Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.11.2004. In der FAZ beschreibt der Dichter Andrij Bondar, wie Individuen in schwarzen Jacken die Wahlen in der Ukraine manipulierten. In der FR hofft der Schriftsteller Tymofiy Havryliv aufs Knock-out des alten Systems durch die Klitschko-Brüder. Die taz beschreibt, wie man mit dem Begriff der Parallelgesellschaft kunstvoll Ursache und Folge verwechselt. In der NZZ beschreibt Amos Oz, wie sich in Arafat Che Guevara und Sultan Saladin kreuzten. 

NZZ, 24.11.2004

Amos Oz ("Eine Geschichte von Liebe und Finsternis") ärgert sich im Interview über die verzerrende Berichterstattung, die den Eindruck vermittele, es gebe in Israel nur einen "prima Israeli" und "wunderbaren Intellektuellen" (nämlich Oz) und ansonsten nur Monster (die Siedler). Glaubt der prima Intellektuelle, dass der Tod Arafats neue Friedensentwicklungen erleichtert? "Ich weiß es nicht. Ich bin nicht der Ansicht, dass die palästinensische Nationalbewegung eine One-Man-Show ist. Arafat war nicht mein Idol. Er war eine sehr chaotische Persönlichkeit. Ein Monodrama, bemüht, die Kreuzung von Che Guevara und Sultan Saladin zustande zu bringen."

Weitere Artikel: Sieglinde Geisel schreibt über den wachsenden Markt von Bilderbüchern für die Allerallerkleinstern. Die postnatalen Bücherwürmer interessieren sich allerdings noch nicht so sehr für die Bilder, eher für das Rascheln, Knistern und Ablecken der Säuglingspublikationen. Und Lilo Weber meldet den Tod des "hochbegabten" Choreografen Uwe Scholz.

Besprochen werden die Ausstellung "Three Islands" mit Werken von Richard Stankiewicz, June Leaf und Robert Lax im Basler Museum Tinguely, eine Inszenierung des Rosenkavaliers in Essen, ein Liederabend mit Dietrich Henschel in Zürich und ein Buch über religionspolitische Konflikte im 19. Jahrhundert, außerdem Kinder- und Jugendbücher (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FR, 24.11.2004

Der Schriftsteller Tymofiy Havryliv glaubt kaum, dass der zivile Widerstand in der Ukraine zu brechen ist. Allzu massiv ist die Unterstüzung: "Der Knock out wurde von den populären Klitschko-Brüdern gesetzt, die die Ukrainer aufriefen, ihre Stimmen für Viktor Juschtschenko abzugeben. Die Gewinnerin der Eurovision Ruslana Lyzhytschko und der ukrainische Weltmeister im Schachspiel gaben dieselbe Wahlempfehlung."

Die FR-Redakteurin Hilal Sezgin schreibt einen Brief an ihre Mutter: "Für Sonntag waren wir Muslime aufgerufen worden, in Köln zu demonstrieren gegen Terror und Gewalt. Oh weia, hab ich gedacht, ich wusste gar nicht, dass ich mich irgendwann so geäußert hätte, als wäre ich FÜR Terror und Gewalt!"

Weitere Artikel: Thomas Medicus wundert sich nach einem durchwachten Fernsehabend, dass er in einer Phoenix-Sendung auf einen jungen hübschen Menschen traf, der außerdem noch fehlerlos deutsch sprach. Besprochen werden der neue Tom-Hanks-Film "Polarexpress", eine Ausstellung über Engel im Kino im Frankfurter Kinomuseum, ein Abend mit dem Pianisten Andrei Gavrilov in der Alten Oper und weitere lokale Kulturereignisse.

Außerdem gibt es heute die Kinder- und Kinder- und Jugendbuch-Beilage der FR. Wir werden sie in den kommenden Tagen auswerten.

TAZ, 24.11.2004

Christian Semler beschreibt in einem Kommentar auf Seite 1, wie mit dem Begriff "Parallelgesellschaft" Verantwortung abgeschoben wird. "Wenn jetzt den 'Parallelgesellschaften' der Kampf angesagt wird, so wird der Zusammenhang von Integration und Segregation ausgeblendet. Es wird kunstvoll Ursache und Folge verwechselt, wird so getan, als ob es im Belieben eines türkischen Jugendlichen liege, ob er sich unter die Fittiche der Eliten begibt, die die Parallelgesellschaft steuern, oder ob er den Weg ins gefahrvolle Freie sucht.... Dass eine erfolgreiche Integration Anstrengungen der Mehrheitsgesellschaft voraussetzt, wird zur multikulturellen Gefühlsduselei."

Auf den Kulturseiten unterhält sich Amin Farzanefar mit dem Schauspieler Udo Kier, der sechzig Jahre alt wird. Ira Mazzoni kommentiert das Münchner Tiefbaubegehren. Besprochen wird Schostakowitschs Oper "Lady Macbeth von Mzensk".

Und Tom.
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FAZ, 24.11.2004

Der ukrainische Dichter Andrij Bondar beschreibt anschaulich die Methoden mit denen die Anhänger des alten Präsidenten Janukowitsch das Wahlergebnis gefälscht haben haben: "Die Machthaber haben schon am Wahltag auf Gewalt gesetzt. Individuen in schwarzen Jacken sorgten zusammen mit gefügigen kommunalen Behörden für eine maximale Wahlbeteiligung im Osten, in den Gebieten Donezk und Lugansk, dem Stammrevier des prorussischen Kandidaten. Den Fälschungsmöglichkeiten waren keine Grenzen gesetzt. In manchen Wahlabschnitten lag die Wahlbeteiligung bei hundert Prozent und mehr. Die Funktionäre wetteiferten darin, sich bei Janukowitsch verdient zu machen - selbst bettlägerige Invaliden und 'tote Seelen' gaben ihre Stimme ab." Europa und Amerika haben die Wahlen für gefälscht erklärt, aber das genügt nicht, meint Bondar. "Dringender denn je brauchen wir jetzt die moralische und politische Unterstützung der Demokratien der Welt. Denn verspielen wir heute die demokratische Ukraine, dann könnt ihr schon morgen euer sattes und konfliktfreies Europa vergessen."

Weitere Artikel: Leitkultur untergräbt die Sittlichkeit, fürchtet Patrick Bahners. Er fordert deshalb mehr Wahlmöglichkeiten für Frauen: "Eine Frau kann aus freien Stücken eine Ehe eingehen, in der sie de facto dem Manne untertan ist." Angelika Heinick meldet, dass der Louvre mit dem High Museum in Atlanta kooperieren will: Paris verleiht für drei bis zehn Monate Kunstwerke, und finanziert so die Renovierung seiner Säle für das Mobiliar des 18. Jahrhunderts. Paul Ingendaay beschreibt den dritten Internationalen Kongress der spanischen Sprache als intellektuelle Pleite. Wiebke Hüster schreibt zum Tod des Leipziger Ballettchefs Uwe Scholz. P.I. schreibt zum Siebzigsten von Dieter E. Zimmer. Gustav Falke berichtet über eine Tagung "Zur politischen Kulturgeschichte Deutschlands 1900-1933" an der Humboldt Uni. Rüdiger Klein erzählt, wie in Nürnberg Brachen und Hinterhöfe mit gelungener Architektur revitalisiert werden.

Auf der Medienseite berichtet Jürg Altwegg, dass die Schweizer Journalisten ihre APF (Abteilung Presse und Funkspruch) verlieren sollen. Hier erfüllten sie - in Uniform - drei Wochen im Jahr ihre Wehrpflicht. Die Schweizer Regierung will die Abteilung zum Ende des Jahres 2004 auflösen, weil sie nicht mehr zeitgemäß sei. Die Journalisten sind sehr traurig, denn sie "empfanden den Armeedienst als eine Art Urlaub von Arbeit wie Familie und schätzten die geselligen Wochen unter Kollegen". Robert von Lucius meldet die Schließung von Südafrikas ambitioniertester Tageszeitung This Day. Die Südafrikaner kaufen lieber das Boulevardblatt Sun. Auf der letzten Seite macht sich Eberhard Rathgeb anlässlich der morgigen Premiere von Genets "Die Zofen" im Hamburger Thalia Theater Gedanken über die Wirkung eines Abendkleids. Frank-Rutger Hausmann beschreibt die letzten Tage der Reichsuniversität Straßburg. Und Martin Otto berichtet über das aktuelle Donald Duck Vakantieboek, eine jährliche Comic-Anthologie in den Niederlanden, die diesmal die Grenzen der Einwanderungsgesellschaft beschreibt.

Besprochen werden die Ausstellung "Figurenschule" von Jürgen Brodwolf im Museum für Neue Kunst in Freiburg, Hans Weingartners Film "Die fetten Jahre sind vorbei", eine Ausstellung des Manieristen Francesco Primaticcio im Louvre, Jochen Gerz' Ausstellung "Anthologie der Kunst" in der Berliner Akademie der Künste und Karin Beiers Inszenierung von "God Save America" in Wien.

SZ, 24.11.2004

Richard Chaim Schneider sieht Israel nach dem Tod Arafats an einem Punkt angelangt, an dem sich das gespaltene Land Gedanken über sich selbst machen sollte: "Israelische Zyniker behaupten, die Palästinenser müssten sich nur friedlich mit ihren Wasserpfeifen an die Grenzen setzen und gemütlich zuschauen, wie die Israelis sich untereinander zerfleischen werden, sobald sie keinen äußeren Feind mehr hätten. Und dann, vielleicht in 50 Jahren, könnten sie gelassen aufstehen, in aller Seelenruhe nach Tel Aviv spazieren, sich auf der Dizengoff-Straße hinsetzen und weiter an ihren Pfeifen nuckeln - die Israelis hätten sich und ihren Staat bis dahin völlig zerstört. Ganz Palästina wäre dann wieder palästinensisch."

Weiteres: Alexander Menden kündigt an, dass der Londoner Künstler Simon Faithfull heute sein digitales Tagebuch aus der Antarktis beginnen wird. Faithfull reist mit der RRS Ernest Shackleton, dem "Stolz der Flotte" des britischen Polar-Forschungsrpogramms BAS. Jürgen Berger beklagt im Aufmacher den rigiden Sparkurs in der Kulturpolitik und Public-Private-Partnership. "Immer unverhohlener stellen Stadtkämmerer, Finanzminister und seit kurzem sogar auch Vertreter der Wirtschaft die Kulturausgaben an sich in Frage. Eine Koalition der Sanierer untergräbt die Grundmauern der gewachsenen Stadtkultur." Werner Bloh feiert die Biennale in Sao Paulo als die wahre Ausstellung der Weltkunst.

In der Randglosse kommentiert "bgr" das Computerspiel "JFK Reloaded", das demjenigen 100.000 Dollar Prämie verspricht, der den Mord an John F. Kennedy auf die Sekunde genau nachstellen kann.

Besprochen werden Hans Weingartners (österreichischen!) Film "Die fetten Jahre sind vorbei", Jerome Bels große John-Cage-Mitmach-Show in Wien, eine Ausstellung der genialen Arbeiten Carel Fabritius' im Mauritshuis, Sebastian Nüblings Shakespeare-Inszenierung "Was ihr wollt" in Hannover, Sven-Eric Bechtolfs Aufführung von Debussys "Pelleas et Melisande" und Bücher, darunter Marion Poschmanns Gedichtband "Grund zu Schafen" und Sudabeh Mohafez' Debüt "Wüstenhimmel" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).