Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.06.2003. In der SZ will Richard Chaim Schneider dem Frieden von Akaba nicht recht trauen. In der taz feiert Diedrich Diederichsen das hochintelligente und stumpfsinnig groteske Werk von Martin Kippenberger. In der FR erklärt Robert Menasse, warum die österreichische Provinz morgen voller Hass gegenüber dem Urbanen sein wird. Die NZZ porträtiert Lei Feng, einen mythischen Helden der chinesischen Arbeiterklasse. In der FAZ plädiert der Europaabgeordnete Armin Laschet für eine schwarz-grüne Koalition.

SZ, 06.06.2003

Richard Chaim Schneider will dem Frieden von Akaba nicht recht trauen. Er hält die Inszenierung vor dem Roten Meer und den wogenden Palmen für den Beginn des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes war - mit fatalen Konsequenzen: "Jeder kennt heute die Gründe für das Scheitern von Oslo. Die 'Road Map' wiederholt die Fehler. Gewiss, sie versucht, das Tempo des Friedensprozesses zu beschleunigen. Bereits 2005 soll es einen Palästinenserstaat geben. Anders als beim Vertrag von Oslo will man keine Zeit verlieren. Doch das Verschieben der wirklichen Probleme auf 'später' ist die exakte Wiederholung des Oslo-Konzeptes. Jerusalem, die Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge, die Siedlungsfrage - all diese heiklen Punkte werden nicht sofort in Angriff genommen, weil man wieder erst einmal 'vertrauensbildende Maßnahmen' schaffen will. Dabei könnte nur die Lösung der Kernfragen Vertrauen schaffen.

Gustav Seibt erinnert an den 6. Juni 1983, als der Spiegel mit seiner Titelgeschichte Aids offiziell machte. "Eine Zeitlang schien alles möglich - das Vertrauen in den deutschen Rechtsstaat war gering bei den Jüngeren damals -, und die Hysterieanfälligkeit fand hier ihre plausibelsten Anlässe - auf allen Seiten: bei christlichen Politikern, die das 'Ausdünnen von Randgruppen' durch erhöhte Sterblichkeit begrüßten, aber auch bei 'Betroffenen', die jede rationale Erörterung ihres Verhaltens als Angriff auf ihre persönliche Freiheit ablehnten. Man übertreibt kaum, wenn man feststellt, dass in Deutschland Mitte der achtziger Jahre die Gefahr eines medizinischen Bürgerkriegs zwischen der Mehrheitsgesellschaft und den Randgruppen drohte: Seuchenpolizei gegen Untergrund."

Weitere Artikel: Fritz Göttler ist ausgesprochen unzufrieden mit der momentanen Filmförderungspolitik: "Christina Weiss macht es sich leichter - es ist sinnvoller, erklärt sie, weniger Filme stärker zu fördern -, auch wenn experimentelle Arbeiten weiterhin ihre Chancen haben müssten. Die Logik, die in dieser Aussage steckt, ist grausam, unsinnig und überholt." Lothar Müller fragt sich, was es zu bedeuten hat, dass der Handschlag in der Politik immer attraktiver wird, während er in der Ökonomie durch den Mausklick längst entbehrlich geworden ist. Stefan Koldehoff meldet bedauernd, dass das Bonner Kunstmuseum das (geliehene) Gerhard-Richter-Gemälde "Madrid" verliert. Karl Bruckmaier stellt für den Tournee-Auftakt der Rolling Stones in Deutschland fest: "Bäuchlein, Halbglatze, Orangenhaut rules", und zwar auf der Bühne wie davor. Andreas Höll befasst sich mit dem schizophrenen Künstler und Erfinder Karl Hans Janke, dem das Künstlerhaus Bethanien in Berlin eine Ausstellung widmet. Martin Schröder schreibt einen Nachruf auf den Typografen Hans Peter Wilberg.

Besprochen werden zwei große Fotografie -Schauen in den Londoner Tate-Galerien ("Cruel and tender" in der Modern, Wolfgang Tillmans in der Britain), Helmut Lachenmanns Andersen-Oper "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" bei den Wiener Festwochen, das Stück "Plattform" nach Michel Houellebecq am Schauspiel Hannover, der Auftakt der Reihe "Century of Song" bei der Ruhrtriennale, eine Ausstellung von mittelalterlichen Handschriften in der Bayerischen Staatsbibliothek

Und Bücher, darunter Juri Rytscheus Version der Tschuktschen-Saga "Der letzte Schamane" sowie Oliver Hochadels Studie zu Elektrizität und Aufklärung "Öffentliche Wissenschaft" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Medienseite meldet Andrian Kreye, dass die beiden Chefredakteure der New York Times nach der Affäre um den Journalisten Jayson Blair und anderen Fälschungen ihren Rücktritt eingereicht haben. So meldet's auch die Times auf ihrer Homepage: "Times's 2 Top Editors Resign After Furor on Writer's Fraud".

TAZ, 06.06.2003

Diedrich Diederichsen schreibt eine schöne Hommage auf Martin Kippenberger, der - zu Lebzeiten ein ständiges Ärgernis - in der kommenden Woche vom deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig präsentiert wird. "Ein Kippenberger, der einfach nur malen konnte, war es jedenfalls nicht, der uns all die Jahre prächtig unterhalten, intellektuell überrascht und heillos genervt hat. Was von ihm jetzt zu bleiben schien, war ein reichhaltiges, buntes, komplexes, hochintelligentes und stumpfsinnig groteskes Werk, mit dem man endlich ästhetische Erfahrungen machen konnte, ohne ständig von den Einmischungen ihres Urhebers sich irritieren lassen zu müssen. Der konnte also malen (denken, konzipieren, lesen, wissen etc.). Aber zu Lebzeiten hatte er dafür gesorgt, dass dies nur im Präteritum gesagt werden konnte." (Hier einige Links zum "Phänomen Martin Kippenberger" und ein Interview mit seiner Galeristin Bärbel Grässlin.)

Von einem Bürgerkrieg im Irak kann keine Rede sein, ebenso wenig von apokalyptischen Schockwellen in den arabischen und muslimischen Ländern, stellt der libanesische Autor Selim Nassib fest: "Allen Kassandrarufen zum Trotz kann Präsident Bush Sieg rufen: Er hat seinen Krieg geführt, so wie er wollte, und er hat ihn gewonnen." Zufrieden könne Bush dennoch nicht sein, meint Nassib: "Die Mehrheit der Araber räumt ein, dass der Sturz der Diktatur an sich eine gute Sache ist. Sie lieben die Freiheit, denn davon haben sie niemals gekostet. Doch in der Art, wie Bush handelt, zwingt der amerikanische Präsident sie in ein Gefühl der Erniedrigung, der Verbitterung und wiederkehrenden Wut, die der Kern ihres Vorstellungssystems sind, ja die Krankheit, die ihnen den Zugang zur Welt versperrt."

Besprochen werden die beiden Filme "Ganz und gar" von Marco Kreuzpaintner und "Sophiiiie!" von Michael Hofmann, in denen Manfred Hermes einen "krassen Film-Naturalismus voller rückwärtsgewandter Moral" erkennen will, die Kasseler Comicmesse Caricatura, die erhellenden Einblick in die Welt des Essener Comicpop-Zeichners Jamiri gibt, eine 24-teilige CD-Box über "die Industrial-Legende" Throbbing Gristle sowie ein elektronischer Remix von Claude Debussy.

Und schließlich Tom.

FR, 06.06.2003

In Österreich kündigt sich ein Kulturkampf an. Die rechtskonservative Regierung, die in Kulturkreisen eh nichts zu verlieren hat, hat den Wiener Festwochen die (eher symbolischen) Subventionen gestrichen. Der Schriftsteller Robert Menasse (mehr hiermeint dazu im Gespräch mit Stephan Hilpold: "Es ist undenkbar, dass eine nächste Regierung Volkstanzgruppen, Gasthaustheater in der Provinz und ähnliches mit dem Geld, das man den Wiener Festwochen weggenommen hat, subventionieren wird. Unter einer anderen Regierung werden die Feuerwehrkapellen eben wieder ein paar tausend Euro weniger haben, und die Trachtenvereine werden, wie das früher der Fall war, ihre Trachten eben wieder selber nähen müssen. Die Provinz wird jetzt darauf programmiert, wieder vaterländisch faschistoid zu sein, heute voll Triumph, morgen voller Hass gegenüber dem Urbanen. Dieser programmierte Hass nach dem nächsten Regierungswechsel wird der billige Triumph dieser Regierung sein. Österreich normalisiert sich, aber die Regierung legt vorsorglich einige Aborigenes-Reservate an."

Peter Michalzik schreibt zum Tod von Jürgen Möllemann: "Vielleicht hatte er auch eine verletzliche Seite. Es gab in den letzten Jahren Situationen, wo er deutlich beleidigt reagierte. Man wusste dabei allerdings nie, ob er nur die Gunst der Stunde nutzte, indem er sich mit nachvollziehbaren Reaktionen als normaler Mensch in Szene setzen konnte und also auch in solchen Momenten weiter an seinem öffentlichen Bild bastelte, oder ob er wirklich verletzt war. Sicher dagegen war: Die riskante, immer vom Absturz in die Geschmacklosigkeit bedrohte Figur, die Möllemann immer wieder abgab, war seine eigentliche politische Statur. Und das Fallschirmspringen, gern auch in blau-gelber Parteimontur, war deren sichtbarster Ausdruck."

Weitere Artikel: Martin Altmeyer berichtet von einer Stuttgarter Tagung zur Psychoanalyse, die sich mit der Frage beschäftigte, wann eine Therapie eigentlich abgeschlossen ist. Christian Schlüter bemerkt in der Kolumne Times mager, dass das Habermas'sche Kontinentalsubstrat auch nicht bei den anstehenden Fragen weiterhilft, etwa wie man dem Kongo helfen könnte.

Besprochen werden Corinna von Rads Inszenierung von Thomas Braschs "Mercedes" in Frankfurt, die in München gestartete Europa-Tournee der Rolling Stones, Michael Hoffmanns auf den Dogma-Spuren wandelnder Film "Sophiiiie", die Jubiläumsausgabe der Lyrikzeitschrift "Zwischen den Zeilen" und die Industrialisierungs-Schau im Sächsischen Industriemuseum Chemnitz.

Und Politische Bücher, darunter Anatolij Pristawkins Bericht über seine Arbeit für die russische Begnadigungskommission "Ich flehe um Hinrichtung", Wilhelm Heitmeyers Untersuchung der "Deutschen Zustände" und Mark Hertsgaards USA-Profil "Im Schatten des Sternenbanners" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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NZZ, 06.06.2003

In der NZZ porträtiert Michael Ostheimer heute den chinesischen Arbeiter Lei Feng, einen mythischen Helden der Arbeiterklasse in China. Im Westen nahezu unbekannt, ist Lei Chinas bekanntestes Symbol der Opferbereitschaft und steht ferner für die Tugenden Fleiß und Sparsamkeit sowie Gutherzigkeit und Patriotismus. Seine Tagebücher wurden in den sechziger Jahren verlegt und rangierten lange Zeit direkt hinter der Mao-Bibel. Verwundert ist Ostheimer über die Anpassung des Helden an die neue Zeit. Seien es früher die kommunistischen ideale würden "von der staatlichen Presse seit kurzem Privatunternehmer, die Geld für das Gemeinwohl gespendet oder auch einfach nur Arbeitsplätze geschaffen haben, als 'Vorbilder für das Lernen von Lei Feng' lanciert."

Paul Jandl gratuliert dem Grazer Droschl-Verlag zum 25.und schreibt: "Erweckungserlebnisse gehen seltsame Wege, und manchmal fahren sie Bahn. Ende der siebziger Jahre führt Max Droschl eine Galerie in Graz, und weil er Günter Grass als bildenden Künstler schätzt, lädt er ihn zu einer Lesung in die Stadt an der Mur. Die letzten Kilometer sitzt man gemeinsam im Zug, man kommt ins Gespräch und Maximilian Droschl bald mit den Lesern ins Geschäft. 1978 gründet er den Droschl-Verlag."

Weitere Themen: Derek Weber schreibt zum Abschied Dominique Menthas an der Wiener Volksoper: "Wer erwartet hatte, dass Dominique Mentha bei seiner letzten Inszenierung als Direktor der Wiener Volksoper mit spektakulären, vielleicht gar anspielungsreichen Gags aufwarten würde, sah sich - einmal mehr - getäuscht." Ansonsten heute Besprechungen, so von der Ausstellung "The Art of Structural Design. A Swiss Legacy" im Princeton University Art Museum und der Ausstellung "Idee Europa" im Deutschen Historischen Museum in Berlin.

In der Filmbeilage gibt es heute ein Interview mit dem Filmautor Takeshi Kitano in dem er sich zu Japan, den Schatten Kurosawas und seinem Film "Dolls" äußert.

FAZ, 06.06.2003

Der Europaabgeordnete und CDU-Politiker Armin Laschet überlegt, mit wem die CDU Reformpläne für Deutschland am besten durchsetzen könnte, und kommt zu dem Schluss: Es sind die Grünen. Da trifft es sich gut, dass gerade ein Platz zum Ausprobieren frei wird: "Die grüne Bundespolitik drängt seit langem darauf, bei den Renten- und Gesundheitsreformen, in der Haushalts- und Finanzpolitik mutiger zu sein als der letzte SPD-Sonderparteitag. Die grüne Landespolitik in Düsseldorf drängt seit langem auf einen Abschied von Kohle-Subventionen und unsinnigen Prestigeprojekten. CDU und FDP sollten gemeinsam den Grünen anbieten, in einer 'mittelgroßen Koalition' dieses wichtige Bundesland zu erneuern."

Weitere Artikel: Gina Thomas wundert sich über die Londoner, die fast so viel Miete zahlen, wie sie verdienen, und trotzdem noch teure Restaurants und die Oper besuchen. Jordan Mejias kann sich für keins der New Yorker Theaterstücke begeistern, die für den Tony vorgeschlagen wurden. Joseph Croitoru hat israelische und arabische Zeitungen zur Friedensinitiative George W. Bushs gelesen: Keiner glaubt daran. Henning Ritter gratuliert dem Ethnologen Hans Peter Duerr zum Sechzigsten.

Auf der Medienseite berichtet Michael Handfeld, dass Kirch Media und Haim Saban sich schon wieder getrennt haben. Auf der letzten Seite porträtiert Dietmar Polaczek den italienisch-stämmigen Amerikaner Antonio Meucci (mehr hier, hier und hier), der das Telefon erfunden hat - vor Bell! Robert Spaemann versichert uns, dass die Tridentinische Liturgie in Rom nicht länger unter Quarantäne steht. Christoph Albrecht denkt darüber nach, warum die europäische Friedensmission im Kongo ausgerechnet "Operation Artemis" heißt.

Besprochen werden das Konzert der Rolling Stones in München, eine Ausstellung mit Porträts von Friedrich von Amerling im Wiener Belvedere, Danny Boyles Horrorfilm "28 Days Later", eine Gerhard-Merz-Ausstellung im Kunsthaus Bregenz und Bücher, darunter eine Biografie über Lorenz "den Prächtigen" und eine Sozialgeschichte des englischen Arbeitsrechts (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).