Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.08.2005. Die SZ feiert die "beeindruckendste Interpretation von Beethovens Fünfter, die jemals irgendwo stattfand". Die FR besucht schon mal den neuen Berliner Club "Goya". In der NZZ  beklagt der syrische Dichter Sadiq al-Azm den mangelnden Willen zur Demokratie in den arabischen Ländern. In der FAZ träumt Amos Oz von einem Israel ohne Besetzung und Siedlungen.

SZ, 23.08.2005

Egbert Tholl bereut es keine Sekunde, sich auf den Weg nach Ramallah begeben zu haben, um sich im völlig überfüllten und einzigen Theater des Westjordanlands einen Platz zu erkämpfen. Denn Daniel Barenboim ist ausgerechnet dort mit dem israelisch-arabisch-spanischen West-Eastern Divan Orchestra (Tourneedaten) aufgetreten. "Barenboim schwitzt, springt auf dem Podium herum, fuchtelt den ersten Pulten vor den Notenblättern herum, hat ein infernalisches Leuchten in den Augen und formt nach der Pause die beeindruckendste Interpretation von Beethovens Fünfter, die jemals irgendwo stattfand. In den Auftrittsapplaus hinein wirft er das Klopfmotiv, das hier wie ein Hämmern an die Mauer wirkt, die Ramallah umgibt. 'Freiheit für Palästina' ist das Motto des Konzerts. Doch die dampfende, umwerfende, extrem dynamische Interpretation kündet von einer Freiheit, die viel weiter geht. (...) Es mag feinere Aufführungen der Fünften gegeben haben. Aber nie eine packendere."

Weitere Artikel: Jens Bisky hat aus einer Machbarkeitsstudie vorab erfahren, dass schon 2013 das Berliner Stadtschloss wieder stehen könnte, mit Humboldt-Forum und Luxushotel. Aber "wenn auf dem Schlossplatz gebaut werden soll, dann kann und muss damit in diesem Jahr begonnen werden." Wenn Johannes Paul II. das "dionysische Ferment" der Katholiken verkörperte - "Der war typologisch das, was man auf dem Theater mit einem terminus technicus Rampensau nennt" -, dann ist Papst Benedikt XVI. der apollinischen Seite näher, findet Christopher Schmidt. Als Nachtrag zur Leipziger Messe für Videospiele Games Convention berichtet Jürgen Schmieder aus Korea, wo es Profifahrer virtueller Rennen gibt, die mit Kart Rider ihren ganz realen Lebensunterhalt verdienen.

In New Orleans haben sich zum ersten Mal geklonte Katzen fortgepflanzt, für Alexander Kissler ein weiterer Schritt zum Jurassic Park. Wolfgang Schreiber plaudert ein wenig über das Lucerne Festival im Allgemeinen und Claudio Abbados vor zwei Jahren eigens gegründetes Luzerner Sommerorchester im Besonderen. In der "Zwischenzeit" macht Hermann Unterstöger taz wie FAZ darauf aufmerksam, dass in der Frakturschrift das "lange s" in bestimmten Fällen das "Ringel-s" ersetzt. "fok" meldet den Tod von Robert Moog, Erfinder des Synthesizers. Susan Vahabzadeh weiß, dass Atom Egoyans Film "Where the Truth Lies" in den USA erst für Jugendliche ab 17 Jahre erlaubt ist.

Im Literaturteil gibt Clemens Pornschlegel die französische Aufregung um Michel Houellebecqs neuen Roman "Die Möglichkeit einer Insel" weiter, den bisher nur ausgesuchte Jubelkritiker lesen durften. Seit kurzem gibt es aber einen bösen Veriss, aufgrund eines Exemplars, das offensichtlich "vom Lastwagen gefallen" ist. (Mehr dazu auch in unserer Magazinrundschau.) Ärger verursacht auch Matthias Lorenz' Doktorarbeit "Auschwitz drängt uns auf einen Fleck" über die "Judendarstellung und den Auschwitzdiskurs bei Martin Walser", zumindest beim Heidelberger Germanisten Dieter Borchmeyer: "Das in Aufbau und Umfang monströse, im Gehalt denunziatorische Buch argumentiert in weiten Teilen auf wissenschaftlich indiskutable Weise."

Auf der Medienseite kündigt Hans-Jürgen Jakobs vor der endgültigen Übernahme von Pro Sieben Sat1 durch Springer eine mindestens viermonatige Prüfung durch das Kartellamt an.

Besprochen werden Christoph Schlingensiefs Mythen-Parcours "Der Animatograf - Odins Parsipark" in Neuhardenberg ("Bayreuth muss nicht das Ende sein. Disneyland auch nicht", erkennt Sonja Zekri.), Mike Bigelows Film "European Gigolo", Patti Smiths "unprätentiöser" Auftritt auf der Ruhrtriennale in Bochum sowie ein Buch, Yvonne Spielmanns etwas "begriffslastige" Überlegungen zu "Video. Das reflexive Medium" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 23.08.2005

Demnächst eröffnet im ehemaligen Metropol am Berliner Nollendorfplatz der Club Goya. Gebaut wird er von dem Architekten Hans Kollhoff und dem Gastronomen Peter Glückstein. Ursula März hat ihn sich angesehen und ist baff: "Es wird nicht nur der größte Club Berlins. Es wird der größte Deutschlands. Club ist wohl auch nicht die richtige Gattung. Der Goya-Besucher wird sich in einem Raum vom Ausmaß eines Kirchenschiffs befinden, mit 13 Metern Deckenhöhe, 450 Quadratmetern auf der Hauptebene, zwei umlaufenden Balkonetagen, die ihrerseits diverse Bars, ein abgeschlossenes Restaurant, eine Lounge beherbergen. Wie bei Kollhoff nicht anders zu erwarten, wird der Raum von Säulen durchzogen." Der Club funktioniert als Aktiengesellschaft. Es gibt 2000 Aktionäre, denen die zweite obere Balkonetage vorbehalten ist, "von dort schaut der Aktionär wie der höhere Adel zum Eintritt zahlenden Bürgertum hinunter", dass sich im Parkett beim Bier (3 Euro) amüsiert.

Weiteres: In Times Mager mokiert sich Silke Hohmann über den Revolver vor dem Bundeskanzleramt. Besprochen werden neue CDs der Songwriter Michelle Shocked, Laura Cantrell und Chris Whitley und Bücher, darunter Friederike Mayröckers Tagebuch mit dem wunderbaren Titel "Und ich schüttelte einen Liebling" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

NZZ, 23.08.2005

Schon 1968 hatte der syrische Dichter Sadiq al-Azm in seinem Buch "Selbstkritik nach der Niederlage" die arabische Welt für ihren Autoritarismus, den religiösen Dogmatismus und die Diskriminierung der Frauen kritisiert. Christian Meier fragt al-Azm, ob sich seitdem eigentlich etwas geändert habe: "Ich würde nicht sagen, dass sich nichts geändert hat. Beispielsweise gehen heute viel mehr Mädchen zur Schule, ebenso wie die Anzahl der Frauen, die gut ausgebildet sind und beruflich Erfolg haben, gestiegen ist. Aber all diese Veränderungen haben es nicht geschafft, eine 'kritische Masse' zu formen, die die arabischen Gesellschaften auf eine neue Stufe hieven könnte. Sie bleiben Einzelerfolge, Stückwerk." Zudem glaubt al-Azm, "dass Kolonialismus, imperialistische Ausbeutung und Palästina von den arabischen Regimes dazu benutzt werden, sich selbst zu erhalten, ihre repressiven Methoden weiter anzuwenden und den Reichtum der arabischen Welt zu verschleudern."

Besprochen werden eine Schau der Porträts des englischen Malers Joshua Reynolds in der Tate Britain, Kim Ki-duks Filmparabel "Samaria" und Bücher, darunter Cees Nootebooms Roman "Paradies verloren" und Antonio Morescos Roman "Aufbrüche" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
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TAZ, 23.08.2005

Sandra Fimmel erzählt von einer Reise nach Elista, der Hauptstadt der autonomen Republik Kalmückien: "Elista, wörtlich 'Stadt im Sand', ist heute eine Stadt inmitten von Sandsteinskulpturen. Die buddhistisch inspirierten Plastiken stammen vom einem Internationalen Skulpturen-Symposium, das zwischen 1996 und 1998 viermal stattfand. Laut dem damaligen Kulturminister Nikolai Sandschiew diente es der Stadtverschönerung. Nun wimmelt es in Elista von folkloristischen Buddhafiguren, Löwen und Kamelen. Auf den kalmückischen Betrachter haben sie einen ähnlichen Effekt wie die überall in der deutschen Hauptstadt lauernden Bären auf den Berliner. .. Da Elista während der Schlacht von Stalingrad vollständig zerstört wurde, besteht die wesentliche städteplanerische Aufgabe in der Errichtung typisch buddhistischer Gebäude. Dies ist allerdings problematisch, weil sich die originär kalmückische Architektur auf die transportable Jurte beschränkt."

Angesichts von rund hundert Think-Tanks und mehr als 600 wissenschaftlichen Beratungsgremien in Deutschland fragt Cord Riechelmann, woher eigentlich der Beratungsbedarf der Politik rührt. "Über die ungelösten Probleme, wer und nach welchen Kriterien über die Auswahl der Berater entscheidet, gilt über die Politik hinaus, dass man sowieso nur dort beraten kann, wo auch nach Rat gefragt wird. Welcher Rat von wem eingeholt wird, unterliegt oft irrationalen Stimmungsschwankungen, die dann ähnliche irrationale Erklärungen hervorbringen."

Weiteres: Christian Broecking berichtet von den finanziellen Schwierigkeiten der Chicagoer Musikerorganisation Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM). Detlef Kuhlbrodt überlegt, ob dies nun ein guter oder schlechter Sommer war. Besprochen wird Matias Bizes Hochzeitsdrama in Echtzeit "Sabado".

Und schließlich Tom.
Stichwörter: Deutschland, Kamel, Autonome, Cord

FAZ, 23.08.2005

Heute eröffnet Jürgen Kaube eine Serie unter dem Titel "Entrümpelung" und klagt zunächst über die Zumutungen des Wohlfahrtsstaats: "Die Forscher hängen an seinem Tropf genau so wie Autoindustrie, Filmwirtschaft, die Bauern, Hundesportler oder Künstler." Vom ermäßigten Mehrwertsteuersatz für Presseerzeugnisse wollen wir ja gar nicht reden. Der CDU-Politiker Friedrich Merz startet die Serie mit einem Plädoyer für mehr Eigenverantwortung der Bürger.

Amos Oz
(mehr hier) schreibt über die Lage in Israel nach der Räumung der Siedlungen im Gaza-Streifen: "Seit fast vierzig Jahren gleichen Israel und Palästina einem Gefängniswärter und einem Gefangenen, die mit Handschellen aneinandergekettet sind. Nach so vielen Jahren gibt es da kaum noch einen Unterschied: Der Gefängniswärter ist nicht frei, und der Gefangene auch nicht. Israel wird erst dann ein freies Land sein, wenn Besetzung und Siedlungen ein Ende finden und Palästina ein unabhängiger Nachbarstaat geworden ist."

Weitere Artikel: Patrick Bahners nimmt sich in der Leitglosse nochmal Angela Merkels Kompetenzteam zur Brust. Andreas Kilb beobachtete die Party-Elite der Schröder-Ära bei der Aufstellung von Carl Frederik Reuterswärds arg plakativer Pistole mit verknotetem Lauf ("Non-Violence") im Garten des Bundeskanzleramts. Jürgen Richter freut sich über die bervorstehende Restauration eines Fachwerkhauses in der Nähe von Karlsruhe

Auf der Medienseite empfiehlt Michael Hanfeld eine Dokumentation über Gerhard Schröder, die heute Abend im ZDF läuft. Thomas Purschke berichtet, dass ein ehemaliger Sportreporter beim DDR-Fernsehen unter Stasi-Verdacht steht.

Und die letzte Seite: Sechzig Jahre nach der Kapitulation verteidigt der Publizist Siegfried Kohlhammer das Land Japan gegen den Vorwurf, es habe für die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs nicht bezahlt. Gina Thomas schreibt über die enttäuschende Entschlüsselung der Geheimisse des "Piano Man". Und Kerstin Holm schreibt über den 1881 von Terroristen ermordeten Zar Alexander II. (mehr hier), der von sich reden macht, weil George Bush im Urlaub eine Biografie über ihn liest, um die Urgeschichte des Terrorismus zu ergründen.

Besprochen werden eine Max-Beckmann-Ausstellung in Baden-Baden, die Uraufführung von Ichiro Nodairas Oper "Madrugada" beim Schleswig-Holstein Musikfestival, eine Ausstellung über die Fotografin und Filmemacherin Ella Bergmann-Michel im Museum Folkwang und - auf der neuen DVD-Seite - einige auf DVD neu herausgebrachte Filme.

Online zu lesen ist jetzt Volker Weidermanns Besprechung des neuen Romans "Die Möglichkeit einer Insel" von Michel Houellebecq aus der FAZ am Sonntag.