Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.10.2003. Das europäische Kino ist also doch nicht tot, meint jedenfalls eine von Lars von Triers Film "Dogville" ergriffene FAZ. Die FR erzählt die Suhrkamp-Story. Die NZZ beklagt Woody Allens "Schaffens- und Finanzkrise". In der SZ verteidigt Ivan Nagel die Suhrkamp-Chefin, -Teilhaberin, -Verlegerin usw. Ulla Berkewicz. Und die taz berechnet den Gini-Koeffizienten.

FAZ, 22.10.2003

"Einen Film wie 'Dogville' hat es im europäischen Kino noch nicht gegeben", schreibt Andreas Kilb ergriffen über Lars von Triers neues Werk. "Sein Furor straft all jene Spekulationen über die Erschöpfung der filmischen Mittel, die Übermacht Hollywoods, das Ende des Autorenprinzips Lügen, die in den letzten Jahren auch bei uns im Schwange waren. Gleichzeitig hat sich sein Regisseur mit ihm von den Verspieltheiten und Bildklingeleien seiner Anfänge befreit, die ihn oft eher als Bastler denn als Visionär erscheinen ließen. So ähnlich muss Brechts 'Dreigroschenoper', auf die sich von Trier ausdrücklich beruft, über das Klassikertheater der zwanziger Jahre hereingebrochen sein: als Kampfansage und Spektakel zugleich."

Die schöne Catherine Deneuve wird sechzig, Michael Althen träumt: "Ihr Ebenmaß fordert den Exzess geradezu heraus. So jemand kostet von allen Lastern einmal und wendet sich dann gelangweilt ab. Vor ihrem Leben versagt jede Vorstellungskraft. Was mag sie in den Salons machen, durch die sie wandelt? Träumt sie von geometrischer Perfektion oder fleischlichen Vergehen?"

Weitere Artikel: Kardinal Carlo Maria Martini erklärt, warum er die Bibel für das Buch der Zukunft Europas hält: weil "sie die Geschichte des Volkes Gottes erzählt, das Schritt für Schritt in den Austausch mit neuen Kulturen und Gedankenströmungen eingetreten ist, die es zum Teil angenommen, von denen es sich zum Teil aber auch in erhellender Weise abgeschieden und unterschieden hat." Auf der Stilseite stellt Elias Torra die Mangas von Jiro Taniguchi vor. Auf der letzten Seite erklärt Klemens Ludwig, warum die chinesische Regierung eine Straße um den heiligen Berg Kailash in Tibet bauen will. Joseph Hanimann porträtiert den neuen Vorsitzenden des Exekutivrats der Unesco, Hans-Heinrich Wrede. Und Hannes Hintermeier meldet, dass das Kartellamt dazu neigt, die Fusion von Random House mit Heyne zu genehmigen.

Gemeldet wird, dass der Prix Goncourt an Jacques Pierre Amette für seinen Roman "La Maitresse de Brecht" verliehen wird. Der Roman spielt in den fünfziger Jahren am Berliner Ensemble. Amette, ein begeisterter DDR-Reisender der sechziger Jahre, erfindet darin eine Mätresse Brechts, die gleichzeitig für die Stasi spitzelt. Wir verlinken auf den Artikel in Le Monde und ein kleines Dossier in der Rubrik "Evenement" bei Liberation, die den Roman und den Preis allerdings recht misslaunig kommentiert. Amettes Verlag Albin Michel stellt als pdf eine lange Leseprobe ins Netz.

Besprochen werden Felix Mendelssohn Bartholdys Opern "Der Onkel aus Boston" und "Die Heimkehr aus der Fremde" in Stuttgart, eine Ausstellung des amerikanischen Malers Jonathan Lasker im Düsseldorfer K20, Meret Matters Inszenierung des "Wilhelm Tell" in Zürich, ein Konzert von Max Raabe und seinem Palastorchester (mehr hier) in der Alten Oper Frankfurt und die Ausstellung "Messerscharf. Reflexionen über einen Alltagsgegenstand" im Österreichischen Museum für Volkskunde.

FR, 22.10.2003

Ursula März beklagt das dunkle Raunen um das Haus Suhrkamp, raunt selber aber auch ganz schön: "Die allgemein anerkannte These, wonach die Geschichte des Suhrkamp Verlages an einer ungelösten Ablösungsproblematik krankt, ist nur halb richtig. Denn eine Ablösung muss reibungslos geklappt haben: die der sinnstiftenden und diskursbindenden Suhrkamp-Kultur durch die Suhrkamp-Story. Der Bedeutungsverlust jener steht offensichtlich in einem umgekehrten Proportionsverhältnis zum Emporwuchern dieser. Wie auf dem Schachbrett ist folglich der Zeitpunkt vorherseh- und berechenbar, an dem die Kräfte der Story und ihres internen Konfliktpotenzials die eigentlich verlegerischen Außenbewegungen matt setzen. Jeder Niedergangsprozess, ob er Familien oder Wirtschaftsunternehmen, Dynastien oder Staaten betrifft, kennt diesen Moment als Anfang vom Ende."

Irgendwie finden wir, dass das von der FR ausgewählte "dpa-Bild des Tages" auch nicht schlecht zur Lage passt.

Weitere Artikel: Daniel Kothenschulte fühlt sich durch Lars von Triers Film "Dogville" nicht schlecht an Brecht erinnert. Peter Iden betrachtet in Times mager die vor bald 700 Jahren gemalte "Dama bella" des Duccio di Buoninsegna, welche zur Zeit in Siena ausgestellt wird.

Besprochen werden die neue Platte der Strokes, das Warschauer Jazz Jamboree (mehr hier) mit dem malerischen und bei Polens Frauen äußerst angesagten Pianisten Leszek Mozdzer und einige Bücher, darunter Benjamin Leberts zweiter Roman "Der Vogel ist ein Rabe" (mehr hier).

TAZ, 22.10.2003

Dietmar Bartz konstatiert in Hinsicht auf die Globalisierungkritik einen anhaltenden Fortfall der Geschäftsgrundlage: "Auf den ersten Blick makaber, aber auch auf den zweiten immer noch wahr: Die These, dass das Einkommen der Welt immer ungerechter verteilt wird und die weltwirtschaftlichen Machtverhältnisse daran schuld sind, ist falsch. Tatsächlich nimmt der "Gini-Koeffizient", Hauptzeuge für die grundsätzlich inhumanen Folgen globaler kapitalistischer Verflechtung, nicht mehr zu, sondern ab. Die Messzahl, 1912 vom italienischen Ökonomen Corrado Gini entwickelt, definiert das Verhältnis zwischen dem ärmsten und dem ebenso großen reichsten Segment der Bevölkerung. Seit den 50er-Jahren hat sich diese Schere immer weiter geöffnet; zunehmende Ungleichheit ist zu einer weithin anerkannten Haupttendenz der globalen Entwicklung geworden. Nun aber schrumpft der globale Gini-Koeffizient."

Zum Auftakt von Blurs Deutschland-Tournee fragt sich Harald Peters, ob Britpop vielleicht auch nur eine Sparte der Weltmusik ist. Gerrit Bartels liefert den Bericht zum beendeten Machtkampf bei Suhrkamp, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass die Bestseller des Hauses doch eh von Elke Heidenreich gemacht werden. Auf der Medienseite staunt Frank Ketterer, dass Hertha-Trainer Huub Stevens nicht gefeuert wurde, obwohl die Bild-Zeitung es schon gemeldet hatte.

Und schließlich Tom.
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NZZ, 22.10.2003

Andrea Köhler vermutet hinter der Ankündigung Woody Allens, seine Memoiren zu schreiben, nichts anderes als eine veritable "Schaffens- oder Finanzkrise". Die Drohung, "richtig 'auszupacken'", richtet sich wohl vor allem gegen seine Ex-Frau Mia Farrow, die ihn selbst in ihrer Autobiografie recht ungünstig porträtiert hat, meint Köhler, bezweifelt aber dennoch, dass Allen die gewünschten zehn Millionen Dollar erhalten wird: "Die kaltschnäuzige Art, in der einer der genialsten Selbstvermarkter aus seinen Erinnerungen Profit zu ziehen gedenkt, hat einige Verleger kurioserweise befremdet".

Weiteres: Alfred Zimmermann resümiert die Donaueschinger Musiktage 2003, deren einzelne Sektionen, von den "installativen Arbeiten" über die Orchester- und Ensemblekonzerte bis hin zur NOWJazz Session, er ausgiebig vorstellt. Besprochen werden die Premieren von Flotows "Martha" und Verdis "Falstaff" in Wien, die Ausstellung "Jean Cocteau, sur le fil du siecle" im Pariser Centre Pompidou, die Marc Zitzmann viel weniger gefällt als die neue Cocteau-Biografie Claude Arnauds, sowie Bücher, darunter Willem Frederik Hermans' Roman "Au pair", Urs Schaubs Debütroman "Tanner", Anka Muhlsteins Buch "Königinnen auf Zeit" und Michel Wieviorkas Studie "Kulturelle Differenzen und kollektive Identitäten" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 22.10.2003

Ivan Nagel (mehr hier) nimmt Ulla Berkewicz gegen die Propheten des Suhrkamp-Untergangs in Schutz. Er erinnert daran, dass auch Siegfried Unseld mit seiner Vorliebe für Hermann Hesse viel Naserümpfen hervorgerufen hat. "Als Peter Suhrkamp den jungen Mann zum Nachfolger aufbaute, glaubten viele nicht, dass das gut gehen kann. Wer nun seiner Frau mystische Neigungen im Namen der 'Aufklärung und ihrer rationalen Dialektik' vorwirft, sollte Siegfried Unselds gleichsam privates Lebenswerk bedenken. Trotz - oder wegen, wer weiß? - Hesse und Ulmdeutsch war Siegfried Unseld ein großer Verleger."

Seit er Lars von Triers neuen Film "Dogville" gesehen hat, ist sich Tobias Kniebe sicher: "Die weltbesten Drehbücher kommen aus Dänemark." Im Gespräch mit Marcus Rothe erzählt von Trier dann eine echte Erfolgsgeschichte: "Ich bin sicher, dass in uns allen ein Tier verborgen ist. Aber andererseits war die menschliche Rasse so erfolgreich, weil sie auch fähig zum Mitgefühl ist. Da bin ich mir ganz sicher. Mitgefühl ist nichts Logisches, und nur dadurch konnten wir uns so sensationell auf der Erde verbreiten."

Weiteres: Henning Klüver teilt mit, dass Dario Fo nicht mehr ins heutige Italien passt und deswegen in Mailand nicht gespielt wird. Ralf Hertel berichtet, dass die Unesco plant, auch Sprachen, soziale Gebräuche, Rituale, Aufführungskünste und Feste als schützenswerte Kulturgüter zu betrachten. Willi Winkler bedankt sich bei Derrida für einige weiterführende Erläuterungen zum 11. September. Gemeldet wird, dass Eichborn den Text der Anonyma nun prüfen lassen will.

Mittwoch gibt es natürlich auch Musik: Besprochen werden neue CDs in der Serie "Great Conductors of the 20th Century" mit Aufnahmen von Hermann Scherchen, George Szell und Felix Weingartner, Pierre-Laurent Aimards Debussy-Abend, eine Aufnahme von Carl Maria von Webers "Abu Hassan", Harnoncourts Einspielung von Bruckners Neunter, das neue Album "Seven Days Of Falling" des schwedischen Trios E.S.T., die Muhammad-Ali-Huldigungs-CD "Hits and Misses". Weitere Rezensionen widmen sich Roberto Ciullis Inszenierung von Genets "Wände" in Mühlheim, Christoph Hübners Fußballer-Dokumentation "Die Champions", der die C-Jugend von Borussia Dortmund beim Training zeigt, Glucks "Orphee et Eurydice" als Kinderbuchoper in München und Büchern, darunter Albert Drachs Protokoll der Zwischenzeit "Z. Z." und einem Band über "Geschichtsbilder junger Migranten in Deutschland" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).