Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.08.2002. In der SZ macht Ingo Schulze auf den Moskauer Skandal um Wladimir Sorokin aufmerksam. Die Zeit findet George Michaels Video zum 11. September lustig. Die taz interviewt Ulrich Seidl, dessen Film "Hundstage" heute ins Kino kommt. Die FR wirft einen kritischen Blick auf die Demoskopie. In der FAZ beklagt Boris Groys die Theoriefeindlichkeit der Kunstszene.

SZ, 01.08.2002

Ingo Schulze kann absolut nicht begreifen, warum der russische Schriftsteller Wladimir Sorokin ("Der himmelblaue Speck") wegen Verbreitung von Pornografie angeklagt wurde: "Warum erfolgt solch eine Anklage ausgerechnet jetzt? Sorokin, der neben Kabakow, Prigow, Rubinstein und Groys einer der Protagonisten der Moskauer Konzeptualisten gewesen ist, hätte schon mit seiner ersten Veröffentlichung (im Samisdat) Ende der siebziger Jahre und dann mit jedem neuen Text derartige Vorwürfe auf sich ziehen können. Niemand hätte sich gewundert, wenn Breschnew und seine Nachfolger ihn vor Gericht gestellt hätten. Warum zeigen Sorokins Bücher im Jahre 2002 solche politische Wirkung?" Schulze weiß es nicht, glaubt aber, dass Sorokin "auf die Solidarität des Westens, zumindest seiner offiziellen Institutionen ... anders als vor 1989 und auch noch vor dem 11.September, wohl nicht mehr hoffen" darf.

Ansonsten macht die SZ heute Wahlkampf gegen Stoiber: Der Filmproduzent Günter Rohrbach ("Das Boot") fürchtet, dass nach einem Wahlsieg Stoibers der Film wieder vom Innenminister betreut wird. Und der Soziologe Ulrich Beck erschreckt den Leser mit der Feststellung, dass mit einem Bundeskanzler Stoiber ein "anderes Europa" droht. "Worum es im Wahlkampf eigentlich geht: die Berlusconisierung Europas, darüber wird im Wahlkampf erstaunlicherweise geschwiegen." Wie das? Nachdem sich Beck mit "solider deutscher Doppelmoral" über das Europaengagement des "guten" Deutschland lustig gemacht und gleichzeitig unseren "nationalen Egoismus der Wohlstands- und Machtmehrung" gegeißelt hat, der mit diesem Engagement einhergeht, landet er - bei den Vertriebenen, deren Anwalt Stoiber sei. Es ist zu befürchten, so Beck, dass Stoiber deren "nationalen Expansionismus" "verbal geschickt mit der neumodischen Sprache des Europagedankens verkleidet", um so 'deutsche Interessen' zu verfolgen. "Beispiel die Sudetenfrage, Beispiel die Königsbergfrage, Beispiel die Interessen deutscher Minderheiten in anderen Ländern. Dass der Kandidat darüber schweigt, ist eher beunruhigend."

Weitere Artikel: Alex Rühle berichtet von einer Antiporno-Debatte in Frankreich. Jörg Häntzschel hat das neu eröffnete International Spy Museum in Washington besucht. Andrian Kreye erklärt, warum die neuen Tantiemenregelungen in den USA das Ende der Internetradios bedeuten. Dirk Heisserer meldet, dass der ägyptische Silberteller Thomas Manns gefunden wurde. In der Debatte über die Zukunft der Architektur fragt Peter Rumpf, Chefredakteur der Bauwelt, ob "die deutschen Architekten eine sich selbst zum Aussterben verurteilende Spezies" sind? Und der Architekt Alexander Freiherr von Branca (Neue Pinakothek) weist den Vorwurf zurück, die deutschen Architekten würden nichts "Außerordentliches" leisten: "Die Architektur im Heute ist nichts anderes als das Abbild einer sich selbst autonom verstehenden Gesellschaft - und zwar autonom in jedem Einzelnen." Midt. ärgert sich über die Hamburger Kultursenatorin Dana Horakova, die den Kulturetat eingefroren hat. Und Fritz Göttler annonciert das 55. Filmfestival von Locarno.

Besprochen werden ein gelungener "Siegfried" in Bayreuth, Bücher, darunter Christian Fuhrmeisters "vorbildliche Studie zur politischen Materialikonographie von Totendenkmälern der Weimarer Republik" und Peter Osbornes "hervorragend gemachter" Band über Conceptual Art (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr), Ulrich Seidls Film "Hundstage" und Christian Carions Film "Eine Schwalbe macht den Sommer" mit Michel Serrault, der in einem Interview den Niedergang des Schauspielerberufs beklagt: "Als ich vor 55 Jahren für die Comedie Francaise ausgebildet wurde, musste man als Schauspieler komische und tragische Rollen spielen können. Heutzutage gibt es die Spezialisten. Und 'frische Gesichter': Oft werden unprofessionelle Darsteller von der Straße weg engagiert. Auch de Sica hat seinen 'Fahrraddieb' auf der Straße gefunden. Das Ergebnis war wunderbar, aber der Mann hat nie wieder in einem Film gespielt und sich drei Jahre später umgebracht. Das ist der Betrug des Kinos."

Zeit, 01.08.2002

Herzhaft gähnt das Sommerloch.

Selbst in Bayreuth und Salzburg ist nichts los, meldet Claus Spahn im Aufmacher des Feuilletons: "In Bayreuth ist man fest entschlossen, es sich im Spätherbst der Wolfgang-Ära noch einmal richtig schön zu machen, in Salzburg hofft man nach den Mortier-Strürmen auf ruhigere, sonnige Festspieltage."

Thomas Groß schildert die Aufregung um das George-Michael-Video "Shoot the Dog", in dem Tony Blair als Pudel von George W. Bush auftritt. Ihm selbst ringt das ein müdes Lächeln ab: "Wie George W. Bush von einer sprechenden Socke über die militärische Lage instruiert wird - ist doch lustig."

Jens Jessen wundert sich nicht, dass nach der Moskauer Premiere des deutschen Films "Der Schuh des Manitu" die russischen Kritiker durchaus die Belustigungsabsicht des deutschen Films begriffen, aber nicht verwirklicht fanden".

Weiteres: Der Anthropologe Constantin von Barloewen erklärt auf einer ganzen Seite "warum Lateinamerika die Segnungen des nordamerikanischen Fortschritts nicht geheuer sind". Tilman Baumgärtel erzählt in einer Reportage, wie Computer-Kids auf LAN-Partys "Counterstrike" spielen. Und Ulrich Stock stellt die Berliner Labels Morr Music und tomlab vor, die elektronische mit akustischen Instrumenten vermählen.

Besprechungen gelten den 5. Tanzwochen in Münster zum Thema Choreografinnen, Ulrich Seidls Film "Hundstage", einer Ausstellung zum 170. Geburtstag Wilhelm Buschs in Hannover.

Aufmacher des Literaturteils ist Christiane Grefes Besprechung von Björn Lomborgs Roman "Apokalypse No!"

Und sonst: Im Politischen Teil kann man Auszüge aus letzten Gesprächen der Gräfin Dönhoff lesen, welche demnächst als Buch veröffentlicht werden. Josef Joffe erklärt auf Seite 1, "wie der Kapitalismus sich aus seiner Vertrauenskrise befreien kann" (im Grunde muss er nämlich nur Joffes Artikel lesen). Im Dossier erzählt Christian Schüle wie Italien unter Berlusconi neugeordnet wird. Und auf der Zeitläufte-Seite erinnert Gerd Fesser, an den Prinzen Heinrich, den Bruder Friedrichs II., der in Rheinsberg zum 200. Todestag mit einer Ausstellung geehrt wird.

TAZ, 01.08.2002

Im Interview antwortet der Regisseur Ulrich Seidl auf den Vorwurf, er denunziere seine Vorstädter im Film "Hundstage": "Schauen Sie, ich verstehe den Vorwurf gerade für 'Hundstage' überhaupt nicht. Was soll hier denunziert werden? Es wird menschliches Leben gezeigt in einer Wahrhaftigkeit, die mitunter verstörend ist. Ich verstehe, dass viele Menschen Probleme haben, sich das anzuschauen. Man blickt hinter Türen, in eine Intimität hinein, und das ist manchmal nicht angenehm, aber mit Denunzieren hat es nichts zu tun."

Besprochen werden John Woos Film "Windtalkers" und die Ausstellung "Dirty Words Pictures" des britischen Künstlerduos Gilbert & George in der Londoner Serpentine Gallery: "Es gibt einen Witz über die Arbeiten von Gilbert und George", erzählt Detlef Kuhlbrodt. "'Ich sehe, dass Sie Dick Seed gekauft haben', sagt ein Sammler zum anderen, worauf dieser antwortet: 'Ich besitze schon Shitted und Winter Pissing, aber tief in meinem Herzen sehne ich mich nach Wanker, das, wie Sie wissen, eines der Highlights von Britische Kunst im 20. Jahrhundert in der Royal Academy vor zwei Jahren war."

Schließlich Tom.
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FR, 01.08.2002

Die Historiker Anja Kruke und Benjamin Ziemann resümieren in einem etwas seminarhaften Text kritische Positionen zu der in Wahlzeiten so viel beachteten Demoskopie. Die Rettung liegt (wie immer in der FR) bei Niklas Luhmann: "Vielleicht hilft es weiter, die von Niklas Luhmann entwickelte Theorie der 'Beobachtung zweiter Ordnung' anzuwenden. Sie interessiert sich für den Gewinn an Komplexität und Veränderbarkeit, der sich einstellt, wenn man nicht mehr nur die Dinge beobachtet, sondern die von anderen Beobachtern verwendeten Unterscheidungen."

Weiteres: Dirk Fuhrig unternimmt eine längere Rundreise durch die deutschen Literaturhäuser. Daniel Kothenschulte berichtet über das bedauerliche Ende des Filmbüros NW. Peter Iden schreibt einen etwas verspäteten Nachruf auf den Bildhauer George Rickey. Eckhard Henscheid geht in seiner Kolumne Wahrwort noch mal auf die Walser-Affäre und Karl-Heinz Bohrers Äußerungen dazu ein. (Er selbst hatte sich ja in der so angesehenen Wochenzeitung Junge Freiheit gegen das "spezielle Judentabu" in Deutschland gewandt und zur Möllemann-Affäre gesagt: "Wenn Möllemanns Äußerungen tatsächlich schon einen Klimawechsel in Deutschland bewirken sollen, dann hat dieser Klimawechsel meinen Segen." Während Wolfram Schütte, ehemals zuständig für die FR-Wochenendbeilage, wie bereits gemeldet, lieber im Internet schreibt.) In der Reihe "Aufbauend" schildert schildert Anneke Bokern den Fall des Amsterdamer Paleis voor Volksvlijt, einer Ausstellungsshalle, die nun an Stelle eines ungeliebten Hochhauses wieder aufgebaut werden soll.

Besprochen werden John Woos Kriegsfilm "Windtalkers", eine Ausstellung mit Altären und Altartafeln aus der Fürstenbergsammlung in der Staatsgalerie Stuttgart und Ulrich Seidls Film "Hundstage".

NZZ, 01.08.2002

Die Schweizer feiern heute Nationalfeiertag. Wir wünschen viel Vergnügen!

FAZ, 01.08.2002

Der Kunsttheoretiker Boris Groys (mehr hier und hier) plädiert gegen die Theoriefeindlichkeit in der heutigen Kunstszene: "Wenn mich jemand anspricht und ich, statt ihm eine Antwort zu geben, ihn bloß zehn oder fünfzehn Minuten lang stumm anstarren würde, um dann wegzugehen, wäre dies meinerseits ein Akt krasser Unhöflichkeit. Dabei wird ein solcher Umgang mit der Kunst heute überall nachdrücklich empfohlen: nicht kommentieren, nicht theoretisieren, sondern nur stumm anschauen, Spaß haben und weggehen. So etwas gilt als Zeichen der Kunstverehrung. Ich sehe darin bloß einen Akt der Unhöflichkeit dem Kunstwerk gegenüber."

Susanne Schüssler, die Leiterin des Wagenbach-Verlags, meditiert über Wege aus der Krise der Buchbranche: "Wir dürfen nicht trübsinnig dasitzen und warten, sondern wir müssen unsere Kunden locken und den Buchhändlern helfen auf ihrer Suche nach neuen Lesern: mit intelligenten Lesungen, mit Veranstaltungen wie dem Berliner Bücherfest oder der Münchner Langen Nacht der Bücher. Wir müssen die Leser an ungewöhnlichen Orten suchen, auch im Internet. Und wir müssen ihnen Bücher bieten, die nicht nur die Welt ins Haus bringen, sondern auch handwerklich schön und sorgfältig gemacht sind - wie ein Parfümflakon."

Weiteres: Achim Bahnen gratuliert dem italienischen Intellektuellen Adriano Sofri (mehr hier und hier) zum Sechzigsten. Joseph Hanimann resümiert die letzten Tage des Festivals von Avignon und meldet die baldige Ablösung des Festivalleiters Bernard Faivre d'Arcier. Andreas Rossmann betrachtet die neue ICE-Strecke Frankfurt-Köln von außen und findet ihre Brücken - die einstige Königsdiziplin der Ingenieurskunst - "monoton, plump, langweilig". Zhou Derong meldet chinesisch-israelische Verstimmungen wegen einer Einstein-Ausstellung der Hebräischen Universität, die in China gezeigt werden sollte - die Chinesen verlangten, dass der Hinweis auf Einsteins jüdische Herkunft aus der Ausstellung verschwinden solle. "msi." meldet die Wiedereröffnung des "Pompejanums" in Aschaffenburg. In der Wahlkampfserie "Im Milieu" erzählt Klaus Ungerer, wie die Grünen eine Donauflussfahrt für die Jugend ohne Cem Özdemir bewältigten, der eigentlich die Platten auflegen sollte. Uta Bilow berichtet von wissenschaftlichen Materialprüfungen, nach denen sich die Vinland-Karte - die angeblich schon um 1430 einen Teil von Nordamerika zeigte - als eine Fälschung aus dem 20. Jahrhundert erweist. In einer Meldung erfahren wir, dass die Stadt Erlangen wegen Geldmangels möglicherweise ihr Poetenfest stornieren will.

Auf der letzten Seite setzt Ilja Trojanow seine (gestern begonnene) Indien-Reise fort - heute besucht er die Stadt Bihar. Oliver Tolmein schreibt ein kleines Porträt über den Richter Percy MacLean, der heute Direktor des "Deutschen Instituts für Menschenrechte" ist. Und Ingolf Kern schildert die empörten Reaktionen der Berliner PDS-Basis auf Gregor Gysis Bonusmeilen-Affäre - aber da wussten sie noch nicht, dass Gysi zurücktreten würde. Auf der Medienseite erzählt Ingolf Kern, wie sich die Fernsehstudios in Berlin-Adlershof auf die Fernsehduelle zwischen Gerhard Schröder und Edmund Stoiber vorbereiten. Und Sandra Theiss schildert einen Justizskandal, der auch ein Journalismusskandal ist: ein Sexualstraftäter, der auch auf Druck des Stern nach 31 Jahren freigelassen wurde, musste nach ein paar Wochen wegen einer neuen Vergewaltigung wieder eingesperrt werden.

Besprochen wird Ulrich Seidls Film "Hundstage".