Marcel Beyer

Nonfiction

Cover: Nonfiction
DuMont Verlag, Köln 2003
ISBN 9783832178352
Gebunden, 322 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Unter dem Titel "Nonfiction" versammelt Marcel Beyer die Auseinandersetzungen mit den eigenen Erfahrungen beim Hören, Lesen und Schreiben - mit den poetologischen Vorgaben und lebensgeschichtlichen Hintergründen der Arbeit mit Sprache. "Nonfiction" führt in Kindheit und Jugend zurück und erzählt von ersten "Medienerfahrungen" im Umgang mit dem Telefon oder beim Besuch einer Operette und Nonfiction berichtet vom Umgang mit der Musik bei Aufenthalten im Maghreb, in Casablanca, in Marrakesch oder Tanger. "Nonfiction" erkundet den Ansatz der eigenen Literatur in Roman und Gedicht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 15.10.2003

Marcel Beyer war schon immer ein Vertreter der erhabenen Literatur, meint Sven Hanuschek, und wer diese Seite an ihm nicht mag, finde in der Sammlung von Aufsätzen, Reden und Essays aus den vergangenen sieben Jahren, die Beyer selbst zusammengestellt habe, reichlich Zündstoff. Da wettere Beyer gegen die Inkompetenz der heutigen Leser, fahre Breitseiten gegen die politische Literatur der 70er und 80er Jahre, und vor allem propagiere er den Ernst: Spaß darf die Avantgarde nicht machen. Beyer meint dies völlig ernst, versichert Hanuschek und freut sich, dass Beyers Textsammlung auch einen anderen Beyer, ein ganz anderes Bild präsentiert, das seinen "Reiz gerade aus dem Denken in Widersprüchen" bezieht. Bei seiner Rede zur Verleihung des Böll-Preises der Stadt Köln sinniere Beyer über das von ihm empfundene ästhetische Ungenügen der Böll-Romane, führt Hanuschek als Beispiel an; Böll habe sich nie Zeit gegeben, eine Arbeit wirklich auszuarbeiten, sei immer gehetzt gewesen. Eine moralische Integrität aber, die Beyer durchaus gelten lasse. Der Band enthält auch Texte, die mehr der Wahrnehmung als der Reflexion verschrieben sind, informiert Hanuschek, zum Beispiel Beyers "Wasserstandsbericht" aus Dresden, der über seine eigene Wahrnehmung der Flutkatastrophe schreibe und ihr Auseinanderklaffen mit den medialen Bildern. Dass Beyer nicht immer gleich Antworten parat hält, überzeugt Hanuschek am meisten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.08.2003

Marcel Beyers "Nonfiction", schreibt Friedmar Apel beifällig, richtet sich "nur an mobile Leser": solche, die sich von Sprache bewegen lassen, Bekanntes mit neuen Augen zu sehen. Literatur als eigenständige Landschaft der Sprache, die Wahrnehmungen verarbeitet und so zu ihren Themen gelangt, aber niemals umgekehrt, nie vom spektakulären Stoff ausgehend - das ist Apel zufolge das Selbstverständnis des Autors Beyer, für den deshalb auch das Dresdner Hochwasser kein Ereignis war, das nach der bezeugenden, sich der Geschichtsschreibung andienenden Feder des Schriftstellers verlangte. Sein Text "Wasserstandsbericht" beispielsweise bestehe vor allem aus der "Analyse von Wahrnehmungsveränderungen". Denn politische Literatur zeichne sich Beyer zufolge durch "eine widerständige Sprachhaltung" aus, keinesfalls dadurch, dass zu einem politischen Thema Stellung bezogen wird - erst die Sprache, dann der Stoff.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 25.07.2003

Marcel Beyer, so hat es ein beeindruckter Christoph Bartmann den Essays dieses Bandes entnommen, sammelt nicht Stoff - im Sinne von Themen, von politisch Brisantem -, sondern Material. Dieses wird daraufhin abgeklopft, ob es "Sprachigkeit" - ein Neologismus Beyers - ermöglichen kann, ob die Beschaffenheit eines Materials Sprache eingibt. Denn erst "wenn die physische, die materielle Initial-Zündung erfolgt ist, wird daraus ein Roman oder ein Gedicht. Doch Vorsicht, warnt Bartmann, dieses recht restriktiv klingende poetologische Programm dürfe nicht mit einer formalistischen Haltung verwechselt werden. Beyer komme der Wirklichkeit sehr nahe, nur führe eben der Weg zum "Historischen" über das "Physiologische". Die Dinge nehmen Form an, und zwar "im geduldigen und assoziativen Nachvollzug eines Seins, das aus formalen Relationen besteht". Und so werde das "Vertrauteste" wieder fremd, und das Dredner Hochwasser des vergangenen Jahres zu einem Beispiel dessen, "was die Gegenstände machen, wenn sie sich unserem Einfluss entzogen haben".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.06.2003

Die Flutkatastrophe kann wohl als "das" mediale Großereignis des letzten Jahres gesehen werden. Marcel Beyer beschreibt sie in seinem Text "Wasserstandsbericht", der, zusammen mit anderen Texte Beyers "zum Hören, Lesen, und Schreiben" aus den letzten sieben Jahren, in diesem Buch gesammelt ist. In Dresden selbst war während der Flut der Strom ausgefallen, das Fernsehen präsentierte Bilder, die nicht der Realität der Dresdener entsprachen. Marcel Beyer aber war ihr "Augenzeuge", versichert Rezensent Samuel Moser durchaus beeindruckt. Beyer erzählt nicht von den Sandsäcken die er geschleppt oder auch nicht geschleppt hat, er "erkundet eine ins Rutschen geratene Welt". Dabei ist ihm die Flut keine Sinnfrage, sondern ein "poetologisches Problem": Mit dem Wasserstand, so unser Rezensent, atmet, fließt oder stockt der Text. Aber es gibt noch mehr in diesem Buch: Etwa Interpretationen von Gedichten (Celan, Mandelstam), durch die sich der Rezensent mit Vergnügen führen lässt, weil Beyer "den Leser zuschauen lässt, wie er selber sich führen lässt vom Text, von Wörtern und Tönen". Nur eins versteht Beyer nicht, so Moser: die Poesie der Musik. Beyers Versuch, ihre Substanz mit dem Begriff "Sprachigkeit" zu erfassen, missfällt dem Rezensenten. Aber das auch das einzige, was ihm in diesem Band missfällt.
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