Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.08.2005. In der Süddeutschen analysiert Timothy Garton Ash messerscharf: Die Iraker sind die Buren der Amerikaner. Im Tagesspiegel untersucht Matthias Greffrath die drei Kategorien von "Arbeitern" in Deutschland. Die NZZ hat Ohrensausen vom Tanz im August. Auch die FR ist glücklich: In der Chansonsängerin Camille entsteht etwas Besonderes. Die taz schickt Impressionen vom Filmfestival in Sarajewo.

Tagesspiegel, 30.08.2005

"Hartz IV könnte der Übergang zum Bürgergeld sein oder aber zu einer sich verfestigenden Kultur von Unterschichtsfernsehen und Verrohung", meint Matthias Greffrath. Zur Zeit "kennen wir drei Kategorien von 'Arbeitern' in Deutschland: gut bezahlte 'Kernarbeiter', sozialversichert und vollzeitfestangestellt; Zeitarbeiter, Minijobber und Halbtagskräfte zumeist im Dienstleistungssektor, ohne Beitrag zum Sicherheitssockel dieser Gesellschaft, ohne langfristige Sicherheiten und oft mit Einkommen unterhalb der Armutsgrenze; und schließlich: Arbeitslose und vom Staat in mehr oder minder sinnvolle 'Maßnahmen' gezwungene Menschen." Für Greffrath gibt es zwei Wege aus dieser Misere: Entweder ein Bürgergeld für alle, mit dem die "soziale Arbeit der Zivilgesellschaft" unterstützt wird. Oder "eine Verkürzung der gesellschaftlichen Regelarbeitszeit mit dem Ziel neuer Vollbeschäftigung. Utopie? VW hat sie vor mehr als einem Jahrzehnt praktiziert: mit einer Arbeitszeit von 28 Stunden (ohne vollen Lohnausgleich). 'Es geht mir gut', sagte damals ein Arbeiter in Wolfsburg, 'ich gehe vier Tage ins Werk, ich habe mehr Zeit für Kinder und mein Haus, ich arbeite einen Tag für das technische Hilfswerk - als Automechaniker, das ist ja schließlich mein Beruf.' Arbeit für den Erwerb, Arbeit für sich und Arbeit für die Gemeinschaft. Eine Dreizeitgesellschaft."
Stichwörter: VW

FR, 30.08.2005

Ist Pop am Ende? Nein! Hier entsteht etwas Neues, behauptet Oliver Tepel und zeigt auf "Le Fil", das zweite Album der französischen Chansonsängerin Camille. "Ihr Solo-Debüt fand nicht den Weg in die deutschen Plattenläden. So blieb hierzulande nahezu ungehört, wie sie Soul mit altem Chansonstil verknüpfte, die gern zitierten sechziger Jahre außen vor ließ und sich leidenschaftlich in komplexen Arrangements erging. Wer es dennoch mitbekam, merkte: Hier entsteht etwas Besonders. Klassizistische Pop-Experimente in der Sprache einer jungen Frau nämlich, die stets involviert und zugleich beobachtend Studien über das Leben verfasst. 'Zu intensiv, zu seltsam' könnte der Benjamin Biolay liebende Liebhaber des Nouvelle Chanson ablehnend einwenden. Doch das könnte Camille sogar gefallen."

Weitere Artikel: Petra Kohse hat sich das Webblog "Wahltagebuch.de" angesehen. Dort schreiben Schriftsteller und Wissenschaftler "im Dienste der ausgewogenen Meinungsbildung" zur Bundestagswahl. Für Kohse produzieren die Texte "auch kein stärkeres Bedürfnis, sich zuzuschalten als die sonstige Medienlandschaft". Elke Buhr schreibt zum Tod des Künstlers Remy Zaugg. In Times Mager amüsiert sich Michael Tetzlaff über die von der Titanic gegründete "PARTEI".

Besprochen werden Choreografien von William Forsythe, Maguy Marin und Meg Stuart auf dem Berliner Tanz-Festival, George A. Romeros Film "Land of the Dead" und Jorge Furtados Film "The Man Who Copied".

TAZ, 30.08.2005

Claus Löser schickt Eindrücke vom Filmfestival in Sarajewo: "Nach elf Jahren präsentiert es sich als arrivierter, international gut bestückter Branchentreff. Zwischen den Ruinen blitzt Glamour auf: schwere Limousinen, roter Teppich, Kellner im Livree und mit weißen Handschuhen; fast hundert Sponsoren tummeln sich im Anhang des umfangreichen Katalogs. Als neben Thessaloniki wichtigstes Podium für Filme Südosteuropas bietet der Wettbewerb das Aktuellste und Kontroverseste der Region. Wie im Stadtbild der Gastgeberstadt selbst sind auf ihren Leinwänden der Zerfall Jugoslawiens, Bürgerkrieg und Neuausrichtung allgegenwärtige Themen geblieben."

"Der Kampf gegen die Arbeitslosen hat sich gegen alle Ankündigungen verschärft, weil der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit längst aufgegeben ist und national wahrscheinlich sowieso nicht zu gewinnen ist", schreibt die Autorin Annett Gröschner in der Reihe Political Studies.

Weiteres: Andreas Merkel berichtet vom traditionellen Saisonauftakt im Literarischen Colloquium Berlin. Jede Menge innere selbstproduzierte Widersprüche hat Arno Raffeiner bei der c/o Pop in Köln erlebt. Besprochen wird Andrea Breths Inszenierung "Nächte unter Tage" bei der RuhrTriennale.

Und Tom.
Anzeige

NZZ, 30.08.2005

Christina Thurner bilanziert das Berliner Festival "Tanz im August", besonders gut gefallen hat ihr "Wir sind alle Marlene Dietrich FOR" der Iceland Dance Company: "Dieses eindringliche, schrille Stück über die Unterhaltung in Zeiten des Krieges lässt einen zwar mit Ohrensausen zurück, aber auch reicher an mächtigen Bildern, die anprangern, ohne zu unterweisen, und dabei immer wieder von einer schmerzlichen Schönheit sind." Andrea Köhler hat sich in ihrem Urlaub in Griechenland Gedanken zu diesem und jenem gemacht.

Besprochen werden eine Otto-Muehl-Ausstellung in der Hamburger Sammlung Falckenberg (Veronika Schöne kann bei all dem "Sado-Maso-Nazi-Sex-Klimbim" nur abwinken), ein Konzert des Gustav-Mahler-Jugendorchesters mit Ingo Metzmacher beim Lucerne Festival. Und Bücher, darunter Jürgen Habermas' Plädoyer für einen säkularen Staat (und gegen Säkularismus) "Zwischen Naturalismus und Religion", Stefan Chwins Roman "Der goldene Pelikan" und Abdulrazak Gurnahs Roman "Schwarz auf Weiß" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 30.08.2005

Im Aufmacher schildert Dietmar Dath seine Aufenthalte auf amerikanischen Flughäfen, während in New Orleans der Hurrikan wütete. In der Leitglosse wundert sich Mark Siemons über die recht trocken gewordene Prosa von für die SPD kämpfenden Künstlern. In einem größeren Hintergrundartikel beklagt Wolfgang Pehnt, dass die Kirchen immer häufiger Sakralbauten des 20. Jahrhunderts abreißen, die sie nicht mehr unterhalten wollen - in Berlin ist etwa ein bedeutender Betonquader von Werner Düttmann darunter. Jochen Stöckmann berichtet von einer Preisverleihung an Jochen Gerz in Gegenwart des Kanzlers in Hannover. Joseph Croitoru liest polnisch-deutsche Zeitschriften, die unter anderem über den traurigen Zustand der deutschen Polonistik Auskunft geben. Oliver Jungen gratuliert dem Gießener Mittelalterhistoriker Peter Moraw zum Siebzigsten.

Auf der Medienseite schreibt Michael Althen zum Tod des Schauspielers Hans Clarin. Thomas Thiel verbreitet Erkenntnisse aus einem Telepolis-Artikel, der die Triftigkeit der Nachrichtenpräsentation bei Google News in Frage stellt, und macht sich nebenbei bei den oberen Herren dieser Zeitung beliebt, indem er einen Giftpfeil gegen den Perlentaucher schießt.

Auf der letzten Seite präsentiert Wolfgang Schuller seine Sammlung von Flugblättern aus der 68er-Zeit, die er der Bibliothek für Zeitgeschichte in der Württembergischen Landesbibliothek stiftete. Heinrich Wefing prangert die Section 215 des amerikanischen Patriot's Act an, die es amerikanischen Geheimdiensten erlaubt, die Bibliotheksbenutzer nach Kräften auszuspionieren. Und Tobias Döring greift einen Artikel der Times auf, der neue Details zur Ermordung des Shakespeare-Konkurrenten Christopher Marlowe zitiert - demnach erhärtet sich der Verdacht, dass Marlowe als Spion tätig war und von seinen Auftraggebern aus dem Weg geräumt wurde.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Porträts von Joshua Reynolds in London, eine Debussy-CD mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle und neue Werke Helmut Lachenmanns beim Festival von Luzern.

SZ, 30.08.2005

Der Historiker Timothy Garton Ash erwartet ein Ende des amerikanischen Jahrhunderts in den nächsten Jahrzehnten (hier der Originalartikel im britischen Guardian). Die USA seien ein ähnlich "müder Titan" wie es Großbritannien aufgrund kostspieliger Kriege, aufstrebender Konkurrenten und sozialer Schieflagen vor hundert Jahren war. "Was für die Briten der Burenkrieg war, ist für die Amerikaner hinsichtlich unerwarteter Dauer, Blutzoll und Kosten der Irak-Krieg. Auch hier wagen es fremde Habenichtse, der eindrucksvollsten Militärmacht der Welt zu trotzen. Sorgen bereiten heute die neuen Wirtschaftsmächte China und Indien, und im eigenen Land machen gesellschaftliche wie wirtschaftliche Probleme zu schaffen, während die Amerikaner ihre Weltgeltung überschätzen."

Dawid Danilo Bartelt zieht vorsichtshalber schon mal eine Bilanz der ersten brasilianischen Linksregierung um "Lula" da Silva. Lulas Arbeiterpartei PT hat ihre sozialen Wahlversprechen angesichts der wirtschaftlichen Zwänge nicht halten können. Die ungeliebten marktwirtschaftlichen Reformen aber sind richtig, meint Bartelt. "Für eine Gesellschaft, die ihren Fordismus - also die flächendeckende regulierte Erfassung der Arbeiterschaft in formalen Arbeitsverhältnissen - noch gar nicht erlebt hat, in der Einkommen, Lebenserwartung und tägliche Kalorienaufnahme obszön verteilt sind wie in wenigen Ländern der Welt, und für einen Staat, der zutiefst reformbedürftig ist und weite Teile seines Territoriums nicht kontrollieren kann, käme eine funktionierende soziale Marktwirtschaft in der Tat einer Revolution gleich."

Weitere Artikel: Christopher Schmidt würdigt den Sprechspieler Hans Clarin, der Pumuckl und dem Schlossgespenst Hui-Buh die Stimme verlieh und am Sonntag gestorben ist. Wolfgang Schreiber genießt den Schwerpunkt zum Komponisten Helmut Lachenmann auf dem Lucerne Festival. Joachim Kaiser entdeckt in einer Zwischenzeit die Ironie Rainer Maria Rilkes. Helge Sasse stellt sich im jahrelangen juristischen Streit zwischen Produzent Moses Pelham und dessen eigensinniger Entdeckung Xavier Naidoo auf die Seite des letzteren. Der SZ-Wahlbeobachter Alfred Dorfer fürchtet, die Linkspartei könnte Deutschland als Geburtshelfer einer großen Koalition paralysieren. "In Österreich hat sie, außer Stillstand, unter anderem Jörg Haider hervorgebracht." Thomas Thieringer gratuliert dem Schauspieler Rolf Henninger zum 80. Geburtstag. Holger Liebs verabschiedet den vor sieben Tagen in Basel gestorbenen malenden Philosophen Remy Zaugg. Alexander Kissler meldet kurz, dass die kreationistenfreundliche Schulbehörde von Kansas sich jetzt auch mit einer Schöpfungstheorie eines Studenten herumschlagen muss, die auf einem "Fliegenden Spaghetti Monster" basiert .

Außerdem werden die Blogs angekündigt, in denen Redakteure ab heute Graswurzeljournalismus betreiben und die Leser das kommentieren können. Elke Schrimm etwa gesteht zum Einstand: "Ich bin ein DINK - double income no kids." Jürgen Schmieder lässt sich zudem vom Blog-Veteranen Nick Montfort die Sinnhaftigkeit dieser Einrichtung versichern. "Ich denke die wahre Macht von Weblogs liegt nicht darin, dass sie die Menschen in eine bestimmte Richtung lenken, sondern dass sie dazu animieren, schärfer nachzudenken, um ihre Welt und sich untereinander ein bisschen besser zu verstehen.

Auf der Literaturseite genießt Volker Breidecker die Harmonie auf dem 25. Erlanger Poetenfest. "Es gab keinen Streit, nicht einmal ein Gezänk um die Literatur, auch kein Murren und Stänkern im Publikum, das still und entspannt wie nur eine protestantische Kirchengemeinde den Darbietungen folgte." Im Medienteil plaudert Christopher Keil mit Sandra Maischberger über die Nachbesserungen an ihrer ARD-Talkshow.

Besprochen werden Ed Herzogs Film "Almost Heaven" mit Heike Makatsch, eine Ausstellung mit "Kontextkunst" aus den neunziger Jahren auf der Kronacher Festung Rosenberg, ein Konzertauftritt der Mezzosopranistin Cecilia Bartoli im Rahmen der Ruhr-Triennale in der Bochumer Jahrhunderthalle (wo sie ein paar "herrliche Perlen des als trocken verschrienen römischen Oratoriums" zum Besten gab, schwärmt Michael Struck-Schloen), James Meeks "großartiger" Revolutionsroman "Die einsamen Schrecken der Liebe" sowie Slavoj Zizeks philosophische Gedanken über "Körperlose Organe" und Gilles Deleuze (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).