Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.04.2003. In der taz zeigt sich Stephan Wackwitz tief berührt von Rudi Dutschkes fast jesuanischer Kindlichkeit. In der SZ nennt der Historiker Gerd Krumreich die Eroberung Bagdads "historisch". Die FAZ ist sehr erleichtert: Die Frankfurter Buchmesse wird jetzt doch nicht beschädigt. Die NZZ meditiert über die Perspektiven der interaktiven Kunst.

FAZ, 09.04.2003

Die Erleichterung ist dem führenden Frankfurter Institut anzumerken. "Basta!", lautet die Überschrift, "Die Buchmesse bleibt in Frankfurt". "Es ist ja richtig", schreibt Hubert Spiegel, "dass der Standort Frankfurt nicht für alle Zeiten festgeschrieben sein muss. Aber ebenso wenig ist garantiert, dass die größte Buchmesse der Welt auf ewig in Deutschland stattfinden wird. So richtete sich die Kritik an der Umzugsdebatte vor allem gegen die damit verbundene Beschädigung der Messe." Das ist wenigstens mal ein objektiver Standpunkt!

Auf der Medienseite greift Paul Ingendaay ein paar wenig beachtete Vorgänge in Kuba auf: Fidel Castro hat im März 79 Journalisten verhaften und zu Gefängnisstrafen zwischen zehn und 27 Jahren verurteilen lassen. Sie standen der von Jesus Diaz gegründeten Zeitschrift Encuentro nahe, deren Internetausgabe ebenfalls eine wichtige Stimme der demokratischen Opposition ist: "Nirgendwo kann man sich darüber, was zur Zeit in Kuba geschieht, ein genaueres Bild machen als hier. Encuentro en la red liefert den Hintergrund für die brutalste Repression des Castro-Regimes seit Jahrzehnten. Die offensichtlichste Erklärung für die Maßnahmen liegt darin, dass die Weltöffentlichkeit durch den Irak-Krieg in Atem gehalten wird und sich alle Widerstandsenergien in Friedensmärschen und Protesten gegen die Vereinigten Staaten erschöpfen." Danach wird selbstverständlich gegen Castro demonstriert.

Weitere Artikel: Lorenz Jäger fragt im Kommentar nach der völkerrechtlichen Status der Streubomben. Andreas Platthaus kommentiert die Erobererbilder aus Saddam Husseins Badezimmern: "Eine größere Demütigung als die Sichtbarmachung seiner Privatsphäre ist für einen Herrscher kaum denkbar." Niklas Maak weiß, warum die Amerikaner in Bagdad einmarschieren: "In Bagdad .. existieren mehr glänzende Symbole eines amerikafeindlichen Tyrannen als irgendwo sonst auf der Welt." Freddy Langer gratuliert dem Fotografen Rene Burri zum Siebzigsten. Michael Althen gratuliert Jean-Paul Belmondo zum Siebzigsten. Jürgen Kaube zietiert die Iglu-Studie, wonach unsere Jüngsten besser lesen als gedacht. Angelika Heinick liefert Impressionen vom ersten Tag der Versteigerung von Andre Bretons Nachlass. Heinrich Wefing zitiert ein Urteil, wonach das Verbrennen von Kreuzen, wie es der Ku-Klux-Klan praktiziert, nicht unter den Schutz der freien Rede fällt. Der Verleger Helge Malchow wendet sich gegen das Verbot von Maxim Billers Roman "Esra", gegen den zwei türkische Frauen geklagt hatten, weil sie sch in den Hauptfiguren wiedererkannten.

Auf der letzten Seite beschreibt Andreas Rosenfelder, wie Moslems in Deutschland die Kriegsführung im Irak verfolgen. Christian Geyer meditiert über die Aggregatzustände des Ernst-Ludwig Winnacker von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Felicitas von Lovenberg portrtäiert den in Berlin lebenden Pulitzer-Preisträger Jeffrey Eugenides. Auf der Medienseite schreibt Michael Hanfeld zum Tod des Focus-Reporters Christian Liebig. Jürg Altwegg meldet gute Zahlen bei der schweizerischen Ringier-Gruppe. Und Heinrich Wefing nennt die Preisträger der in vielen Kategorien vergebenen Pulitzer-Preise. Zum Pulitzer-Preis für Eugenides präsentieren wir einen kleinen "Link des Tages": "Wer ist Jeffrey Eugenides?" mit Links zu Leseproben, Lesungen, Interviews und Artikeln von und über Eugenides.

Besprochen werden ein Konzert von Stephen Malkmus (ehemals Pavements), Andreas Dresens Dokumentarfilm "Herr Wichmann von der CDU" und eine Ausstellung des Schuhdesigners Manolo Blahnik in London.

FR, 09.04.2003

Auch Harry Nutt kommentiert die Bilder von US-Soldaten im Präsidentenpalast, die "Gesten der Eroberung". "Als Politik der Nadelstiche beschreiben Militärstrategen das Vorgehen der alliierten Streitkräfte und suggerieren, dass der neueste Clou der Kriegsführung weniger durch die Besetzung von Territorien als durch die Okkupation psychologischer Felder erfolgt, ein kick and rush, wie es in der Fußballsprache heißt, der Emotionen. Bagdad wäre demnach kein Kriegsschauplatz, sondern ein umkämpfter Showroom, in dem es um Techniken des Sichtbarmachens und Verbergens geht. Die verlassenen Paläste Saddams verweisen auf die Nacktheit eines Diktators, die es von vornherein zu beweisen galt."

Weitere Artikel: Guido Graf rühmt den amerikanischen Autor Jeffrey Eugenides, der für seinen Roman "Middlesex" mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, als "Tolstoi in Pynchon-Manier". Bei der im Moment eher am Rande geführten Debatte um die Genforschung macht Marcia Pally die interessante Beobachtung, dass sich bei den Gegnern derselben eine starke Identifizierung mit den Embryonalzellen findet. "Wenn wir die Reinheit und Unschuld des Embryos betonen, muss Gleiches auch für uns selbst gelten, denn wir sind aus demselben Stoff. Nicht nur rein und unschuldig, sondern auch gut. Unschuld wird mit Gutsein gleichgesetzt. Und je unschuldiger, desto 'guter'."

Daniel Kothenschulte meint, dass die von Christina Weiss vorgelegte Filmförderungsnovelle trotz richtiger Ansätze auf halber Strecke stehen: "Es kann nicht angehen, dass Anleger in internationale Produktionsfonds, aus denen ominöse Genresuppen für Videotheken gekocht werden, besser dastehen als Produzenten deutscher Kinofilme. Man muss also Kunst und Kommerz radikal fördern; das diffuse Dazwischen ist das Problem."

Lena Lotte Stärk berichtet vom Filmfestival "Femme Totale" in Dortmund. Stephan Hilpold widmet sich dem Wirbel um den Zwettler Nibelungenlied-Fund. Christian Thomas würdigt den dänischen Architekten und Pritzker-Preisträgers Jörn Utzon (mehr hier), der heute 85 Jahre wird. Times mager ruft dem Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft "Sprache in der Politik", der Anglizismen durch Gallizismen ersetzt sehen möchte, ein lautes "Shame on you, Mister President" zu.

Besprochen werden Johannes Leppers Inszenierung von "Dantons Tod" in Moers und Bücher, darunter Herfried Münklers druckfrischer Band "Der neue Golfkrieg" und Klaus Böldls Erzählung "Die fernen Inseln" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

NZZ, 09.04.2003

Dem "Wunder des Prozeduralen" begegnete Peter Kraut auf einer Podiumsdiskussion in Berlin zur Entwicklung der interaktiven Kunst: "Sind die neuen Medien innerhalb der Kunstpraxis vielleicht deshalb so erfolgreich geworden, weil sie die vergangene esoterische Utopie, wonach Kunst und Leben zusammenfallen sollten, zu neuem Leben erwecken? Schließlich operieren sie häufig mit alltäglichen Gegenständen, integrieren den Betrachter und lassen ihn im auratischen Licht des Bildschirms erstrahlen. Was hier entsteht, ist nicht selten das ästhetische Labor gesellschaftlicher Entwicklungen, in Ausnahmefällen sogar eine Vorwegnahme zukünftiger Kommunikationsformen. An der Schnittstelle von industrieller Forschung, privater wie kommerzieller Nutzung und künstlerischer Praxis greift sie leicht und publikumswirksam auf die vielfältigsten Themen zu. Die Kunst kommt so wieder zu ihrem gesellschaftspolitischen Auftrag, und zwar klar und deutlich: Sie kann unsere alltäglichen Lebensformen kommentieren, ironisieren oder ad absurdum führen, wie dies etwa die holländischen Netzkünstler Jodi (mehr hier) tun ..."

Weitere Artikel: Andreas Maurer würdigt zum siebzigsten Geburtstag Jean Paul Belmondos Gesamtwerk: Belmondo erinnert ihn "an jene Heißsporne der Stummfilmzeit, welche die Leinwand bei jedem Auftritt im Sturm eroberten. Nur dass er zwischen den Szenen Camus zu lesen schien." Er war der modernste Rebell und zudem "Inbild des Unglücklichseins und Fatalismus, Inbegriff begeisternder Vitalität." Und Joachim Güntner berichtet über eine geplante Gesetzesänderung zum Urheberrecht, die deutsche Verlage und Regierung entzweien dürfte.

Besprochen werden Renzo Pianos (seine Homepage) Restrukturierung der Morgan Library in Manhattan und jede Menge Bücher, darunter Nicolas Bouvier Abschluss seiner Asien-Trilogie "Japanische Chronik" und eine Biografie über den Revolutionär Georg Kerner (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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TAZ, 09.04.2003

Stephan Wackwitz (mehr hier) zeigt sich nach Lektüre von Rudi Dutschkes Tagebücher "Jeder hat sein Leben ganz zu leben" tief berührt von Dutschkes "fast jesuanischer Kindlichkeit": "Der bubenhafte Vorname; die rebellenhaft herausgewachsene Konfirmandenfrisur; der Ringelpullover... Das Kinderglück im Gesicht des Studentenführers, wie er auf dem legendären Vietnamkongress im Februar 1968 neben seinem Freund Gaston Salvatore (unglaublich gut aussehende junge Männer der eine wie der andere) lachend die Fäuste hochhebt, als habe die E-Jugend des FC Luckenwalde gerade ein Tor geschossen."

Dirk Knipphals vermutet in John Moores Foto von US-Soldaten im Präsidentenpalast von Bagdad eine der künftigen Ikonen dieses Krieges, vergleichbar mit den Rotarmisten auf dem Berliner Reichstag. "Keine heroischen Gesten, kein Pathos. Seltsam leise kommt es daher, bei allem imperialen Bengelgehabe, mit dem sich der Soldat in der Mitte in den Sessel fläzt. Wirkliche Propagandabilder sehen jedenfalls anders aus; dieses hat etwas Dokumentarisches, als hätte der Regisseur nach der eigentlichen Szene noch die Kamera laufen lassen, als erhalte man einen Einblick hinter die Kulissen eines Theaterstücks. So einen Augenblick hatte man von einem Krieg schlicht nicht erwartet."

Selim Nassib ("Stern des Orients") berichtet in seinem TV-Tagebuch über den gestrigen schwarzen Tag für die Medien, bei dem auch ein Mitarbeiter von al-Dschasira ums Leben gekommen ist: "Ein amerikanischer Verantwortlicher arabischer Herkunft erscheint, um dem Sender sein Beileid auszusprechen. "Es ist unmöglich, dass der Schuss gezielt war', unterstreicht er. 'Ich bitte Sie, ziehen Sie keine voreiligen Schlüsse, üben Sie Zurückhaltung!' Der Sprecher kontert, dass es angesichts von drei getroffenen journalistischen Angriffszielen eher an den Amerikanern sei, Zurückhaltung zu üben." Und Tobias Rapp berichtet in seiner Kolumne "last exit brooklyn" vom Graffitikrieg auf der New Yorker Williamsburg Bridge.

Besprochen werden Andreas Dresens Dokumentarfilm "Herr Wichmann von der CDU" sowie die allererste Retrospektive zum Werk des Expressionisten Otto Mueller in der Münchner Hypo-Kunsthalle.

Schließlich Tom.

SZ, 09.04.2003

Der Historiker Gerd Krumreich lässt in der Kommentierung des Kriegsgeschehens erfreulich wenig Routine erkennen. So schildert er zunächst die Angst des Experten vor der Analyse und entschließt sich, die Einnahme Bagdads als beispiellos zu bewerten. "In eine befestigte Großstadt Schneisen zu schlagen und abzuwarten, ist ein Konzept ohne historisches Beispiel und deshalb selbst historisch. Die Alliierten haben auf ihrem Weg Saddams Standbilder an Ketten gehängt und mit ihren Panzern umgerissen: Ein mythischer Akt und als solcher inszeniert. Und die Gegenkraft ist nicht erschienen, niemand hat sich formiert, um dieses Sakrileg zu sühnen. Die Amerikaner, die in Bagdad nichts zu suchen haben außer Saddam und seinen Leuten, haben recht behalten gegenüber der Skepsis des historischen Vergleichs und können deshalb hoffentlich bald wieder nach Hause gehen."

Weitere Artikel: Ein von Ulrich Raulff aus Dichteräußerungen zusammengestelltes "Itinerar für gefallene Despoten" wurde aus unerfindlichen Gründen nicht online gestellt. Andrian Kreye meldet die Gewinner der diesjährigen Pulitzer-Preise, in der Sparte Literatur geht die Auszeichnung an Jeffrey Eugenides für seinen Roman "Middlesex". Die Buchmesse bleibt in Frankfurt, Ijoma Mangold findet, dass sich Buchmessen-Chef Volker Neumann mit den Ergebnissen seines Vehandlungspoker sehen lassen kann. Gottfried Knapp feiert den dänischen Architekten Jörn Utzon (mehr hier), der nach 46 Jahren für seine Oper von Sydney den Nobelpreis der Architektur, den Pritzker-Preis erhält. Gerde Kröncke berichtet von der umstrittenen Versteigerung des Nachlasses von Andre Breton (mehr hier), die nur unter Protest vorgenommen werden konnte ("Euer Geld stinkt nach der Leiche des Poeten."

Zum Siebzigsten gratuliert Fritz Göttler Jean-Paul Belmondo (mehr hier), der zwischen dem Leiden und dem Nichts "natürlich das Nichts" wählte. Das EU-Parlament wird sich heute mit der Kommission über die Genforschung streiten, kündigt Alexander Kissler an. Christopher Schmidt erkennt in den Bildern von US-Soldaten in Saddams Palästen "Dokumente einer Thronbesteigung von großem inszenatorischen Aplomb".

Besprochen werden Lawrence Kasdans Film "Dreamcatcher" nach dem Buch von Stephen King, eine Aufführung von Paul Austers "Stadt aus Glas" am Schauspielhaus Düsseldorf und eine Reihe von CDs: Luc Bondys Inszenieung der "Salome", Johann Paul von Westhoffs Suiten für Violine Solo, Aufnahmen von Paul McCreesh mit der Matthäus-Passion und Simon Rattle mit Beethovens Sinfonien, William Christie mit Rameaus Freimaureroper "Zoroastre" und Bücher, darunter Wilhelm Genazinos Roman "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman", Michael Borgoltes Biografie Europas im Mittelalter, Reinhard Zimmermanns kommentierte Anthologie der Schriften von Kandinsky und eine Soziologie des Essens auf CD (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).