Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.06.2003. Die Zeit rügt Habermas' rüden Umgang mit Osteuropa. In der SZ zerpflückt Ludwig Ammann neueste Lesarten des Korans. In der FR spricht Kulturministerin Christina Weiss über ihre Pläne zur Filmförderung. In der FAZ finden wir eine für Pazifisten erschütternde Meldung: Die Iraner wären dankbar für eine Befreiung von ihrer Regierung.

Zeit, 05.06.2003

Jan Ross schaltet sich in die Debatte, die Jürgen Habermas, Adolf Muschg, Umberto Eco mit ihrem Aufruf für ein selbstbewusstes Kerneuropa entfacht haben. Ross begrüßt zwar die Idee, über Europa einmal europäisch zu diskutieren, kann ansonsten aber wenig mit diesem vor Überlegenheitsdünkel strotzenden Euro-Nationalismus anfangen: "1989 als europäisches Ereignis kommt in diesem Entwurf in der Tat gar nicht vor, die 'neuen' Europäer sind nur Störfaktoren... Dass es sich um mehr als ein Übergangsphänomen und Lerndefizit handeln könnte, dass die Polen oder Balten vielleicht etwas zu sagen haben, mit dem sich auseinander zu setzen lohnend wäre - das scheint Habermas überhaupt nicht in den Sinn zu kommen... Es liegt etwas Rüdes in dieser Art zu reden, und es lässt sich wohl nur durch die alles übertrumpfende moralische Vortrefflichkeit erklären, die Habermas oder Muschg dem Brüsseler Integrationsprojekt zuschreibt. Wo das postnationale Gute herbeigehobelt wird, dürfen schon einmal ein paar Späne der internationalen Höflichkeit fallen." 

Katja Nicodemus schlägt Alarm: Nun da das neue Filmförderungsgesetz nach jahrelanger Diskussion seinen Weg durch die Instanzen einschlägt, also in die Zielgerade einmündet, fänden sich darin "zwei, drei kleine, aber entscheidende" Punkte, "die für die deutsche Filmlandschaft langfristig zur Katastophe werden könnten. Es wäre keine laute, krachende Katastrophe, ondern eine schleichende". Nicodemus stört sich vor allem an zwei Bedingungen, von denen eine Förderung abhängig gemacht werden soll: an den zu hoch angesetzten Besucherzahlen und die viel zu hoch gegriffenen Erwartung an Preise bei den großen Festivals.

Weitere Artikel: Peter Kümel kehrt unzufrieden von seiner Dienstreise an den New Yorker Broadway zurück. Was das dortige Theater zur Zeit zu bieten haben habe, findet Kommel ziemlich gestrig. "Sie bewegt sich doch", frohlockt Hanno Rauterberg über die Architektur anlässlich der Rotterdamer Biennale. Mirko Weber stellt einen "großen Zauberer", den chinesischen Pianisten Lang Lang. Jonathan Fischer porträtiert den britischen Musiker Rajinder Rai - alias Panjabi MC -, der mit seinem Banghra-Rap die britschen Charts stürmt und die muslimische Geistlichkeit auf die Palme bringt.

Thomas E. Schmidt bereitet die Kultur-Enquete des Bundestages schon einmal darauf vor, dass sie in den Kommunen eher karge Wüsten denn blühende Kulturlandschaften finden könnte. Claudia Herstatt berichtet vom Streit über Hans Arps Nachlass. Claus Spahn liefert den Nachruf zum Tod des Komponisten Luciano Berio nach.

Besprochen werden Bernard-Henry Levys Doku-Roman über die Ermordung des amerikanischen Journalisten Daniel Pearl, Danny Boyles neuer Film "28 Days Later" und Dieter Dorns Inszenierung von Genets "Die Wände" in München.

Die 40-seitige Literaturbeilage eröffnet Ulrich Greiner mit einer Besprechung von Benjamin Anastas' Roman "Die wahre Geschichte vom Verschwinden eines Pastors".

Hinzuweisen ist noch auf einen Essay von Salomon Korn zum deutsch-jüdischen Verhältnis, in dem er sich fragt, wie deutsch die Deutschen ihre Juden denn eigentlich gern hätten.

SZ, 05.06.2003

Der Islamwissenschaftler Ludwig Ammann ("Die Geburt des Islam") diskutiert die Koran-Exegese, mit der der Semistist Christoph Luxenberg jüngst für Furore gesorgt hatte. Darin deutete Luxenberg dunkle Stellen des Korans als aramäische Passagen, die legendären Paradiesjungfrauen stellen sich dabei als Weintrauben heraus. Ammann findet das alles überhaupt nicht plausibel, und glaubt, dass Luxenberg ein abendländisches Bedürfnis damit befriedige, wenn er den Status des Korans als "unverfälschtes Wort Gottes" antastet : "Für die meisten Muslime steht unverrückbar fest, dass der uns überlieferte Text wortwörtlich wiedergibt, was Gott dem Propheten Muhammad offenbarte. Das ist es, was dem Koran seine Macht verleiht, im Guten wie im Bösen; denn leider fällt es verhetzten Halbstarken und ihren Anstiftern nicht schwer, sich auf vermeintlich eindeutige Befehle Gottes zu berufen, wenn ihnen der Sinn nach Bluttaten steht. Die Kunde von einem Buch, das den Koran depotenzieren könnte, lässt darum nicht nur die Herzen von Bibelwissenschaftlern höher schlagen." Ammann nimmt Bezug auf einen Artikel in der Zeit, auf den wir hier noch mal verlinken.

Tobias Kniebe hält auch angesichts neuer Tausch-Programme und dem Apple Music Store Prognosen zum Tod des Albums für verfrüht: "Inmitten dieser schönen neuen Musikwelt, wo jeder Klang nur einen Mausklick entfernt ist und 7500 Songs ständig in der Manteltasche warten, wird irgendwann alles wie immer sein... Wenn einem das eigene Playlist-Gebastel auf die Nerven geht - dann ist man am Ende wieder da, wo man vor Jahren war: mit vier oder fünf (wechselnden) Alben, die man in dieser Zeit richtig gerne hört - und gern auch wieder in der Reihenfoge der Songs, die der Künstler selbst gewählt hat."

Weitere Artikel: Ijoma Mangold hat den im amerikanischen Stanford lehrenden Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht (mehr hier) bei einem Münchner Vortrag zur "Zukunft unseres Todes" mit heißen Eisen jonglieren hören, um einigen festsitzenden Negativ-Topoi, mit denen viele Deutsche gerne Amerika identifizierten, im "Kontext einer Reflexion der Todessemantik" den "Adel der Zweideutigkeit" wiederzugeben. Adrian Kreye erklärt uns, weshalb der Auftritt von Cornel West, des Vordenkers der Afroamerican Studies, im Film "Matrix Reloaded" in den USA die Rolle des Intellektuellen in der Öffentlichkeit in Frage gestellt hat. Arno Orzessek bejubelt die Louise-Bourgeois-Werkschau (und deren Kuratorinnen Beatrice Stammer und Kathrin Becker) in der Berliner Akademie der Künste. Ludwig Amman befasst sich mit neueren (und seiner Ansicht nach wenig ergiebigen) Versuchen, den Koran textkritrisch auszuhebeln. Und "ofux" findet, dass die frühen Rolling-Stones den späten "Böhsen Onkelz" gar nicht unähnlich sind.

Knut Hornbogen freut sich über 50 Jahre Designförderung in Deutschland und berichtet, dass der 1953 gegründete "Rat für Formgebung" (German Design Council) anlässlich dieses Jubiläums heute zur ersten Designdebatte in die Frankfurter Paulskirche (!) lädt. Jürgen Otten war beim 4. Europäischen Festival der Musik der Sinti und Roma im Berliner Haus der Kulturen der Welt, wo er Festivalleiter Rajko Djuric mit aller Macht gegen folkloristische Klischees wirken sah. Der amerikanische Dramatiker Neil LaBute erzählt, wie er dem britischen Dramatiker Harold Pinter einmal den Weg zum Klo zeigte, und Klaus Dermutz teilt uns mit, dass George W. Bush schuld daran ist, dass Peter Zadek Brechts "Mutter Courage" am Deutschen Theater in Berlin inszeniert hat (Premiere ist heute abend). 

Besprochen werden: Dany Boyles Alex-Garland-Verfilmung "28 Days Later" (hier ein Interview mit Boyle und Garland), Carlos Reygadas' Film "Japon", die von Willy Decker inszenierte und von Ingo Metzmacher dirigierte Tschaikowskys Oper "Pique Dame" an der Hamburger Staatsoper, Mittelalterfilme im Münchener Filmmuseum und Bücher, darunter zwei Hörbücher der National Geografic Society sowie das neue Buch von Judith Butler "Kritik der ethischen Gewalt" (mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FR, 05.06.2003

Rüdiger Suchsland hat die Staatsministerin für Kultur und Medien, Christina Weiss, zur Novellierung des Filmförderungsgesetzes (mehr hier) und der geplanten Gründung einer deutschen Filmakademie (mehr hier) befragt. "Wir werden sicherlich noch ein paar Kompromisse machen müssen. Wichtig ist, dass wir eine wirkliche Reform schaffen, die dazu führt, dass wir erheblich mehr Geld in den Fördertopf bekommen und zu einer Stärkung des deutschen Films beitragen. Wir haben einen Durchbruch geschafft, indem sich die TV-Sender zu mehr Geldzahlungen verpflichtet haben. Aber Innigkeit kann es nicht geben - dafür sind die Interessen zu verschieden... Die Akademie wird von der Filmbranche, allem voran den Produzenten, gegründet. Deren Ziel ist es eindeutig, ein Instrument zur Selbstbehauptung des deutschen Films zu schaffen."

Alles andere als den Vertreter eines knorzigen Historismus sieht Christian Thomas im Architekten Gottfried Semper, dem die Münchner Pinakothek der Moderne jetzt eine opulente Schau gewidmet hat. "Wo Sempers Kollegen ihre repräsentativen Bauwerke, Theater und Museum, Kirche oder Gymnasium nach den klassischen Prinzipien errichteten, rang Semper den alten Würdeformen eine wache Zeitgenossenschaft ab. Hatte doch Semper im Mai 1849 Barrikaden für das revolutionäre Dresden gebaut, wobei das Gesamtkunstwerk von Architektur, Musik und Anarchie Richard Wagner und Michael Bakunin perfekt gemacht hatten, nicht Schulter an Schulter, aber historisch ganz vorzüglich."

Weitere Themen: In der Kolumne Times mager stellt uns Gunnar Luetzow Variationen eines Berliner Kulturtrends vor, in dem sich Arbeit am Ausnahmezustand und seinen Folgen als eines der beliebtesten Felder der Geschmacksproduktion für Fortgeschrittene des avancierten Kulturkonsums darstellt. Verena Mayer erzählt die Geschichte von Martin D., der zur Zeit in Berlin wegen Betrugs vor Gericht steht: der gelernte Maler und Lackierer betrieb einen schwunghaften Handel mit Doktorarbeiten.

Besprochen werden: Zhang Yimous "grandioses Schlachtengemälde" "Hero" und die Louise-Bourgois-Schau in der Berliner Akademie der Künste.
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TAZ, 05.06.2003

Hortense Pisano findet die Ausstellung "nation" im Frankfurter Kunstverein ausgesprochen sehenswert, die für sie zur Sprache brachte, "dass nationale Zugehörigkeit heute nicht mehr gleichbedeutend ist mit den bekannten territorialen Identifikationsmustern wie Sprache oder Kultur, sondern pop- und subkulturell erweitert wird.

Im übrigen ist Kinotag im taz-Feuilleton: Cristina Nord beschäftigt sich mit dem Debüt des jungen mexikanischen Filmemachers Carlos Reygadas "Japon", Andreas Busche hat Zhang Yimous neuen Film "Hero" gesehen und Sven von Reden berichtet, wie "Trainspotting"-Regisseur Danny Boyle mit seinen Film "28 Days Later" das Genre des Zombiefilms reanimiert.

Besprochen wird außerdem Felicitas Hoppes Roman "Paradiese, Übersee" (mehr in der Bücherschau des Tages heute ab 14 Uhr).

Und TOM
Stichwörter: Danny Boyle

FAZ, 05.06.2003

Stefan Weidner ist in den Iran gereist und bringt eine für europäische Pazifisten erschütternde Botschaft mit: "Eine klare Mehrheit der Iraner, mit denen man als Ausländer ins Gespräch kommt, wünscht sich den Sturz des Regimes, und nicht wenige wären bereit, dafür sogar einen amerikanischen Angriff in Kauf zu nehmen." Und weiter: "Danach zu urteilen, wie die Liebespaare in den Parks einander in den Armen liegen, die islamischen Kleidungsvorschriften bei jeder sich bietenden Gelegenheit missachtet werden, westliche Musik, Alkohol und Drogen zugänglich sind und das Internet den Mangel an öffentlichem Raum weitgehend kompensiert, entpuppt sich das realitätsferne Beharren auf der islamischen Ideologie als bloßes Mittel zum Machterhalt."

Mark Siemons macht modekritische Anmerkungen zum Kopftuchstreit in Deutschland: "Wenn man es tatsächlich für glaubwürdig hält, dass ein religiös motiviertes Kleidungsstück an sich schon Abhängige verführen könnte und mithin die weltanschauliche Neutralität des Staats verletzt: mit welchem Recht wollte man das nicht auch bei Markenartikeln wie Nike oder Lacoste annehmen, die ihre Produkte mit einer ähnlich zwecküberschreitenden, ja kultischen Bedeutung aufladen, wie das sonst mit religiösen Gegenständen geschieht?" Ob man es im Iran auch so empfindet?

Weitere Artikel: Der israelische Autor und Friedenskämpfer Amos Oz nennt die sich ankündigende Trennung Palästinas und Israels einen für beide Seiten schmerzhaften "Ernüchterungsprozess" und fordert einen internationalen Marshallplan, der Israelis und Palästinensern hilft, diesen Prozess in Angriff zu nehmen. In der Leitglosse schimpft Lorenz Jäger über die Zurichtung eines Romans von Evelyn Waugh durch einen Hollywood-Drehbuchautor. Thomas Wagner besucht das von Udo Kittel aufgefrischte "lebendige Museum" für Moderne Kunst in Frankfurt und findet eine Arbeit von Gregor Schneider besonders eindrucksvoll. Jan-Philipp Reemtsma fordert weitere Steuererleichterungen für private Stiftungen, die sich für Kunst und Wissenschaft einsetzen. Regina Mönch erzählt eine dieser traurigen Geschichten aus Berlin: Das Schloss Bellevue, in dem der Bundespräsident residiert, ist so marode, dass die Stromversorgung zuweilen zusammenbricht. Man erwägt einen Umzug nach Pankow in das Schloss Schönhausen, das aber mindestens ebenso marode ist. Gina Thomas schreibt zum Tod des Kunstkritikers Peter Lasko. Joachim Kalka würdigt den ebenfalls verstorbenen Verleger Hubert Arbogast.

Auf der Kinoseite berichtet Martin Kämpchen, dass Hollywood und das westliche Kino sich immer mehr Stars aus Bollywood einverleiben (zum Beispiel das nächste Bondgirl Aishwarya Rai): "Asien, vor allem China und Indien mit ihren riesigen und jungen Bevölkerungen , ist der am schnellsten wachsende Markt Hollywoods." Peter Körte schildert das Debakel französischer Film- und Medienkonzerne in Hollywood (in L'Express gab es dazu neulich einen Hintergrundartikel). Michael Althen bespricht DVDs und Videospiele, die in Zusammenhang mit dem Film "Matrix Reloaded" herausgebracht wurden. Auf der Medienseite stellt Heike Hupertz die "Ali G. Show" vor, die auf Viva läuft.

Besprochen werden der Film "Japon"des mexikanischen Regisseurs Carlos Reygadas und Piotr Fomenkos Stück "Wald" an der Comedie Française.

NZZ, 05.06.2003

In der NZZ prophezeit ein gewisser "hmn" der Stadt Basel eine heiße Kulturdebatte. Grund sind geplante drastische Einsparungen in diesem Sektor. "Während die Museen weitgehend ungeschoren davonkommen, soll das Theater Basel ab 2006 3,5 Millionen Franken weniger erhalten, was einem Subventionsabbau von 12,5 Prozent entspricht. Auf 13 Prozent beläuft sich die Kürzung beim Sinfonieorchester Basel, das ab 2006 1,8 Millionen Franken weniger beziehen soll. Etwas weniger als die Hälfte ihrer Subvention von 1,7 Millionen Franken soll die private, äusserst erfolgreiche und für die Stadt Basel überaus wichtige Fondation Beyeler verlieren."

Weitere Artikel: Hanspeter Künzler schreibt über "Hail to the Thief", das neue Album der britischen Band Radiohead: "Die neue CD mag nicht ein Meisterwerk sein wie 'OK Computer'. Aber mit seinem kühnen, breiten Klangpanorama zeigt das Album eine Band, deren Flucht vor dem Klischee keine Pausen zulässt und deren klanglicher Erfindergeist immer wieder zu verblüffen vermag."

Ansonsten heute nur Buchbesprechungen und Kritiken. Besprochen werden Hans Magnus Enzensbergers Essays "Nomaden im Regal", Douglas Adams Buch "Lachs im Zweifel" , zusammen mit einem Buch über Douglas Adams von Neil Gaiman, Philippe Jaccottets Werkauswahl "Der Unwissende" (mehr hier), Jan Bürgers Hans-Henny-Jahnn-Biografie "Der gestrandete Wal" (mehr hier), Mahi Binebines Roman "Kannibalen" und Anne Atiks Erinnerungen an Samuel Beckett.

Weiterhin werden besprochen: Emanuele Crialeses Film "Respiro" und ein Auftritt des Züricher Kammerorchesters in der Tonhalle. Über die Fusion der New Yorker Philharmoniker und der Carnegie Hall schreibt "köh": Die Entscheidung kam überraschend - auch für die Beteiligten selbst." Schließlich widmet sich Derek Weber noch dem Festspielhaus Salzburg. Hier sind zwei wichtige Entscheidungen gefallen. Martin Kusej ist zum Nachfolger Jürgen Flimms bestellt worden und der Umbau des kleinen Festspielhauses ist genehmigt worden.