Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.11.2004. In der SZ plädiert Gustav Seibt am Beispiel Berlin für die Kultur der Parallelgesellschaften. In der taz sieht der Soziologe Dick Pels das Multikulti-Bashing als Strategie eine liberalisierten Faschismus. Die FAZ benennt ein ernstes Problem der Schauspielschule Ernst Busch: Sie ist zu gut. In der FR erklärt Marcia Pally, dass die amerikanische Rechte für Eigenschaften gehasst wird, für die Amerika geliebt wird.

FR, 23.11.2004

In einem Essay erklärt uns Marcia Pally den Reiz und die Stärke der amerikanischen Republikaner. "Die Unterstützung für Bush wurde nicht von einer laxen Presse oder starkem religiösem Gefühl erzeugt. Bush appelliert an den vitalen und risikobereiten Kern der US-amerikanischen Kultur. Da geht es traditionell rau zu, aggressiv und wagemutig. Erfindungsreichtum und Ungeduld kennzeichnen diese Lebensart. Aber sie hält die Wirtschaft in Schwung und ist für die Flexibilität verantwortlich, vom Karrieresprung bis zum reichen Angebot an pflanzlichem, Gluten-freiem, ballaststoffreichem Bio-Knabbergebäck. Und in diesem Jahr versorgte sie den politischen Aktivismus im Wahlkampf mit Energie. Die Dinge laufen in den USA deshalb nicht unbedingt gut, aber wenn sie es nicht tun, verleiht diese Energie den Menschen die Kraft zum Anpacken. Sie wehren Resignation ab. Es handelt sich um genau dieselbe Tradition, die weltweit so geliebt wird."

Weiteres: Jamal Tuschick berichtet von einer "bewegenden Veranstaltung" anlässlich des 75. Geburtstags von Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz in Frankfurt, bei der auf Einladung von Suhrkamp-Chefin Ulla Unseld-Berkewicz die "Größen der Stadt" zu einer Gruppenlesung aus seinem Roman "Liquidation" angetreten waren, darunter etwa die Oberbürgermeisterin sowie Marcel Reich-Ranicki. Und in Times mager schwärmt Lothar Mikos von der englischen Kunst des Schlangestehens - diesmal vor dem Kaufhaus Selfridges, wo Madonna ihr neues Kinderbuch "The Adventures of Abdi" präsentieren wollte, dann aber doch nicht erschien.

Besprochen werden eine Inszenierung von Ibsens "Peer Gynt" am Schauspiel Düsseldorf und einige hessische Kultureignisse. Außerdem wird die jüngste Veröffentlichung von Antonio Negri und Michael Hardt vorgestellt, die mit "Multitude" ihre Ausführungen über das "Empire" weiterentwickeln (siehe dazu unsere Bücherschau ab 14 Uhr)

NZZ, 23.11.2004

Martin Krumbholz erfreut sich mächtig an dem "schönen" und "sorgfältig kommentierten" Band mit Jurek Beckers Briefen. Sie zeugen von Charme, Geschäftssinn und Eitelkeit des sensiblen Ästheten, der mit der Suhrkamplektorin und -kollegin Elisabeth Borchers flirtete ("Liebes Lieschen") und bei Unseld persönlich "außergewöhnliche Werbemaßnahmen" für sein neues Buch einforderte. Als er einmal in Göttingen, der "Stadt der Kaffeehäuser und Konditoreien", weilte und kein einziges Cafe auffinden konnte, schreibt der enttäuschte Kaffeefahrer: "Das Hübscheste, was ich beim Spazieren in der Stadt gesehen habe, war ein Plakat für meine Lesung, über dem geschrieben stand: Ausverkauft."

Barbara Villiger Heilig hat das Neue Rigaer Theater beobachtet, das höchst erfolgreich am Berliner Hebbel am Ufer gastierte und dem sie ein langes Bühnenleben prophezeit. Alexandra Stäheli hat die Viper, das Festival für Film, Video und neue Medien in Basel eingefangen, und Georg-Friedrich Kühn durfte sich meisterlich bei der "Lady Macbeth von Mzensk" in Berlin amüsieren.

Ferner werden besprochen werden eine Aufführung von Bellinis "Puritani" in Bern, zwei philosophische Studien zu Fragen der Gerechtigkeit, Zeitschriften zur Sozialforschung, ein Band mit "Fotografierter Architektur auf Ansichtskarten" und ganz gemeine Dorfgeschichten des griechischen Autors Panos Karnezis (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

TAZ, 23.11.2004

Die Vorgeschichte des gegenwärtigen "Multikulti-Bashings" ist Gegenstand eines Artikels des Soziologen und Publizisten Dick Pels. Seine These: Der neue europäische Populismus, wie ihn Pim Fortuyn verkörperte, reagiere auf die "Offenheit der globalisierten Welt mit einem radikalen Kulturnationalismus." Pels konstatiert einen "dritten Weg der Rechten", der aus einer "Liberalisierung des Faschismus" entstanden sei. "Deshalb unterscheidet er sich von seinen Vorgängern in zwei Punkten. Wie die neue sozialdemokratische Linke ist die populistische Rechte nicht länger antikapitalistisch, sondern begrüßt die offenen Märkte und die damit verbundene größere Ungleichheit in der Verteilung von Einkommen und Besitz. Auch in ihrem Hang zur Privatisierung und Deregulierung ähnelt sie den Sozialdemokraten. Zusätzlich bietet der 'liberale Faschismus' eine demokratische Version des klassischen Führerprinzips an."

Besprochen werden Sebastian Nüblings Inszenierung von Shakespeares "Was ihr wollt" im Schauspiel Hannover und Christian Broecking verweist auf die derzeitige CD-Release-Tour der Jazzpianistin Aki Takase. Und in der Rubrik "Modernes Lesen" stellt Kolja Mensing Neues von Lis Tucker, Alex Garland, Philippe Besson und Jan Böttcher vor (mehr hierzu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Und hier Tom.
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SZ, 23.11.2004

Gustav Seibt plädiert am Beispiel Berlin für die "Kultur der Parallelgesellschaften". Sie sei das "Gegenteil des Fundamentalismus" und eine "Freiheit", die es zu verteidigen gelte. Über das gern als "Problemstadtteil" abgewatschte Neukölln schreibt er: "Es wäre gar nicht gut, gäbe es dort keine Parallelgesellschaften. Man stelle sich vor, die türkischen Männer hätten dort nicht ihre Cafes, wo sie hinter Milchglasscheiben an Holztischen unter Neonlicht ihren übersüßten Tee trinken und dazu Karten spielen; sondern diese türkischen Männer würden sich an den Ecktresen der schummrigen Altberliner Kneipen neben alkoholisierten deutschen Geschlechtsgenossen drängen oder sie würden im Zeichen der Verbrüderung zu einem Herrengedeck (Pils und Korn) nach dem anderen genötigt! Die Folge wäre nicht friedliches Nebeneinander, sondern ein endloses Geprügel."

Weiteres: Alex Rühle besuchte aus Anlass von Pisa II eine Münchner Hauptschule und kritisiert, dass man diese Schulform systematisch "ausbluten" lasse (Zur Erinnerung: "Es entscheidet sich für Kinder im Alter von zehn Jahren, was später mal aus ihnen wird"). Arno Orzessek resümiert eine Tagung in der Berliner Gemäldegalerie über das "Heilig-Weibliche". Zu lesen ist ein Interview mit Hans Weingartner über seinen Film "Die fetten Jahre sind vorbei", außerdem Kurzkommentare von Architekten und Stadtplanern zum Münchner Hochhaus-Bürgerentscheid (Roman Delugan: "Ein tragischer Entschluss der Kleinlichkeit"). Fritz Göttler informiert über eine drohende Klage griechischer Anwälte gegen Oliver Stone, weil in dessen neuem Film Alexander der Große schwul ist. In der Zwischenzeit kommentiert Evelyn Roll die Initiative einiger Bezirksabgeordneter der PDS in Berlin Mitte, die den politisch unkorrekten Straßennamen "Mohrenstraße" ersetzt sehen will.

Ralf Berhorst berichtet über eine Vorlesung in Leipzig, in der Andrei Markovits an seinen Lehrer, Kollegen und Freund, den Politikwissenschaftler Karl W. Deutsch erinnerte. Alex Rühle informiert über einen Streit, der über den angeblich inszenierten Tod eines Palästinenserjungen ausgebrochen ist; in deutschen und französischen Internetforen wird behauptet, dass die vom Sender France2 ausgestrahlte Reportage nicht echt gewesen sei . Gemeldet wird, dass Klaus G. Saur Chef des Verlags Walter de Gruyter wird und dass Martin Walser seinen Nachlass nun doch an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach geben will.

Besprochen werden die Ausstellung "Europas Juden im Mittelalter" im Historischen Museum der Pfalz in Speyer, Ibsens "Peer Gynt" am Düsseldorfer Schauspielhaus, Schostakowitschs Oper "Lady Macbeth von Mzensk" an der Komischen Oper Berlin, Luke Greenfields Filmkomödie "The Girl Next Door" und Bücher, darunter Michael Roes' Elegie "Kain", Susanna Clarks Roman "Jonathan Strange & Mr. Norrell", sowie zwei neue Publikationen zur Hirnforschung (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

Welt, 23.11.2004

In einem Artikel Eckhard Fuhrs zur Multikulti-Debatte finden wir folgende Anmerkung: "Heute fällt es fast nicht mehr auf, dass auch CDU-Politiker wie selbstverständlich von Einwanderern und Einwanderung sprechen, als hätten sie nicht vor wenigen Jahren noch die Wirklichkeit, die diese Begriffe bezeichnen, für nicht existent erklärt."

Leon de Winter setzt sein "Holländisches Tagebuch" fort. "Die Übersetzung des arabischen Wortes Islam lautet nicht Frieden, sondern 'Unterwerfung', englisch Submission, wie der Film von Theo van Gogh und Ayaan Hirsi Ali heißt."

FAZ, 23.11.2004

Irene Bazinger besucht die Schauspielschule Ernst Busch in Berlin, die für die Solidität und Wahrhaftigkeit ihrer künstlerischen Ausbildung berühmt ist, und stößt auf ein paradoxes Problem: ""Ihre Leute sind einfach zu gut", beschied neulich ein erfolgreicher jüngerer Regisseur dem Rektor der "Busch", Klaus Völker, "sie können zu viel." Laien seien leichter zu führen, zu formen, zu beeindrucken. "Mit richtigen Schauspielern kämen wir gar nicht zurecht", gestand auch ein Mitglied eines derzeit hoch gehandelten Regiekollektivs, das vorwiegend mit Laien arbeitet. Christoph Schlingensief hat es mit seinen Amateur-Spektakeln überdies bis ins Burgtheater geschafft, was mehr über die Gesetze des Marktes als über die der Kunst verrät."

Weitere Artikel: Die Multikulti-Debatte ist jetzt auch in der FAZ angekommen und schlägt sich gleich in einem Pro und Kontra nieder. Lorenz Jäger verabschiedet Multikulti als eine Illusion der Linken (und unterschlägt, dass es ja eigentlich das durch die CDU vernagelte Staatsbürgerschaftsrecht war, das jede Integration unmöglich machte). Mark Siemons dagegen sieht nicht in unterschiedlichen Kulturen das Problem, sondern in mangelnder ökonomischer Integration. Jürgen Kaube beklagt in der Leitglosse, dass in Bachelor-Studiengängen auch schlechteste Zensuren mit guten aufgewogen werden können. Der Kunstsammler Heinz Berggruen erzählt eine seiner kleinen Schnurren aus seinem Leben - diesmal spielt sie 1948 auf der Kö in Düsseldorf. Der emeritierte Historiker Konrad Repgen erzählt eine kleine Kulturgeschichte des Begriffs des "Abendlands". Freddy Langer gratuliert dem Fotografen Peter Lindbergh zum Sechzigsten. Hannes Hintermeier kommentiert das Münchner Bürgerbegehren, das die Hochhausprojekte in der Stadt stoppte. Jürg Altwegg berichtet über neue Unbill im einst so renommierten Pariser Verlag Le Seuil, der durch eine chaotische Neuorganisation seines Vertriebs viele Buchhändler und Partnerverlage vergrätzte. Klaus Ungerer erzählt eine Episode aus dem ewigen Krieg zwischen Radfahrern und Lieferwagenfahrern in Berlin.

Auf der Medienseite wird die intensive Berichterstattung über den "Bullen von Tölz" mit einem Bericht über Ottfried Fischers Kollegenbeschimpfungen und einem Interview mit Sat 1-Geschäftsführer Roger Schawinski fortgesetzt. Souad Mekhennet berichtet zudem, dass der Al Dschazira-Reporter Taysir Allouni von spanischen Ermittlern der Komplizenschaft mit dem Terrorismus verdächtigt wird - er streitet aber alles ab.

Auf der letzten Seite berichtet Martin Kämpchen, dass der Abt eines berühmten alten Hinduklosters in Indien wegen Mordverdachts festgenommen wurde. Und Alexandra Kemmerer porträtiert den Islamkundler Noah Feldman, der in dem Buch "What We Owe Iraq" (Auszug) davor warnt, die Truppen aus dem Irak abzuziehen, bevor das Nation Building abgeschlossen ist.

Besprochen werden: Hans Neuenfels" Inszenierung von Schostakowitschs "Lady Macbeth" an der Komischen Oper Berlin (nach Eleonore Büning ein äußerst empfehlenswerter Abend), die Ausstellung "Pharaon" am Institut du monde arabe in Paris, eine Ausstellung über eine Beuys-Aktion zu Beethovens 200. Geburtstag ("Beethovens Küche") im Schloss Moyland und "Peer Gynt" in Düsseldorf.