Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.03.2004. Im Tagesspiegel erinnert der kosovarische Autor Beqe Cufaj daran, dass der Balkan zu Europa gehört. In der FAZ plädiert der Philosoph Otfried Höffe für ein Kopftuchverbot bei Lehrerinnen. Die Welt ist entsetzt von Thor Kunkels Roman "Endstufe".  In der taz unterhält sich Gabriele Goettle mit Alzheimer-Kranken. Die Leipziger Buchmesse wird allgemein recht freundlich resümiert.

Tagesspiegel, 29.03.2004

Der kosovarische Schriftsteller Beqe Cufaj sieht nach den Unruhen in Mitrovica Europa im Zugzwang:

"Nun ist es, vor allem für Brüssel, allerhöchste Zeit, sich dem Balkan wieder zuzuwenden, der, falls es jemand vergessen hat, ebenfalls zu Europa gehört. Der 1999 als eine Art Marshall-Plan für den Balkan in die Welt gesetzte Stabilitätspakt für Südosteuropa ist gescheitert. Alle Debatten über einen Beitritt der Türkei zur EU sind, gelinde gesagt, nicht sinnvoll, solange man gleichzeitig Südosteuropa zur Seite schiebt. Alle zwei, drei Monate besucht Erweiterungskommissar Günther Verheugen Ankara, aber in unseren Hauptstädten, in Belgrad, Prishtina, Podgorica, Skopje, Sarajewo oder Tirana hat er sich bisher noch nicht blicken lassen."

NZZ, 29.03.2004

Joachim Güntner bilanziert die Leipziger Buchmesse, erzählt von kleineren und größeren Eklats und stellt fest: "Ost- Ikonen wie Christa Wolf feierten Heimspiele vor voll besetzten Reihen, und Lieblinge des Feuilletons wie der amerikanische Schriftsteller Jeffrey Eugenides konnten auf dem zentralsten Platz der Messe, dem Blauen Sofa, erfahren, dass sie zwar durchaus eine respektable Menge neugieriger Zuhörer anzulocken vermögen, dass der Auftrieb aber ungleich mächtiger ist, wenn mit Rolf Hochhuth oder Wibke Bruhns deutsche Themen verhandelt werden."

Weiteres: Marc Zitzmann kommentiert die Eröffnung der Fondation "Pierre Berge - Yves Saint Laurent" in Paris. G.W. berichtet von der Versteigerung der "Quentin Keynes Collection" in London, bei der unter anderem das erste Exemplar der limitierten deutschen Erstausgabe von James Joyce' "Ulysses" unter den Hammer kommt.

Besprochen werden eine Doppelausstellung zum Werk Pierre Bonnards in Winterthur, Reinhild Hoffmanns Inszenierung von Salvatore Sciarrinos Oper "Macbeth" am Luzerner Theater, die Ausstellung "Entfernte Nähe" im Berliner Haus der Kulturen der Welt, auf der neue Werke iranischer Künstler präsentiert werden, und Stefan Ottenis und Thomas Laues Inszenierung "Parzival. Der Rote Ritter" nach dem Roman von Adolf Muschg am Schauspiel Hannover, die, wie Klaus Witzeling moniert, "zur flapsigen Verkürzung des vielschichtig gewebten Tausend-Seiten-Textes auf eine schlampig inszenierte Spaßversion" gerät.

FR, 29.03.2004

Christoph Schröder resümiert gutgelaunt die erfreuliche Leipziger Buchmesse, die gestern zu Ende gegangen ist. "Keine Hektik und kein Lizenzenverkaufsstress, stattdessen allseits gelöste Stimmung unter Ausstellern und Besuchern. Während im Herbst in Frankfurt noch die Angespanntheit einer ganzen Branche physisch spürbar war, glaubte man in Leipzig Aufbruchsignale wahrnehmen zu können."

Weiteres: Stephanie Prochnow erzählt in Times mager, warum Choreografin Sasha Waltz in Moskau auf ein fehlgeleitetes Publikum und halbleere Ränge traf. Gemeldet wird, dass in Bagdad immer noch 15 000 Kunstschätze vermisst werden. Auf der Medienseite berichtet Jörn Breiholz, wie Hamburgs Justizsenator Roger Kusch die Gefängnisse gegen die Presse abschottet.

Besprochen werden zwei Theateraufführungen, Dimiter Gotscheffs Inszenierung von Gerhard Rühms Nachdichtung der "Salome" im Wiener Akademietheater ("So wirklich zusammengehen will bei dieser 'Salome' Weniges", meint Stephan Hilpold) sowie Friedrich Cerhas Oper "Der Rattenfänger" von Carl Zuckmayer, "respektabel" in Szene gesetzt von Friedrich Meyer-Oertels am Staatstheater Darmstadt.
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FAZ, 29.03.2004

Der Philosoph Otfried Höffe (ein fruchtbarer Autor!) findet das Kopftuch als religiöses Symbol tolerabel, aber nicht als politisches: "Bedenklich ist das Kopftuch, wo es ein sichtbares Zeichen für die Unterdrückung muslimischer Frauen ist. Eine derartige Unterdrückung widerspricht nicht nur dem Gleichheitsprinzip der Französischen Revolution, sondern jeder liberalen Demokratie. Bedenklich ist das Kopftuch sogar schon dann, wenn es ein Zeichen gegen die gesellschaftliche Gleichberechtigung der Frau mit dem Mann setzt. (...) Im übrigen steht in Deutschland nicht ein Verbot des Kopftuchs zur Debatte, nicht einmal wie in Frankreich ein Verbot für Schüler, sondern lediglich für beamtete Lehrerinnen. Wenn es für sie verboten wird, wäre immer noch mehr als in der Türkei, obwohl überwiegend muslimisch, erlaubt, die das Kopftuch für alle öffentlichen Angestellten und in allen öffentlichen Gebäuden verbietet."

Weitere Artikel: Niklas Maak mokiert sich in der Leitglosse über den britischen Künstler Chris Ofili (Bilder), der durch Elefantendunghaufen auf Madonnenbildern berühmt wurde und sich in einem Lifestyle-Magazin als Autoliebhaber a la Picabia gerierte. Richard Kämmerlings verfolgte auf der Leipziger Buchmesse Lesungen und Diskussionen osteuropäischer Autoren. Michael Jeismann hörte einem Hamburger Kolloquium unter dem Titel "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für die Politik" zu Ehren von Helmut Schmidt zu. Andreas Rosmann gratuliert dem Bochumer Historiker Klaus Tenfelde zum Sechzigsten.

Auf der Medienseite stellt Michael Hanfeld das gespannte Verhältnis zwischen EU-Politikern und der Presse dar. Außerdem fand Hanfeld die Gottschalk-Show am Samstag langweilig. Und Christian Deutschmann unterzieht dem aus SFB und ORB zusammengesetzten RBB einem Praxistest.

Auf der letzten Seite freut sich Gina Thomas über Renovierung und Wiedereröffnung des Londoner Coliseums. Michiyo Takahashi schildert beleidigte japanische Reaktionen auf Sofia Coppolas Film "Lost in Translation" (geschimpft wird zum Beispiel hier). Und Dietmar Dath stellt fest, dass Hillary Clinton nun doch nicht für die US-Präsidentschaft kandidiert und vertröstet uns auf das Jahr 2008.

Besprochen werden "La Fanciulla del West" in der Deutschen Oper Berlin, die Eleonore Büning immerhin in den "sechsten Himmel" transportierte, Adolf Muschgs "Parzival" am Schauspiel Hannover, eine Ausstellung über den Freundschaftskult der Aufklärung im Halberstädter Gleim-Haus, ein Auftritt der kanadischen Sängerin Shania Twain in Frankfurt, Dramoletten von Martin Crimp an der Berliner Schaubühne und einige Sachbücher, darunter zwei neue Bücher über den Maler David Hockney (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

Welt, 29.03.2004

Ganz schnell hat Tilman Krause den im Grunde schon vor dem Erscheinen fast wieder vegessenen Skandalroman "Endstufe" von Thor Kunkel gelesen und zeigt sich entsetzt über diese "Orgie der Geschmacklosigkeit: "Wie besoffen oder bekifft muss ein Autor sein, um einer Figur, die der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau beiwohnt, den Satz in den Mund zu legen: 'He, Freund, der Ofen ist aus'?"Der Roman, so Krauses hartes Urteil gehöre am ehesten "ins Fach Pubertätsulk und 'Herrenwitz'."
Stichwörter: Thor Kunkel

TAZ, 29.03.2004

Gabriele Goettle denkt nach übers Altwerden. In einer Berliner Tagespflegeeinrichtung für alte Menschen mit Alzheimer macht sie das, was sie wie wenige kann: sich unterhalten. Herausgekommen ist eine lange lesenswerte Reportage. "Ja, das Vergessen, das ist was, das darf man ja nicht, kann sein ? sicher, es ist schade um die Zeit, die man beim Lernen verbraucht hat ? Das war vielleicht das größte Ereignis in meinem Leben, der Besuch der Königin von England. Kam hier mit dem Schiff an. Es war alles dichtgemacht, die ganze Spree, da kam keiner mehr durch. Dort wo der Schornstein steht, da hat sie angelegt."

Der israelische Journalist Tsafrir Cohen fordert Deutschland auf, das Sonderverhältnis zu Israel zu beenden, auch wenn Deutschland mitverantwortlich für den Nahostkonflikt ist. "Wenn die Bundesrepublik den völligen Verschleiß der demokratischen Strukturen und Mechanismen in Israel verhindern will, wenn ihr an der langfristigen Sicherheit Israels und der jüdischen Gemeinden in aller Welt etwas liegt, muss sie die Europäische Union handeln lassen." Auch gegen die Interessen Israels.

In der zweiten taz porträtiert Nadja Klinger den bosnischen Schriftsteller und Dramaturg Dzevad Karahasan (mehr zur Person, mehr zu den Büchern), der den "Buchpreis für Europäische Verständigung" erhalten hat und so schöne Sätze sagt wie: "Woraus sich keine Geschichte machen lässt, das ist nicht wirklich".Auf der Medienseite kritisiert Silke Burmester, dass der Kultursender 3sat ausgerechnet dem Focus-Chef Helmut Markwort Platz für eine Sachbuchsendung gibt.

Und Tom.

SZ, 29.03.2004

Sergio Segio, ehemaliger Mitgründer der linksextremen italienischen Terrorgruppe Prima Linea (hier einige Artikel von ihm) und wegen mehrfachen Mordes 1983 zu dreißig Jahren Gefängnis verurteilt, spricht sich im Interview mit Francesca Giudice für eine Amnestie für den in Frankreich einsitzenden Cesare Battisti (mehr) und andere Linksextreme aus - vorausgesetzt, sie übernehmen die "moralische Verantwortung" für ihre Taten. "Ich schlage eine Art konditionierten Straferlass vor: Sowohl die Exilierten als auch diejenigen, die noch im Gefängnis sind, bekämen erneut die Chance, sich öffentlich von politischer Gewalt loszusagen. Einen Strafnachlass wünsche ich mir übrigens auch für die früheren Mitglieder von Action Directe, die heute noch unter erbärmlichen Bedingungen in französischen Gefängnissen sitzen. Dass sich die französische Linke und die italienischen Exilierten dafür so wenig interessieren, finde ich ziemlich merkwürdig."

C. Bernd Sucher feiert die Wiederauferstehung der "Salome" in Wien: Gerhard Rühm hat dem deutschen Text mit seiner Nachdichtung die "klebrige Süßigkeit" genommen, Dimiter Gotscheff hat das nun im Wiener Akademietheater nun kongenial umgesetzt. "Herodes bekommt seinen Tanz. Aber was für einen! Eine Todverkündung. Caroline Peters zieht sich nicht um, es gibt keine sieben Schleier. Im kurzen plissierten Goldröckchen steht die große, schöne blonde Salome da, gießt in aller Ruhe aus einem Becher Blut auf den Boden. Ein kleiner, zarter Walzer für Klavier und Violine erklingt. Sie bückt sich und färbt nun Hände, Handgelenk und Hals rot. Sie steht auf, die Musik endet abrupt. Herodes verschwindet. Quälende Minuten der Stille. 'Das war wunderbar', flüstert Wolfgang Michael."

Weitere Artikel: "Es ist wie zu Kaisers Zeiten." Gottfried Knapp bejubelt die pompöse Rückkehr des Liechtenstein-Museums (mehr) in das Gartenpalais der Fürsten in Wien. Florian Coulmas denkt über die Zukunft der Weltsprachen nach und prophezeit ein Aussterben der südlichen Zungenschläge. Susan Vahabzadeh grübelt mit Hollywood, wie man die Europäer wieder ins amerikanische Kino locken könnte. Alex Rühle resümiert den Prozess gegen den des Totschlags verdächtigten Sänger Bertrand Cantat, der heute verurteilt werden soll. Fritz Göttler amüsiert sich, dass England im Falle eines Atomkriegs in den Sechzigern die eigene Königin vergessen hätte. Ralf Berhorst war auf einer Tagung zu Ehren der Geschichte und Helmut Schmidts.

Ijoma Mangold registriert auf der Leipziger Buchmesse neben einem gesteigerten Geschichtsbewusstsein einen hohen Grad "innerer Aufgerührtheit". Joachim Sartorius präsentiert Charles Simic' Gedicht "The Tragic Sense of Life".

Auf der Medienseite stellt Christian Fuchs Bernd Zeller vor, der mal Gags für Harald Schmidt schrieb und jetzt die Satirezeitschrift Pardon (hier ein paar historische Titelseiten) neu auflegt. Rene Martens stellt Jörg Böckems "temporeiche" Lebensbeichte als Journalist und Junkie vor.

Besprochen werden Christian Thielemanns "vage" Regierarbeit zu Puccinis "La Fanciulla del West" an der Deutschen Oper Berlin, Peter Mettlers Kino-Rausch "Gambling, Gods and LSD", und Bücher, darunter Helmut Diederichs Sammelband zu den ersten Jahren der "Geschichte der Filmtheorie", eine Auswahl aus Robert Burtons "Die Anatomie der Schwermut" sowie ein von Frank Robertz und Alexandra Thomas herausgegebener Sammelband zum Thema "Serienmord" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).