Zum einzigen Ergebnis weitergeleitet

Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.11.2002. Die Zeit hat ein großes neues Ding in New York entdeckt: Antifolk. Die FAZ verzweifelt am österreichischen Wahlkampf: alles nur Sport und Spiel im Legoland. Die NZZ denkt über Ulrike Meinhofs Gehirn nach. Die FR sucht nach dem Sinn rot-grüner Regierungsbeschlüsse. Die SZ beschreibt die wohltuende Auswirkung der öffentlichen Mittelknappheit für die deutsche Physik.

Zeit, 14.11.2002

Ein ganz großes Ding entsteht zur Zeit im New Yorker East Village, meldet Thomas Groß in einer Reportage vom Ort des Geschehens, "eine neue Boheme, eine Sammlungsbewegung der Unangepassten". Sie nennt sich Antifolk und besteht darin, dass man mit ungekämmten Haaren zur akustischen Gitarre singt: "Das technisch Gelungene des Vortrags ist nicht alles, im Gegenteil. Mit Applaus belohnt wird der Mut, es hinter sich zu lassen", resümiert Groß, nachdem er einigen Auftritten von Antifolksängern im Sidewalk Cafe zugehört hat. Und da ist viel Potenzial: "Die umjubelte Europatournee der im Village groß gewordenen Moldy Peaches bezeugt eine wachsende Nachfrage nach Leuten, die in Bunny-Schlafanzügen Parolen durch Megafone brüllen."

Abgedruckt wird die Rede Götz Alys (mehr hier und hier) zum Jahrestag der "Reichskristallnacht" in der Frankfurter Paulskirche. Wieder geht's dem Historiker um die Frage, wer von den Enteignungen der Juden profitierte. Seine Antwort ist nach wie vor unbequem: "Das jüdische Eigentum in Europa wurde zugunsten fast aller Deutschen sozialisiert. Am Ende hatte jeder Wehrmachtssoldat einen Bruchteil davon in seinem Geldbeutel, jede deutsche Familie Speisen auf ihrem Teller, Kleidungsstücke im Schrank, die zu einem gewissen Teil davon bezahlt waren."

Über die Ressorts hinweg befassen sich drei Artikel mit dem Tod Rudolf Augsteins. Im politischen Teil schreibt Theo Sommer den offiziellen Nachruf. Im Feuilleton konstatiert Thomas Assheuer, dass der Spiegel die Gemütlichkeit der Bonner Republik vermisst, als er das Böse noch in Gestalt Adenauers oder Strauß' personalisieren konnte, während es in Zeiten der Globalisierung gesichtslos daherkommt: "Im Großen und Ganzen segelt das Blatt in einem Meer der Ratlosigkeit; aber die anderen tun es in dieser Zeit ja auch." Im Wirtschaftsteil geht's dann zur Sache: Götz Hamann und Kai-Hinrich Renner berichten über handfesten Erbstreit im Hause Augstein. Besonders Stefan Aust wird von den mitbesitzenden Mitarbeitern misstrauisch beäugt, nachdem er - die Kompetenzen der Gesellschafter souverän ignorierend - in seinem Augstein-Nachruf dekretierte, dass es keinen neuen Herausgeber geben soll.

Weiteres im Feuilleton: Jörg Lau fragt sich in der Leitglosse, was hinter personalpolitischen Entscheidungen in der Spitze des Goethe-Instituts stehen mag. Peter Kümmel schreibt zum Tod des Regisseurs Rudolf Noelte. Hanno Rauterberg porträtiert den Kölner Architekten Johannes Schilling. Christof Siemes freut sich, dass Dresden drei Monate nach der Flut wieder leuchtet.

Besprochen werden Monteverdis "L'Orfeo" in Stuttgart, eine Retrospektive des Künstlers Stephan von Huene in München und Aki Kaurismäkis neuer Film "Der Mann ohne Vergangenheit".

Ferner sei darauf hingewiesen, dass der Zeit heute die zweite (immerhin achtzigseitige) Literaturbeilage der Saison beiliegt. Im Aufmacher bespricht Peter Nadas den Roman "Der Schwimmer" von Zsuzsa Bank. Hier das Inhaltsverzeichnis der Beilage.Im politischen Teil finden wir überdies einen Essay des Autors Georg M. Oswald (mehr hier) über das Verhältnis der deutschen Nachkriegsgeneration zu den USA: Er möchte "das Bewusstsein entwickeln, dass wir einer eigenen Tradition folgen, indem wir uns weiterhin an der amerikanischen Kultur orientieren". (Wir werten die gesamte Beilage in den nächsten Tagen aus.)

FAZ, 14.11.2002

Eva Menasse verzweifelt am österreichischen Wahlkampf, bei dem es nur um die Frage zu gehen scheint: "Wer gewinnt?" Als sei alles nur ein "Sport, ein Spiel, nichts Ernstes". Doch "politische Sachthemen sind auch mit der Lupe nicht zu entdecken. Ein Wahlkampf wie in Deutschland, mit all den erbitterten Debatten um Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, Irak-Krise und Zuwanderung wirkt wie die echte, saftige Welt, staunend beobachtet vom friedlich-sicheren Planeten Legoland. Hier in Legoland, wo Politik traditionell eher auf dem spielerischen Parkett der Kultur ausagiert wird, wo sich auch der Bürger und Wähler wie im Theater verhält, als hätte er nämlich bloß zwischen Buhrufen und Applaus die Wahl, verschiebt sich die Auseinandersetzung nun immer weiter ins Unpolitische, in Richtung Seifenoper und Fernsehshow."

Jürgen Kaube sieht Deutschland vor dem Verfall, den Wohlfahrtsstaat gleichzeitig aufgebläht und ruiniert und rechnet deshalb mit Rot-Grün und seiner Sozialpolitik ab: "Zahlen, ohne je etwas dafür zu bekommen; es für Solidarität halten zu sollen, wenn man für dumm verkauft wird; und ständig neue Wahrheiten über die Lügen von gestern akzeptieren - die Rentenreform ist ein riesiger sozialer Intelligenztest."

Weitere Artikel: Kaum ist die Entscheidung für das Berliner Stadtschloss gefallen ist, soll der Palast der Republik wieder eröffnet werden, notiert Mark Siemons: eine stolze Liste von Prominenten von Daniel Barenboim bis Robert Wilson will den Palast wieder für Hoch- und Subkultur genutzt sehen. Andreas Rosenfelder fragt sich, warum die nordrhein-westfälische Bildungsministerin Gabriele Behler gleich zwei Nachfolgerinnen bekommt, von denen gleichermaßen wenig zu erwarten sei. Wenn Macht baut, will sie auch etwas davon haben, schreibt Michael Siebler auf der letzten Seite über die Architektur der Macht. Dietmar Polaczek verfolgt ausnahmsweise einmal amüsiert, wie Italien der Rückkehr des Genfer Autohändlers Vittorio Emanuele di Savoia entgegenfiebert. Und Dietmar Dath porträtiert die Schauspielerin Eliza Dushku.

Zum Kino: Andreas Kilb singt ein Hohelied auf Aki Kaurismäkis neuen Film "Mann ohne Vergangenheit", würde aber noch lieber ein Sonett auf das Gesicht der Hauptdarstellerin Kati Outinen schreiben. Derselbe gratuliert auch dem Regisseur Francesco Rosi zum Achtzigsten. Thomas Rothschild bescheinigt dem Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg, dass es immer noch interessanter irrt, als andere Recht behalten. Dieter Baretzko schreibt einen Nachruf auf die Schauspielerin Käte Jaenicke, die deutsche Giulietta Masina.

Auf der Medien-Seite gibt es noch ein letztes Gespräch mit Gert Westphal, und Jürg Altwegg erklärt, wie und warum Frankreichs Privatsender um die Fußballrechte pokern.

Besprochen werden eine Ausstellung in Madrid über die Verlierer des spanischen Bürgerkriegs, die Schau "Expedition Kunst - Die Entdeckung der Natur von C.D. Friedrich bis Humboldt" in der Hamburger Kunsthalle, Joachim Schlömers "Orfeo"-Inszenierung in Stuttgart sowie Klaus Reicherts Gedichtband "Wär ich ein Seeheld" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 14.11.2002

"Spinnen also, Rassismus, ein Geist im Mädchenklo und ein schlangenartiges Wesen in den Rohren, sowie ein tadellos geföhnter Kenneth Branagh in der Rolle des vor Eitelkeit gebauschten Frauenschwarms Gilderoy Lockheart", schreibt mäßig begeistert Petra Kohse über den Harry Potter-Film und rät "entgegen der Freigabe durch die FSK" Sechsjährigen vom Kinobesuch dringend ab. "To be continued ist des Zaubers Kern, und wer ausreichend innere Beständigkeit vorweisen kann, um an dieser Produktform nicht teilhaben zu müssen, der werfe den ersten Stein."

Weitere Artikel: Dietmar Kammerer erklärt auf der Internetseite, warum das Internet das Wissen der Menschheit zwar auch für breite Bevölkerungsschichten und arme Länder verfügbar macht, die Medien- und Informationsindustrie diesen Reichtum jedoch als ihr privates Eigentum betrachtet, das sie schützen und vermarkten will. Eva Behrend hat in Berlin A.L. Kennedy lesen hören, und Thomas Girst verabschiedet sich nach sieben Jahren von New York.

Besprochen werden Bertrand Bonellos Film "Der Pornograph" mit Jean-Pierre Leaud in der Titelrolle ("bizarrer Rückblick auf die Sexfilmindustrie") und Aki Kaurismäkis neuer Film "Der Mann ohne Vergangenheit"

Und TOM
Anzeige

NZZ, 14.11.2002

Joachim Güntner macht sich Gedanken über die Affäre um das Gehirn Ulrike Meinhoffs. Dabei geht es ihm weniger um die Odyssee des Organes selbst als um die Interpretation der Taten, die dessen Besitzerin begangen hat. So schwankt die öffentliche Diskussion zwischen der Version, dass die Verletzungen des Gehirns keinen entscheidenden Einfluss auf die Handlungen Meinhoffs hatten und der Meinung, dass damit alles erklärt sei: "Gemessen am Reduktionismus einer strikt neuropathologischen Erklärung bleibt die sozialphilosophische Perspektive die allemal eindringlichere. Die Geschichte der RAF müsse im Blick auf das krankhaft veränderte Hirn ihrer Protagonisten umgeschrieben werden? Ergänzt sicherlich. Umgeschrieben wohl kaum."

Hubertus Adam stellt das neue American Folk Art Museum der beiden New Yorker Architekten Tod Williams und Billie Tsien vor. Es steht gleich neben dem Metropolitan Museum of Art (MoMa) in Manhattan und "zählt zu den Marksteinen einer neuen US-Baukultur": "Wahrscheinlich wird das AFAM das Juwel inmitten von Taniguchis architektonisch eher zweitrangiger MoMA-Erweiterung bleiben. Trotz verschiedentlichen Versuchen des großen Nachbarn, dem kleinen, etwas anarchischen Museum ein anderes Grundstück anzubieten, beharrte man auf dem Bauplatz. Welches Glück."

Weitere Artikel: Holger Int'Veld erzählt, warum das Label Buback aus Hamburg trotz Rezession sein fünfzehnjähriges Jubiläum mit zwei neuen CDs feiern kann. Besprochen werden die Oper "Bernarda Albas Haus" in Bern und mehrere Bücher, darunter der Comicstrip "Flaschko - der Mann in der Heizdecke", zwei portugiesische Romane, ein Sammelband über die moderne jüdische Geschichtsschreibung und zwei posthum erschienene Lyrikbände von Thomas Brasch (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 14.11.2002

An ein Bühnenstück fühlt sich Martin Altmeyer angesichts der Regierungsmaßnahmen erinnert: Erst werden sie von der rot-grünen Koalition erörtert, beschlossen, dann wieder verworfen, um zu anderen Erörterungen, Beschlüssen und Verwerfungen zu gelangen, die schließlich die nächste Runde des Durcheinanders einleiten. Aber vielleicht ist das Ganze nur eine "Inszenierung von Dilettanz", fragt er leise hoffend. Vielleicht ist hier in Wirklichkeit eine "durchtriebene Profitruppe" am Werk, "die auf gekonnte Weise Inkompetenz lediglich simuliert? Das Hin und Her, das Hü und Hott - ein bühnenreifes Verwirrspiel mit den Antinomien einer reflexiven Moderne, das Ziel verfolgend, durch Ein- und Widersprüche aus dem Publikum Dynamik in die Sache zu bringen, damit die mal empörten, mal anfeuernden Zurufe sich zu einer kommunikativen Verständigung über den Zustand der Republik entfalten mögen, die in den Konsens über ihre zukunftsträchtige Gestaltung mündet? ... Ach wenn es doch so wäre!"

Für die Medienseite hat Marc Schürmann deutsche Satiremagazine inspiziert und dabei festgestellt: "Ohne die Titanic, kurzum, gäbe es wenig zu lachen."

Weitere Themen: Frauke Hamann plädiert für eine Entrümpelung der Landesstiftungsgesetze, Käthe Trettin gratuliert der Zeitschrift "Die Feministischen Studien" zum 20. Geburtstag, Hans Wolfgang Hoffmann kommentiert Pläne zur Zwischennutzung des Palastes der Republik, die Kolumne "Times Mager" zeigt konservatorische Schwierigkeiten der Pariser beim Umgang mit ihrem fotografischen Kulturerbe auf.

Besprochen werden ein gemeinsames Konzert von Portishead-Sängerin Beth Gibbons und Regisseur David Lynch im Pariser Olympia, Alexander Zemlinskys Einakter "Eine florentinische Tragödie" in Genf und Erich Wolfgang Korngolds "Tote Stadt" in Gera/Altenburg, die von Hans-Klaus Jungheinrich trotz geografischer Distanz der Aufführungen gemeinsam besprochen werden, weil es sich um fast vergessene Kompositionen von Wiener Juden handelt, die von den Nazis in die Emigration gezwungen wurden, Aki Kaurismäkis Film "Der Mann ohne Vergangenheit" und Bücher, darunter Dermot Bolgers Hotel-Roman "Die Versuchung" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 14.11.2002

"Der Leinwand-Blick auf die Straße, wo zuerst die Minister ohne Bodyguards zu ihren Amtssitzen und kurz darauf die Jung-Models zu ihren Agenturen in der Hoffnung auf den nächsten Foto-Shoot vorüberziehen. Der endlose Corso der Autos, der ausgebrannten Augenrand-Ecstasy-Druggies, die aus den Techno-Tempeln auch bei Minustemperaturen im T-Shirt nach Irgendwo ziehen, der Junk-Klamotten-Boutiquen-Jungs, die irgendwann mal als Hippies begannen und jetzt zu beinharten Business-Machos mutierten, des Drogen-Schmuggel- Fußvolks, der Anwälte und der herausgeschminkten Sekretärinnen, die so verloren wirken wie hochgepäppelte Rassehunde auf dem Nuttenstrich. Das Kino, das sich auf dieser Großbild-Leinwand täglich neu formulierte, ersetzte leicht 1000 deutsche Filme der letzten vierzig Jahre," schreibt Eckhard Schmidt über eine untergangene Münchener Institution, die gar kein Kino, sondern ein Cafe war. "Es war cool, das Eiscafe Venezia, das Ende Oktober seine Inszenierung einstellte."

Das öffentliche Mittelknappheit nicht bloß böse Folgen hat, kann man in einem Artikel von Jeanne Rubner lesen: "Zum ersten Mal in der Geschichte der deutschen Physik wird ein Verteilungskampf offen ausgefochten. Schwarz auf weiß ist nachzulesen, welche Geräte geplant sind und welche nach Meinung des Wissenschaftsrates gebaut werden sollen. So viel Demokratie und Offenheit waren bislang in der Wissenschaftspolitik nicht üblich ­- wichtig war es eher, die richtige Lobby in Gang zu setzen. Jetzt müssen die Kontrahenten offen gegeneinander antreten."

Weitere Artikel: Martin Z. Schröder kam kopfschüttelnd aus der Eröffnung der "Hörspielwoche" der ARD in der Berliner Akademie der Künste. Reinhard J. Brembeck hat Angst, dass die Richard-Wagner-Handschriften, die nächste Woche bei Sotheby's versteigert werden, möglicherweise in Japan landen Jürgen Berger beschreibt, wie die Bühnen am Main schon mal ihren Selbstmord durchkalkulieren. Sonja Zekri berichtet vom chirurgischen Bücherklau in drei verschiedenen St. Petersburger Bibliotheken, dem unter anderen eine Erstausgabe von Isaac Newtons Hauptwerk "Philosophiae naturalis principia mathematica" (London 1687) zum Opfer fiel. Tobias Timm stellt die Interim-Nutzungsvorschlägen für den entkernten Berliner Palast der Republik vor. Rainer Gansera hat sich mit Hans-Christian Schmid über seinen neuen Film "Lichter" unterhalten.

Besprochen werden die Austellung des Ernst-Bloch-Nachlasses im Ludwigshafener Ernst-Bloch-Zentrum, Aki Kaurismäkis in Cannes mit dem Preis der Großen Jury ausgezeichneter Film "Der Mann ohne Vergangenheit", die Uhren-Ausstellung "Alle Zeit der Welt" im Mannheimer Landesmuseum für Technik und Arbeit, eine Franz-Xaver-Messerschmidt-Ausstellung im Wiener Belvedere und Bücher, darunter Rui Nogueiras Buch über den Regisseur Jean-Pierre Melville und Peter Ackroyds London-Biografie (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).