Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.09.2002. Viel Politik heute in Feuilletons: Die SZ fürchtet, dass der Krieg gegen den Terror keine Ende haben wird. Die FR erklärt, warum der Zweck auch die kriegerischen Mittel heiligt. Die taz huldigt dem deutschen Nationalheiligtum: dem Auto. Die NZZ vermisst die zivilisierte Kommunikation in Frankfurt. Und die FAZ beklagt die Berlinisierung des Hauptstadttheaters.

SZ, 28.09.2002

Viel drin heute: Der Krieg gegen den Terror wird kein Ende haben, schreibt Frank Böckelmann, weil er nicht gegen einen endlichen Feind, sondern gegen das Böse an sich geführt wird. Und das kann sich überall manifestieren. "Als planetarischer Treibsand rieselt der Gotteskrieger durch das Netz der Rasterfahndung, ein entwurzelter Apokalyptiker wie du und ich. Adrett, aus gutem Haus, heute heimatloser Islamist, morgen vielleicht konvertierter Indianer, der die Genozide der Spanier und Engländer rächt, repräsentiert er die erste Generation der Gegenglobalisierung. Die heiligen Worte, die er in seine Website setzt - gut und böse, gerecht und ungerecht, Unschuld und Materialismus - sind nicht von gestern, sondern der letzte Schrei."

Im zweiten Teil der Reihe "Neue Führer" porträtiert Christoph Bartmann die Dansk Folkeparti, die bei den vergangenen Wahlen auf zwölf Prozent kam. Ohne internationale Proteste, denn "in Dänemark kommt der Rechtspopulismus unter der Wichtelmaske daher. ‚Rechts‘ will er nur insofern sein, als er die Rechtschaffenen versammelt. Ein Kleine-Leute-Protest gegen Ausländer, Europa und Intellektuelle, so lässt sich das Anliegen der Dansk Folkeparti umschreiben."

Weitere Artikel: Die SZ druckt eine gekürzte Fassung der vergnüglichen Laudatio, die Bernd Eilerts anlässlich der Verleihung des Heimito-von-Doderer-Preises an Gerhard Polt gehalten hat. "Wo steht Gerhard Polt im zeitgenössischen deutschen Literaturbetrieb? Ich würde sagen, genau daneben." Gustav Seibt erinnert eloquent an den ebenso verehrten wie verachteten Zeitgenossen Emile Zola. Peter Hein und Thomas Schwebel von der Achtziger-Jahre-Band "Fehlfarben" reden über Polit-Pop, Sex und ihr Comeback-Album. Stephan Opitz sagt dem zukünftigen Bundeskulturminister schon mal, was zu tun ist. Wenn es ihn mal geben sollte. Gerwin Zohlen plädiert in diesem Fall für eine Aufnahme der Architektur in des Ministers Prioritätenliste.

Andrian Kreye berichtet von dem wachsenden Widerstand in den USA gegen die Kriegspläne der Regierung. Martin Zips schildert seltsame Begegnungen zwischen Amerikanern und Deutschen in Hohenschwangau, allen voran ein sächsischer Ex-US-Agent: "Mein Name ist Jolly Henry Franky. Hihihi." Fritz Göttler gratuliert dem Filmemacher Michelangelo Antonioni (mehr hier) zum Neunzigsten, Rainer Gansera erzählt, wie derselbe auf dem Filmfest in Venedig gefeiert wurde und Regisseur Christian Petzold erinnert sich an seine erste Antonioni-Erfahrung. "Jhl" berichtet von den in der zweiten Runde nun doch gar nicht mehr so bescheidenen Kandidaten für die Nachfolge der Twin Towers.

Besprochen werden die Ausstellung "Shopping" in der Frankfurter Schirn, Ruedi Häusermanns Uraufführung "Ad Wölfli" am Theater Basel, der Dänenfilm "Kleine Missgeschicke" von Annette K. Olesen, und Bücher, darunter eine Studie über die jüdischen Wurzeln von Jesus und ein Band über den Mythos Atlantis (mehr in unserer Bücherschau sonntags ab 11 Uhr).

In der SZ am Wochenende verbeugt sich Raoul Schrott vor einer schönen Geigenvirtuosin, deren Spiel ihm zeitlose Momente schenkt. Willi Winkler stellt eine Nervenheilanstalt mit Stil vor, das Bostoner McLean-Hospital. Klaus Podak beschreibt neuen Methoden, die Volkskrankheit Migräne zu besiegen. Jürgen Roth warnt anlässlich des sinkenden Bierkonsums eindringlich vor dem Undenkbaren: dem Ende des Biers. Und Robin Dietje entlässt uns schließlich nach dem heissen Wahlsommer in einen kalten, langen Herbst. "So, Kinder. Nun sind wir müde vom Sommer und der Politik. Morgen früh, wenn Gott will, hat Präsident Bush uns wieder lieb. Und Deutschland? Ist ganz Patt matt. Aber jetzt sehn wir erst mal. Das wird dann schon nicht so schlimm."

FR, 28.09.2002

Zunächst das Magazin: eine furchtlose Kerstin Friemel hat sich den Ponte Tower in Johannesburg gewagt, der als eines der gefährlichsten Hochhäuser der Welt gilt. "Tatsächlich kursierten Ende der 90er Jahre Pläne, den Ponte Tower zu einem Gefängnis zu machen. (...) Geplant waren Tunnel, die das Gebäude mit dem Gericht verbinden sollten. Daraus wurde nichts. Stattdessen kamen die Eisengitterstäbe, die die Selbstmordrate drosselten und die Flure in Käfige verwandelten."

Weiteres: Nicole Schmidt schickt eine lange Reisereportage aus dem mexikanischen Juchitan, wo - einzigartig in Mexiko - die Frauen das Sagen haben. Friederike Gräff porträtiert den rüstigen Hochseilakrobaten Konrad Thurano, der mit 92 Jahren nicht einmal daran denkt, auf dem Boden zu bleiben. Eine kleine Polemik stellt den neuen Trend "Extrem-Vergleiching" vor. Thorsten Schüller warnt uns vor Aeroflot (Flüge gibt's hier), obwohl das 25stündige Warten auf dem Moskauer Flughafen offensichtlich recht amüsant war. Und Corinna Harfouch gesteht uns schließlich ihre Existenzängste und krtitisiert die westdeutsche Konsum-Mentalität - selbst beim Theater: Ob Shakespeare oder Goethe, alles wird gleich belanglos aufgenommen, wie "ein Nachtisch, ein Dessert. Was man sich hin und wieder gönnt."

Im Feuilleton erklärt uns Natan Sznaider, dass Krieg sehr wohl zu etwas gut sein kann, etwa im Irak-Konflikt. Dabei spielt es keine Rolle, ob er gerecht ist oder nicht. Der Zweck heiligt die Mittel. "Wenn es darum geht, einen Diktator, der den Weltfrieden bedroht, lahm zu legen: Kann das durch einen Krieg herbeigeführt werden - ja oder nein? Wenn Krieg der einzige Weg ist, dieses Ziel zu erreichen, kann auch ein Krieg gerechtfertigt sein. Dabei spielt es auch keine Rolle, was Augustinus davon hält oder nicht hält."

Weitere Artikel: Wolfram Schütte gratuliert dem antiromantischen Film-Autor Michelangelo Antonioni (mehr hier) zum neunzigsten Geburtstag. Christian Schlüter berichtet von einer Podiumsdiskussion des neugegründeten Europäischen Forums über neue Wege bei der EU-Osterweiterung. Renee Zucker kündigt neue Inhaber des "Adolf-Nazi-Wanderpokals" an. Und Dietmar Schings hat anlässlich des hundertsten Todestages von Emile Zola nochmal dessen Kaufhaus-Roman "Paradies der Damen" studiert.

Besprechungen widmen sich der "Shopping" - Ausstellung in der Frankfurter Kunsthalle Schirn, der Schau "Edouard Manet und die Impressionisten" im neuen Trakt der Staatsgalerie Stuttgart, und Büchern, darunter "Berliner Kindheit?", eine Neuauflage von Walter Benjamins "Berliner Kindheit um Neunzehnhundert" als Foto-Textbuch, Erika Burkarts Gedichtsammlung "Langsamer Satz" und Franz Josef Czernins sytematische Erforschung der Dichtung in einem Essay- und einem Gedichtband (mehr in unserer Bücherschau sonntags ab 11 Uhr).


TAZ, 28.09.2002

In einem langen Interview erklärt uns der Friedensforscher Johan Galtung (kleines Porträt hier) die Welt, na zumindest die Weltsicherheitslage nach dem 11. September, und liefert nebenbei interessante Einsichten über die USA und ihr Demokratieverständnis. "Man muss trennen zwischen der lokalen Demokratie, die in den USA gut und stark ist, und der Demokratie auf nationaler Ebene, die mit Ausnahme der letzten Wahl so schlecht nicht ist, und international, wo den USA demokratische Prinzipien egal sind."

Im tazmag dreht sich heute alles ums Auto, das nationale Heiligtum (hier ein paar allgemeine Hintergrundinformationen): Reinhard Krause erkundet mittels eines alten Fotobands von 1963 die Autostadt Wolfsburg, und fragt sich unter anderem, warum so wenig von Volkswagen zu sehen ist. "Aber was braucht es noch Plakate und Logos, wenn der ganze Ort eine einzige Werbeveranstaltung ist?"

Außerdem: Till David ehrlich schreibt eine Hommage an die Autobahn , und stellt fest: Die "Ästhetik des Fahrens und Reisens unter faschistischen Vorzeichen fasziniert zum Teil noch heute". Cornelia Kurth überquert mit einer Isetta die Alpen in Richtung Süden und löst allerorten Begeisterung aus. "Deine Isetta? Aus Deutschland? Weißt du, das ist unser Auto! Schönes, gutes Auto! Italia." Martin Maier berichtet von den Auto-Totalverweigerern aus Prinzip und Glauben, den Amish People in Pennsylvania. (hier noch ein paar Hintergrundinformationen). Und Meike Jansen verfasst eine Liebeserklärung an die Formel 1, an der Ayrton Senna nicht ganz unschuldig ist.

Im Feuilleton erzählt die experimentierfreudige Annette K. Olesen (kleines Porträt hier), wie sie ihren Film "Kleine Missgeschicke" abgedreht hat - ohne Drehbuch. Besprochen werden eine Ausstellung über mexikanische Kunst in den Kunst-Werken Berlin sowie Ernst-Wilhelm Händlers sprachlich recht expliziten Roman "Wenn wir sterben" (mehr in unserer Bücherschau sonntags ab 11 Uhr).


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NZZ, 28.09.2002

Viele Städte müssen auf kulturellem Gebiet zurzeit einen schmerzvollen finanziellen Aderlass hinnehmen, konstatiert Joachim Güntner und illustriert das am Beispiel Frankfurt am Main. Nicht nur, dass hier eine "zivilisierte Kommunikation zwischen Administration und Kulturbetrieb" in weiter Ferne scheint, die Ursache für den kulturellen Abbau der Goethe- und Buchmessestadt liegt in Güntners Augen noch woanders: "Täglich kommen ein Drittel mehr Menschen aus dem Umland in die Metropole, als Frankfurt Einwohner hat. Diese Besucher haben hier ihren Arbeitsplatz oder gehen ihren Vergnügen nach. Sie nutzen die städtische Infrastruktur, genießen das kulturelle Angebot. Die Kosten trägt Frankfurt fast allein. (...) In der Verteilung der Lasten zwischen der Mainmetropole und dem Land herrscht ein Ungleichgewicht, das dringend der Korrektur bedarf."

Von der Entwicklung eines außergewöhnlichen Projekts des baskischen Bildhauers Eduardo Chillidas auf Fuerteventura berichtet Markus Jakob. Chillidas hatte 1996 die Idee, einen kubusförmigen Hohlraum im Innern des Berges Tindaya und damit ein Stück Kunst aus Licht und Luft zu schaffen. 1997 präsentierte der Bildhauer sein Vorhaben erstmals öffentlich. Nachdem Chillidas verstarb, gab die kanarische Regierung grünes Licht für die Ausführung des mit rund 50 Millionen Euro immerhin sehr kostenintensiven Tindaya-Projekts. Jakob etwas pessimistisch: "Wenn Tindaya gebaut wird, und die Chancen dafür scheinen durch Chillidas' Tod eher wieder gestiegen, so wird es nicht sein Mausoleum sein. Und man muss schon sehr weit in die Zukunft vorblenden, um es sich als Auffanglager für afrikanische Boat-People vorzustellen."

Besprochen werden Theaterstücke: Alfred Schlienger berichtet von der Uraufführung von Ruedi Häusermanns "Ad Wölfli" in Basel und Jürg Huber war bei der Uraufführung der "Zauberberg"-Oper von Robert Grossmann in Chur mit dabei. Und Gieri Cavelty besucht das Bodmann-Haus in der Bodenseegemeinde Gottlieben.

"Literatur und Kunst" liefert uns heute eine Rezension von Martin Meyer zu Norbert Millers neuem Buch über Goethes Reisen nach Italien: Das Werk des "glänzenden Erzählers" und "virtuosen Interpreten" Miller "verdient ohne Anstrengung den Namen eines Meisterwerks", entfährt es Meyer vor Begeisterung. Eine kleine Kostprobe seiner Gedanken zu Italien als immerwährende Herausforderung für Künstler gibt Norbert Miller gleich höchstpersönlich hier.

Weitere Besprechungen gelten einem Strauß von Büchern zum Leben des französischen Schriftstellers Emile Zola und einem Band mit Gesprächen zwischen vierzig afrikanischen AutorInnen aus dem subsaharischen Afrika und Interviewer Manfred Loimeier (siehe auch unsere Bücherschau morgen ab 11 Uhr).

FAZ, 28.09.2002

Dirk Schümer wundert sich, dass alle Welt über eine amerikanische Leitkultur klagt, über "unifizierende Monstrum der McWorld", dabei seien die amerikanischen Sterne jenseits von Militär-, Computer - und Jugendkultur längst verblasst. Vor allem in der Ästhetik. Denn die Leitkultur ist italienisch: "Wir sind, ohne das groß zu merken, wieder in einer Zeit transalpiner Kulturdominanz angekommen - wie vor fünfhundert Jahren, da kein deutscher Raubritter ohne italienische Benimmlehrer, Hofmaler oder Kompositeure süßer Madrigale auskommen mochte. Doch stellt unsere Zeit die Wucht ihrer (chauvinistisch von einem Franzosen dreist so getauften) Vorgängerin weit in den Schatten; wir leben im Neo-Rinascimento. Denn wer heute nicht wenigstens Commissario Brunettis Lieblingslokale herbeten, wer nicht ohne Zentimetermaß Pappardelle von Fettucine unterscheidet, wer auf einem deutschen Marktplatz nicht akzentfrei seine Latte macchiato bestellt, der kann sogar als Frankfurter Wall-Street-Broker einpacken."

"God bless the Trübsinn!", stöhnt Gerhard Stadelmaier, die Berlinisierung habe nun auch das Theater erreicht. Er hat sich im Deutschen Theater in Berlin O'Neills Blut- und Eifersuchtsdrama "Trauer muss Elektra tragen" angesehen, konnte aber in Konstanze Lauterbachs Inszenierung weder Lust, Gier, Wut, Hass noch der Liebe entdecken, "nur ein allseits verkrampftes Ausbaden". O'Neills psychologische Privatisierung und Amerikanisierung des Politischen im Atriden-Mythos wird hier zur großkotzig-kleinkarierten Verschmockung. Das Hauptstadttheater planscht in Provinz-Ekstasen."

Weitere Artikel: Andreas Kilb schreibt eine Hommage auf Michelangelo Antonioni zum Neunzigsten (mehr hier). Hans Dieter Seidel gratuliert Donna Leon zum sechzigsten Geburtstag. Die Autorin Annett Gröschner denkt über das Verhältnis der Ostdeutschen zu Amerika nach. Christian Schwägerl kündigt das erste freikäufliche Gentech-Haustier an: grünlich fluoreszierende Zierfische aus Taiwan. Miriam Hoffmeyer empfiehlt Kleinanlegern, künftig Emile Zolas "Geld" zu lesen, bevor sie das ihre an Neuen Märkten verschleudern. Wolfgang Köhler meldet, dass Tübinger Archäologen in den Ruinen der antiken syrischen Königsstadt Qatna sagenhafte Keilschrifttafeln entdeckt haben. Paul Ingendaay erzählt auf einer ganzen Seite die Geschichte des sonderbaren Herrn Nippermann.

"Wo Popjournalismus ist, wächst auch das Rettende", glaubt die Medien-Seite und erinnert an die großen Feuilletonisten von Joseph Roth bis Siegfried Kracauer, die allesamt wunderbar Oberflächen beschreiben konnten, ohne jemals oberflächlich zu werden.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht es um Ersteinspielungen von Kurt Weills frühesten Bühnenwerke, um Peter Gabriels Album "Up" und um das neue Album "Sea Change" des "begnadeten" Songwriters Beck.

Besprochen werden Ruedi Häusermanns "Ad Wölfli"-Aufführung im Theater Basel, eine Ausstellung der Münchner Residenz, die ihre Möbel- und Holzschätze vorführt, eine Ausstellung des Potsdamer Filmmuseums zur Geschichte der Soaps. Und Bücher: etwa Stephen Carters Thriller "Schachmatt", Michael Köhlmeiers Novelle "Der Tag, an dem Emilio Zanetti berühmt wurde" oder Klassiker des Kinderbuchs (mehr in unserer Bücherschau morgen ab 11 Uhr).

In der Frankfurter Anthologie stellt Hans Christoph Buch ein Gedicht von Uwe Kolbe vor:

"Der Hochsitz
Er steht nach hinten rechts
Auf einem langen Bein
Links stützt er seinen Arm
Auf einen Weidenast.
Vorn halten lange Nägel
An Pfosten sieben Sprossen fest.
Auf deren letzter oben
Zwei Füße in Sandalen."