Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.08.2002. Die FAZ sucht die Gründe für den Erfolg von Jonathan Franzens "Korrekturen" und entlockt Thomas Middelhoff 1 persönliches Wort. Die NZZ kommt auf den Fall Wilkomirski zurück. Der Rest der Feuilletonisten weint über den Abgang von Gregor Gysi.

FAZ, 02.08.2002

Felicitas von Lovenberg vergleicht den Erfolg von Jonathan Franzens "Korrekturen", die inzwischen in 27 Sprachen übersetzt sind und überall auf den Bestsellerlisten stehen, mit dem der "Buddenbrooks" genau hundert Jahre zuvor, und sie weiß auch, wie dieser Erfolg zu erklären ist: "Jonathan Franzen hat mit seiner Familiengeschichte die Frage beantwortet, warum man heute noch Romane schreiben muss: Weil nur diese literarische Form die großen sozialen Erschütterungen im Zusammenspiel von Individuum und dem großen Ganzen auf tiefgründige Weise entwickeln kann."

Frank Schirrmacher und Michael Hanfeld haben ein irre langes Gespräch mit dem geschassten Thomas Middelhoff geführt, in dem dieser immer noch von "uns" und in der Gegenwart spricht, wenn er Bertelsmann meint. Seine einzigen annähernd persönlichen Worte: "Wenn Sie mich nach meinen Fehlern fragen, dann muss ich sagen, ein Fehler war es offenbar, den Menschen in Gütersloh nicht ausreichend die Konzernstrategie, die Notwendigkeit, dass mit großer Geschwindigkeit viel passieren musste, zu verdeutlichen. Ich glaube, ich war für viele in Gütersloh ein ungeliebter Fremdkörper. Doch ich wollte Bertelsmann international fortentwickeln. 82 000 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen, davon arbeiten 8000 in Gütersloh. Die sind zweifellos wichtig, aber ich muss mich auch um die anderen 74 000 kümmern."

Weiteres: Florian Illies mokiert sich über eine Wahlkampfanzeige just zur Bonusmeilen-Affäre, in der Gerhard Schröder in ein Flugzeug steigt. Christian Schwägerl ruft die Ethikkommission auf, Forschungsvorhaben, in denen "ethisch brisante" Stammzellen verbraucht werden, streng zu überprüfen. Andreas Platthaus ist im ersten regulären ICE von Frankfurt nach Köln mitgefahren. Andreas Kilb gratuliert Peter O'Toole zum Siebzigsten. Jochen Schmidt schildert die Erfolge von Sasha Waltz beim Festival von Avignon. Felicitas von Lovenberg gratuliert Isabel Allende zum Sechzigsten. Gemeldet wird, dass das Erlanger Poetenfest trotz Geldnot in der Stadt stattfindet. Andreas Rossmann berichtet über die Einrichtung einer "Rheinischen Straße der Braunkohle".

Auf der letzten Seite macht der israelische Historiker und Publizist Gadi Taub die Europäer mitverantwortlich für das Andauern der Gewalt in Israel - "solange Arafat europäische Unterstützer hat, wird Scharon an der Macht bleiben. So einfach ist das". Außerdem porträtiert Jordan Mejias den neuen New Yorker Schuldezernenten Joe I. Klein. Und Andreas Kilb fragt, ob und wann denn endlich Jodie Foster ihr Projekt wahrmacht, Leni Riefenstahl zu spielen.

Besprochen werden eine Ausstellung des Haarlemer Manieristen Hendrick Goltzius in der Hamburger Kunsthalle, die Sommerfilmkomödie "Scooby-Doo" und die Wiederaufnahme von Achim Freyers "Zauberflöten"-Inszenierung in Salzburg.

NZZ, 02.08.2002

Andreas Kilcher erörtert anhand mehrerer Neuerscheinungen Perspektiven auf den Fall Wilkomirski (dessen vermeintliche Kindheitserinnerungen an Auschwitz sich bekanntlich als Mythomanie entpuppten) und verspricht dass dieser Fall "auch in Zukunft Kunstschaffende beschäftigt. Beispielsweise arbeitet der amerikanische Dramatiker und Pulitzerpreisträger Donald Margulies an einem Drehbuch zum Wilkomirski-Fall - eine 'psychologische Detektiv- Story'... und dies für keine geringere Firma als Paramount Pictures."

Weiteres: Georges Waser stellt drei neue Museumsbauten in Manchester vor, die Manchester Art Gallery, das"als Tribut an die moderne Großstadt gedachte" Museum Urbis und Imperial War Museum North. Alena Wagnerova bespricht eine Ausstellung über den Samisdat im Prager Nationalmuseum (mehr hier). Joachim Güntner meldet, dass das Erlanger Poetenfest gerettet ist - aber nur für dieses Jahr. Besprochen werden außerdem Bizets "Carmen" beim Glyndebourne Festival und einige Bücher, darunter Giuseppe Pontiggias Roman "Zwei Leben" (mehr hier) und Vittorio Magnago Lampugnanis Buch "Verhaltene Geschwindigkeit" (mehr hier) über die "Zukunft der telematischen Stadt" (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

Auf der Filmseite bereitet uns Rolf Niederer auf die Allan-Dwan-Retrospektive in Locarno vor. Besprochen wird der Film " Amores possiveis" von Sandra Werneck. Und auf der Medien und Informatik-Seite untersucht Max Rauner in einem langen Artikel die Ablösung wissenschaftlicher Fachzeitschriften durch vernetzte Dokumentenserver im Internet.

FR, 02.08.2002

Zurücktreten, bitte! Christian Schlüter sieht den Rücktritt als letztes Refugium politischen und souveränen Handelns, "eine veritable Utopie", danach kommt nur noch der Freizeitpolitiker. Ganz gleich, ob Rudolf Scharping, Cem Özdemir oder jetzt Gysi - Politiker, meint er, treten zunehmend aus hehren Gründen zurück. ". . . Fehler und Verfehlungen, selbst 'Eseleien' werden so freimütig wie eilfertig zugegeben. Gründe für die daraus zu ziehenden Konsequenzen werden im Verweis auf politische und moralische Erwägungen gegeben. Der allfällige Rücktritt bedeutet insofern nichts Geringeres als eine politisch-moralische Utopie in ihrer reinsten, gleichwohl praktikablen Gestalt - eine konkrete Utopie also, die ihre Erfüllung in Staatsräson und persönlicher Integrität findet." Zugleich erinnert Gysis Rücktritt Schlüter aber auch an die "in den Moskauer Schauprozessen eingeübten Selbstbezichtigungsrituale".

Gabriella Vitiello liefert Neuigkeiten aus Berlusconis Italien AG. Demnach propagierte der Kulturbeauftragten von Forza Italia, Marcello dell'Utri, kürzlich sein "Manifest der rechten Kultur". "Eine verklärte Suche nach intellektuellen Vorbildern, gepaart mit dem Wunsch nach rechter Kulturhegemonie", wie Vitiello erklärt. "Der ausgediente Anspruch der Linken tritt unter umgekehrten Vorzeichen wieder in Erscheinung und betont, Politik stehe im Dienst der Kultur, nicht umgekehrt ... In diesem Kontext zeigt Berlusconis Versprechen, 'Italien zu verändern', seinen revisionistischen Charakter. Kultur soll innerhalb dieses Unwandlungsprojekts die ideologische Transformation vorantreiben, Kritik an der Regierung verhindern und die Massenkommunikation steuern."

Weitere Artikel: Manfred Schneider liefert eine Nachlese zu einer "selten autoritätshörigen Debatte" über Pisa 2000. Daniel Bartetzko freut sich über die spielerischen Retrodesigns des Darmstädter Architekturbüros Fritsch + Ruby. Auf der documenta misst Harry Nutt den immensen Stromverbrauch der Kunst. "Times mager" berichtet von einem "Kunstwerk für Gerhard Schröder", das dem Kanzler Mut machen soll, und dpa meldet - den Protesten sei Dank! - die (vorläufige) Rettung des Erlanger Poetenfests.

Besprechungen widmen sich Christian Carions Film "Eine Schwalbe macht den Sommer" mit Michel Serrault, der Vincent-Award-Ausstellung Neo Rauchs im Bonnefanten Museum (heißt wirklich so) in Maastricht sowie dem Kinofilm "Scooby Doo".
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TAZ, 02.08.2002

Nach dem "überraschenden Rücktritt" von Gregor Gysi erklärt Jens König in den Tagesthemen, dass dieser Rücktritt eigentlich alles andere als überraschend kommt. Gysi, der clevere Anwalt, schreibt König, wollte nämlich nie ein "normaler" Politiker sein: "Vor zwei Jahren bekannte er sogar einmal, in seinem Innern gar kein Politiker zu sein. Ihm fehlt die Ausdauer, die Demut vor dem Amt, die Mittelmäßigkeit. Gysi ist intelligent. Er langweilt sich schnell. Er braucht den Widerstand. Er will den großen Auftritt." Und welches Rasierwasser benutzt er?

In der Kultur porträtiert Maxi Sickert die afroperuanische Sängerin Susana Baca. Harald Peters besucht die Neptunes, das bedeutendste Produzententeam der Gegenwart, Thomas Winkler stellt neue Platten vor von Nelly ("Nellyville") und J-Luv ("Kontraste") vor, Christina Förch berichtet von den Musikfestivals in Baalbek und Beiteddine im Libanon, und Marc Peschke findet die Ausstellung "World Airports" im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt nicht kritisch genug.

Schließlich Tom.

SZ, 02.08.2002

Alles ganz anders? Münchens Pleite zum Beispiel. Der Schriftsteller Georg M. Oswald imaginiert schon bettelarme, ausgezehrte Models auf der Maximiliansstraße. München pleite? Und was sind dann bitte Städte wie Kalkutta und Buenos Aires? Doch ganz so einfach ist es nicht. Tatsächlich erkennt Oswald die Anzeichen "eines tiefgreifenden strukturellen Mangels unseres Gemeinwesens". Das vorläufige Ausbleiben einschneidender persönlicher Konsequenzen aber, warnt er, verleitet nur dazu, "das Ereignis falsch einzuschätzen, darin der Staatsverschuldung nicht unähnlich. Schulden, die wir nicht direkt und persönlich zurück zahlen müssen, interessieren uns noch weniger als eine Pleite, die uns nicht zahlungsunfähig macht."

Alles ganz anders. Franziska Augstein kann an der privaten Nutzung der Lufthansa-Meilen, wie sie Gysi jetzt als Rücktrittsgrund dient, ja dient, nichts Amoralisches finden, im Gegenteil: "Abgeordnete buchen ihre Flüge nicht nur kurzfristig, sie buchen selbige auch oftmals um. Das Verfahren der Bonusmeilen taugt für dieses Pensum nicht. Folglich sind die Guthaben nutzlos, sofern sie nicht privat verbraucht werden. Die private Nutzung erspart den Abgeordneten Geld, das sie anderenfalls über den Wunsch nach einer Diätenerhöhung vom Steuerzahler einfordern würden." Es ist rührend.

Warum ein urbaner russischer Verlag den antisemitischen Verschwörungs-Schinken "Herr Hexogen" des Zeitungsmannes Alexander Prochanow verlegt, und alle noch jubeln, versucht der Moskauer Schriftsteller Lew Rubinstein zu klären. Zur Freiheit fehlt noch das Verantwortungsgefühl, vermutet er. "Ein Teil der intellektuellen Öffentlichkeit sieht im liberalen Denken mehr und mehr etwas Langweiliges und Routinemäßiges, etwas, dem es an kreativer Energie mangelt. Das zeigt, dass das liberale Denken trotz allem akzeptiert wurde, dass es zumindest Wurzeln geschlagen hat. Aber diese Wurzeln sind, gelinde gesagt, nicht tief genug, als dass 'begabte Naturen' sich mal gelinde faschistoiden Spielchen, mal stilisierter Nostalgie nach der 'Großmacht' hingeben könnten - und das in aller Unschuld."

Weitere Artikel: Karol Sauerland berichtet, wie polnische Vertriebene um ihre Entschädigung kämpfen. Raphael Honigstein bedauert das Sterben der englischen Superclubs. Veronika Schöne suchte auf einem Kongress der "International Association of Word and Image Studies" in Hamburg nach "Orientations". C.D. weiß von Plänen, die deutsche Theaterlandschaft zum Weltkulturerbe zu erklären (haha), und Bodo Fründt schreibt zum siebzigsten Geburtstag des großen Iren Peter O'Toole.

Besprochen werden Aare Merikantos Nationaloper "Juha" auf dem Opernfestival im finnischen Savonlinna, Maria Speths Berlin-bei Nacht-Film "In den Tag hinein", eine Ausstellung über Kaiser Maximilian I. im Reichskammergerichtsmuseum zu Wetzlar, neue Arbeiten von Katharina Grosse im Münchner Lenbachhaus, eine monumentale Biografie über Herbert von Karajan und Thomas Manns "Königliche Hoheit" als Hörbuch (siehe auch unsere Bücherschau um 14 Uhr).