Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.04.2002. Sehr politisches Feuilleton heute: In der FAZ bezweifelt Amos Oz, dass in Dschenin ein Massaker stattgefunden hat. In der SZ stellt Amos Oz einen Friedensplan vor. In der taz bezweifelt Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz die Kompetenz des IWF. In der FR beklagt Jürgen Todenhöfer das Leiden der Iraker. Alle Zeitungen stellen den Pritzker-Preisträger Glenn Murcutt vor.

FAZ, 16.04.2002

Der Schriftsteller Amos Oz bezweifelt im Interview mit Hubert Spiegel, dass in Dschenin ein Massaker stattgefunden hat. Zwei Studenten von ihm, Reservisten und Mitglieder der Peace Now-Bewegung, hätten am Einsatz teilgenommen: "Beide haben mir eindringlich versichert, daß in Dschenin kein Massaker stattgefunden hat. Es sei zu heftigen Kampfhandlungen gekommen, bei denen etwa zwanzig Israelis und ungefähr hundert Palästinenser ums Leben kamen. Sie sagen, dass sie nicht mehr als fünfzehn bis zwanzig Leichen palästinensischer Zivilisten gesehen haben, aber möglicherweise befänden sich noch mehr Tote unter den Trümmern. Die palästinensischen Kämpfer, so haben meine Freunde mir berichtet, hätten Zivilisten, ihre Landsleute, als lebende Sandsäcke und menschliche Schutzschilde eingesetzt. Das haben sie mit eigenen Augen gesehen und mir gegenüber beschworen."

Der südafrikanische Autor Breyten Breytenbach, Mitglied der Palästina-Reisegruppe des Schriftstellerparlaments, bechuldigt Israel in einem offenen Brief an Ariel Scharon des Rassismus, den er mit dem ehemaligen Apartheid-Regime in seiner Heimat vergleicht: "Ich wuchs damals auch mit einem 'auserwählten Volk' auf, das sich wie ein Herrenvolk aufführte - wie all jene Völker, die glauben, ihnen stünde eine Sonderstellung zu, weil sie besonders gelitten haben oder von Gott mit einer besonderen Mission betraut wurden. Verzeihen Sie, wenn meine vergleichende Anspielung auf Israel als Herrenvolk verletzend wirkt, weil in ihr die jüngere Vergangenheit anklingt, in der in Europa so viele Juden der 'Endlösung' zum Opfer fielen. Aber wie soll man sonst das Verhalten Ihrer Armee beschreiben, überwältigt von Schrecken angesichts dessen, was Sie anrichten?"

Weitere Artikel: Christoph Albrecht resümiert den 92. Deutschen Bibliothekartag, in dem es um die fortschreitende Digitalisierung der Bibliotheken ging. Lorenz Jäger stellt das Modell "Fischerman's Friends" der Modellbaufirma Brekina vor - ein Opel Rekord, wie ihn die Frankfurter Polizei zur Zeit des Häuserkampfers fuhr. Der Kunsthistoriker Peter Stephan plädiert auf einer ganzen Seite für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses (und hat übrigens eine interessante Homepage zum Thema). Verena Lueken berichtet über den Protest amerikanischer Autoren gegen den Internetbuchhändler Amazon.com, der auf seiner Adresse inzwischen auch gebrauchte Bücher verkauft - an denen die Autoren nichts mehr verdienen. (Nicht einmal eine Schonfrist für neue Bücher akzeptiert Amazon.)

Auf der Bücher-und-Themen-Seite schreibt Maja Turowskaja über Joseph Brodsky, und Jürgen Kaube berichtet über eine Berliner Lesung Richard Sennetts aus seiner Autobiografie. Auf der Medienseite stellt Jörg Thomann das neue Medienmagazin des NDR "Zapp" vor. Und Michael Hanfeld erzählt die neuesten Volten des Kirch-Drama (keine Insolvenz für Premiere, und die Insolvenzverwalter von Kirch Media werden ausgehebelt). Auf der letzten Seite erinnert Heinrich Wefing daran, dass Thomas Mann vor sechzig Jahren sein Haus auf den Hügeln von Los Angeles bezog. Niklas Maak porträtiert den für seine Einfamilienhäuser (hier und hier) berühmten australischen Architekten Glenn Murcutt, der demnächst den Pritzker-Preis, den beudetendsten Architekturpreis bekommt.

Besprochen werden die von Harald Szeemann betreute Marcel-Duchamp-Ausstellung im Basler Tinguely-Museum, eine Auftritt Tabea Zimmermanns mit Wolfgang Rihms neuem Violinkonzert in Frankfurt, Alexander Galins Stück "Casting in Kursk" in Berlin, Yuri Vamos' "Sacre"-Choreografie in Düsseldorf und Hans Henny Jahnns Spektakel "Straßenecke/Trümmer des Gewissens" in Dresden.

NZZ, 16.04.2002

Roman Hollenstein porträtiert Glen Murcutt, den diesjährigen Pritzker-Preisträger: "Nach baukünstlerischen Anfängen, die gleichermaßen Mies van der Rohe und Alvar Aalto verpflichtet waren, fand Murcutt in der Auseinandersetzung mit der ruralen Bautradition seiner Heimat und im Dialog mit der Natur zu einer unverwechselbaren Architektur. In deren Zentrum steht das Wohnhaus als Stätte der Selbstfindung und der Selbstverwirklichung des Individuums, aber auch als Ort der Zuflucht und des Schutzes im Sinne Henry David Thoreaus." (Dass dies ein ökologisches Bauen sei bezweifelt allerdings mit guten Gründen Niklas Maak in der FAZ: "denn Murcutts Häuser nähren den unökologischsten aller Bauträume, den vom einsamen Haus draußen vor der Stadt, ein Traum, der zu den endlosen, naturfressenden Einfamilienhaussiedlungen vor der Stadt führt, aus denen sich Kolonnen von Autos jeden Tag in die Stadt wälzen und damit das zerstören, was sie draußen suchen: die Natur.")

Weiteres: Georges Waser berichtet vom Aufruhr, den Graham Swift in der britischen Verlagsszene auslöste, weil er seinen nächsten Roman (und gleich auch seine Backlist) meistbietend verkaufte und damit auch seinen langjährigen Verlag Picador verließ. Von Rolf Urs Ringger erfahren wir, dass das Montreux-Festival wegen einer Finanzierungslücke von 500.000 Franken in diesem Jahr ausfallen wird. Max Furrer resümiert den 92. Deutsche Bibliothekartag. Besprechungen gelten einer Ausstellung mit Künstlerkeramik des 20. Jahrhunderts in Genf, zeitgenössischem Theater in Genf, einem Kammermusikkonzert Emmanuel Ax' in Zürich, einem provisorischen Pavillon des Architekten Adolf Krischanitz auf dem Wiener Karlsplatz und einigen Büchern, darunter Giles Fodens Roman "Der letzte König von Schottland" (mehr hier), Bodo Morshäusers Roman "In seinen Armen das Kind" (mehr hier) und Essays von Julian Nida-Rümelin. (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)

FR, 16.04.2002

Jürgen Todenhöfer, ehemaliger entwicklungs- und rüstungspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, schreibt nach einer Reise durch Irak über das "Leben und Überleben unter den UN-Sanktionen". Der irakische Mittelstand sei "total verarmt", das "Öl-für-Nahrung-Programm" habe den Hunger zwar gelindert, sehe aber kein "Fleisch, Obst, Gemüse" vor, und am meisten litten die Kinder. Sein Urteil: "Die ... Sanktionen verletzen die Menschenrechte der irakischen Bevölkerung noch mehr als die rigiden Polizeistaatsmethoden des schrecklichen Diktators Saddam Hussein. Sie haben mehr Menschen getötet als alle chemischen Waffen, die der gnadenlose Despot jemals gegen Iran und gegen die Kurden eingesetzt hat. Aber auch politisch waren sie ein Desaster. Denn sie haben Saddams Position in der Bevölkerung nicht geschwächt, sondern sie, vor allem in den armen Bevölkerungsschichten, noch gestärkt."

Michael Lüders beschäftigt sich in seinem Text mit dem "Sprengsatz" israelische Siedlungspolitik und kritisiert die weitreichenden "Denkverbote" der deutschen Politik, die verhinderten, dass diesbezüglich "nahe liegende Fragen selten gestellt" würden. Für Lüders verfolgt "die Siedlungspolitik einzig das Ziel, den israelischen Anspruch auf die besetzten Gebiete durch eine eigene Infrastruktur unwiderruflich zu festigen." Ohne den "palästinensischen Terror" in irgendeiner Form "billigen oder rechtfertigen" zu wollen, stellt er fest: "Über das Leidensmonopol verfügt keine Seite. Was sie unterscheidet, ist die Ausübung von Macht."

Weitere Artikel: Konrad Lischka informiert über internationale Strategien, mit denen gegen die "Drogenaktivitäten" der Rave-Szene vorgegangen wird oder werden soll. Durchgängiges Credo: Wenn die Raves oder die Clubs oder eben jede andere Form jugendlicher Zusammenrottungen verschwinden, "bleiben die Felder sauber und die Menschen am Leben". Mit einem kleinen Porträt wird der 25. Träger des Pritzker-Architekturpreises, der Australier Glenn Murcutt, gewürdigt. Bezeichnet die SZ die Entscheidung der Jury als "Sensation", sieht die FR darin eher "einen verschroben-knorzigen Fingerzeig" derselben.

Peter Iden betitelt seinen Text über die Inszenierung von Alan Ayckbourns "Haus und Garten" auf beiden Bühnen des Bochumer Theaters (mehr hier) als "Doppelschlag des fröhlichen Plattmachers", und Joachim Lange stellt mit Mozarts "Idomeneo" und Strauß' "Arabella" ein Pariser Opern-Kontrastprogramm vor. Geführt wird durch eine Duchamp-Ausstellung am Basler Museum Jean Tinguely (mehr hier), und die Wiederveröffentlichung der "besten Blaxpoitation-Soundtracks" von Melvin Van Peebles, Isaac Hayes und Booker T. and The MG's wird eindeutig begrüßt.
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TAZ, 16.04.2002

Auf den Tagesthemen-Seiten bezweifelt der ehemalige Chefökonom der Weltbank, Nobelpreisträger und Autor des Buches "Die Schatten der Globalisierung", Joseph E. Stiglitz, im taz-Gespräch die Integrität und Krisenkompetenz des Internationalen Währungsfonds: "Der IWF ist dominiert von Ökonomen, die allesamt einer bestimmten Denkrichtung entstammen. Sie sehen die Welt nur als große Zahlungsbilanz. Ich würde das nicht mehr als Wirtschaftswissenschaft bezeichnen, sondern als Ideologie, weil sie weder durch Evidenz noch durch Theorie gestützt wird. Aber sie dient den Börsianern. Der IWF drängte die Länder weltweit dazu, ihre Kapitalmärkte zu öffnen und hohe Zinsen festzusetzen. Damit machen die Geldanleger ihr Geschäft. Aber: Weder Theorie noch Realität beweisen, dass die Liberalisierung der Kapitalmärkte in den Entwicklungsländern zu Wirtschaftswachstum geführt hat. Im Gegenteil zeigen sie, dass sie zu Instabilität führt."

Weitere Artikel: Florian Malzacher lobt maßvoll Dimiter Gotscheffs Inszenierung von Antonin Artauds Gruselgeschichte "Die Cenci" im Frankfurter Schauspiel (mehr hier). Lilli Brand erzählt die Geschichte der Ukrainerin Maria Kretschmir, die in Berlin wegen Geldwäscherei, Steuerhinterziehung und der Vermittlung von Scheinehen verurteilt wurde - wie es aussieht zu Unrecht.

Ansonsten werden heute ausschließlich Bücher besprochen, darunter der Briefwechsel zwischen Lou Andreas-Salome und Anna Freud aus den Jahren 1919-1937, dem sich Michael Rutschky  im Aufmachertext widmet, der neue Roman von Stephen King "Der Buick" und politische Bücher (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und hier TOM.

SZ, 16.04.2002

Der Schriftsteller Amoz Oz stellt einen konkreten Fünf-Punkte-Plan für eine Beendigung des Nahostkonflikts vor, den er "Teelöffel-Kampagne" nennt: "In diesen Tagen muss jeder, der für Frieden ist, Wasser besorgen - wenigstens einen Teelöffel voll - und es in das Feuer gießen: Er muss seine Stimme erheben gegen die Kriegsverbrechen der einen wie der anderen Seite ... Jeder von uns hat so einen Teelöffel." Unter Punkt Drei schlägt Oz vor: "Israel wird moralisch anerkennen, dass es in der israelisch- palästinensischen Tragödie eine Rolle gespielt hat. Gleichzeitig wird es von jedem anständigen Menschen verlangen, auch die Rolle der arabischen Staaten und der Palästinenser in dieser Tragödie anzuerkennen."

Tariq Ali beschäftigt sich mit der Entführung und Ermordung des Reporters Daniel Pearl vom Wall Street Journal in Pakistan und fragt sich, "wer in Pakistan wirklich herrscht". Die Tragödie um Pearl habe einerseits "ein wenig Licht in die dunkelsten Winkel der Geheimdienstnetze" geworfen, bliebe aber dennoch "mysteriös". So sei etwa "die Gruppe, die sich zu Entführung und Tötung Pearls bekannte ... ein Konstrukt". Und der örtliche Kontaktmann der Times, der das Video von Pearls Ermordung am Vorabend von Musharrafs Besuch in Washington für die Weltmedien freigeben sollte, "wurde vom Geheimdienst verhaftet und vier Tage lang ... festgehalten. Nach seiner Rückkehr weigerte er sich, irgendetwas über diese Affäre preiszugeben".

Weitere Themen: Wir lesen die Zusammenfassung einer Berliner Diskussion zwischen Oskar Lafontaine und Joseph Stiglitz zum Thema "Schattenseiten der Globalisierung". Imue klärt uns darüber auf, warum und auf welche Weise Heinrich Bölls Roman "Ansichten eines Clowns" von 1963 derzeit im Chat-Room der italienischen Zeitung La Repubblica ein "Comeback" erlebt. Fritz Göttler stellt den neuen Hollywood-Club der "25-Millionen-Dollar-Gage-verlangen-Könner" vor. Der Kölner Historiker Wolfgang Schieder kritisiert die Änderung des Begutachtungssystems der DFG. Informiert werden wir über die Hintergründe einer "Probenverweigerung" des Spanischen Nationalorchesters und die "sensationelle" Entscheidung, den renommierten Pritzker Architecture Prize in diesem Jahr dem in Europa fast völlig unbekannten Australier Glenn Murcutt zuzuerkennen. Roswitha Budeus-Budde berichtet über die Kinderbuchmesse in Bologna. In der Serie "Museumsinseln" porträtiert Hanns Zischler das "Biologiska Museet", ein Naturmuseum in Stockholm, und hat dort schönes Licht und eine "ziemlich einzigartige Lösung für die Darstellung der Fauna" vorgefunden.

Besprechungen gibt es natürlich auch. Reinhard J. Brembeck verortet die Athener Uraufführung von Mikis Theodorakis Vertonung von Aristophanes "Lisistrati" (das ist neugriechisch) als "populistische Kulturolympiade" irgendwo zwischen "Dionysien und Folklore". Als absolut provokationsfrei beurteilt wird Konstanze Lauterbachs Inszenierung von Alexander Galins Stück "Casting" am Deutschen Theater Berlin, begeistert hat dagegen eine Ausstellung zur Kulturgeschichte der Tulpe in der Salzburger Residenzgalerie. Rezensiert werden ein Porträt des römischen "20-Monats-Kaisers" Julian Apostata und die Sammlung von Zeugenberichten über den Giftgasanschlag in Tokyo von Haruki Murakami (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).