Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.10.2003. Bei Suhrkamp war alles gut, und jetzt wird's sogar noch besser, meldet die FAZ. Die FR nimmt lateinamerikanische Debatten um Gabriel Garcia Marquez auf. Die NZZ schildert die deutsche Theaterlandschaft als ein "Eldorado für einkommensbewusste Intendanten". Die SZ wendet sich gegen die Freigabe der Sterbehilfe.

FAZ, 21.10.2003

Entgegen anderslautenden Meldungen in der übrigen Presse steht im Hause Suhrkamp doch alles zum besten, wie diese Zeitung heute objektiv klarstellt.

Ulla Berkewicz, die Witwe Siegfried Unselds und Vorsitzende der von einem Ältestenrat um Jürgen Habermas beratenen Stiftung, tritt nun auch offiziell in die Geschäftsführung ein. Der bisherige Verleger Günter Berg rutscht auf die Position des Stellvertreters. Und "ein Verlag ist ebensowenig wie irgendein anderes Unternehmen zu totaler Transparenz verpflichtet", meldet Richard Kämmerlings unter der Überschrift "Klare Verhältnisse". Und "wollte man ernsthaft behaupten, dass die Lindenstraße unter Siegfried Unseld ein Hort der Basisdemokratie gewesen war? Wer den Verlust der großen Verlegergestalten beklagt, vergisst leicht, dass die Idiosynkrasie die Kehrseite patriarchaler Führungsstrukturen war und ist."

Felicitas von Lovenberg prangert in einem zweiten Artikel zum Thema das in Deutschland auch an anderen Beispielen gern betriebene Witwen-Bashing an und möchte Ulla Berkewicz nicht als Esoterikerin abqualifizieren, nur weil sie sich für die Kabbala interessiert: "Wenn Stars wie Madonna sich mit der Kabbala beschäftigen, erntet dies nicht einmal hochgezogene Augenbrauen, wenn jedoch Ulla Berkewicz sich schriftlich über religionsübergreifende Glaubensfragen Gedanken macht, sieht sie sich gleich in die Esoterik abgeschoben - ein Ort übrigens, der vor allem von Männern als irrationaler Bereich wahrgenommen wird, der sich bestens für die pauschale Abqualifizierung missliebiger Gegner eignet."

Weitere Artikel: In einer scharfen Polemik setzt sich Karl Schlögel ("Im Raume lesen wir die Zeit") mit der Ausstellung "Berlin-Moskau" in Berlin auseinander, beklagt "Macht und Filz" bei ihrem Zustandekommen und kritisiert, dass sie auf alle konkreten historischen Anspielungen verzichtet. "bat" stellt in der Leitglosse ein neues italienisches Gesetz vor, das es erlaubt, die hässlichsten Bauten der Nachkriegsgzeit abzureißen, ein Scheingesetz, meint er (oder sie), denn es dient vor allem zur Legalisierung aller Bauten, die nicht in diese Hitliste aufgenommen werden. Wolfgang Sandner schreibt zum Tod des Pianisten Eugene Istomin. Uta Gerlach-Laxner gratuliert dem Maler Georg Jacob Best zum Hundertsten. Oliver Elser stellt ein von dem amerikanischen Architekten Steven Holl erbautes Besucherzentrum in der österreichischen Weinstadt Langenlois vor. Kerstin Holm schreibt zum Tod des Schriftstellers Georgi Wladimow.

Auf der letzten Seite verteidigt Andreas Rosenfelder nach einem Gespräch mit einer kopftuchtragenden Lehrerin kopftuchtragende Lehrerinnen in Nordrhein-Westfalen. Mark Siemons porträtiert den neuerdings so schlecht angesehenen "Rentner" an sich. Und Oliver Tolmein beschreibt den "Kimberley-Prozess", der den Handel mit "Blutdiamanten" einschränken soll. Auf der Medienseite annonciert Michael Hanfeld, dass N 24 morgen die Eröffnungsrede zu den Münchner Medientagen live übertragen wird - gehalten wird sie von niemand Geringerem als Haim Saban , dem neuen Besitzer der ehemaligen Kirch-Sender (also auch von N 24). Und Susanne Klingenstein resümiert ein Cambridger Kolloquium über das Amerikabild der deutschen Medien.

Besprochen werden eine "Entführung aus dem Serail" in Frankfurt, eine Ausstellung von Picassos Skulptur "Fernande" und sechzig Vorarbeiten in Washington, drei Ballette an der Komischen Oper Berlin und eine Ausstellung zweier gotischer Kuzifixe im Freiburger Augustinermuseum.

TAZ, 21.10.2003

In der Jazzkolumne berichtet Christian Broecking vom Darmstädter Jazzforum und über das "einstige Kernstück" des Jazz, die Improvisation. Wann, so die zentrale Frage, ist sie gelungen, wann nicht? "Der Pianist Joachim Kühn berichtete, dass man zuallererst doch selbst am besten wisse, ob man gut oder nicht gut gespielt habe. Wenn es denn mal nichts war und das Publikum trotzdem applaudiert, sei es aber ganz besonders peinlich. Dann am besten gar nicht hinschauen, sondern Augen zu und durch."

Mit "einer ganzen Reihe guter bis sehr guter Stücke" warteten in diesem Jahr für Björn Gottstein die Musiktage in Donaueschingen auf. "Und trotzdem bleibt am Ende die Erkenntnis, dass es Musik, wie wir sie kennen, nicht immer geben wird."

Als "ernsthafte Konkurrenz" für die kontinentalen Kunstmessen stellt Marion Löhndorf die internationale Londoner "Frieze Art Fair" vor. In der Reihe "von kopf bis fuß" behandelt Burkhard Brunn heute die Zunge - "der einzige Körperteil, der buchstäblich aus der Haut fahren kann". Und im neuen Zeitungsteil namens tazzwei, bei dem man sich ja doch fragt, warum... - nun, dort jedenfalls stellt Henning Kober sehr engagiert das neue Album der Gruppe Strokes vor: "Wie eine Berührung an der empfindlichsten Körperstelle. Jedenfalls, wenn man jung ist." Also Obacht!

Besprochen wird außerdem ein Sammelband mit Geschichten von Frauen aus einem amerikanischen Staatsgefängnis, die der Bestsellerautor Wally Lamb ("Die Musik der Wale") in Creative Writing unterwiesen hat (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

Und hier TOM.

FR, 21.10.2003

Karin Ceballos Betancur berichtet über die Kritik, die nun auch Vertreter der jüngeren Generation gegen Gabriel Garcia Marquez richten. So wirft ihm Andres Burgos in der September-Ausgabe der kolumbianischen Zeitschrift El Malpensante vor, nicht gegen die hohen Haftstrafen für kubanische Dissidenten Stellung zu nehmen. Burgos schreibt: "Er war der alternde Pistolero auf dem Rückzug. Er hatte all seine Trümpfe ausgespielt und war an einen Punkt gelangt, an dem ein unerwarteter Wandel praktisch unmöglich geworden war. Er würde nicht nach Verständigung mit seinen Rivalen suchen, noch würde er sich um junge Pistoleros wie uns kümmern, die seinen Weg kreuzten" (mehr hier).

Fritz von Klinggräff resümiert eine Lesung von Ted Honderich im Rahmen des ersten Leipziger Sonntagsgesprächs, in der er die umstrittene Aussage seines Buches "Nach dem Terror" unter Inanspruchnahme der "geballten Macht seiner Moralphilosophie" noch einmal "metaphysisch" bekräftigt hat: "Ich betone: Der Selbstmordattentäterin war es erlaubt zu tun, was sie tat, weil sie von einem grundlegenden moralischen Prinzip gestützt wird" (mehr zur Debatte hier).

Frank Keil stellt den Musiker, Sänger, Entertainer, Komponisten, Schriftsteller und prominenten Vertreter des finnischen Tango, M.A. Numminen vor, der jetzt sein zweites Buch ("Der Kneipenmann") veröffentlicht hat und derzeit durch Deutschland tourt. Hans-Klaus Jungheinrich entdeckt auf den Donaueschinger Tagen für neue Musik "Alterungs- und Sklerotisierungstendenzen".

Auf der Medienseite besichtigt Rudolf Walther den "vorsichtig" ausgefallenen Relaunch, den sich die französische Tageszeitung Liberation "relativ pünktlich" zu ihrem 30. Geburtstag geleistet hat. In Times mager erzählt (oder gesteht?) Jürgen Roth sehr anmutig, wie er (oder eben der vertuschungshalber erfundene Dichter) einmal in einem Restaurant nicht aufgegessene Speisen einfach mitnahm. Gemeldet wird außerdem die Verleihung des Planeta-Preises an Antonio Skarmeta.

Besprochen werden die Ausstellung einer Auswahl von Stücken aus der Schenkung von Niki de Saint Phalle an die Stadt Hannover im dortigen Sprengel Museum, die Ausstellung "SchauSpielRaum" in der Münchner Pinakothek der Moderne, in der die "Suche nach dem ultimativen Raumerlebnis" inszeniert wird und eine "schleier- und zivilisationsaufeinanderprallfreie" Aufführung von Mozarts "Entführung aus dem Serail" an der Oper Frankfurt unter der Regie von Christoph Loy.
Anzeige

NZZ, 21.10.2003

Joachim Güntner liefert eine Rundschau über die "Willkür irrlichternder Politiker" und die "objektiven Geldnöte und selbstverschuldeten Strukturprobleme" in der deutschen Theaterlandschaft, die er als "Eldorado für einkommensbewusste Intendanten" erkannt hat. "Zu gern wüsste man, ob sich daran etwas geändert hat oder ob nur die Etats im Ganzen beschnitten werden, nicht aber die Gehälter der Shooting Stars, die zurzeit mit einem grossen Stühlerücken beschäftigt sind."

Weitere Artikel: Ursula Seibold-Bultmann spürt in Magdeburg dem architektonischen Kolorit der zwanziger Jahre nach und begeistert sich über die "schreiend bunte Palette" Bruno Tauts (mehr hier) und Carl Krayls.

Besprochen werden Alexander Zemlinskys letzte Oper "Der Kreidekreis" im Operhaus Zürich und Bücher, darunter Jacques Derridas "hintersinnig bescheidene" Essays "Schurken" (mehr) und Steven Pinkers Streitschrift "Das unbeschriebene Blatt" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Welt, 21.10.2003

In einem Welt-Interview stellt Marcel Reich-Ranicki die zweite Kassette seines Kanons vorm, die in den nächsten Tagen erscheint, "Die Erzählungen": "Ich habe in den Erzählungs-Kanon alles aufgenommen, was mir literarisch gut und sinnvoll erschien, und von dem ich glaube, dass es viele Menschen lesen sollten. Ob meinen Gegnern das gefällt oder nicht, ist mir gleichgültig."

SZ, 21.10.2003

Auf der Medienseite berichtet Rene Martens, wie ARD-Intendant Jobst Plog auf die Kritik von Verlegern über die Verschiebung der Kultursendungen auf immer spätere Nachttermine reagierte - ziemlich pampig: "Nachdem Sie Ihr Urteil über die Vorverlegung der Tagesthemen bereits gefällt und zeitgleich der Deutschen Presseagentur übermittelt haben, werden Sie sicher Verständnis dafür haben, dass wir derzeit ein Gespräch mit Ihnen nicht für weiterführend halten", zitiert Martens den Intendanten. Eine Unverschämtheit! Öffentliche Kritik an der ARD!

Gegen die Freigabe der Sterbehilfe wendet sich in einem Essay der Philosophie- und Rhetorikdozent Jürgen Werner. "Es zieht sich konsequent eine Linie von der Souveränität der letzten Entscheidung, der legitimierten Tötung auf Verlangen, bis zur Pflicht, nun auch mit dem eigenen Sterben das Gemeinwohl nicht zu gefährden, ja es vorwegnehmend zu stabilisieren. Die Pädagogik des Sterbens bekommt erst dann ihren Sinn, wenn es scheinbar gute Argumente gibt, den 'freiwilligen' Tod als ein akzeptiertes Massenphänomen zu inszenieren, das reguliert, was durch den Stand der modernen Technik und ihrer lebensverlängernden Funktion aus dem Gleichgewicht geraten ist."

Als Erfüllung "unserer kühnsten Träume" feiert Elias Chacour, melkitischer Priester und einer der profiliertesten israelischen Pazifisten christlich-palästinensischer Herkunft, die heutige Eröffnung der von ihm mitgegründeten ersten christlich-arabischen Universität Israels, der Mar-Elias-Universität. "Täglich müssen wir nun daran arbeiten, die religiöse Vielfalt nicht nur zu akzeptieren, sondern uns an ihrem Reichtum zu erfreuen. Nur so kann Humanität entstehen."

Weiteres: Alexander Kissler erklärt, warum sich der Leiter den Dresdner Hannah-Arendt-Instituts Gerhard Besier, morgen vor einem Kuratorium verantworten muss. Nicht nur dass er bei der Eröffnung eines von Scientology betriebenen "Zentrums für Religionsfreiheit" in Brüssel den Kampf der Organisation für "religiöse Vielfalt" gelobt habe; jetzt will er in einer Studie die "religionspolitische Ausgrenzung" dieser "amerikanischen Religion" als "Alarmismus" belegen. Sonja Zekri informiert über russische Pläne, an Schulen wieder den Wehrdienst einzuführen. "Gute alte Bekannte", "Lust am Experiment" und einen "Tribut ans Werkstattkino" hat Fritz Göttler auf der Viennale ausgemacht. Als diesmal "eher schwächeren Jahrgang" resümiert Wolfgang Schreiber die Donaueschinger Musiktage. Sichtlich amüsiert hat sich dagegen Haralf Eggebrecht beim Kongress der Karl-May-Gesellschaft in Plauen (mehr hier). Volker Breidecker berichtet über die Lesung von "Rockmusiker" Joe Jackson, der auf dem Göttinger Literaturherbst seine Lebenserinnerungen "Ein Mittel gegen die Schwerkraft. Musikalische Wanderjahre" präsentierte. Eine Meldung bestätigt schließlich, dass Ulla Berkewicz die Geschäftsführung des Suhrkamp-Verlag übernimmt.

"alex" kommentiert die Wahl des neuesten Vorbilds für die Marianne, die als Gipsmodell künftig französische Rathäuser zieren soll. In der "Zwischenzeit" sinniert Hermann Unterstöger heute wieder über politische und sprachliche Untiefen aller Art ("Voll peinlich hingegen ist es, wenn man nicht weiß, wie bayerische Kurfürsten zu deklinieren sind").

Besprochen werden Meret Matters Inszenierung von Schillers "Wilhelm Tell" am Schauspielhaus Zürich, die deutsche Erstaufführung von "Das Mädchen auf dem Sofa" am Schauspiel Nürnberg und die Ausstellung "Francis Bacon und die Bildtradition" im Wiener Kunsthistorischen Museum. Prominent besetzt ist eine Art Vorab-Hinweis auf Georg Thums Studie über Breslau, "Die fremde Stadt": Die SZ bringt Auszüge aus einer - teilweise sehr persönlichen - Rede von Wolfgang Thierse, der morgen vor 60 Jahren dort geboren wurde. Eine "richtige" Rezension soll folgen. Eine weitere Rezensionen gilt Michail Kononows "tragikomischem" Weltkriegsroman "Die nackte Pionierin", (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).