Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.11.2003. Günter Berg verlässt den Suhrkamp Verlag. Die Witwe Ulla Berkewicz führt das Oeuvre ihres Mannes fort, eine glückliche unio mystica, meint die FAZ. Die FR meint: Die NSdAP-Mitgliedschaft von Walter Jens und anderen besagt nicht viel. In der Welt kann sich Jost Nolte aber, anders als Walter Jens, noch erinnern, wie er in die Partei aufgenommen wurde. Die SZ fragt: "Wieviel vom Früheren ist im Späteren noch enthalten?" Die taz porträtiert einen Regisseur, der niederländische Bauern zum Weinen bringen kann. Die NZZ betrachtet die ungarische Literatur, die betrachtet, wie der Westen sie betrachtet.  

FAZ, 26.11.2003

Drei interessante Meldungen aus der Bücherwelt bringt die FAZ heute.

Günter Berg verlässt den Suhrkamp Verlag, sofort und einvernehmlich. Ulla Berkewicz ist nun die unangefochtene Chefin des Hauses. Hubert Spiegel kommentiert: "Jeder potenzielle Nachfolger musste sich mit dem Übervater Siegfried auseinandersetzen. Genau dies bleibt seiner Witwe erspart, an ihr gleitet dieses Problem geradezu ab. Anders als ihre männlichen Vorgänger misst Ulla Berkewicz sich keineswegs an Siegfried Unseld, denn sie handelt ja eigenem Bekunden zufolge im Auftrag des toten Ehemanns.... Fast könnte man von einer unio mystica sprechen: Indem die Witwe Siegfried Unselds Arbeit fortsetzt, ist sie noch immer eins mit ihm." Ein erhabenes Schauspiel!

Hannes Hintermeier meldet, dass sich Random House nun das Filetstück aus der ehemals Springer gehörenden Ullstein-Heyne-List-Gruppe, also den Heyne Verlag einverleiben wird (der Rest geht an die schwedische Bonnier-Gruppe, der bereits Piper und der Potter-Verlag Carlsen gehören): "Für die kleinen und mittleren Verlage wird das Nischendasein zur Lebensform der kommenden Jahre."

Felicitas von Lovenberg meldet, dass Amazon nach der Möglichkeit einer Suche innerhalb von Büchern, nun eine weitere Neuerung einführt, die das Haus so langsam zur Zentralbibliothek des Weltgeistes macht: Bei Amazon.co.uk darf man nun auch den Katalog der British Library durchsuchen. Das hat handfeste Vorteile für Amazon. "Die Neuerung erlaubt es, Titel zu suchen und anzubieten, die vorher mangels ISBN nicht zugelassen waren: eine Liste unendlicher Möglichkeiten, die aus dem Gebrauchtbuchhändler ein potenziell gigantisches Antiquariat macht."

Weitere Artikel: Jürgen Kaube kommentiert die Affäre um die teure Öffentlichkeitsarbeit des Arbeitsamtes: "Man arbeitet nicht, um Wirkung zu zeigen, sondern arbeitet zunächst und zumeist an der Wirkung." Andreas Rossmann besucht das wieder eröffnete Rheinische Landesmuseum in Bonn. Der Staatsrechtler Wolfram Höfling plädiert für Menschenwürde ab der zweiten Zelle, auch im Reagenzglas. Lorenz Jäger gratuliert dem Historiker Gordon A. Craig zum Neunzigsten. Regina Mönch erzählt, warum man in Berlin einen Diskussionsabend über Tschetschenien mit Rücksicht auf den beliebten Wladimir Putin lieber außerhalb des offiziellen Hauses der deutsch-russischen Festivitäten dieses Jahrs verlegt. Michael Jeismann resümiert eine Tagung über die "Räume der Globalisierung" im Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte.

Auf der letzten Seite erzählt Verena Lueken, wie unter ärmlichsten Berdingungen und unter Mithilfe des Goethe-Instituts in Kabul die "Antigone" des Sophokles aufgeführt wurde. Und Christian Geyer porträtiert den Philosophen Dieter Henrich, dessen Summe "Grundlegung aus dem Ich" über die frühe Kant-Rezeption im Frühjahr bei Suhrkamp erscheint.

Auf der Medienseite freut sich Heike Hupertz über zwei Emmies für deutsche Fernseharbeiten, den Fernsehfilm "Mein Vater" (in dem Götz George einen Alzheimerkranken spielt) und die Dokumentation "Das leben geht weiter".

Besprochen werden Peter Weirs Abenteuerfilm "Master and Commander" (ein "reiner Jungsfilm", meint Andreas Kilb, aber ein großartiger) und ein kleines Klavierfestival des WDR.

FR, 26.11.2003

"Der Suhrkamp Verlag meldete gestern Nachmittag kurz vor Redaktionsschluss in kaum zu überbietender Knappheit, der Verlag und Günter Berg trennten sich 'in gegenseitigem Einvernehmen', da 'hinsichtlich der von den Gesellschaftern beschlossenen Aufgabenverteilung innerhalb der Geschaftsführung keine Verständigung erzieht werden konnte'", zitiert die Frankfurter Rundschau aus einer gestern nachmittag veröffentlichten Presseerklärung des Verlages.

Der Historiker Armin Nolzen warnt vor einer Verurteilung der Wissenschaftler, die im demnächst erscheinenden Internationalen Germanistenlexikon 1800 - 1950 als NSDAP-Mitglieder aufgeführt werden. Im Buch aufgelistet werden so bedeutende Gelehrte wie Walter Höllerer, Walter Jens und Peter Wapnewski. Die reine NSDAP-Mitgliedschaft besagt nicht viel, meint Nolzen, "es bedarf einer viel umfassenderen Analyse individueller und kollektiver Lebensläufe, um differenziertere Aussagen über die Einbindung von spezifischen Personen oder sozialen Gruppen in die verbrecherische Politik des NS-Regimes machen zu können."

Auch Harry Nutt stellt sich in seinem Kommentar die Frage, was es denn nun bedeutet, wenn ein Wissenschaftler Mitglied der NSDAP war. Sowohl "Peter Wapnewski als auch Walter Jens haben auf erste Nachfragen hin ihr Erstaunen über diesen Fund geäußert. 'Ich kann mir nicht vorstellen', so Walter Jens in einem Interview mit der Tageszeitung Die Welt, 'dass Peter Wapnewski, Walter Höllerer und ich radikal vergessen hätten, dass wir in die Partei aufgenommen wurden. Persönlich um eine Aufnahme in die Partei beworben habe ich mich nie'", zitiert Nutt und fragt weiter: "Ließen es die Rekrutierungspraktiken der NSDAP zu, dass Parteinummern ohne ausdrückliche Einwilligung vergeben werden konnten? Und wenn es eine Regel gab, die dies ausschließt, waren dennoch Ausnahmen davon möglich? Dabei wäre es gewiss hilfreich, wenn Walter Jens und Peter Wapnewski sich der fraglichen Phase ihres jungen Lebens noch einmal vergewisserten. Hilfreich nicht nur zur eigenen Entlastung, sondern zum besseren Verständnis."

Weitere Artikel: 2003 ist das Jahr der überzeugenden Rückkehr gealterter Rockpersönlichkeiten, schreibt Oliver Tepel und zählt auf: Die Allman Brothers, Joan Baez, Emmylou Harris, Robert Wyatt, Rickie Lee Jones und Rosanne Cash. Alexander Kluy war bei einem Workshop im Potsdamer Einstein Forum über die Geschichte, Rolle und Bedeutung der fundamentalistischen Christlichen Rechten in den USA. Kurz gemeldet wird die Zustimmung des Bundeskartellamtes zur Übernahme des Heyne Verlags durch Random House (Bertelsmann).

Besprochen werden eine Ausstellung mit Fotografien des amerikanischen Bildreporters James Nachtwey in der Galerie c/o Berlin, Bellinis "Puritaner" an der Deutschen Oper Berlin und Claudio Monteverdis Oper "L'incoronanzione di Poppea" in Basel.

Außerdem präsentiert die FR heute eine Literaturbeilage. Den Aufmacher widmet Ina Hartwig Jean-Philippe Toussaints Roman "Sich lieben" (wir werten die Beilage in den nächsten Tagen aus, die bisher ausgewerteten Beilagen finden Sie hier).

Welt, 26.11.2003

Der Germanist Joachim Dyck nimmt die Herausgeber des "Internationalen Germanistenlexikons 1800-1950" aufs Korn und fragt, wer denn entscheiden will, "ob diese Generation von Professoren 'aus blindem Ehrgeiz in ihrem Metier Führertreue zeigte', wie der Spiegel moniert? Haben sie sich 'den braunen Machthabern angedient'? Solche Formulierungen sind alte Klischees und zeigen nur, dass für junge Journalisten heute die historische Situation gar nicht mehr in den Blick kommt. Sie kennen die Institutionen-Geschichte nicht, obwohl ein so wichtiges Werk wie das von Jan-Pieter Barbian, 'Literaturpolitik im "Dritten Reich"', genügend Aufschluss geben könnte. Die Universität war und ist eine Bürokratie, die von ihren Mitgliedern, wollen sie ein einigermaßen ruhiges Leben führen, auch heute ein gerüttelt Maß an Anpassung verlangt. Die Feststellung, ein Germanist sei Mitglied der NSDAP gewesen, will nichts über seine wissenschaftliche Qualität und schon gar nichts über seine charakterliche Integrität sagen."

Der Schriftsteller Jost Nolte erinnert sich noch gut an seinen NSDAP-Aufnahmeantrag: "Die Szene spielt 1944, und ich kann sie ziemlich genau wiedergeben. In der Unterkunft der Marinehelfer in Rönne in der Umgebung von Kiel, in einer der üblichen Baracken, agitieren zwei Mitschüler namens F. für die Unterschrift unter den Antrag zum Eintritt in die NSDAP ... Wie Gerd R. unterschreibe ich schließlich trotzdem. Der Augenblick der Feigheit liegt mir bis heute auf dem Magen, obwohl ich ein Parteibuch nie bekommen habe - vermutlich, weil ich bald in eine andere Uniform und dann schon wieder in die nächste gesteckt wurde."
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NZZ, 26.11.2003

Zsuzsanna Gahse schickt einem Blick auf die ungarische Literaturszene im Kertesz-Jahr eine denkwürdige Bemerkung vorweg: "Die Literaturszene in Ungarn zu betrachten, heißt, zu betrachten, wie die Ungarn betrachten, wie ihre Literatur im Westen betrachtet wird. Diese mehrfach spiegelverkehrte Sehensweise, bei der niemand mehr eindeutig sagen kann, was das Eigene und das Fremde ist, hatte 1999 begonnen, als Ungarn das Gastland bei der Frankfurter Buchmesse war".

Vom Beschluss der Moskauer Stadtverwaltung, das legendäre Hotel Moskau, ein Prestigeobjekt der Stalinzeit, abzureißen, um es in einer kapitalistischen Variante neu aufzubauen, berichtet Maja Turowskaja: "Investition heißt das Schlüsselwort für Theorie und Praxis der postsowjetischen Postmoderne. Der neue kapitalistische 'Inhalt', der das - der 'Form' nach sozialistische - Denkmal erfüllt, besteht offenbar aus dem Kampf der Investoren um einen Platz unter den Kreml-Sternen".

Weiteres: Joachim Güntner meldet, dass Günter Berg den Suhrkamp Verlag verlassen "muss", womit er die "Ära nach Unseld" nun wirklich angebrochen sieht. Alexandra Stäheli kommentiert die Viper, das Internationale Festival für Film, Video und neue Medien in Basel: Paradoxerweise fehle es diesem Festival, "das sich zur Hauptsache mit Medien und Botschaften befasst, an der Fähigkeit zur Kommunikation". Besprochen werden drei Studien zur Geschichte der Katharer und eine ganze Seite mit Kinder- und Jugendbüchern.

TAZ, 26.11.2003

Sabine Leucht porträtiert den Regisseur Johan Simons, "einen der größten Regisseure Europas", einen, der "niederländische Bauern zum Weinen" bringen kann und "deutsche Kritiker zum Schwärmen", wie Leucht schreibt. "In Hühnerställen und Fabriken, auf dem Autofriedhof oder in der Kirche wollte Hollandia das Leben der Landbevölkerung dramatisieren - für die spielen, die sonst nicht ins Theater gehen. Das aber, so Simons, sei "komplett misslungen. Schnell hatten wir das gebildetste und bestverdienende Publikum der Niederlande."

Weitere Artikel: In Bezug auf das Germanistenlexikon kommentiert Dirk Knipphals die Reaktion von Walter Jens, der seine vermutliche NsdAP-Mitgliedschaft als "absurd und banal" bezeichnet hatte: "Bei aller Vorsicht kann man sagen: Man würde sich freuen, wenn er seine defensive Haltung bald aufgeben würde." Jan Engelmann findet alle doof, nur - wie wir bereits wissen - Charlotte Roche nicht. In der tazzwei sieht Edith Kresta Anzeichen von Vernunft beim Konsumenten aufkommen und das Label der Stiftung Warentest den etablierten Marken den Rang ablaufen.

Und noch TOM.

SZ, 26.11.2003

Günter Berg verlässt den Suhrkamp Verlag, Thomas Steinfeld sieht mit dieser Trennung "alle Beschwörungen von Konsens nachträglich dementiert". Und mit der Gewaltenteilung, die Siegfried Unseld verfügt hatte, dürfte es seiner Meinung jetzt ebenso "vorbei" sein, wie mit dem Stiftungsrat.

Außerdem beschäftigt das Germanistenlexikon, das unter anderem dokument, wie viele Germanisten der NSdAP angehört haben, gleich zwei Autoren: Viel bemerkenswerter als das "erwartbare, aber erkenntnisfreie Tremolo von Erschütterung" findet Gustav Seibt die Frage, wie die "Prägung durch das Unrechtsregime" und die "damit kontrastierende Lebensleistung" eigentlich zusammengehen: "Wie viel vom Früheren ist im Späteren enthalten, was wurde verdrängt, was bewusst abgearbeitet, wo liegen Kontinuitäten und wo Brüche? Solche Fragen kann kein Lexikon beantworten, und schon gar nicht kann über sie urteilen, wer in Lexika nur hektisch blättert." Da helfe nur die "Lektüre von ganzen Texten".
Und Jens Bisky meint: "Es geht nicht darum, Prominente auf die Arme-Sünderbank zu setzen. Aber Fakten sind von Fiktionen zu scheiden, bequeme Illusionen aufzugeben. Das Dritte Reich ist kein fernes Land der Monster gewesen, Wissenschaft wurde in ihm großzügig gefördert, Begabte hatten glänzende Karrierechancen."

Weiteres: In der Randglosse meldet Sonja Zekri, dass die Mormonen ein Archiv der Stadt Nischnij Nowgorod mit den Namen tausender Verstorbener aufgekauft haben, um die toten Seelen taufen zu lassen. Besonders bedauern kann es Alexander Minden offenbar nicht, dass das kommerzielle Theater im Londoner Westend in einer Krise steckt. Reinhard Schulz verkündet eine "Renaissancesensation": Die Instrumentenkopien nach dem Freiberger Engelchor werden zum ersten Mal öffentlich gespielt. Elisabeth Rauchschmid berichtet von der Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises an Mark Roseman für sein Buch "In einem unbewachten Augenblick" über die Rettung der Marianne Strauss. Volker Breidecker hat bei einem Abend der Stefan-George-Gesellschaft Dichtung klingen gehört. Johannes Willms gratuliert dem Historiker Gordon A. Craig zum neunzigsten Geburtstag.

Besprochen werden Clint Eastwoods Melodram "Mystic River" eine Ausstellung zu der in Europa "allzu lange mehr ignorierten als unterschätzten" Georgia O' Keefe im Kunsthaus Zürich, die neue Präsentation von Giorgiones Gemälde "Gewitter" in der Academia von Venedig und Bücher, darunter Germaine Greers Bildband "Der Knabe", Gedichte von Rudolf Borchardt und Imre Kertesz "Spurensucher" als Hörbuch (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).