Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.10.2002. In der FR fragt Chinua Achebe, warum sich Nord und Süd so schlecht verstehen. In der NZZ erklärt Chinua Achebe, warum die Ibo 'aber' sagen. Die FAZ bringt ein Gespräch zwischen Ilse und Martin Doerry und Cordelia Edvardson über Opfer und Täter im Nationalsozialismus. Die SZ tankt lieber nicht in Washington.

NZZ, 12.10.2002

Uwe Justus Wenzel schildert die "verhaltene Stimmung" auf der Frankfurter Buchmesse. Aber eigentlich macht er sich vor allem Sorgen um die Zeitungen: "Waren die Feuilletons der Journale - die Buchmesse ist auch eine Zeitungsmesse - vor kaum einem Jahrzehnt denn nicht so dünn, wie sie jetzt, insbesondere in Blättern aus Frankfurter Produktion, wieder geworden sind? Und damals ging's doch auch. Einige Seiten weniger machen aus einem Intelligenzblatt keines für Dummköpfe - hoffentlich." Wie meint er das?

Fieber herrscht nach einem Bericht von Markus Jakob in den spanischsprachigen Ländern angesichts der Memoiren von Gabriel Garcia Marquez: "Eine Million Exemplare wurden diese Woche als Erstauflage ausgeliefert, 600 000 allein in Spanien, der Rest in Lateinamerika. Die allerersten, die in den Verkauf gelangten, waren am Montag bei einem Raubüberfall auf einen Lastwagen in der kolumbianischen Stadt La Tebaida ergattert worden. Am Dienstagabend wurde dann der Ansturm auf die Buchhandlungen im Geburtsland des Autors offiziell eröffnet. Erst am Donnerstag, exakt zwanzig Jahre nach seiner Auszeichnung mit dem Nobelpreis, durfte auch die restliche hispanische Welt den ersten der vorgesehenen drei Memoirenbände von Gabriel Garcia Marquez in Händen wiegen."

Weitere Artikel: Marli Feldvoss war bei den Proben am Staatstheater Kassel, wo Istvan Szabo Tschechows "Drei Schwestern" als Schauspiel und in der Opernversion von Peter Eötvös inszeniert. Andreas Oplatka beschreibt Reaktionen auf Imre Kertesz' Nobelpreis. Georges Waser meldet, dass der konservative Ex-Parlamentarier Jeffrey Archer selbst im Gefängnis weiterhin Skandale macht.

Besprochen werden Albert Hirches Schauspiel "Kombat" bei der Expo 02, Victor Hugos Komödie "Mangeront-ils" in Lusanne und einige Bücher, darunter Mela Hartwigs Roman "Das Weib ist ein Nichts", zwei nur auf englisch erschienene Frühwerke von Virginia Woolf und Veronique Olmis Roman "Meeresrand" (siehe auch unsere Bücherschau Sonntag ab 11 Uhr).

Für Literatur und Kunst hat sich Angela Schader mit dem morgigen Friedenspreisträger Chinua Achebe unterhalten. "Die Überzeugung, dass Diversität grundsätzlich positiv und bereichernd sei, wurzelt nicht zuletzt in einem Denkansatz, den Achebe als spezifisch für seine eigene Kultur, diejenige der Ibo, bezeichnet. 'Eigentlich ist doch die Tatsache, dass es zwei gibt und nicht bloß eines, äußerst produktiv. Nur zu zweit kann man ein Gespräch führen. Andere Kulturen haben oft die Tendenz, die Dinge kollidieren zu lassen; wenn zwei aufeinander treffen, dann wirft eins das andere um. Bei den Ibo dagegen heißt eines der wichtigsten Sprichwörter: 'Wo etwas steht, steht etwas anderes daneben.' Wir sehen die Dinge nicht im Konflikt; wir denken einfach: Wann immer du etwas sagst, ist da ein anderer, der 'aber' sagt." In den Zusammenhang gehört ein Artikel von Obi Nwakanma, der sich mit der Lage des Islams in Nordnigeria befasst.

Weitere Artikel: Peter von Matt hat in einem Text des Meister Eckhart die Antwort auf die Frage "Wer war zuerst, das Huhn oder das Ei?" gefunden: " Natûre machet den man von dem kinde und daz huon von dem eie, aber got machet den man vor dem kinde und daz huon vor dem eie." Stefan Sonderegger erinnert an Ludwig Ettmüller, den ersten Germanisten an der Universität Zürich. Ursula Pia Jauch gedenkt des Freiherren Knigge, der vor 250 Jahren geboren wurde.

SZ, 12.10.2002

Der SZ-Experte für Fiktion Fritz Göttler wähnt sich im falschen Film, wenn er die Blutspur des Washingtoner Heckenschützen betrachtet. Denn der "Sniper von Washington, der die Bevölkerung terrorisiert und die Polizei in Atem hält, ist selbst für Amerika, Heimat der Serienkiller, Amokläufer, Riflemen, ein ganz besonderer Fall. Weil sein Wirken, ohne besondere Brutalität, ohne erkennbares Motiv, von jeglichem Affekt gereinigt scheint und dabei eine perverse Präzision - jeder Schuss ein Treffer - entwickelt. Und weil diese schreckliche Reinheit der Exekution ihn dem Reich der Massenphantasien, der literarischen und filmischen Fiktionen ganz nah gebracht hat."

Weitere Artikel: Lothar Müller attestiert dem Nobelpreiskomitee in Bezug auf Ungarns Literatur eine hartnäckige Sehschwäche. Jby, ijo und tbm schreiben kurz von der Buchmesse. "Zig" ist genervt von der immer gleichen Frage, ob Graffitis nun Kunst sind oder Krankheit. Kristina Maidt-Zinke freut sich schon auf die nächste Runde in der Sache Grass gegen Reich-Ranicki. Thomas Steinfeld amüsiert sich über Gert Fylking, der die Verkündung des Literaturnobelpreisträgers auch diesmal wieder mit einem lauten "Endlich" kommentiert hat - und dafür schon vor zwei Jahren Hausverbot bekam. Bernd Feuchtner beschäftigt sich mit der Berliner Opernstiftung.

Robert Stockhammer porträtiert den nigerianischen Schriftsteller Chinua Achebe, dem gerade der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde (mehr zur Verleihung hier). Bernd Graff legt uns den Umstieg auf das neue Betriebssystem Linux 8.1 wärmstens ans Herz, auf dass "der Semi-Monopolist Microsoft endlich den heißen Atem eines Verfolgers in seinem erfolgsstarren Nacken spüren wird". Eva-Elisabeth Fischer unterrichtet uns von den Plänen des Generalintendanten im Badischen Staatstheater, das gesamte Ballett bis Ende des Monats hinauszuwerfen. Filmregisseur Istvan Szabo, der gerade in Kassel zwei Mal "Drei Schwestern" inszeniert, spricht über Tschechow, Theater und Werktreue. Und Andreas Bernard schreibt weiter fleißig Tagebuch, samstags und sonntags.

Besprechungen widmen sich einer Ausstellung über den Architekten und Utopisten Richard Buckminster Fuller (das gleichnamige Institut) in Köln, der Retrospektive "Ansel Adams at 100" in Berlin, Bertolt Brechts "Arturo Ui" am National Actors Theatre in New York, inszeniert vom Briten Simon McBurne, gespielt von Al Pacino, Ken Loachs leichter englischer Komödie "The Navigators", und Büchern, darunter einem charmantem Paris-Führer von Karl Heinz Götze und einer Romangroteske von Douglas Coupland (siehe auch unsere Bücherschau sonntags ab 11 Uhr).

Auf der Medienseite spricht ZDF-Intendant Markus Schächter über das Informationsplus und die Showkrise seines Senders.

In der SZ am Wochende lesen wir Willi Winklers Hommage an den Literaten Dieter Bohlen. "Sein Buch versteht uns und vor allem die nachwachsende Jugend kulturell zu bereichern durch die Beschreibung von Verona Feldbuschs hochaufragenden 'Eisbergen' und von den je verschiedenen Qualitäten seiner Frauen: 'Meine Frau war Schwere und Ernsthaftigkeit und Nudeln mit Gulasch.' Zweifelsfrei ist das einer der schönsten Sätze, die in den letzten Jahren von einem deutschen Buch ausgingen."

Außerdem: Holger Gertz hält ihn für unvermeidlich, den Überwachungsstaat. Denn "die Generation fun ist längst abgelöst von der Generation fear." Burkhard Müller-Ulrich verkündet die Welteroberungspläne des englischen Sandwichs. "Nicht einmal mehr in Frankreich, auch wenn die Baguette dort immer noch Heimvorteil genießt, ist der angelsächsische Kulturimport zu stoppen." Christiane Ensslin, ältere Schwester von Gudrun Ensslin, spricht über Familie, und natürlich über die RAF. "Als Befreiungskämpfer - und so hat sich die RAF ja verstanden - darf man keine Gefangenen machen und sie dann noch erschießen. Das ist das Allerletzte."

FR, 12.10.2002

Warum Nord und Süd sich so schlecht verstehen, versucht der nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe zu beantworten, der gerade mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde (mehr zur Verleihung hier). Er gibt dem Norden die Hauptschuld. Und den Medien. "Ein erstes Ausweichen offenbart sich in der Erscheinung des Experten oder des Auslandskorrespondenten. Der Weiße schickt seinesgleichen aus, das Land oder die Seele des Schwarzen zu bereisen und alle Neuigkeiten nach Hause zu berichten. Zu den Entsandten gehörten und gehören alle möglichen Reisenden: Priester, Soldaten, Banditen, Kaufleute, Journalisten, Gelehrte, Forscher und Romanautoren. (...) Wir reden hier aber von einem Dialog, und der braucht zwei Menschen und kann auch durch den brillantesten Monolog nicht ersetzt werden." Schon mal Gerd Ruge gesehen?

Fällt der eiserne Vorhang nun an der Ostgrenze Polens?, fragt sich Thomas Medicus. Zwischen Deutschland und dem EU-Beitrittskandidaten herrscht ja schon ein reger Austausch, schreibt er. "Von solchen Annäherungen kann zwischen Polen und der Ukraine keine Rede sein."

Weitere Artikel: Claudia Schmölders analysiert das ungewöhnliche Hitlerporträt von Heinrich Basedow aus dem Jahre 1937: "keine Gestik, keine Robe, keine Uniform, keine allegorische Staffage, kein Pferd, kein Podest, kein Thron". Schl, cs und loi melden sich kurz von der Buchmesse. In einer dpa-Meldung erfahren wir von Martin Walsers Generalabrechnung mit der Literaturkritik. Renee Zucker echauffiert sich über den "Unsinnredner" Schönbohm, Brandenburgs Innenminister. Christian Thomas hat ein Symposium über Bibliotheksbauten besucht, das im Deutschen Architektur Museum in Frankfurt stattfand. Des Trauerspiels um die Berliner Opernstiftung nimmt sich Georg Friedrich Kühn an. "Sez" wundert sich, dass die Rezension von Sachbüchern in den Tageszeitungen nahezu eine reine Männerdomäne ist. "Die FAZ zum Beispiel hat in diesem Jahr besonders Großes vollbracht, nämlich von ihren 48 Sachbuch-Rezensionen nur zwei in weibliche Hände gelegt."

Besprochen werden Ken Loachs Eisenbahnerfilm "The Navigators", Emmet Gowins Luftaufnahmen "Changin the Earth", Miodrag Pavlovics Gedichtband "Einzug in Cremona" und James J. Sheehans Geschichte der deutschen Kunstmuseen. (siehe auch unsere Bücherschau sonntags ab 11 Uhr)

Das Magazin widmet sich diese Woche dem Rauchen: Der englische Sucht-Guru Allen Carr (hier seine Website) spricht über seinen Kampf gegen das Nikotin, die Heilung des Johnny Cash und die risikolose Droge Sex. Denn Rauchen ist peinlich. "Heute werden die meisten Raucher, die sich öffentlich dazu bekennen, doch als Idioten angesehen." Passen dazu warnt Anja Sturm alle Raucher vor einer Reise nach Neuseeland. Nicht mal auf dem Schiff gibt es dort Aschenbecher: "Bitte drücken Sie die Zigarette ganz vorsichtig am Schiffsrumpf aus und entsorgen Sie sie im Mülleimer".

Außerdem gibt es eine Kurzgeschichte über einen mysteriösen Ex-Liebhaber von Nadja Einzmann, eine Reportage von den Überlebenden des "Kindergulags" im rumänischen Cighid, und Reiseberichte aus Kasachstan und aus Lhasa, der Hauptstadt Tibets.
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TAZ, 12.10.2002

Gestern wurde der Friedensnobelpreis vergeben. And the winner is... Jimmy Carter! Stefan Schaaf porträtiert den "vergessenen Präsidenten" auf der Tagesthemen-Seite. Dazu gibt es eine Auswahl der guten Taten Carters und die offizielle Begründung des Nobelpreiskomitees.

Im mageren tazmag untersucht Kaspar Maase den Bedeutungsschwund der klassischen Bildung. "Gut 90 Prozent der Deutschen leben in einer geistigen Welt, in der Hochkultur irrelevant ist. Diese Welt ist keineswegs homogen; sie wird von vielen Unterscheidungen durchzogen - aber ‚Bildung‘ zählt nicht zu den Maßstäben, die hier Ordnung erzeugen." Dazu ein Überblick über die Kulturwissenschaften.

Außerdem: Reiner Wandler hat gesehen, wie Spanien nach 60 Jahren zum ersten Mal das Schicksal der republikanischen Bürgerkriegsflüchtlinge aufarbeitet, auf einer Ausstellung in Madrid (dazu Statements von Ausstellungsbesuchern). Barbara Oertel klärt uns über die berühmteste Russin auf, die Matroschka-Puppe (dazu Tipps zum Selberbauen). Reinhard Krause hat mit der Soulsängerin Billie Ray Martin gesprochen (dazu ein Kurzporträt). Und Kurt Oesterle erzählt die Geschichte der Jüdin Erna Hirsch, die auf der Flucht aus Deutschland ihren Mann verlor.

Zum Feuilleton: Susanne Messmer empfiehlt den Space Chair auf der Buchmesse, deren Motto dieses Jahr "Glaube, Liebe Hoffnung" heißt. Gisa Funck und Sabine Oelze berichten vom künstlerischen Widerstand gegen den Abriss des Josef-Haubrich-Forums, in dem einmal der renommierte Kölnische Kunstverein untergebracht war.

Besprochen werden Laurent Cantets filmische Meditation "Auszeit", Walter Abishs exzentrischer Roman "Alphabetisches Afrika" sowie Nils Röllers verdienstvolle Arbeit über die Medientheorie (siehe auch unsere Bücherschau sonntags ab 11 Uhr).

Und schließlich TOM.

FAZ, 12.10.2002

Die FAZ veröffentlicht ein Gespräch zwischen Ilse und Martin Doerry, Tochter und Enkel der Lilli Jahn, deren Briefe ("Mein verwundetes Herz") aus dem Konzentrationslager Auschwitz in diesem Frühjahr veröffentlicht wurden, und Cordelia Edvardson (mehr hier), die Auschwitz in der Schreibstube des Lagers überlebte und 1986 das Buch "Gebranntes Kind sucht das Feuer" veröffentlichte. Lilli Jahn war nach Auschwitz deportiert worden, nachdem ihr "arischer" Ehemann sich 1942 von ihr hatte scheiden lassen. Die damals 14-jährige Cordelia Edvardson wurde nach Auschwitz gebracht, weil sie ihre Mutter nicht verraten wollte. Es geht in dem Gespräch viel um die Frage, wie schuldig die "Schwachen", wie Ilse Doerrys Vater, sind. Dazu Edvardson: "Hauptschuldig? Weiß ich nicht. Aber schuldig? Ja. Es tut mir leid, Ilse, er war Ihr Vater, und ich will Sie nicht verletzen. Aber er hat sich so unglaublich benommen. Er hat sich in eine andere Frau verliebt, und er hat ein Kind mit ihr bekommen: Das kommt vor. Aber er muss doch gewusst haben, dass er seine jüdische Frau mit der Scheidung ausliefert. Und er muss zumindest geahnt haben, dass, wenn diese Zeit der deutschen Schande, wie ich das nenne, noch länger gedauert hätte, vielleicht auch seine Kinder in Gefahr gewesen wären. Das ist mir unbegreiflich." In dem Gespräch wird auf eine Rezension des Buchs durch Edvardsson angespielt - leider ohne die Quelle zu nennen. Weil's in der Welt war?

Weitere Artikel: Karl-Joseph Hummel von der Forschungsstelle der Kommission für Zeitgeschichte (mehr hierstellt fest, dass Daniel Goldhagens "Die katholische Kirche und der Holocaust" vor Fehlern wimmelt - vorerst musste es sogar aus dem Verkauf zurückgezogen werden, um einen dieser Fehler zu korrigieren. Volker Weidermann macht einen Rundgang durch die Halle 8 der Buchmesse, um erstaunt zu bemerken, dass die meisten amerikanischen Verleger gekommen sind, um Geschäfte zu machen, statt über den möglichen Irak-Krieg zu diskutieren. Auch aus weiteren Impressionen zur Buchmesse auf der Seite 1 des Feuilleton sind keine handfesteren Informationen zu beziehen. Ein Meldung gibt Auskunft über die Reaktionen auf die Nobelpreisentscheidung für Imre Kertesz. Andreas Rossmann bilanziert die gerade abgelaufene erste Staffel der Ruhrtriennale ("Die Bilanz ist beachtlich, aber nicht berauschend.") Heinrich Wefing erkennt im Washingtoner Serienmörder "eine Gestalt aus den kollektiven Albträumen Amerikas, bekannt aus Funk und Fernsehen". In einer weiteren Meldung erfahren wir, dass Weimar trotz seiner finanziellen Schwierigkeiten sein Kunstfest nicht in Frage stellen will. Robert von Lucius schildert dänische Vorbereitungen auf das Andersen-Jahr 2006 - unter anderem wird eine sechzehnbändige Werkausgabe zum Abschluss gebracht. Andreas Rossmann bedauert den Abriss des Gebäudes des Schaafhausenschen Bankvereins in Düsseldorf.

Auf den Medienseiten erklärt Springer-Vorstand Mathias Döpfner in einem Interview auf die Frage, welche überregionalen Zeitungen nach der Krise übrig bleiben werden: "Die FAZ und die FAZ natürlich." Will er die Welt abschaffen?

Besprochen werden die Ausstellung "Venezia! Kunst aus venezianischen Palästen" in der Bonner Bundeskunsthalle, Daisy von Scherler Mayers Film "Der Super-Guru", die Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik und CDs auf der Schallplatten- und Phono-Seite.

In den Ruinen von Bildern und Zeiten finden wir einen etwas akademisch anmutenden Streit über die von Werner Spies im Pariser Centre Pompidou ausgerichtete und dann auch in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen gezeigte große Surrealismus-Ausstellung. Peter Bürger kritisiert: "Die Ausstellung verfehlt, was man den Geist des Surrealismus nennen könnte. Das beginnt bereits damit, dass Spies die dadaistischen Ursprünge der Bewegung unterschlägt, um ihn als Kunstrichtung aus der Malerei de Chiricos entspringen zu lassen." Werner Spies antwortet: "Es dürfte .. etwas schwieriger sein, wie Bürger empfiehlt, den 'einfachsten surrealistischen Akt, der Breton zufolge darin besteht, blind in die Menge zu schießen', in der Ausstellung anzubieten."

In der Frankfurter Anthologie stellt Heinz Ludwig Arnold das Gedicht "Mein großes Ja bildet Sätze mit kleinem Nein" von Günter Grass vor:

"Neue Standpunkte fassen Beschlüsse und bestehen auf Vorfahrt. Regelwidrig geparkt, winzig, vom Frost übersprungen, nistet die Anmut..."