Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.04.2003. "Der Spuk ist vorbei, die Tragikomödie ausgespielt. Doch der Schrecken sitzt tief", schreibt die FR nach dem Ende des Kriegs um die Demokratie bei der Frankfurter Buchmesse. In der Zeit erklärt der Stadtsoziologe Mike Davis die "netzwerkzentrierte Kriegsführung". In der NZZ warnt Gilles Kepel die USA vor der "Sünde der Arroganz". Die FAZ wendet sich gegen das neue Urherberrecht, will die ganzen Bücher aber trotzdem nicht lesen.

NZZ, 10.04.2003

Beat Stauffer spricht mit dem Islamismusexperten und Buchautoren ("Das Schwarzbuch des Dschihad") Gilles Kepel über den Dschihad, religiösen Fundamentalismus und die Diskreditierung universeller Werte: "Je länger der Krieg dauert, je häufiger Bilder auf den Bildschirmen erscheinen, die die USA diskreditieren und sie mit Kolonialismus in Verbindung bringen, desto mehr wird es der islamistischen Bewegung gelingen, sich zusammenzuschließen... Ich habe den Eindruck, dass die 'Falken' im Pentagon ein wenig Zauberlehrling gespielt haben, dass sie das Ganze als 'Kinderspiel' betrachtet haben und jetzt feststellen müssen, dass sie ihre Spielzeuge zerbrochen haben. Sie haben die Uno und einen großen Teil der amerikanischen Beziehungsnetze (auch der Wirtschaft) in der arabischen Welt kaputtgemacht, weil sie hofften, dank einem 'Blitzkrieg' sich Saddams zu entledigen und die arabische Welt den Affront bezahlen zu lassen, den bin Ladin gegenüber den USA begangen hat. Zusammengefasst: Die Verantwortlichen für diesen Krieg in den USA haben wohl eine kapitale Sünde begangen: die Sünde der Arroganz, welche nicht zuletzt auf der fehlenden Kenntnis der Gesellschaften des Mittleren Ostens beruht. Das könnte sie möglicherweise teuer zu stehen kommen."

Weitere Artikel: Christoph Fellmann erkundet die skandinavische Songwriter-Szene (mehr hier und hier), Marta Kijowska besucht den Leiter des Krakauer Goetheinstituts Stephan Wackwitz und philosophiert über seine neues Werk "Ein unsichtbares Land"
und die Reise an einen unsichtbaren Fleck, Jürg Huber hört die Junge Deutsche Philharmonie bei den Zürcher Klubhaus-Konzerten.

Besprochen werden unter anderem: das zweite Album "Invisible" der polnischen Newcomerin Edyta Gorniak, das Plädoyer des Architekten Ivan Margolius "für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit" von Architekten und Bauingenieuren, ein "Begriffslexikon zur zeitgenössischen Kunst" und Erzählungen: Jörg Matheis abschiedslastiges Debüt "Mono" und Patricia Görgs souveränes "Meer der Ruhe" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr)

Zeit, 10.04.2003

Der Stadtsoziologe Mike Davis ("Casino Zombies") erklärt uns, wie eine Abteilung im Pentagon, angeführt von Andrew Marshall, dem "ehrwürdigen Leiter der Forschungs- und Technikeinschätzung", mit Hilfe "netzwerkzentrierter Kriegsführung (NCW)" den Zufall ausschalten will. Vorbild für diese Strategie ist der Einzelhandelsriese Wal-Mart. "Damit ist gemeint, dass die Registrierkassen der Filialen die Verkaufsdaten automatisch an die Wal-Mart-Lieferanten übermitteln und der Warenbestand über 'horizontale' Vernetzung statt herkömmlich-hierarchisch von der Zentrale aus geregelt wird ... Im 'Gefechtsraum' würden mobile militärische Akteure - von Computerhackern bis zu Tarnkappenbomberpiloten - die Gegenstücke zu Wal-Marts intelligenten Verkaufsstellen bilden." Für Davis wirft das einige Fragen auf. Zum Beispiel: "Wenn man die ekstatischen Beschreibungen liest, wie zum Beispiel 'Metcalfes Gesetz' Steigerungen der 'Netzwerk-Kraft proportional zum Quadrat der Anzahl von Knotenpunkten' garantiere, fragt man sich, was diese Kriegsperfektionisten in ihren Pentagon-Kellergeschossbüros wohl rauchen."
(Hier der Link zum amerikanischen Originaltext von Davis und zu einem Porträt von Davis bei Radical Urban Theory. Ein Porträt von Andrew Marshall findet sich im American Prospect. Mehr zu NCW/RMA von Major Scott F. Murray, U.S. Air Force in der Military Review, auf der britischen Information Warfare Site und von Bruce Berkowitz beim Hoover Institute.)

Im Interview erklärt der arabische Schriftsteller Elias Khoury ("Der geheimnisvolle Brief"), warum ein "Kampf nicht zwischen den Zivilisationen und Kulturen, nicht zwischen Islam und Christentum, zwischen Ost und West" stattfindet, sondern "zwischen pazifistischen und kriegerischen Denkvorstellungen".

Weitere Artikel: Thomas E. Schmidt grübelt, ob aus der Fusion von Kulturstiftungen des Bundes und der Länder eine neue Nationalkultur entsteht. Jens Jessen wundert sich in der Kolumne überhaupt nicht, dass Fidel Castro fast achtzig Dissidenten verhaften ließ. Thomas Assheuer warnt davor das Völkerrecht zu reformieren, obwohl es vor dem Terrorismus versage. Claus Spahn beschreibt die elektrisierende Wirkung, die Riccardo Chailly als neuer Chef des Leipziger Gewandhauses auf das Orchester hat. Und Claudia Herstatt meldet von der Kunstmesse Köln und der Art Brussels gedämpfte Stimmung wegen des Krieges.

Besprochen werden Andreas Dresens Dokumentarfilm "Herr Wichmann von der CDU" (mehr hier), Züli Aladags Boxerfilm "Elefantenherz" und die Ausstellung des dänischen Malers Vilhelm Hammershoi in der Hamburger Kunsthalle. Thomas Groß, der sich die neue CD von Madonna (homepage) angehört hat, sieht die Popsängerin an europäische Traditionen anknüpfen: "Der (alte) Westen als Korrektur des (neuen) Westens: 'I guess I did it wrong, that's why I wrote this song', singt Madonna im Titelsong. So ähnlich hat Habermas es auch gesagt".

Den Aufmacher im Literaturteil widmet Ullrich Stock Wolfgang Büschers Reisebeschreibung "Berlin - Moskau" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr). Im Dossier liefert Georg Blume eine Reportage aus China, das von der SARS-Epidemie bedroht ist.

SZ, 10.04.2003

Eben noch waren alle gegen den Krieg, jetzt stürzt das Feuilleton mit den Irakern die Saddam-Statuen vom Sockel. Sonja Zekri kommentiert die gestrigen Bilder aus Bagdad so: "Wie in der zerfallenden Sowjetunion, als die Lenins fielen wie die Dominosteine und die hohlen Eisenkolosse zum Sinnbild für das wankende Imperium wurden, wird uns der verbogene Saddam als finale Figur einer selten gewordenen Variante der Machtentfaltung im Gedächtnis bleiben... Die Iraker haben nicht gewartet, bis gesicherte Nachrichten vom Tod des Tyrannen eintrafen - oder auch nur von einem seiner Doppelgänger. Nach dem Sturz seiner Bilder ist das Schicksal des echten Hussein besiegelt, besser noch: Es ist gleichgültig geworden."

Auf der Literaturseite bleibt Ulrich Raulff skeptisch: "So möchten es die Amerikaner sehen. Und ein für alle Mal dieses Bild über ein anderes legen - das Bild von einer erobert-befreiten Stadt, deren gescheiterte Schutzmacht sich mit Hubschraubern von einem Botschaftsdach aus in Sicherheit bringt: Tausche Bagdad gegen Saigon."

Vernichtend fällt die Prognose des libanesischen Dichters und Feuilletonchefs der Tageszeitung As-Safir, Abbas Beydoun, (mehr hier) aus: "Die von amerikanischen Panzern angeführte, demokratische Mission ist durch den Krieg gebrandmarkt, und niemand wird glauben, dass die von Amerika eingesetzten Marionetten eine authentische Regierung bilden können. Niemand wird den Amerikanern vertrauen, jedes ihrer Vorhaben wird mit Misstrauen betrachtet werden... Es ist ein absurder Moment, um gerade jetzt den Traum von der arabischen Einheit neu zu beleben. Mit diesem Traum erwachen Verbitterung, Verzweiflung, Feindschaft und der Wunsch nach Vergeltung und Krieg gegen den Westen und insbesondere die USA."

Weitere Artikel: Petra Steinberger fragt sich, wann die Amerikaner ihren Sieg erklären und was diesen Sieg eigentlich definiert. Willy Winkler befürchtet, dass Bild-Chefredakteur Kai Diekmann schon heute Hand in Hand mit Rudolf Scharping von der Transatlantikbrücke springen könnte: wegen eines Bild-Artikels von Kunstsammler Heinz Berggruen zum 30. Todestag Picassos. In der Code-Orange-Kolumne schreibt Andrian Kreye aus New York über einen sauber gescheitelten Bruce Feiler (mehr hier) und dessen Suche nach den Wurzeln der Weltreligionen. Siggi Weidemann berichtet aus Amsterdam über den Skandal um den ehemaligen Stedelijk-Direktor (und mutmaßlichen Kunstschmuggler) Rudi Fuchs. Tobias Kniebe kündigt die neuen Matrix-Filme an, Sonja Asal schreibt zum Tode der Pariser Althistorikerin und Anthropologin Nicole Loraux, Friedrich Prinz schreibt den Nachruf auf den Münchner Mediävisten und "engagierten Europäer" Ferdinand Seibt (mehr hier).

Besprochen werden Andreas Dresens Film "Herr Wichmann von der CDU" (manchmal auch ein heimlicher Horrorfilm), Peter Howitts Bond-Parodie "Johnny English" mit Rowan Atkinson ("Mr. Bean"), der neue Straub/Huillet-Film "Umiliati", Jonathan Liebesmans Horrorfilm "Darkness Falls" (der den Rezensenten eher wegen seiner schlechten Qualität erschaudern ließ), Tom Kühnels Ingmar-Bergman-Inszenierung der "Szenen einer Ehe" am Theater Basel und Bücher, darunter ein schmaler Fotoband des Düsseldorfer Fotografen Elger Esser über das Cap d-Antifer und den Strand von Eretat, wo er auf Flauberts Spuren wandelte (mehr in der Bücherschau ab 14.00 Uhr).


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FR, 10.04.2003

"Der Spuk ist vorbei, die Tragikomödie ausgespielt", schreibt Ina Hartwig nach der Standort-Entscheidung der Buchmesse für Frankfurt. "Doch der Schrecken sitzt tief. Denn aufgeworfen wurde in dem mit erheblicher, zum Teil beängstigender Energie geführten Kampf für und gegen den Standort Frankfurt so einiges; zum Beispiel die Erkenntnis, dass in wirtschaftlich schwierigen Zeiten leichtfertig mit Traditionen gespielt wird."

Matthias Altenburg (mehr hier) ist als Olympiabewerbungsunterstützer (im Traum?) mit Petra Roth durch Frankfurt geschlendert: "Wir gehen erst mal zu einem echt guten Optiker. Sie kauft mir ein teures Kassengestell, das so aussieht wie jenes, das der Architekt Daniel Libeskind trägt. Kurzer Blick in den Spiegel. Ja, das macht was her. Jetzt bin ich Visionär. Und Frankfurt ist mein Ground Zero. Jetzt wird hier erst mal auf- und abgeräumt. Genau."

Weitere Artikel: Stefan Maus fühlte sich vom 450. Geburtstag Francois Rabelais' zu einem Dramolett inspiriert. Hans-Jürgen Linke berichtet vom Internationalen Musikfestival Tongyeong in Südkorea. Die Kolumne Times Mager sinniert über das neidbedingte Ressentiment sowie das Prinzip Höller, welches sie nun auch von den Amerikanern in Bagdad angewandt fand. Und Ulrich Speck schreibt zum Tod des Historikers Ferdinand Seibt. Auf der Medienseite kommentiert Knut Pries eine wenig Hoffnung stiftende Untersuchung zur Lage auf dem deutschen Zeitungsmarkt, die von Institut für Medien- und Kommunikationasmanagement im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung erstellt wurde.

Besprochen werden Peter Howitts hintergründige Bond-Parodie "Johnny English", die Uraufführung der Video-Ballett-Inszenierung "Counter Phrases" der belgischen Choreografin Anna Teresa de Keersmaeker und des Videokünstlers Thierry de Meyim im Brüsseler Palais des Beaux-Arts.


TAZ, 10.04.2003

Schnellläufer Dieter Baumann (mehr hier) erzählt, wie sein kleiner Sohn die Bilder des Irak-Krieges verarbeitet hat: "Unglücklicherweise sah er in den ersten Tagen des Irakkrieges das Bild eines Soldaten, der hinter einer Mauer kauerte. Weit in der Wüste sah man einige Panzer - oder besser: man erahnte sie -, die Kameraeinstellung war so gewählt, dass man den Eindruck vermittelt bekam, man läge selbst mit der Waffe da, blicke durchs Zielfernrohr und im Fadenkreuz taucht weit in der Wüste ein Panzer - oder etwas, was man dafür halten kann - auf. Ich versuchte meinem Sohn zu erklären, wie furchtbar und schrecklich dieser Krieg, jeder Krieg ist. Menschen werden getötet, Kinder verlieren ihre Eltern. Dann sah man, wie der Soldat eine kleine Rakete abfeuerte, im selben Augenblick verschwand das gepanzerte Fahrzeug in einer Rauchwolke. Später, beim Zu-Bett-Gehen, eröffnete mir das Kind: 'Du Papa, ich werde später mal Soldat.'"

Weitere Artikel: Der libanesische Schriftsteller Selim Nassib kommentiert weiter die Berichterstattung über den Irak-Krieg durch den Nachrichtensender al-Dschasira, der angesichts der neuen Entwicklungen Anarchie und Chaos fürchtet und seine Korrespondenten lieber aus dem Irak abzieht. Cornelia Fleer hat die afghanische Journalistin Jamila Mujahed (mehr hier) zu den Grenzen der staatlichen Medien, Bilderverboten und Frauenrechten befragt.

Besprochen werden Karan Johars Bollywood-Epos der Superlative "Sometimes Happy, Sometimes Sad", das Konzert der Bangles in Berlin, Peter Howitts Bond-Parodie "Johnny English" mit Rowan Atkinson, Züli Aladags Film "Elefantenherz" und Emanuele Crialeses Spielfilm "Lampedusa".

Und schließlich TOM.

FAZ, 10.04.2003

Im neuen Urheberrechtsgesetz (Entwurf als pdf) soll es möglich sein, Bücher kostenlos digital zu kopieren. Vor allem den wissenschaftlichen Verlagen ist mulmig, und Jürgen Kaube versteht ihre Einwände, aber andererseits: "Wer in den letzten Jahrzehnten mitangesehen hat, wie eine Koalition aus Wissenschaftlern, Finanziers von Druckkostenzuschüssen, Fachverlagen und Bibliotheksreferenten dafür gesorgt hat, dass sich auf den Regalen der Universitäts- und Institutsbibliotheken oft im Umkreis von ein paar hundert Metern in Mehrfachexemplaren zahllose Dissertationen, Sammelbände und Reihen ungelesen bleibender Zeitschriften aufgestapelt haben, dem erschließt sich, dass es dabei auf Dauer nicht bleiben konnte." Und die FAZ würde vielleicht mal mehr Krimis besprechen!

Weitere Artikel: Gemeldet wird, dass der Verbleib der Buchmesse in Frankfurt "bei den deutschen Verlagen überwiegend auf Zustimmung gestoßen" sei - als objektive Stimme wird hier zumal der Suhrkamp Verlag zitiert, der von der "einzig richtigen Entscheidung" sprach. Timm Starl schickt einen kenntnisreichen Artikel über die Neupräsentation der fotografischen Sammlung in der Wiener Albertina. Michael Jeismann schreibt zum Tod des Historikers Ferdinand Seibt. Tobias Döring fragt besorgt, ob Heilbronn sein Kleist-Archiv Sembder aus schnöden Spargründen aufgeben wird. Friedrich Niewöhner schreibt zum Tod des Orientalisten Franz Rosenthal. Der Bundestagsabgeordnete Claus Arndt schreibt einen Artikel über die Frage, wie die Einheitlichkeit der Stimmabgabe von Bundesländern im Bundesrat "im Sinne des Artikels 51 GG noch besser gesichert werden" kann.

Auf der Filmseite resümiert Bert Rebhandl eine Retrospektive des Regisseurs Edgar G. Ulmer im Österreichischen Filmmuseum. Auf der letzten Seite fragt Frank Pergande, wie "die neuen Bundesländer mit dem Erbe der DDR-Kunst umgehen". Walter Haubrich porträtiert den kubanischen Dichter Paul Rivero, der auch die kleine Nachrichtenagentur Cuba Press betrieb und zusammen mit vielen anderen kubanischen Journalisten zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Und Christian Schwägerl würdigt die Verdienste des Worldwatch Institute um die Erhaltung unseres Planeten. Auf der Medienseite schildert Michael Hanfeld das Kriegsende aus der Sicht des Fernsehkritikers ("der Krieg läppert aus, er schwindet dahin"). Und Eberhard Rathgeb meldet den geplanten Bau einer Hamburg Media School.

Besprochen werden eine Ernst-Ludwig-Kirchner-Ausstelluing in der Washingtoner National Gallery of Art, das New Yorker Festival "Sounds French", das trotz aktueller politischer Unstimmigkeiten, nicht in den Ausguss gekippt wurde, eine "Götterdämmerung" in Catania, inszeniert von Cesare Lievi, deren Brünnhilde Janice Baird von Dietmar Polaczek nach Bayreuth empfohlen wird, Lawrence Kasdans Verfilmung von Stephen Kings "Dreamcatcher", eine Ausstellung mit Gemälden und Zeichnungen von Carl Frederik Hill in Wien und eine Ausstellung über Indianerfilme aus Ost und West in Frankfurt.