Adriano Sofri

Die Gefängnisse der anderen

Cover: Die Gefängnisse der anderen
Edition Epoca, Zürich 2001
ISBN 9783905513257
Gebunden, 206 Seiten, 19,89 EUR

Klappentext

Aus dem Italienischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Volker Breidecker. Im Jahre 1969 gründete Adriano Sofri die militante außerparlamentarische Organisation "Lotta Continua". Aufgrund der Besonderheit des italienischen Rechts, des sogenannten Reuigenparagraphen, sitzt er nach mehreren Prozessen endgültig im Gefängnis. Er wurde beschuldigt, 1972 die Ermordung des Mailänder Polizeikommissars Calabresi angeordnet zu haben. Carlo Ginzburg vergleicht den "Fall Sofri" mit dem Dreyfus-Skandal. Sofris Expeditionsbericht über die modernen Verließe liegen nun zum ersten Mal auf Deutsch vor. Seine Aufzeichnungen stellen eine Art Proustsche Recherche unter kafkaesken Verhältnissen dar. Nebenbei ist dies ein Buch zur 68er-Debatte - zur Aufarbeitung der "bleiernen" Zeit.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.11.2001

Franz Haas lobt das Buch als "ein brillant geschriebenes, anrührendes Zeugnis von Adriano Sofris persönlicher Lage" und als zugleich "scharfsinniges Buch über die Welt der Haftanstalten". Da Sofri vielmehr ein glänzender Schriftsteller als ein analytisch vorgehender Soziologe sei, findet Haas den ersten Teil des Buches, der die "eigene Intimität hinter Gittern" beschreibt, nicht nur besser, sondern einfach auch schöner. Ansonsten verweist der Kritiker auf eine wichtige Quelle, die Sofris Darstellung zugrunde liegt: Es handelt sich um "Meine Gefängnisse" von Silvio Pellico, einem "Irredentisten", der, wie Haas schreibt, "1820 in einem Keller der Habsburger verschwand". Dieses Buch kommentiere Sofri, indem er immer wieder auf dessen Titel anspiele. Auch zur Wirkungsgeschichte von Sofris Buch und Fall hat Haas Nützliches zu berichten: Auf Sofris Internetseite (www.sofri.org) findet man laut Haas neben Prozessakten auch Auszüge aus seinen Schriften. Ein Buch, das im Umkreis von Sofris Fall entstanden ist, so Haas, ist "Der Richter und der Historiker" von Carlo Ginzburg, erschienen 1991, das Grundlage für den Dokumentarfilm des französischen Regisseurs Jean-Luis Comolli war.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.11.2001

Fritz Göttler hat ein Reisebuch von "verblüffender Eleganz" gelesen, das vom Gefängnis handelt. Der Autor wurde 1988 verhaftet, weil er als Gründer der "Lotta Continua" für einen Mord verantwortlich sein sollte. Die Reise geht also ins Gefängnis - dort schreibt Adriano Sofri, inzwischen zu lebenslänglich verurteilt, Tagebuch. Angereichert mit Berichten, Beobachtungen und Statistiken wird daraus eine "kleine Theorie der Haft, der Justiz und der Gerechtigkeit". Das Leben im Knast gewinnt für den Autor eine "ganz und gar erträgliche Leichtigkeit des Seins"; geradezu schwerelos beobachtet Sofri die Welt, schreibt ein tief beeindruckter Rezensent, der an dieser Stelle auch die deutsche Übersetzung lobt. Selbst die Schikanen und Strapazen der Haft seien ironisch beschrieben. Die 'Nichtbewegung' im Gefängnis, wie Sofri das Leben dort nennt, der 'wohlbedachte Gebrauch von Geduld und Passivität' kennzeichnen für den Rezensenten nicht nur Sofris Gefängnisleben, sondern die "Postmoderne insgesamt".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.10.2001

Zum Thema "Das Leben im Gefängnis" hat Katharina Rutschky das Buch von Adriano Sofri aufgegriffen. Der Verfasser gliedert sein Buch , das über seinen ersten Gefangenenaufenthalt berichtet, in einen politischen und einen literarischen Teil, wobei er die Zeiten, in denen man Gefängnisse aus antiautoritären Prinzipien heraus abschaffen wollte, mit berücksichtigt. Es sei ein "sachlicher und zugleich subtiler Bericht", der die Schlussfolgerung nahe lege, dass der Versuch der Reform kaum mehr als halbherzig geblieben sei. Immerhin: heute darf jeder Häftling seine Pasta auf seinem eigenen Gaskocher kochen. Lobend hebt die Rezensentin hervor, dass Sofri nicht an das Mitgefühl, sondern an "Intelligenz und Freiheitsdurst" appelliert. Auch der Übersetzer Volker Breidecker wird lobend erwähnt, da er durch Nachwort und Fußnoten erheblich zum Verständnis des Textes beitrage.