Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.02.2005. "Liberez la musique!", rufen die französischen Musikpiraten in der FAZ. In der NZZ lotet Marcel Beyer aus, wie weit es vom schtschegol zum chardonneret ist. Die taz erzählt Journalistenwitze. Die SZ beobachtet Rechtsradikale in Che-Guevara-Shirts. Und alle Zeitungen trauern um Max Schmeling.

FAZ, 05.02.2005

Die Franzosen mal wieder! Auf der Medienseite berichtet Jürg Altwegg vom Aufstand der französischen Musikpiraten: Nachdem ein "unbescholtener" Lehrer zu insgesamt 18.000 Euro Strafe und Schadensersatz verurteilt worden war, veröffentlichte der Nouvel Observateur eine Petition zur Unterstützung der Piraten: "Liberez la musique!" "Der Musiker Magyd Cherfi erklärte: 'Ich hole mir selber meine Musik aus dem Internet, meine Kollegen tun es, und meine Kinder tun es auch. Alle tun es für ihre persönlichen Bedürfnisse, keiner handelt damit. Wenn jemand meine Musik herunterlädt, verliere ich ein bisschen Geld. Das stört mich nicht. Dafür werden meine Stücke gehört, und das ist mir mehr wert.'"

Christian Schwägerl nimmt Abschied von dem großartigen Evolutionsbiologen Ernst Mayr, der mit hundert Jahren nun doch gestorben ist und der sein langes Leben lang nichts mit der ganzen molekularen oder chemischen Biologie zu tun haben wollte: "Mayr hat sich energisch gegen einen physikalischen Reduktionismus gestellt, der das Leben in Atome auflöst, wieder zusammensetzt und dabei berechenbar machen will. Die Natur, wie er sie sah, ist ein System voll von Unvergleichbarem, das sich der Verfügung starrer Gesetze entzieht."

Weiteres: Patrick Bahners verabschiedet Box-Idol Max Schmeling, dessen karge Klugheit er mit dem Zitat belegt: "Wenn es einem gut geht, soll man dafür sorgen, dass es auch anderen gut geht." Ist Fast-Food christlich? Oder Gen-Food? Jürgen Dollase hat sich von Kardinal Joachim Meisner in die katholisch-korrekte Ernährung einführen lassen. Christian Welzbacher feiert die neue Bibliothek in Cottbus von Herzog und de Meuron, die von außen seltsam unscharf wirke, innen aber ein Wunder: "Man weiß nicht wie und man weiß nicht warum: aber dies ist die Bibliothek, in der man selbst immer arbeiten wollte."

Michael Gassmann war dabei, als Bischof Wolfgang Huber in Bonn seine politische Theologie darlegte. "malt" gratuliert der Schauspielerin Charlotte Rampling zum Sechzigsten, Lorenz Jäger dem indonesischen Schriftsteller Pramoedya Ananta Toer zum Achtzigsten (mehr hier). Dietmar Dath findet sehr lustig, dass auch anarchistische Antifaschisten und Kryptochristen ihre Musik bei der Gema anmelden. Außerdem erfahren wir von Melanie Mühl, wie und warum Thomas Krappweis "Bernd das Brot" erfand.

Auf den Seiten der früheren Tiefdruckbeilage erinnert Heinrich Detering an die Schriftstellerin Irmgard Keun, die vor hundert Jahren geboren wurde. Gerhard R. Koch ist dem Rätsel von Glenn Goulds Pathien und Antipathien auf die Spur gekommen: "Vermutlich steckte hinter Goulds Heiligsprechungen wie Hinrichtungen ein und derselbe Impuls: ödipaler Sturmlauf wider konventionelle Autoritäten, gegen den Wahn, es gebe den ein für allemal verbindlichen Kanon. Nicht zufällig war Gould eine Ikone der Achtundsechziger."

Besprochen werden die pikante Ausstellung "Bordell und Boudoir" in der Kunsthalle Tübingen, Susanne Linkes neues Tanzstück "Ich bin...", Wolfgang Maria Brauers "Törless"-Inszenierung in Heidelberg, Hendrik Hölzemanns Debütfilm "Kammerflimmern", außerdem neue Platten von 22-20 und Leonard Cohen, Aufnahmen des Pariser Ur-Holländers und sexy Barockarien. Und Bücher, darunter Gabriel Garcia Marquez' Roman "Erinnerung an meine traurigen Huren" ("Dieser Roman ist an Widerwärtigkeit kaum zu überbieten", schimpft Elke Heidenreich) und Christoph Heins Roman "In seiner frühen Kindheit ein Garten" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr)

In der Frankfurter Anthologie stellt Peter von Matt Johann Christian Günthers Gedicht "Als er der Phillis einen Ring mit einem Totenkopfe überreichte" vor.

NZZ, 05.02.2005

"Wie weit ist der Weg vom schtschegol zum chardonneret? Wie viele Sprachen haben auf einem Vogel Platz?" fragt der Schriftsteller Marcel Beyer der Beilage Literatur und Kunst, die ihren Schwerpunkt nach Leuk ins Wallis verlegt hat, an jenen Ort der Sprachgrenze, wo aus dem Rotten die Rhone wird und wo jährlich der Spycher Literaturpreis vergeben wird: "Wirkt sich aber die Existenz einer Sprachgrenze auch auf denjenigen aus, der sie passiert? Verändere ich mich merklich, wenn ich mich auf den Weg nach Sitten mache, um am Ende nur immer wieder in Sion anzukommen?" Außerdem besucht Roman Bucheli die Schriftstellerin (und Preisträgerin) Felicitas Hoppe, die sich freiwillig in die Leuker Einsiedelei begeben hat. Zu lesen sind auch die englischen Ansichten der Berge der Schriftstellerin Lavinia Greenlaw.

Der Physiker Yehuda Elkana denkt darüber nach, "was von Albert Einstein zu lernen wäre", und kommt vor allem zu einem Schluss: Freigeistigkeit: "Für ihn galt keine etablierte Wahrheit als sakrosankt; er setzte an, indem er das eigentliche Fundament erfolgreicher moderner Naturwissenschaft, die Newtonsche Mechanik, in Frage stellte. Und schon hier zeigte er, dass kreatives Denken unabhängig von jeder experimentellen oder auch nur mathematischen Unterstützung sich entfalten kann: Es war nichts anderes als der freie Flug der konzeptuellen Einbildungskraft."

Fürs Feuilleton besucht Samuel Herzog Moskaus erste Biennale für zeitgenössische Kunst, bei der allerdings "die russischen Spezialitäten eher die Ausnahme" sind. "Unter den gut vierzig Künstlern und Künstlergruppen aus mehr als zwanzig Ländern finden sich nur gerade sechs, die das lokale Schaffen repräsentieren. Die fallen allerdings auf - vor allem durch ihren eigentümlichen Witz." Joachim Güntner berichtet von der Eröffnung des neuen Studienzentrums der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar. Thomas Maissen erinnert an den vor fünfhundert Jahren geborenen Aegidius Tschudi, der sich sehr verdient gemacht hat um die Versöhnung von "Alpenbewohner und eingebildeten Städter, herrschsüchtigen Alemannen und welschen Minderheiten.

Besprochen werden ein Konzert von Charles Dutoit und der Violinistin Chantal Juillet in der Zürcher Tonhalle, Lukas Bärfuss' Stück "Der Bus" im Stadttheater Bern und Bücher, darunter Wilhelm Genazinos Roman "Die Liebesblödigkeit", Manfred Ostens Untersuchung "Das geraubte Gedächtnis" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 05.02.2005

In der die Zeitung an sich lobpreisenden Reihe "Erlesenes Erhalten" darf heute der Schrifsteller Jochen Schmidt ziemlich Zeitungskritisches erzählen - und einen Witz: "Treffen sich zwei Journalisten in Bosnien. 'Seit wann bist du hier?' 'Seit gestern.' 'Und wann fährst du wieder?' 'Morgen.' 'Und woran arbeitest du?' 'An einem Artikel: ,Bosnien - gestern, heute und morgen'." In der Kultur darf Schmidt noch einmal ran. Es geht darum, wie Dirk von Lowtzow, der Sänger von "Tocotronic", einmal nach Freiburg fuhr - eine Art Plattenkritik vielleicht.

Im Kultur-Aufmacher berichtet Gerrit Bartels von einer gemeinsamen Lesung der Holocaust-Überlebenden Aharon Appelfeld (mehr) und Imre Kertesz (mehr) im Berliner Literaturhaus: "Nicht wenig verblüfft sind Appelfeld und Kertesz deshalb, als am Schluss der Buchvorstellung eine Frau noch die Frage stellt, ob sie beide denn ohne die Erfahrung des Holocausts Schriftsteller geworden wären. Da schweigen sie kurz, etwas betreten und antworten, das sei schließlich eine hypothetische Frage, man wisse doch nie, wohin einen das Schicksal treibe Und Appelfeld fügt an: 'Schreiben ist eine Notwendigkeit.'"

Auf den Tagesthemenseiten erinnert sich Wolf Wondratschek an Max Schmeling. In der zweiten taz schickt Henning Kober aus Santa Maria eine Reportage von einem alles andere als alltäglichen Prozess: "Die Bürger Kaliforniens gegen Michael Jackson, Fall Nr. 1133603". Der Ex-Profi Yves Eigenrauch macht sich Gedanken zu Fußballwetten.

Besprochen werden, gemeinsam, die neuen deutschen Filme "Herzflimmern" und "Egoshooter" und der in den USA bei mancherlei Kritikerabstimmung erfolgreiche Film "Sideways". Von der Moskauer Kunst-Biennale berichtet Meike Jansen.

In einer - im Netz jedenfalls - nicht weiter erläuterten Spezial-Ausgabe des taz-Magazins geht es um Wohnkonzepte einer- und Bildung andererseits. So informiert Michael Kasiske über Kölner Möbelmessen und ein weiterer Artikel über die Bürostuhl-Firma "Pending". Im Bildungs-Schwerpunkt erläutert Volker Engels die "Gründerinitiative" der TU Berlin, Jutta Blume sendet einen Bericht über TU-Architekturstudenten in Mexiko und Jeannette Goddar erklärt, was es mit der Internet-Leseplattform für Kinder antolin.de auf sich hat.

Und Tom.
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FR, 05.02.2005

Überwiegend Rezensionen in der FR. Es gibt einen Bericht zur Ausstellung im Hamburger Kunstverein über die "Bedingungen des Künstlerseins", in der auch der Frage nachgegangen wird: "Kann man Kunst lernen?" Über Bauen in Österreich informiert eine Ausstellung im Wiener Architekturzentrum, die Rudolf Maria Bergmann besucht hat. An der Oper Antwerpen-Gent gab es die allgemein, vom Rezensent Joachim Lange aber nicht so sehr bejubelte Uraufführung von Giorgio Battistellis "Richard III". In der Reihe "Inventur" stellt Christian Thomas Ilse Aichingers Erzählung "Die Gefesselte" vor. Besprochen werden auch die Bonner Inszenierung von Lars Norens "Krieg" .

Eine einsame Buchbesprechung ist einem Sammelband über den "Auftritt von Muslimen im öffentlichen Raum" gewidmet. (Davon natürlich mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr.)

Im Magazin, das man wie die ganze Zeitung als E-Paper neuerdings durchblättern und irgendwie auch verlinken kann, wie wir nach längerer Feldforschung herausgefunden haben, (gegen die ellenlangen Adressen sind die der FAZ allerdings schon wieder ein Witz), geht es unter anderem um ein Dorf in der Öko-Revolte. Außerdem gibt es ein Interview mit dem Punkveteranen King Rocko Schamoni.

SZ, 05.02.2005

Alex Rühle war in Sachsen unterwegs und hat die neuesten Wandlungen des Rechtsradikalismus beobachtet: "Einige Rechtsextreme schmücken sich mittlerweile sogar mit Palästinensertüchern und Che-Guevara-Shirts. Wenigstens das ist in der Szene noch umstritten. Ansonsten aber gilt: Hauptsache smart, Hauptsache chic. (...) Die Rechte hat, so scheint es, in den neunziger Jahren ihren Gramsci gelesen. Nicht gewaltsam den Staat stürzen, sondern erstmal die kulturelle Hegemonie erlangen. Einen langsamen Wertewandel durch Bürgernähe erzeugen. Ist doch schön, wenn hier einer das Jugendheim renoviert. Und was ist gegen Vereine mit so schmucken Titeln wie 'Ja zu Brandenburg', 'Schöner wohnen in Ueckermünde' oder die 'Bürgerbewegung pro Köln' zu sagen?

Weitere Artikel: Susan Vahabzadeh blickt voraus auf die Berlinale. Deren Chef Dieter Kosslick sieht sie in einer schwierigen Lage: "Er muss Glamour herbeischaffen, ohne die Kunst zu verraten - so eine Art verfilmte eierlegende Wollmilchsau muss her." Im Interview preist Kosslick schon mal den Eröffnungsfilm "Man to Man": "Afrika, Stars, eine große Ethik....'Der afrikanische Patient', Sie werden sehen." Aus Polen berichtet Thomas Urban, dass man dort mit dem im Warschauer Königsschloss aus der Taufe gehobenen "Europäischen Erinnerungsnetzwerk" so wenig zu tun haben will wie mit dem geplanten "Zentrum für Vertreibung". Der französische Jura-Professor Alain Supot informiert über die eher ungute Entwicklung der französischen Hochschulen im Rahmen des Bologna-Prozesses (also der europäischen Angleichung der Systeme.)

Außerdem: Im Wirtschaftsteil gibt es online den ersten Teil eines Interviews mit Hubert Burda über das Internet und wie sein Verlag so manche Chance verpasst hat. In einem Artikel von Werner Bloch ist zu erfahren, dass Neu-Delhi die Einrichtung einer Kunst-Biennale plant. Jens Bisky begrüßt das neu eröffnete Anna-Amalia-Studienzentrum in Weimar. Vom "Frühlingserwachen der Kultur auf Sardinien" berichtet Henning Klüver. Leicht kopfschüttelnd wird glossiert, wie ein Schuss, der nicht losging, zur Kündigung des UCLA-Professors Chris Burden führte. Gemeldet wird der Tod des Biologen Ernst Mayr, der hundert Jahre alt wurde.

Besprochen werden eine Toulouse-Lautrec-Ausstellung in der Münchner Hypo-Kunsthalle, eine Zürcher Inszenierung von Paul Dukas' "Blaubart"-Oper und der Handy-Thriller "Final Call".

Die Literaturseite berichtet von Günter Grass' Rückkehr nach Kalkutta und bespricht den neuen Roma von Silvio Blatter, ein Buch über Wittgenstein und die Metapher und eine Studie über das Märtyrertum in der frühen Neuzeit. (Mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr.)

Im Aufmacher der SZ am Wochenende befasst sich Holger Gertz mit dem Schiedsrichter-Skandal und stellt ihn in größere Zusammenhänge: "Bei der Tour de France finden sich ganze Apotheken in den Fahrerlagern, im IOC wird gemauschelt und geschmiert, und die vergangenen Olympischen Spiele waren das perfekte Beispiel dafür, dass die Spiele keine Spiele sind, sondern das große Welttreffen von Urinpanschern und Geldvernichtern. (...) Eigentlich müsste jeder Sport in die Obhut von Staatsanwälten, Ärzten und Journalisten des investigativen Ressorts übergehen, die ja auch bei einem Skandal wie diesem mehr wissen als alle lahmen Funktionäre des Fußballs zusammen."

Weiteres: In Gernot Wolframs (mehr) Erzählung "Eine politische Frau" geht es um den "Idealismus der Väter". Julia Encke hat die Französin Corinne Maier besucht, die in ihrem Skandalbuch "Die Entdeckung der Faulheit" Arbeitnehmern aus eigener Erfahrung erläutert, wie man sich im Job nicht zu viel Arbeit macht. Von der Essig-Produktion im Wiener Bezirk Favoriten berichtet Michael Frank. In seiner Frankreich-Kolumne macht sich Johannes Willms heute Gedanken über Liebes-Annoncen. Im Interview mit dem türkischen Schriftsteller Orhan Pamuk geht es um die Wut, die er allerdings eher hinter sich hat: "Solange Sie ein wütender junger Mensch sind, der sich politisch engagiert, halten Sie große Ideen für wichtig. Sind Sie aber ein aufrichtiger Autor im Alter von 50 Jahren, dann merken sie, was die wirklich großen Dinge sind, nämlich Liebe und Glück. Punkt."