Zsuzsa Bank

Der Schwimmer

Roman
Cover: Der Schwimmer
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002
ISBN 9783100052209
Gebunden, 285 Seiten, 18,90 EUR

Klappentext

Ungarn 1956: Die Panzer rollen, der Aufstand schlägt fehl, die Hoffnung scheitert, dass die Welt eine andere hätte werden können. Ohne ein Wort verlässt Katalin ihre Familie und flüchtet über die Grenze in den Westen. Ihr Mann verkauft Haus und Hof und zieht fortan mit den Kindern Kata und Isti durch das Land. Während er in Schwermut verfällt, errichten sich Kata und ihr kleiner Bruder Isti ihre eigene Welt: Isti hört, was die Dinge zu erzählen haben - das Haus, die Steine, die Pflanzen, der Schnee -, während Kata den Geschichten der Menschen zuhört, denen sie auf ihrer jahrelangen Reise begegnet. Der genaue Blick der Kinder trifft auf eine Welt, die sie nicht verstehen. Nur wenn sie am Wasser sind, an Flüssen, an Seen, wenn sie dem Vater zusehen, wie er seine weiten Bahnen zieht und wenn sie selber schwimmen - nur dann finden sie verzauberte Momente der Leichtigkeit und des Glücks. Beide ahnen, dass ihr Leben erst beginnt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 27.11.2002

"Der Schwimmer" ist der kleine Bruder der Erzählerin, verrät Sybille Cramer, der auf den Verlust der Mutter mit Abtauchen, mit Verzicht, am Ende mit Selbstauslöschung reagiert. Die Schwester aber erzählt von ihrem Überleben, der Odyssee mit dem ratlosen Vater durch ganz Ungarn, einer rastlosen Wanderschaft in einem politisch stagnierenden Land hinter dem Eisernen Vorhang. Ohne sich dessen vermutlich überhaupt bewusst zu sein, nimmt Cramer an, greife Bank Christa Wolfs frühen Romantitel "Der geteilte Himmel" auf und weite ihn regelrecht zur Metapher. Bank, die mit "Der Schwimmer" ihr literarisches Debüt bestreitet, erzähle diese Kindheitsgeschichte nicht als Vertreibung aus dem Paradies, erläutert Cramer, sondern setze der Erzählung, der Erinnerung "die Räumlichkeit bruchstückhafter Bilder, den Riss, die Lücke" entgegen. Gerade die Seitenfiguren des Romans gerieten zu regelrechten Stifterfiguren des Überlebens, der Hintergrund trete in den Vordergrund und umgekehrt. Cramer lobt das Kompositionsprinzip des Romans, der das "Vergessen als Bedingung der Möglichkeit des Erzählens" propagiere und veranschauliche. Ein schönes Debüt, findet Sybille Cramer, wenn auch kulturkonservativ angehaucht, weil es ein so nicht mehr existentes Land als Identitäts- und Erinnerungsraum beschwöre.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 14.11.2002

Mit vielen Superlativen von niemand Geringerem als Peter Nadas wird dieses Buch hier bedacht: ein "herzzerreißender", ein "wunderbarer" Roman, ein "literarisches Novum". Mit "erzählerischem Eigensinn" und "sprachlicher Strenge" wird, so Nadas, hier "eines der bedeutendsten geistigen Probleme der Epoche ins Blickfeld gerückt", nämlich die Spannung zwischen Aufklärung und Postmoderne. Nadas findet in der Geschichte zweier Kinder und ihres von seiner Frau verlassenen Vaters einen "Einblick in das Bewusstsein von Millionen von Flüchtlingen und Emigranten". Und die doppelte oder sogar dreifache Entfremdung der Autorin, die eine ungarische Geschichte auf Deutsch erzählt beziehungsweise sie von mehreren Stimmen erzählen lässt, bewirkt, so Nadas, etwas "Geheimnisvolles" und "Zweideutiges", das zum Kompositionsprinzip des Textes wird und damit jede Sentimentalität verhindert. Alles wird dem "doppelten Blick" unterworfen, die "Differenz von Denken und Fühlen", die der Rezensent jeweils dem Deutschen beziehungsweise Ungarischen zuordnet, führt zu einer Spannung, die einerseits quälend und "auf der anderen Seite das Schöne ist". Ein "großartiger Roman", schwärmt Nadas.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 09.10.2002

Jan Brandt ist nicht gerade begeistert von dieser in Ungarn angesiedelten Geschichte einer auseinanderbrechenden Familie aus der Perspektive eines Kindes. Zwar ist er von Zsuzsa Bánks Erzähltechnik, "Haupt- und Nebenfiguren jeweils für ein Kapitel heranzuzoomen", recht angetan. doch die Umsetzung dieser eigentlich reizvollen Idee lässt in Brandts Augen zu wünschen übrig: Sie "nutzt sich... schnell ab", und "die Figuren kreisen lustlos umeinander herum." Lediglich über die "leise, poetische Sprache" der Autorin, die einen atmosphärisch zur Geschichte passenden "Moll-Sound" erzeugt, verliert der Rezensent ein paar wohlwollende Worte. Aber trotz der Qualitäten des Buches zieht Brandt ein eher negatives Fazit: Allzu eintönig wird ihm die Atmosphäre im Ungarn der fünfziger und sechziger Jahre geschildert - eintöniger als sie gewesen sein können.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.10.2002

Die Rezensentin Marion Löhndorf ist sehr beeindruckt von dem Erstlingsroman der ungarischen Schriftstellerin. Die eher "handlungsarme" Geschichte einer mutterlosen Familie - die Mutter hat Mann und Kinder verlassen -, die ein "Wanderleben" von einem Verwandten zum anderen beginnt, erzählt Zsuzsa Bank "mit der größten Langsamkeit, Präzision und Behutsamkeit", lobt Löhndorf. Da der anwesende Vater immer weniger Notiz von den Kindern nehme, gleiche er bald in seiner Abwesenheit der tatsächlich abwesenden Mutter, die jedoch als "Verlust" im Zentrum der Erzählung stehe. Besonders angetan ist die Rezensentin davon, dass "innere Zustände und äußere Entwicklungen" nicht "etikettiert" werden, "sondern sehr genau beschrieben, meist durch die Schilderung von kleinen, scheinbar unbedeutenden Ereignissen". Auch die zunehmende psychische Erkrankung des kleinen Bruders der Ich-Erzählerin zeichne Bank eher empathisch, so dass sich eine Art Innenperspektive ergebe. Die verschiedenen Kapitel ähneln für die Rezensentin einem Fotoalbum der Verwandten und Zufallsbekanntschaften, und wenn auch die Figuren, nach denen die Kapitel benannt sind, manchmal nur beiläufig auftreten, erhalten sie dadurch eine Bedeutung, die sie sich selbst nicht mehr zugestehen. Hinter den Erinnerungsverknüpfungen tritt die Chronologie zurück, erklärt Löhndorf, die Erinnerung selbst wird aber nur ein einziges - bezeichnendes - Mal thematisiert. Das Fazit der Rezensentin ist eindeutig und geradezu feierlich: Zsuzsa Banks immer "reicher und vielfältiger" werdender Roman ist "ein großes, poetisches Buch der Trauer und des Verlusts".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.09.2002

Ein großartiger Debütroman ist dieses Buch, findet der Rezensent Hans-Peter Kunisch. Vor allem von der Sprache der ungarischen Autorin ist er beeindruckt und scheut sich, dafür eine der herkömmlichen Klassifizierungen zu finden. Ihr Sprachduktus ist "weder altmodisch noch 'zeitgemäß'", sondern einfach nur geprägt von "einem souveränen Gefühl für Rhythmus und Dramaturgie" und "einer außergewöhnlichen sinnlichen Aufmerksamkeit". Zudem beherrscht Zsuzsa Bank nach Meinung des Rezensenten die Kunst der Auslassung. Beispielsweise findet sich im ganzen Buch kein gesprochenes Wort des Vaters der Ich-Erzählerin, und trotzdem hat der Vater ein hohe Präsenz - er wird ganz "unauffällig zur mythischen Figur". Bei allem Schwärmen für dieses Buch vermeidet es Kunisch, die Autorin in "Traditionslinien" einzuordnen, denn "Erstlinge soll man nicht mit Namen begraben", so sein wohlwollendes Fazit dieses Erstlingsromans.
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