Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.01.2005. Die FAZ beneidet die Chinesen: Dort gilt unsere Musik noch etwas. In der NZZ gesteht Hans-Ulrich Gumbrecht: Der Totalitätsanspruch des Raums in Japan gibt ihm zu denken. In der FR identifiziert der Philosophieprofessor Gernot Böhme den Tsunami als alles verschlingende Weiblichkeit. Die SZ ist erleichtert: Andrzej Stasiuk taugt auch als Theaterautor etwas.

NZZ, 10.01.2005

Eine Reise nach Japan hat bei Hans Ulrich Gumbrecht (mehr hier) "einen Schub des Nachdenkens" ausgelöst. Er hatte den Eindruck, als würde dort Raum geformt und nicht als etwas Gegebenes hingenommen: "Es ist, als ob hier Natur und Landschaft unberührter geblieben wären und die Spuren menschlicher Kultur geballter erschienen. Fernsehstudios sind direkt an Reisfelder mit den sie einrahmenden Bauernhäusern gebaut, während Industrieanlagen wie übergangslos an Wohnviertel grenzen. Was wir heute fast global schon 'suburban spaces' nennen, Eigenheime auf Sichtdistanz, in denen sich der Traum der internationalen Mittelschicht vom Grundbesitzertum auslebt, das scheint Japan nicht bieten zu wollen. Erste Gefühle milder Klaustrophobie gehen so für den Besucher über in Ansätze romantischer Projektion auf die unbesiedelte Natur."

Michael Braun will den Kritikern der deutschen Gegegwartslyrik nur zum Teil Recht geben, die sie wie Michael Lentz in der zu brav finden (siehe die FAZ vom 3. Januar): "Mit ein wenig Geduld vermag man jene lyrischen Grenzgänger zu entdecken, die der Dichtung im 21. Jahrhundert neue Wege weisen könnten. Zu diesen gehören Autoren wie Hendrik Jackson, Anja Utler, Daniel Falb, Jan Wagner, Nico Bleutge, Raphael Urweider oder Steffen Popp. Das sind alles Autoren, die in den 1970er Jahren geboren wurden und mittlerweile ihre ersten Publikationen in Anthologien oder ihre Debutbände vorgelegt haben. Bei ihnen artikuliert sich eine hochkomplexe Sprach-Körper- Artistik, in der die Wörter nicht mehr nur naiv eine mimetisch-realistische Abbildfunktion haben, sondern zu weltzeugenden Kräften werden." Als künftige Bildfindungsstrategien prophezeit Braun: "Medienzitate, kryptische Anspielungen, rasche Blickwechsel und schnelle Schnitte."

Weiteres: Martin Krumbholz stellt das Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf vor, das auch die Künstlernachlässe von Robert Schumann, Wieland oder Rahel Varnhagen betreut. Besprochen werden eine Ausstellung zu Giovanni Battista Nollis Rom-Plan im Palazzo Fontana di Trevi und Stijn Celis Stück "Hidden Garden" im Stadttheater Bern.

FAZ, 10.01.2005

Eleonore Büning hat das Pekinger Musikfestival besucht und ist bass erstaunt über den chinesischen Boom klassischer europäischer Musik: "Noch ist das Rätsel nicht vollends gelöst, warum ausgerechnet die japanischen Klassikliebhaber 'ihren' Beethoven und Brahms heute besser kennen und treuer verehren als die deutschen, da kommen schon die Chinesen." (...) "Klassische Musik - Oper, Symphonie und Sonate - sind als Standards einer bürgerlichen Musikleitkultur geradezu ein Renner geworden. Millionen junger Chinesen nehmen Klavierstunde, fast in jedem besseren Haushalt in Peking steht heute ein Klavier. Und es steht dort nicht nur als Statussymbol in der Gegend herum, es wird auch gespielt."

Zhou Derong beobachtet, dass in China die Armen spenden, während sich die Reichen und Superreichen vornehm zurückhalten - und offensichtlich auch kein Druck auf sie ausgeübt wird.

Weitere Artikel: Jürgen Kaube hat im Aufmacher schlechte Nachrichten fürs Feuilleton: "Die Naturkatastrophe stützt keine Kulturkritik" (Kaube warnt vor "abgestandener Oberschläue" und ästhetizistischem Mäkeln an der Spendenbegeisterung). Lorenz Jäger stellt die Öffentlichkeit in der Leitglosse vor eine Alternative: Entweder sie verbittet sich Auschwitz-Vergleiche der Linken, oder Kardinal Meisner darf den Auschwitz-Vergleich für seine Kritik an Abtreibungen weiterhin bemühen. Edo Reents gratuliert Rod Stewart zum Sechzigsten. Matthias Grünzig bedauert bauliche Verhunzungen am historischen Schlachthof von Magdeburg. Gerhard Rohde gratuliert dem Komponisten Georg Katzer zum Siebzigsten. Jan-Werner Müller liest einen Aufsatz Tod Lindbergs aus der Oktobernummer der Policy Review zur Ursprung und Geschichte der "Neocons" (hier der Link).

Auf der Medienseite rechnet Anita Boomgarden aus, "was ARD und ZDF dieses Jahr einnehmen und ausgeben". Auf der letzten Seite resümiert Andreas Rosenfelder eine Diskussion zwischen dem Kritiker Georg Seeßlen und dem Dokumentarfilmer Lutz Dammbeck, dessen Film "Das Netz" das Internet offensichtlich als Ausgeburt von CIA-Verschwörungen entlarven will. Und Andreas Kilb porträtiert Zhang Ziyi, den Star in Zhang Yimous neuem Film "House of the Flying Daggers" und in Wong Kar-Wais "2046".

Besprochen werden eine Dramatisierung von DBC Pierres "Jesus von Texas" in Köln, eine Ausstellung mit Illustrationen zu "1001 Nacht" im Brüder-Grimm-Museum Kassel und eine Ausstellung mit Silberkunsthandwerk in Wien.

FR, 10.01.2005

Der Philosoph Gernot Böhme ordnet im Interview mit Stephan Hilpold den Tsunami kulturhistorisch ein. "Ich muss zugeben, dass die Natur heute in der öffentlichen Meinung die Rolle des Guten und Menschenfreundlichen übernommen hat. Denken Sie nur an den Terminus 'natürliche Lebensweise' oder an diese ganzen Formulierungen mit Bio. Wir haben vergessen, dass - historisch gesehen - die Natur ein Gegner des Menschen gewesen ist." Die Flut hat sogar ein Geschlecht. "Das Wasser ist sehr stark mit der Weiblichkeit verbunden, man denke an Undine, die Nixen usw. Es ist die große überwältigende, die ursprüngliche, die verschlingende Weiblichkeit."

Weitere Artikel: Christian Thomas sieht mit dem geplanten Hotelriegel am Frankfurter Waldstadion Dimensionen zusammenkommen, "die das Gefüge rund um das Stadion ruinieren". Hilal Sezgin nutzt Times mager, um über Spenden und Leihgaben zu grübeln. Auf der Medienseite berichtet Ines Stickler über 300 Zeitungen, die in den USA auf Deutsch erscheinen.
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Stichwörter: Hilal Sezgin, USA, Wasser

TAZ, 10.01.2005

Kein anderes Theater hat Populär- und Hochkultur so erfolgreich miteinander verschränkt und aus der Ost-West-Differenz so "produktive Funken" geschlagen wie die Berliner Volksbühne, lobt Katrin Bettina Müller, die in ihrer Bestandaufnahme aber auch Ermüdungserscheinungen feststellt. "Polleschs fortwuchernde Texte, deren Figuren, Konflikte und Sounds von Folge zu Folge fließen und mäandern, Schlingensiefs permanentes Schürfen in den Erlösungsfantasien der Kunst und auch Castorfs Romanadaptionen, deren Text- und Drehbuch vorher nicht festgelegt sind. Aber gerade dass sie ihrem Gestus und Konzepten treu bleiben, bringt auch den Effekt hervor, dass die Inszenierungen sich zu gleichen beginnen."

Marjane Satrapi, die iranische Autorin des erfolgreichen Comics "Persepolis", äußert sich in einem kurzen Interview mit Daniel Bax dezidiert zum französischen Kopftuchstreit. "Diese Debatte ist absurd. Wie kann man behaupten, man würde den Mädchen in der Schule durch dieses Gesetz helfen? Im Gegenteil, sie werden dadurch bloß gegenüber den Jungen benachteiligt. Die Franzosen wollen sich nicht eingestehen, dass sie mit der Integration versagt haben. Man kann nicht Menschen, die seit dreißig Jahren in diesem Land leben, als Menschen zweiter Klasse behandeln. Stattdessen haben sie nun das Kopftuch zum Problem erklärt. Das ist bigott."

Besprechungen widmen sich einer Ausstellung mit Arbeiten des Malers Norbert Schwontkowski in der Bremer Kunsthalle, Patrick Roths neuem Buch "Starlite Terrace" voller "Menschheitsdämmerungspathos" sowie Neil Gablers Studie "Ein eigenes Reich. Wie jüdische Emigranten Hollywood erfanden" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Schließlich Tom.

SZ, 10.01.2005

Jürgen Berger hat Andrzej Stasiuks Theaterdebüt "Nacht" im Schauspielhaus Düsseldorf gesehen und atmet erleichtert auf: "So schlecht ist es gar nicht, obwohl dem Theaterdebütanten Stasiuk gelegentlich der Romanautor im Wege steht und sich mit einer etwas zu mystischen Erzählmelodie in den Vordergrund drängt. An anderer Stelle allerdings ist 'Nacht' plötzlich dialogisch pointiert und mit einem ziemlich phantasievollen, den wilden Osten mit dem müden Westen verbindenden Link ausgestattet."

Weitere Artikel: Burkhard Müller fordert die Offenlegung und Verrechnung der Nebeneinkünfte von Abgeordneten. Johan Schloemann sieht in der Hilflosigkeit bei der Frage der Legalität von heimlichen Vaterschaftstests eine postfeministische Verwirrung am Werk. Merthen Worthmann lässt sich im nach 18-jähriger Renovierung nun wiedereröffneten Nationalmuseum für die Kunst Kataloniens von der "geschlossenen Wucht der romanischen Ensembles" beeindrucken und versucht, den "monströs manieristischen Protzbau" zu ignorieren. Stefan Koldehoff hofft , dass die Stadt Zürich auf das Angebot der Bührle-Stiftung eingeht: für die Erweiterung des Kunsthauses soll es im Gegenzug Bilder geben. "egge" meldet die Teilausgrabung der Hindenburg-Statue am Fuße des Kyffhäuser.

Jens-Malte Fischer gratuliert dem außergewöhnlich "heroisch-männlich" klingenden amerikanischen Bariton Sherrill Milnes zum siebzigsten Geburtstag. Henning Klüver stellt kurz das Mailänder "Orchestra Sinfonica Giuseppe Verdi" vor, das immer mehr aus dem großen Schatten der Scala heraustritt. Regisseur Wong Kar-Wai erklärt im Gespräch mit Anke Sterneborg, wie er für seinen neuen Film 2046 auf Peer Raben (mehr) als musikalischen Mitarbeiter gekommen ist. "Ich habe ihn vor vier Jahren auf dem Hamburger Filmfest getroffen, das Festival fragte mich, ob es jemanden gäbe, den ich gerne treffen würde. Ich hatte gerade ein Buch über Fassbinder gelesen, und dabei erfahren, dass Peer Raben als Buchhalter angefangen hat. Seine Musik, die mir immer sehr gut gefallen hat, ist wie eine Signatur der Fassbinderfilme." Auf der Medienseite erzählt Hans-Jürgen Jakobs noch einmal die Geschichte des deutschen Musiksenders Viva, der nun zur Viacom-Gruppe und damit MTV gehört.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Bildern Norbert Schwontkowskis in der Bremer Kunsthalle, die "Orfeus"-Oper in der Version von Peer Boysen und Volker Nickel am Jugendtheater der Münchner Schauburg, Claude Seurats Huldigungskantate "Le Triomphe de l"humanite" im Opernhaus von Nancy, Zhang Yimous neuer Kampffilm "House of Flying Daggers", und Bücher, darunter Rudolf Borchardts neu herausgegebenes Spätwerk "Jamben", Armand Marie Lerois "lehrreichen" entwicklungsbiologischen Band "Tanz der Gene. Von Zwergen, Zwittern und Zyklopen" sowie Jochen Hörischs "Theorie-Apotheke", ein als Handreichung gedachter Überblick über die humanwissenschaftlichen Theorien der vergangenen 50 Jahre (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).