Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.03.2003. Die SZ beklagt den Niedergang der deutschen Kulturlandschaft. In der FAZ plädiert Mario Vargas Llosa gegen den Krieg. Die NZZ schildert die schlimme Lage der Schiiten im Irak. Die FR warnt vor Kinderkult.

FAZ, 03.03.2003

Mario Vargas Llosa, sonst ein großer Freund der USA, plädiert gegen einen Krieg mit dem Irak: "Die von Washington aufgeführten Gründe, um einen bewaffneten Einsatz gegen den Irak zu rechtfertigen, sind schwach und ungenügend. Sie hinterlassen das Gefühl, dass der Irak und Saddam Hussein unter anderen Diktaturen und Tyrannen ausgewählt wurden, eher, um ein Exempel zu statuieren, das die Vereinigten Staaten psychologisch und moralisch für die furchtbaren Attentate, die Erniedrigung und die vielen tausend Tote des 11. September entschädigt, als aus den Gründen, die Präsident Bush und General Powell dem Sicherheitsrat vorlegten, als sie die internationale Gemeinschaft um Unterstützung für den Krieg baten."

Mit dem drohenden Krieg befassen sich außerdem noch ein paar andere Artikel in der heutigen Ausgabe. Tilman Spreckelsen führt ein kurzes Gespräch mit Orhan Pamuk über den türkischen Parlamentsentscheid gegen die Präsenz amerikanischer Truppen. Joseph Hanimann schildert eine unvermutete Innigkeit zwischen den französischen Intellektuellen und ihrem Präsidenten Chirac. Kerstin Holm konstatiert, dass die russischen Intellektuellen schweigen und führt das auf den Kapitalismus zurück: "Die materielle wie kulturelle Massenverwahrlosung dürfte die Basis für eine liberale öffentliche Selbstvergewisserung weiter verkleinern."

Weitere Artikel: Der Historiker Hans-Ulrich Wehler attackiert Nordrhein-Westfalens "üble Schulpolitik". Jordan Mejias fürchtet, dass Daniel Libeskinds Entwurf für das neue World Trade Center kaum so verwirklicht werden wird, wie er auf dem Papier steht. Patrick Bahners sammelt Impressionen vom Bonner Karneval.

Auf der letzten Seite schreibt Dietmar Polaczek ein kleines Profil über Maria Elvira Berlusconi, Tochter des italienischen Zaren, die nun den Mondadori-Verlag führt. Gerhard R. Koch hat ein Cage-Konzert auf der Orgel der Klosterkirche Sankt Burchardi in Halberstadt gehört (hier der Link zum Projekt). Auf der Medienseite schildert Jürg Altwegg Reaktionen der Führungsmannschaft von Le Monde auf ein Enthüllungsbuch über die Geschäftspraktiken der Zeitung (mehr hier) - unter anderem erfährt man, dass die Chefs der Zeitung für ein Gratisblatt Lobbyarbeit betrieben (und sich dafür bezahlen ließen), das der Konkurrenzzeitung Liberation schadete.

Besprochen werden Opernpremieren in Basel und Stuttgart (nämlich "Pelleas und Melisande" und "Die verkauft Braut"), eine Ausstellung des Fotografen Wolfgang Wesener in Berlin, ein Konzert von Aimee Mann in München, Tschechows "Drei Schwestern" im Deutschen Theater Berlin (Gerhard Stadelmaier wünscht dem Regisseur Michael Thalheimer am Ende seiner Kritik, dass "seine Begabung zum Talent reicht").

TAZ, 03.03.2003

Nichts als Rezensionen im taz-Feuilleton, ganze drei an der Zahl: Kolja Mensing hat sich Michael Thalheimers Inszenierung von Tschechows "Drei Schwestern" im Deutschen Theater in Berlin angesehen. Er kann sich nicht so recht anfreunden mit Thalheimers bisher erfolgreicher Art, klassische Werke von mutmaßlich unnützem Ballast zu befreien. Von den drei Schwestern bleibe so "nur die totale Superkrise: Anika Mauer, Isabel Schosnig und Regine Zimmermann schreien als Olga, Mascha und Irina entweder genervt herum oder starren verzweifelt ins Leere, während die Männer in ihrer Umgebung sich streiten, betrinken oder schlagen. Und auf den kahlen, hohen Wänden ist so viel Platz für Projektionen, dass man geradezu erleichtert ist, als schließlich ein grobkörniger Super-Acht-Film darauf zu sehen ist. Kinder spielen im Schnee, toben im Schlafanzug und zuzzeln Spaghettis. Das ist natürlich wahnsinnig kitschig, hilft Michael Thalheimer aber bei seiner verbissenen Beweisführung, dass der sanfte Weltschmerz ins Kino gehört, das Theater dagegen für die harten Seiten der Melancholie zuständig ist."

Auf der Medienseite annonciert Ina Köhler eine arte-Dokumentation über die Zukunft der europäischen Landwirtschaft, während Rainer Braun eine ZDF-Reportage über Krieg und Frieden im vergessenen Kolumbien empfiehlt.

Besprochen werden zwei Bücher über die Verbreitung von rechtsnationalen Ideologien in Rock und Dark Wave und Keith Lovegroves Betrachtung des kulturellen Phänomens der Schönheitskönigin, "Pageant. The Beauty Contest".

Schließlich Tom.

NZZ, 03.03.2003

Wenn das "Wehe den Besiegten" gilt, dann wohl für die Schiiten im Irak, meint Arnold Hottinger. Nicht erst seit Saddam Hussein werden sie unterdrückt, aber von seinem Regime doch besonders brutal. Den "neuen" Irak dürfte dies noch vor erhebliche Probleme stellen, glaubt Hottinger: "Die Niederschlagung des von den Amerikanern im Stich gelassenen schiitischen Aufstandes führte zur größten Verfolgung der irakischen Schiiten, der mindestens 30 000 Personen zum Opfer fielen. 8000 Geistliche wurden aus Najaf vertrieben. Nach den Schiiten ging Saddam zunächst gegen die Kurden vor; die Schiiten waren weiteren Repressalien ausgesetzt, als der Machthaber nach 1993 beschloss, die schilfbewachsenen Sümpfe des irakischen Südens trockenzulegen, weil sie seit Jahrhunderten als Zufluchtsort für Menschen dienten, die vor dem Staat hatten fliehen müssen. Er ließ durch die Armee einen Ableitungskanal graben, der die Sümpfe entwässerte und dem irakischen Staat den Zugriff auf ihre zwischen 200 000 und 400 000 schiitischen Bewohner erlaubte. Sie wurden teils umgebracht, teils in nördliche Dörfer zwangsumgesiedelt."

Weitere Artikel: adm. berichtet, dass im Streit um den Wiederaufbau der Leipziger Paulinerkirche der Leipziger Universitätsrektors Volker Bigl zurückgetreten ist. Ursula Pia Jauch stellt das Archiv der Societe Typographique de Neuchatel, die die europäische Ideenlandschaft im späten 18. Jahrhundert mit dem kühnsten Gedankengut der Zeit versorgt hatte.

Besprochen werden Michael Thalheimers "Drei-Schwestern"-Inszenierung am Deutschen Theater in Berlin ("Weniger Künstlichkeit, mehr Kunst" hätte Barbara Villiger Heilig gern gesehen), eine Aufführung von Debussys "Pelleas et Melisande" im Theater Basel, Mariko Moris fantastische Installation "Wave Ufo" im Kunsthaus Bregenz und das Münchner Rundfunkorchester bei den Klubhaus-Konzerten in der Zürcher Tonhalle.
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FR, 03.03.2003

Der Soziologe Peter Fuchs warnt vor der grassierenden Kinderobsession. Denn wenn Eltern für die Kinder leben und Kinder für die Eltern, hat keiner was davon, so Fuchs. Längst habe sich eine Mythologie der Kindheit ausgebildet, die keiner anzutasten wagt. "Sie sind aus sich herauslaufende Räder, die Frisch-Entdecker der Welt, das quirlige, wahrhaftige Leben schlechthin, gegen das sich das Leben der Erwachsenen als trist, als eintönig, als verkrustet, als durchroutiniert erweist. Sie sind nicht kleine Erwachsene, sondern Personen eigenen Rechtes, die die Welt anders sehen als die Großen, von unten her, wie man im 19. Jahrhundert entdeckt, staunend, offen, bildbar, lärmend und vor allem: spielend. Sie sind schlammbedeckte Lustbringer mit vollen Hosentaschen, die nicht zu lieben, über die nicht zu lächeln, angesichts derer nicht ein warmes Gefühl zu haben oder nicht wenigstens anzudeuten, dass warme Gefühle angebracht sind, nahezu eine soziale Pathologie darstellt."

Weitere Artikel: Harrry Nutt bemerkt fachmännisch, wie Buchmessenchef Volker Neumann mit den erneuten Verhandlungen über einen Umzug der Frankfurter Buchmesse die zweite Eskalationsstufe gezündet hat. Jürgen Roth grübelt in Times mager über ein Schreiben des Karnevalskanzlers und Kanzleiclowns Ronny "McDonald" Koch. Gemeldet wird, dass der Historiker Hans Mommsen (Porträt und Interview) den Holländer Marinus van der Lubbe weiterhin für den alleinigen Verursacher des Reichstagsbrandes von 1933 hält und dass Wilhelm Genazino den Kunstpreis Berlin 2003 erhält.

Auf der Medienseite erklärt Michael Ridder, wie man als Prominenter die Privatsphäre vor der Presse schützt. Während Harry Nutt feststellen muss, dass die "Superstar"-Show ihren eigenen Mechanismen zufolge immer langweiliger wird.

Besprochen werden eine Ausstellung über den Mythos des ersten Medienkanzlers Kardinal Richelieu im Kölner Wallraf-Richartz-Museum, Davis Aldens "Götterdämmerungs"-Inszenierung, die den Münchner "Ring" komplettiert, sowie Michael Thalheimers rotierende Version der "Drei Schwestern" von Tschechow in Berlin.

SZ, 03.03.2003

Die SZ versüßt uns den Montagmorgen mit einer Auflistung zahlloser Beispiele für die massiven Kürzungen der Kulturetats quer durch Deutschland. Der "Niedergang einer Kulturlandschaft" scheint unaufhaltsam. Der Sparreigen geht von Aachen bis Wittenberg, überall wird die Kultur im laufenden Jahr beschnitten werden. Und wenn nicht, dann droht zumindest theoretisch Ungemach, wie im ansonsten mutmaßlich eher beschaulichen thüringischen Mühlhausen. "Obwohl der Kulturetat der Stadt nicht gekürzt worden ist, fehlt es an allen Ecken und Enden. Noch ist unklar, ob das Brunnenhaus diesen Sommer wieder geöffnet wird." Wir merken: Die Lage ist ernst! (Das gilt wohl auch für die Internetredaktionen der Zeitungen. Die SZ war um halb neun jedenfalls noch nicht im Netz, darum keine links heute.)

Auf der Dritten Seite erfahren wir durch Herrmann Unterstöger von einem Konzert der besonderen Art. In Halberstadt in Sachsen-Anhalt wird seit Freitag das längste Orgelstück aller Zeiten aufgeführt, dessen letzter Ton in 639 Jahren verklungen sein wird - wenn dann die Orgel noch steht. Der Komponist John Cage hatte für das Stück das Tempo mit "as slow as possible" angegeben, die Halberstädter nehmen das nahezu wörtlich. Der erste Klang besteht aus den Tönen gis', h' und gis''. "Drei Tasten wurden niedergedrückt und mit Sandsäcken beschwert. Seitdem pfeifen die drei Töne aus sechs Pfeifen vor sich hin, und erst wenn am 5. Juli 2004 die Töne e und e' dazukommen, wird die akkordlich vorderhand unentschiedene kleine Terz in E-Dur aufgehen."

Weitere Artikel: Stefan Koldehoff berichtet, wie amerikanische Museen unter der Angst ihrer Leihgeber leiden, die ihre Bilder derzeit lieber in den Tresoren lassen, als sie in Ausstellungen zu zeigen. Für Helmut Schödel ist nach der Wiener Podiumsdiskussion über die neue Effizienzkultur in der Kunst zumindest eines sicher: "Jetzt gibt es nichts Gutes, außer man tut es."

Auf der Medienseite porträtiert Peter Glotz in der Serie über Vorbilder des Journalismus den "weißen Elefanten" und frühen Vorkämpfer der Ostpolitik Immanuel Birnbaum. Und Edgar Fuchs gießt Kübel voller Hohn über das "blondierte Nachrichtensystem" von RTL aus.

Besprochen werden ein Konzertabend mit James Levine am Pult und Alfred Brendel am Piano in München, Michael Thalheimers Version der "Drei Schwestern" von Tschechow in Berlin, David Aldens und Zubin Mehtas als Konservationskomödie gedeutete "Götterdämmerung" in München, die Uraufführung von Albert Ostermaiers "Katakomben" in Frankfurt, die letzte Premiere von Ulrich Waller und Ulrich Tukur an den Hamburger Kammerspielen, "Les Adieux", eine Wanderausstellung mit Bildern von Stefan Moses, der Film "National Security" von Dennis Dugan, und Bücher, darunter Durs Grünbeins Übersetzung von Senecas Drama "Thyestes", zwei neue Bücher über Stalin und seinen Terror, und Klaus Bednarz' gesammelte Reportagen von seinen Reisen "Östlich der Sonne" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).