Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.02.2005. In der Welt spricht der britsche Historiker Frederick Taylor über die Bombardierung Dresdens. Die NZZ sucht das Grauen in "Stalin World". In der taz freut sich Berlinale-Chef Dieter Kosslick über Fördergelder für Afrika.

NZZ, 07.02.2005

Die NZZ war bei Redaktionsschluss leider nur unvollständig online. Wir fassen sie unverlinkt zusammen.

Rudolf Stumberger hat "Gruto Parkas" - oder auch "Stalin World" besucht, eine litauische Mischung aus Disneyland und Museum, wo der Pilzkonservenfabrikant und Millionär Vilniumas Malinauskas kommunistische Denkmäler in einem Skulpturenpark aufgestellt hat. "Zwei Holzbohlenpfade führen durch den Wald zu den Statuen, aus Lautsprechern dringt blechern russische Musik, Wachtürme recken sich in den Himmel, es gibt Himbeereis und einen Kinderspielplatz. In drei Ausstellungsräumen kann man Wandteppiche und Monumentalgemälde aus der Sowjetzeit besichtigen, um die nahe Villa des Pilz-Millionärs trabt träge ein Lama. Doch das seltsamste Schauspiel gibt jener historische Prozess, in dem Gut sich in Böse, Opfer sich in Täter und Täter sich in Opfer verwandeln. Denn ein großer Teil der Statuen hier im 'Täter-Park' verweist bei genauerem Hinsehen auf Opfer - Menschen, die erschossen oder sonst wie ermordet wurden."

Der Soziologe Tahir Abbas beleuchtet die Schwierigkeiten orientierungsloser junger Muslime in Großbritannien, die sich in der komplexen westlichen Lebensrealität nicht zurechtfinden: "Die Elterngeneration kann diese Orientierung nicht geben, denn es fehlt ihr an sprachlichen und kulturellen Hintergründen, um gegenüber der jüngeren Generation die nötige Autorität zu behaupten. In den Moscheen wird zwar Wissen vermittelt, aber meist nur auf der Grundstufe - oft sind die Imame der Landessprache nicht mächtig und auch nicht in der Lage, sich den Fragen und Problemen der in einem westlichen Kontext aufgewachsenen Muslime zu stellen. So sind die Jugendlichen für ihre Suche auf andere Quellen angewiesen: neue Moscheen, religiöse Vereinigungen oder Internet-Seiten, deren radikal eingefärbte Botschaften in Tat und Wahrheit nichts als Indifferenz, Intoleranz, Ressentiment und die pauschale Zurückweisung alles 'Westlichen' predigen."

Weiteres: Hoo Nam Seelmann stellt den begehrtesten koreanischen Junggesellen vor: Yong Joon Bae, einfühlsamer, frauenverstehender Architekt der Fernsehserie "Wintersonate", der mit seinem Charme vor allem auch die Japaner verzaubert und wesentlich zum Versöhnungsprozess zwischen beiden Ländern beigetragen hat. Beatrix Langner gratuliert dem Schriftsteller Heinz Czechowski zum Siebzigsten.

Besprochen werden Wagners "Tannhäuser" in der Scala, Tschaikowskys "Eugen Onegin" im Theater St. Gallen und der Roman "Meine weißen Nächte" von Lena Gorelik (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 07.02.2005

Berlinale-Chef Dieter Kosslick freut sich im Interview ungemein, dass seine Fördergelder in dem diesjährigen Schwerpunktland Afrika noch geschätzt werden. "1,5 Millionen Euro - da lachen sich die Filmförderer in allen deutschen Regionen schlapp, wenn wir auftauchen mit unseren Bundeskulturstiftungsgeldern. Aber das ist mindestens zehnmal so viel wert, wenn es in den Ländern der Kreativen ausgegeben wird."

"Die wahren Geschichten werden nicht erzählt", klagt Bettina Röhl (mehr) nach dem Besuch der RAF-Ausstellung im Interview mit Jan Feddersen und Peter Unfried in der zweiten taz. Wahre Geschichten? "Die Geschichten der Opfer. Aber auch die der Terroristen, die sich ja untereinander irrsinnig befehdet haben. Dann fehlt die Auseinandersetzung mit den Texten. Und was haben die Terroristen konkret gemacht: Erfahre ich das in der Ausstellung? Nein."

Weiter Artikel: Sebastian Moll grübelt, worum es im "aktuellen Kulturkrieg" zwischen amerikanischen Liberalen und Konservativen eigentlich geht. Peter Unfried bewundert Max Schmeling für die Entscheidung, im Nachkriegsdeutschland zu leben. Niklaus Hablützel reibt sich die Augen, dass das konservative Magazin Nouvel Observateur in Frankreich für die Legalisierung von Tauschnetzen eintritt. Auf der Medienseite berichtet Mia Raben, dass der polnische Journalist Bronislaw Wildstein von der "Gazeta Wyborcza" entlassen wurde, weil er sich die Liste aller Informanten und Kandidaten des kommunistischen Sicherheitsdienstes beschafft hat.

In der einzigen Besprechung sieht Diedrich Diederichsen Friedrich von Gagerns Novelle "Der Marterpfahl" unter der Regie von Frank Castorf an der Volksbühne als "künstlerisches Kraftzentrum im zentrifugalen Brillanzzwang".

Schließlich Tom.

Welt, 07.02.2005

Der britische Historiker Frederick Taylor ("Dresden", englische Leseprobe) spricht im Interview mit Sven Felix Kellerhoff über die Bombardierung Dresdens, die Heuchelei des Bomber Command und die starke Emotionalisierung der Stadt (Taylor konnte sich dort nur unter Polizeischutz bewegen): "Warum ist die Zerstörung in Dresden noch immer so präsent" ist? Erstens hat der verheerende Angriff die Menschen am Ort überrascht, weil sie sich doch als Bürger einer 'Ausnahmestadt' betrachteten. Zweitens waren die Verluste von etwa 35 000 Menschenleben höher, als zu erwarten gewesen wäre - auch durch den unzulänglichen Luftschutz und die Unerfahrenheit der Dresdner in Sachen Luftkrieg. Hinzu kommt drittens die weitverbreitete Ansicht, die Stadt sei 'nur' eine Kulturstadt gewesen. Diese sanfte Selbsttäuschung hat das Gefühl vom "Unrecht" jedes Luftangriffes durch die Alliierten gefördert. Andere schwer betroffene Städte haben dies Schicksal bei allem menschlichen Leid und aller Wut hingenommen; in den bekannten Industriegebieten war es ja ein klarer Fall, warum die Alliierten angegriffen hatten. Den Dresdnern gelang das nicht so gut. Außerdem galt das Schicksal der Stadt in der DDR als Beispiel des 'anglo-amerikanischen Luftgangstertums' auserwählt wurde."
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Stichwörter: DDR, Dresden

FAZ, 07.02.2005

Der Historiker Eberhard Jäckel berichtet über einen Streit zwischen zwischen Vertretern der Sinti und Roma über die Inschrift am geplanten Berliner Mahnmal für die von den Nazis ermordeten Zigeuner. Joseph Croitoru erzählt, dass Palästinenser jetzt offiziell auch jüdisches Land erwerben dürfen, womit die Diskriminierung der Araber aber nicht ende. "tens" zitiert Theorien, nach denen der Braindrain, also die Auswanderung begabter Jugendlicher, den Ländern des Balkans nicht schade, sondern im Gegenteil nütze, weil die Ausgewanderten oft mit ihren neuen Qualifikationen und Netzwerken heimkehrten. Der Rechtsanwalt und Autor des Buchs "Tödlicher Irrtum - Die Geschichte der RAF" Butz Peters kritisiert Fehler in der Dokumentation zur RAF-Ausstellung in den Berliner Kunst-Werken. Jürg Alwegg wirft einen Blick in französische Zeitschriften, die sich mit dem Film "Der Untergang" und mit dem Jahrestag der Auschwitz-Befreiung befassen.

Als Vorabdruck lesen wir aus einer demnächst erscheinenden Biografie über Friede Springer von Inge Kloepfer, wie Mathias Döpfner die Witwe Axel Springers von seiner Eignung als Springer-Chef überzeugte.

Auf der Medienseite beschreibt der CNN-Chef Chris Cramer, wie der Tsunami die Journalistenseelen affizierte ("Viele Journalisten lernten, dass man einer trauernden Witwe oder Eltern, die gerade ihr Kind verloren haben, nicht die herzlose Frage 'Wie fühlen Sie sich?' stellen kann. Zum ersten Mal berichten Journalisten uns nun also, was sie bei einigen 'Stories' empfinden.")

Auf der letzten Seite meditiert Ingeborg Harms nach dem Abgang des Modeschöpfers Helmut Lang über die Frage, wie man heute neue Marken schafft und empfiehlt zur weiteren Lektüre die Bücher "The Culting of Brands" (Auszug) des Werbers Douglas Atkins und "Lovemarks" (Auszug) von Saatchi & Saatchi-Vorstand Kevin Roberts. Kerstin Holm wirft einen Blick auf geplante Veranstaltungen zum Jahrestag des russischen Siegs im Zweiten Weltkrieg. Und Dietmar Dath plädiert für lange Sätze in deutscher Dichtung.

Besprochen werden eine Ausstellung über L'art nouveau im Amsterdamer Van-Gogh-Museum, Uraufführungen von Volker Brauns "Was wollt ihr denn" und Friedrich von Gagerns "Der Marterpfahl" in Senftenberg und Berlin, die Ausstellung "Der Traum vom Turm" über die Geschichte des Hochhauses in Düsseldorf, ein Auftritt des Rockmusikers Jansen in Köln, eine Ausstellung über den Avantgarde-Fotografen Moi Ver in München, ein Auftritt des südafrikanischen Jazzpianisten Abdullah Ibrahim in Frankfurt und Schillers "Don Carlos" am Londoner Gielgud-Theatre.

FR, 07.02.2005

Am bemerkenswertesten findet Gabriele Hoffmann in der Tübinger Ausstellung "Bordell und Boudoir" die "Monotypien von Degas". Sie sind "leidenschaftslose Protokolle einer Tristesse, die auch heute noch unter die Haut geht. Die Nutten in den einfachen Häusern sind billige Ware. Da sitzen sie in einer Reihe auf Plüschsofas, warten und langweilen sich. Unbarmherzig ist die Fokussierung: Taucht ein Freier am Bildrand auf, dient jede ihrer Bewegungen dem Geschäft. Das Fest der Bordellwirtin heißt eines der Blätter, die nach dem Tod des Künstlers der Vernichtung durch den Bruder entgingen. Die schwarz gekleidete Puffmutter zwischen den aufgedunsenen weißen Leibern ihrer Töchter lässt sich den Kopf kraulen."

"Seit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung stehen wir auch in einer neuen Opferkonkurrenz", darüber könnte der Holocaust geradezu vergessen werden, fürchtet der Historiker Ernst Piper und nennt Beispiele: Der CDU-Abgeordnete Günter Nooke wünscht sich "ein Zentrum gegen Vertreibungen, ein Mahnmal für die Bombenopfer und ein neues Nationaldenkmal auf der Berliner Schlossfreiheit für die friedlichen Revolutionäre des Jahres 1989. Auch andere haben Wünsche. Klaus Wowereit möchte einen Geschichtspfad quer durch Berlin, der alles mit allem verbindet, Hubertus Knabe, Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen, wünscht sich ein zentrales Kommunismus-Museum, und eine beachtliche Gruppe von Bundestagsabgeordneten aller Fraktionen hat eine Initiative für ein zentrales Dokumentationszentrum zur Geschichte der Berliner Mauer am Brandenburger Tor ergriffen." Nur vom Holocaust sei nirgends mehr die Rede.

Besprochen wird Susanne Linkes choreografisches Debüt an der Pariser Oper "Ich bin..."

SZ, 07.02.2005

Wenig überrraschend fand Jürgen Otten Frank Castorfs Bearbeitung von Friedrich von Gagerns Novelle "Der Marterpfahl" an der Berliner Volksbühne: "Castorf mag, egal, in welchem Bühnenbild er steht, egal, auf welcher literarischen Vorlage er sein Bewusstsein bettet, nicht lassen von der deutsch-deutschen Geschichte, wie sie das 20. Jahrhundert sich in das Gewissen der Nation, in sein eigenes Gewissen, eingeschrieben hat. Diese Geschichte scheint ihn bis ins Mark zu quälen. Heiner Müller liefert ihm dazu lediglich das Schlachten-Material (und von Gagern die novellistische Leine, an der er sich entlang hangelt)."

Weitere Artikel: Thomas Urban glaubt, dass die Wahl Viktor Juschtschenkos das Zeug zu einem dringend benötigten nationalen Gründungsmythos der von nationalsozialistischen wie kommunistischen Erfahrungen zerissenen Ukraine hat. Willi Winkler zollt dem Rosenmontag Tribut und schreibt George Bush in einige Shakespeare-Stücke hinein, von Kronprinz Hal zu Heinrich V. Der SZ-Naturbeauftragte Cord Riechelmann würdigt den Evolutionsbiologen Ernst Mayr, der noch die schöne Meinung vertrat, "dass Wissenschaft nicht mehrfach wiederholte Laborexperimente von Leuten im weißen Kittel bedeutet, sondern von Wissen kommt." Jens Bisky gratuliert dem Lyriker Heinz Czechowski zum Siebzigsten. Fritz Göttler verabscheidet den amerikanischen Schauspieler Ossie Davis.

Lutz Hachmeister konstatiert auf der ganzen Medienseite die Wiederauferstehung von ARD und ZDF. "Das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist in Deutschland übermächtig. Es definiert mit mehr als 6,5 Milliarden Euro Gebührengeldern den Markt. Es stimmt wieder die Melodien an, die von privaten Wettbewerbern mitgesungen werden müssen. Vom Tatort bis zur Tagesschau, von Wetten, dass . . .? bis zum heute-journal mit dem Soliden und Regelhaften sind ARD und ZDF mehr denn je die Medien des verunsicherten oder saturierten Mittelstandes. Harald Schmidt und die Fußball-Bundesliga sind zur ARD zurückgekehrt. Und vor kurzem verblüffte Bayern-München-Manager Uli Hoeneß mit der Stamokap-Forderung nach einer Gebührenerhöhung, die dann den Profi-Fußballklubs zugute kommen sollte."

Besprochen werden eine "großzügige" Ausstellung zu Joseph Beuys in der Tate Modern London, Jewgenij Kissins Darbeitung aller fünf Beethoven-Klavierkonzerte an zwei Abenden in der Gasteig-Philharmonie in München ("Glücklicherweise ereignete sich im c-Moll Konzert ein Wunder", meint Joachim Kaiser), Gerd Kroskes Filmdokumentation über die "Autobahn Ost", darunter die Neuauflage von Paul Nizans Roman "Das Leben des Antoine B.", Richard Wagners Familienerzählung "Habseligkeiten" sowie Ernst Mayrs letztes Buch "What Makes Biology Unique?" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).