütternd schöne, von Goya und Piranesi, oder diese Reihe der Selbstporträts von Arcimboldo (zumindest eines hier), Hans Baldung (Bilder) und Dürer, die Ahnengalerie malender Melancholiker. Jedes Gesicht sieht anders aus, doch am Ende sind sich alle ähnlich. So mag sich über 2000 Jahre der Blick verändert haben, auch die Interpretation. Aber die Ikonographie ist dem Gefühl treu geblieben: Der traurige Mensch trägt im Gewicht seines Kopfes die Last der ganzen Welt."

Weiteres: Volkmar Sigusch ehrt die metrosexuellen Männer. "Ihr Gender Blending, ihr Vermischen von ehedem Einzig-Männlichem mit ehedem Einzig-Weiblichem ist Friedensarbeit im Geschlechterkampf, gar nicht mit Geld zu bezahlen." Hans-Jürgen Linke schreibt eine Times mager rund um Gerhard Wisnewskis "Lügen im Weltraum", in der dieser die Mondlandung der Amerikaner bezweifelt. Besprochen wird noch Jens Schanzes Film "Winterkinder" über die NS-Vergangenheit seines Großvaters.

SZ, 04.11.2005

"Durchaus einflussreiche Leute" wollen die DDR zu einer "Fußnote" der deutschen Geschichte degradieren, will Franziska Augstein beobachtet haben. Die Umschreibung der Vergangenheit sei schon in vollem Gange. "Die Ostdeutschen waren gegen den Kommunismus. Wer das unterschreibt, darf sich heute einen guten Deutschen nennen. Wer hingegen daran erinnert, dass die meisten DDR-Bürger sich irgendwie in und mit ihrem Staat einrichteten, der gilt als Ewiggestriger. Gelten soll: Weil (fast) alle DDR-Bürger den Staat bekämpften, haben (fast) alle am Ende auch die Revolution gemacht. Dass die meisten Demonstranten und Bürgerrechtler, welche die Öffnung der Mauer tatsächlich erwirkten, gar nicht den Anschluss an den Westen und seine Marktwirtschaft suchten, wird heutzutage unterschlagen."

Absolut berückend findet Oliver Fuchs das neue Kate-Bush-Album "Aerial", auf dem neben ihrer Helium-Stimme auch "Vogelstimmen, Babygebrabbel sowie ein Didgeridoo" zu hören sind. "Das alles mag, wenn man es in Worte fasst, ein bisschen wie Musik für Menschen klingen, die sich für den Erhalt von Delphinen einsetzen. Damit also kein falscher Eindruck aufkommt, sagen wir es jetzt mal so: Kate Bushs neue CD 'Aerial' ist überwältigend schön."

Weiteres: Moshe Zimmermann beschreibt, wie der vor vier Jahren verübte Mord an dem rechtstextremen israelischen Politker Rechavam Seevi - genannt Gandhi - von der Rechten erfolgreich als Gegengewicht zum Gedenken an Jitzhak Rabin aufgebaut wird. Thomas Steinfeld ermahnt die Kulturmacher, die Distanz zur Politik zu wahren. Denn was staatlich finanzierte Kulturinstitutionen hervorbringen, "ist meist nur die bürokratisierte Verfallsform von Kultur. Das lässt sich, stellvertretend für vieles, an den deutschen Akademien der Künste beobachten."

Martin Ohst, evangelischer Theologieprofessor in Wuppertal, rät dem wegen seines evangelischen Anscheins und katholischen Herzens umstrittenen Kollegen Klaus Berger, sich alle "Wehleidigkeit zu verkneifen". Schließlich habe er die evangelische Kirche für seine Karriere benutzt. Christopher Schmidt präsentiert Plotskizzen für die DailySoap aus dem politischen Berlin, Folge 344 bis 350. "Was bisher geschah: Die WG in Aufruhr: Alle ziehen aus! Zuerst hat Supermacho Gerd das Turmzimmer aufgegeben und es der unscheinbaren Physiklehrerin Angela überlassen..."

Anlässlich des Deutschen Orchestertags zum Wochenende in Berlin trommelt Wolfgang Schreiber für die wirtschafts- und innovationspolitische Bedeutung des allgemeinen Musizierens. Auf der Medienseite beschreibt Kai-Hinrich Renner die mit der Entlassung des Chefredakteurs Andrew Gowers markierten Turbulenzen in der Financial Times, die auch auf das deutsche Schwesterblatt überspringen könnten.

Besprochen werden die Schau "Sexarbeit" über Prostitution im Museum der Arbeit in Hamburg, eine Ausstellung mit Selbstporträts von Edvard Munch in der "Royal Academy" in London, Carlos Santanas Album "All That I Am", und Bücher, darunter Carl Jonas Love Almquists "Romount", also Romanze in zwölf Büchern "Das Geschmeide der Königin", Reinhold Messners Reisebericht "Gobi" sowie Dietmar Daths Brieferzählung "Die salzweißen Augen" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Berliner Zeitung, 04.11.2005

In einer Retrospektive im Berliner Gropius-Bau entdeckt Ingeborg Ruthe Bernhard Heiliger wieder, den in den frühen Jahren der Bundesrepublik sehr präsenten Bildhauer. Gelernt hat er im Dritten Reich bei Arno Breker (mehr), später ließ er sich von Hans Arp (mehr) und Henri Moore (mehr) inspirieren und löste sich vom Gegenständlichen. "Amorphe Figurationen, ohne Kopf und Gliedmaßen werden bis in die Sechziger hinein zu pflanzenartigen Gebilden. Schön, abstrus, rätselhaft und gefährdet stehen die eingefärbten Gipse und Bronzen auf ihren Sockeln - Metamorphosen oder aufgerissene Mutationen des Lebens. Tentakelartig wachsen Peitschen aus den Rümpfen, ortend wie Antennen. Zugleich sind es grafische Elemente, schneidende Raumlinien im Kontrast zum Dreidimensionalen."