Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.01.2003. Die FAZ nennt die "vierhundertsechsundzwanzig Namen der Angst". Die FR bangt um die "Zukunft des Arbeitens und Konsumierens". Die taz nennt mit Granta die besten britischen Nachwuchsautoren. Die SZ fragt: Was machen eigentlich die amerikanischen Liberalen?

FAZ, 07.01.2003

Über zwei Seiten präsentiert die FAZ eine Liste mit den "vierhundertsechsundzwanzig Namen der Angst", wo wir lernen, dass Akerophobie, die "Angst vor der Griesgrämigkeit", etwas ganz anderes ist als die Akrophobie oder Höhenangst. Zeitungsleser auf der Suche nach der zu ihnen passenden Angst weisen wir außerdem auf die Doxophobie oder "Angst vor Meinungsäußerungen oder davor, von anderen gelobt zu werden" sowie die Epistemophobie oder "Angst vor Wissen" hin. Aber da müssen wir durch. Die FAZ entnimmt das nützliche Glossar der "Phobialist" des Fredd Culbertson im Internet. Frank Schirrmacher schreibt in seiner Einleitung: "'La grande peur' - die große Angst -, das war der Leitbegriff für die Zerfallsprozesse der bürgerlichen Gesellschaften, die schließlich zum Ersten Weltkrieg führten. Aus dieser großen Angst sind, begleitet von den Hervorbringungen einer weltlich seelsorgerischen Industrie, unzählige kleine, kleinste, komische und schließlich irrwitzige Ängste geworden."

Heinrich Wefing schildert in einem interessanten Hintergrundartikel die PR-Kampagne, mit der die amerikanische Öffentlichkeit auf den Krieg vorbereitet wird und die so ganz andere Stimmung in den USA: "Sieht man einmal von den Pazifisten der schwächelnden Friedensbewegung und den konservativen Isolationisten um Patrick Buchanan ab, wird Krieg heute in fast allen ideologischen Lagern als Mittel der Politik akzeptiert, angefangen bei Demokraten wie dem mutmaßlichen Präsidentschaftskandidaten Lieberman über die 'liberalen Falken' wie den Publizisten Christopher Hitchens, der spätestens am Valentinstag Champagner in Bagdad trinken will, bis hin zu den idealistischen Advokaten des Erstschlags um Vizepräsident Cheney und den stellvertretenden Verteidigungsminister Wolfowitz." (Wie die nicht-amerikanische Öffentlichkeit auf den Krieg vorbereitet wird - unter anderem mit Hilfe von 15 Schriftstellern - schildert Ute Thon in unserer "Post aus New York".)

Weitere Artikel: Ludwig Harig schreibt zum hundertsten Geburtstag des Dichters Albrecht Haushofer, den Autor der "Moabiter Sonette", die er vor seiner Hinrichtung durch die Nazis in Plötzensee schrieb. Florian Illies stellt anlässlich einer Ausstellung in Frankfurt an der Oder den Jungmaler Norbert Bisky vor ("In den dreißig jeweils mindestens 140 mal 200 Zentimeter großen Leinwänden, die in Frankfurt zu sehen sind, verschleift Bisky weiterhin genüsslich die Jungmännerideale von NSDAP und KPdSU zu einer modernen Einheitspartei, angereichert um die Kompositionen und Verführungstechniken aus den Propagandamaschinen der Reklamewelt.") Joseph Hanimann weist auf einen Artikel Michel Houellebecqs im heutigen Figaro hin, wo sich der Autor mit Lust zu den "neuen Konservativen" bekennt und Intellektuellen wie Alain Finkielkraut an die Seite stellt - den Artikel finden Sie hier. Andreas Kilb verreißt in knappen Worten den neuen Film von Chen Kaige, "Killing me Softly". Gina Thomas schreibt zum Tod des des britischen Reformpolitikers und Biographen Roy Jenkins (hier die Nachrufe in der britischen Presse). Daniel Kletke stellt das Thaw Conservation Center in der Morgan Library und das Sherman Fairchild Center for Works on Paper and Photographic Conservation am Metropolitan Museum vor, die sich mit der Erhaltung von Papier und von Arbeiten auf Papier befassen. Dieter Bartetzko gratuliert der Architekturzeitschrift Baumeister zum hundertjährigen Bestehen.

Auf der letzten Seite stellt Dietmar Dath den Science Fiction-Autor Ted Chiang vor (hier eine ganz schön lange Kurzgeschichte des Autors). Und Jürg Altwegg berichtet über einen an den französischen Unis umzirkulierenden Aufruf, der die EU auffordert ,die wissenschaftlichen Beziehungen zu Israel abzubrechen - gegen ihn formiert sich jetzt Protest. Auf der Medienseite unterrichtet uns Heike Hupertz, dass der von der Rael-Sekte beauftragte Journalist Michael A. Guillen, der die Echtheit des angeblich neulich geklonten Kindes bezeugen sollte, seine Story schon vor Wochen anbot nach einem Bericht der New York Times wollte er dafür 100.000 Dollar haben. Von Souad Mekhennet erfahren wir, wie das arabische Publikum bei Al Dschazira auf die Nachricht vom Klonen reagierte - man macht originellerweise die Zionisten verantwortlich. Ralf Euler kommt auf den Fall des Frankfurter Flugzeugentführers zurück, bei dem sich die Polizei durch den Nachrichtensender NTV helfen ließ.

Besprochen wird die Uraufführung der Theaterversion von A. L. Kennedys Roman "Gleißendes Glück" in Hannover.

FR, 07.01.2003

Instruktiv, wenn auch wenig ermutigend liest sich der Text von Jörg Plath über die "Zukunft des Arbeitens und Konsumierens". Plath berichtet darin unter anderem von einer Tagung des Essener Zukunftsforschungsinstituts Z-punkt, auf dem Unternehmen wie Siemens, Daimler-Chrysler, Karstadt und Hypovereinsbank ihre Zukunftsprognosen vorstellten. "Die Statements sind angesichts der Verdruckstheit politischer Verantwortungsträger erfrischend. Dafür ist natürlich zuvörderst der Berufsoptimismus der Marketingabteilungen verantwortlich (...). Weniger erfrischend ist, dass sich die Wirtschaft unisono von der Vorstellung einer heiteren vierten Lebensphase nach dem Erwerbsleben verabschiedet. Die jetzigen Rentner sollen die Einzigen bleiben, die als junge Alte bei guter Gesundheit sowie genügend Zeit und Geld eigenen Interessen nachgehen können." Na guten Tag!

In seiner Aufarbeitung der Frankfurter Flugereignisse denkt Harry Nutt über die Figur des Stalkers und die "Psychopathologie des Aufmerksamkeitsterrorismus" nach. Der Entführer des Motorseglers allerdings, befindet Nutt, stelle "in der Reihe der Aufmerksamkeitsterroristen schon deshalb eine Ausnahme dar, weil er die eben erst spektakulär erworbene Aufmerksamkeit gar nicht für sich verbucht haben wollte (...)." Sein fliegender Erinnerungsversuch an eine tödlich verunglückte Astronautin sei "küchenpsychologisch" als die "symbolische Verschmelzung der Körper mittels explodierender Fluggeräte" zu verstehen. "Die Anschlagsabsicht war nicht von apokalyptischer Energie getrieben, sondern kreiste um Aufhebungsfantasien."

Weitere Artikel: Michael Schäfer beschäftigt sich mit neuesten Erkenntnissen der Gedächtnisforschung und bringt in seinem Text mühelos die Neurowissenschaften, den Kaurismäki-Film "Der Mann ohne Vergangenheit" und den Phänomenologen Edmund Husserl zusammen. Natalia Hantke erzählt, was sie als Petersburgerin 1991 im letzten besetzten Haus von Westberlin erlebte. In der Kolumne Times mager gibt sich "H.K.J." postweihnachtlicher Katerstimmung hin ("Vorbei, vorbei."). Daniel Kothenschulte würdigt schließlich den verstorbenen Kameramann Conrad Hall.

Besprochen wird die Inszenierung von Lessings "Nathan der Weise" in Mannheim, vorgestellt werden außerdem eine Ausstellung über Aids in Afrika in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst Berlin und eine Schau im Landesmuseum Münster über den "Aufbruch Westfalens in die Moderne".

TAZ, 07.01.2003

Christiane Zschirnt stellt die britische Literaturzeitschrift "Granta" (hier) vor, die alle zehn Jahre und nun gerade zum dritten Mal die 20 besten Nachwuchsautoren bestimmt. "Seit die Top 20 der Literatur 1983 eingeführt wurde, ist sie zu einer umstrittenen, wenn auch prestigeträchtigen Institution des englischen Literaturbetriebs geworden. Zwar reicht ihr Renommee längst nicht an das Ansehen des Booker Prize heran (...). Doch die Auserwählten der diesjährigen Granta-Liste werden in wenigen Wochen das Gütesiegel 'Best of?' auf den Schutzumschlägen ihrer Bücher führen." Eine gute Nase hat das Magazin bisher schon bestens bewiesen, auf den Listen standen "sagenhafte Begabungen" wie Julian Barnes, Ian McEwan, Salman Rushdie, Hanif Kureishi und Esther Freud. Für die jetzt Nominierten - dazu gehören Monica Ali, Zadie Smith, Sarah Waters, A. L. Kennedy, Hari Kunzru, David Mitchell und Andrew O'Hagan - gilt: "Bewährung in der Zukunft". Die Liste hat in der englischsprachigen Öffentlichkeit großes Aufsehen erregt. Hier Links zu britischen, aber auch indischen Reaktionen.

In der Debatte um den türkischen EU-Beitritt offenbarte sich für Robert Misik ein" Selbstverständnis aus dem 19. Jahrhundert". Die Europäische Union, so seine These, solle "zum christlichen Zitadellenstaat gegen den Islam aufgerüstet werden". "Auf dem Rücken der Kultur schleicht sich eine seltsame Religiosität in den europäischen Diskurs. Europa hat in den vergangenen Wochen sein ganz Anderes entdeckt: den Islam. Ein wachsendes Segment europäischer Intellektueller wirft sich an die Front des 'Clash of Civilizations' - wie imaginiert die auch immer sein mag. Egal, ob es sich um die terroristische Bedrohung westlicher Metropolen durch islamistische Sekten handelt oder um den Drang der Türkei in die Europäische Union - in den Feuilletons wird fleißig an der Zitadelle gemauert."

Unterm Strich wird übrigens gemeldet, dass Wolfgang Petersen ("Das Boot") der Welt sein neuestes Projekt verriet: die Verfilmung der "Ilias", mit Brad Pitt als Achilles.

Ansonsten viele Besprechungen. Neben der Uraufführung von "Gleißendes Glück" nach dem Roman von A. L. Kennedy im Schauspiel Hannover werden vor allem Bücher gewürdigt. Unter anderem zwei Publikationen zur Aufarbeitung der 68er: das Porträt "einer rebellischen Frauengeneration" und Uwe Wesels Bestandsaufnahme der "verspielten Revolution", ein Reader zur "Kultur- und Mediengeschichte der Stimme" und Georg Kleins Erzählungsband "Von den Deutschen" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und hier TOM.
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SZ, 07.01.2003

Im Aufmacher stellt sich Andrian Kreye die Frage, was eigentlich aus den amerikanischen Liberalen geworden ist, deren "Vordenker derzeit in Scharen ins Lager der Kriegstreiber desertieren". Als einen der Gründe führt er an: "Die Identitätskrise der Liberalen hat der Friedensbewegung inzwischen weitgehend den intellektuellen und akademischen Boden entzogen. Viele liberale Kriegsgegner ziehen sich zurück, weil sie mit den Friedensposern aus Hollywood und den linksradikalen Anachronismen nichts zu tun haben wollen. Wer kann es ihnen verdenken? Sean Penns Kettenraucherauftritte an der Seite irakischer Würdenträger kommentierte selbst die Nachrichtenagentur der Antiglobalisierungsbewegung Indymedia.org mit der Schlagzeile 'Nützlicher Idiot'."

Weitere Artikel: In Frankfurt belauschte Christian Kortmann das nur maßvoll panische "Premierenpublikum" des "Trittbrettfliegers" ("Der arme Mann, vielleicht hat er sich nur verflogen."). Carlo Gentile erklärt, weshalb das Massaker von Marzabotto 1944 ein gezieltes Tötungsunternehmen und kein spontaner Gewaltexzess war. Gerhard Matzig fragt sich, ob "eine gute architektonische Ware auch schon eine gute, wahre Architektur" ist. Volker Breidecker resümiert einen Vortrag des römischen Philosophen Angelo Bolaffi über den medialen Neopopulismus von Berlusconi und den "Jargon der Antipolitik". Fritz Göttler schreibt einen Nachruf auf den amerikanischen Kameramann Conrad Hall (u.a. "Fat City", "American Beauty"). In der Kolumne Zwischenzeit beklagt Claus Heinrich Meyer anlässlich der Münchner Stefan Moses-Retrospektive (mehr hier) den allmählichen "Abschied" von der guten alten Schwarz-weiß-Fotografie. Und "skoh" berichtet vom vorläufig glücklichen Ende im Rechtsstreit der Unicef um die ihr zugeeignete Kunstsammlung Gustav Rau.

Besprochen werden Lessings "Nathan" und Einar Schleefs "Zigaretten", beide am Mannheimer Nationaltheater, Tina Laniks Inszenierung von Fausto Paravidinos Stück "Peanuts" im Haus der Kunst in München, der Film "8 Mile" mit Eminem und viele Bücher, darunter "Zeugnisse alltäglichen Leidens", die Günter Grass, Daniela Dahn und Johano Strasser "In einem reichen Land" gesammelt haben, ein Band zum Thema Bildersturm und Protestantismus, ein Essay von Günter Sautter über politische Entropie beziehungsweise das "Denken zwischen Mauerfall und dem 11. September" und eine Untersuchung über DDR-Fremdarbeiter aus Mozambique (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

NZZ, 07.01.2003

Kurz nach neun wurde die NZZ dann doch noch ins Netz gestellt. Hier in aller Kürze Links auf die Artikel.

Anne Huffschmid begibt sich in Mexico-City auf die Suche nach der verlorenen Kultur der Indios : "Ein Zehntel der 100 Millionen Mexikaner ist laut offiziellen Statistiken indigener Herkunft, eine halbe Million davon lebt im Einzugsgebiet von Mexiko-Stadt. Woran aber erkennt man den modernen Indio im urbanen Getümmel? Am Äußeren wohl kaum. Fast alle Gesichter im Mestizenland schimmern in einem der unzähligen Goldbrauntöne ihrer urmexikanischen Vorfahren. Auch an bestickten Blusen und geflochtenen Zöpfen erkennt man heute eher Studenten oder solidarische Aktivisten. Bleibt als gängiges Kriterium die Sprache - also der Versuch herauszuhören, ob das Spanische Mutter- oder später gelernte Sprache ist. 62 Indio-Idiome sind im ganzen Lande registriert, mehr als die Hälfte davon werden in der Hauptstadt gesprochen."

Weitere Artikel: Jörg Restorff stellt das Frankfurter Museum für Moderne Kunst unter seinem neuen Direktor Udo Kittelmann vor. Angelika Overath schreibt zum 100. Geburtstag von Albrecht Haushofer. Bernhard Dotzler feiert die CD-Rom als Alternative zum Buch. Besprochen werden eine Ausstellung von Meisterwerken der Textilkunst aus den "legendären Sammlungen" von Leopold Ikle in Sankt Gallen, Bertrand Taverniers Film "Laissez passer" und einige Bücher, darunter die Lebenserinnerungen von Mourad Kusserow und Paul Ricoeurs Werk über "Die religiöse Kraft des Atheismus".