Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.12.2001. In der NZZ liefert Assia Djebar, die zur Zeit in New York lebt, persönliche Notizen zur "dunklen Katastrophe" vom 11. September. Die FAZ findet Naipaul zwar nicht so sympathisch, würdigt ihn aber als großen Schrifsteller. Die FR interviewt Ahmed Raschid zum Petersberg-Abkommen - er erkennt darin eine Hoffnung für Afghanistan.

NZZ, 08.12.2001

Im Feuilleton resümiert Hans-Albrecht Koch die Querelen um die beiden konkurrierenden kritischen Kafka-Ausgaben und charakterisiert die Lage mit einem italienischen Sprichwort: "Die Mutter der Dummheit ist immer schwanger." Jürgen Dittrich schickt eine Reportage aus dem nordirischen Derry, wo die katholischen Bewohner ihre missliche Lage mit Hilfe eines Kunstprojekts in Wandbildern reflektieren. Frederike Kretzen setzt das "kleine Glossar des Verschwindens" fort. Besprochen wird eine Hans-Haacke-Ausstellung in der Generali Foundation Wien.

Assia Djebar (mehr hier), die algerische Schriftstellerin, war einige Zeit vor dem 11. September nach New York gekommen. Sie liefert heute in Literatur und Kunst einige sehr persönliche Notizen zu den Attentaten: "Aber was ist die Aussage dieser Tat, die durch ihren undifferenzierten Hass nicht mehr zu deuten ist: Sie drückt nicht einmal Solidarität aus - eine Solidarität mit den Martyrien, mit all den Dramen, die im letzten Jahrzehnt des gerade vergangenen Jahrhunderts einander gefolgt sind: bei Bosnien angefangen, über Tschetschenien, das immer noch leidet, über die unterernährten Kinder in einem Irak, der weiter unter der Herrschaft des gefährlichen Diktators steht, bis hin zum Genozid in Rwanda, wo so viele westliche Großmächte sich als Komplizen oder durch Nichtstun schuldig gemacht haben. Nein, nicht einmal der Schatten eines Prozesses im Namen der Entrechteten der Dritten Welt ist bei diesen Tätern zu entdecken, welche die Katastrophe vom September ausgelöst haben."

Weiteres: Ein leider namenloser Autor (ein seltsames Problem der NZZ-Online: die Autorennamen in Literatur und Kunst werden oft im Netz nicht dargestellt), fragt sich woran die "arabische Renaissance" gescheitert ist. Weitere namenlose Autoren erinnern an Ödön von Horvath (100), an Jean Rudolf von Salis (100), den ein weiterer Artikel im "Spannungsfeld der Geschichtswissenschaft" sieht, und an Nestroy (200).

SZ, 08.12.2001

Heribert Prantl erklärt, wie westliche Regierungen gerade dabei sind, den Rechtsstaat auseinanderzunehmen. Überall, in Washington, London, Paris und Berlin, werden "vergiftete Gesetze" produziert, meint Prantl, und dies ohne dass den Politikern das irgendwie schwer fallen würde. "Die rechtsstaatlichen Grundprinzipien werden geopfert, die Strafverfolgung verkommt zur Inlandsspionage. Die bisherigen Fundamentalgewißheiten sind nicht mehr gewiß: Die Öffentlichkeit des Strafverfahrens. Die Trennung von Polizei und Geheimdienst ... Die öffentliche Beweisführung. Der Grundsatz im Zweifel für den Angeklagten. Die Gleichheit vor dem Gesetz. Das Verbot bestimmter Vernehmungsmethoden. Der Grundsatz des fairen Verfahrens." Die Tatsache, dass der Westen damit genau das opfert, wofür er in Afghanistan Krieg führt, wie es hier einmal mehr heißt, ist nicht anders denn als absurd zu bezeichnen.

Außerdem: Tobias Kniebe porträtiert den neuseeländischen Regisseur Peter Jackson, der Tolkiens "Herr der Ringe" verfilmt. Dirk Peitz schreibt über das seltsame Comeback des Ex-ABC-Sängers Martin Fry. In der Serie "Museumsinseln" besucht Jens Bisky das Deutsch-Russische Museum in Berlin-Karlshorst, das Zeugnisse des Kriegsalltags aufbewahrt. Und es gibt ein Interview mit dem schwedischen Dramatiker Lars Noren, der in Berlin gerade sein Stück "Tristano" inszeniert.

Besprochen werden Virginie Wagons Filmabenteuer "Das Geheimnis", Christopher Marlowes "Tamerlan Le Grand" im Pariser Theatre National de Chaillot. Und eine Menge Bücher: u.a. eins, das uns sagt, was man von den Naturwissenschaften wissen sollte, dann Gershom Scholems Tagebücher, die Korrespondenz zwischen Erich Maria Remarque und Marlene Dietrich sowie Emmanuel Boves Roman "Colette Salmand" (auch in unserer Bücherschau Sonntag ab 11 Uhr).

Die Wochenendbeilage schließlich bietet ein Porträt des Wunderkinds Werner Heisenberg, der vor hundert Jahren zur Welt kam, Hubert Filser wirft einen Blick hinter die Kulissen des Nobelpreises, Ruth Spietschka stellt die Lektorin Ingrid Krüger vor, die das Bild mit prägte, das sich die Bundesrepublik von der DDR machte. Und Benjamin Henrichs unternimmt einen Streifzug durch die wunderbar mit der Stille arbeitenden Fräulein-Dramen Ödön von Horvaths und zeichnet dessen kurzes, stürmisches Leben nach, das auch buchstäblich im Sturm endete.

FR, 08.12.2001

Jeder Versuch, ins Feuilleton der FR vorzustoßen, wird heute morgen mit dem Hinweis beendet, diese Url sei nicht existent. Darum hier nur eine kurze Zusammenfassung vom Blatt.

Im Interview erklärt der Journalist Ahmed Raschid ("Taliban. Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad"), warum er das Petersberg-Abkommen für eine Chance hält, Afghanistan zu befrieden. "Die UN haben auf dem Petersberg eine neue Generation von Politikern zusammen gebracht, die gemäßigt, gebildet und modern sind. Im Gegensatz zu den Kriegsfürsten teilen sie eine nationale Vision." Außerdem fordert Raschid Wahlen in Pakistan. Sie wären "der Nagel im Sarg der Dschihad-Kultur".

Weitere Artikel: Rudolf Walther erzählt, dass dem Zürcher Schauspielhaus - gerade zum Theater des Jahres gewählt - das Publikum wegläuft. Hans-Jürgen Heinrichs hat den Literaturnobelpreisträger V.S. Naipaul porträtiert (die Literaturseiten funktionieren kurioserweise). Joachim Kalka schreibt in der Reihe "Literaturszene" über Chestertons Wochentage oder Die Anarchie ist die Polizei. Marietta Piekenbrock gratuliert Ödön von Horvath zum 100., und Dieter Borchmeyer gratuliert Johann Nestroy zum 200. Geburtstag.

Besprochen werden Shakespeares "Titus Andronicus" am Deutschen Theater in Berlin, ein "Othello" im Hamburger Neuen Cinema, Virginie Wagons Film "Geheimnis" und Bücher, darunter ein Band mit Bildern der japanischen Fotoavantgarde 1968-72 (siehe auch unsere Bücherschau Sonntag ab 11 Uhr).
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TAZ, 08.12.2001

Frank Schäfer ist nach Bochum gefahren, um den Ex-Musikjournalisten und nachtwächternden Schriftsteller Wolfgang Welt zu treffen. "An seinem gerade erschienenen zweiten Roman 'Der Tick' (Heyne Verlag) hat er ausschließlich in den paar Wochen Jahresurlaub gearbeitet, sukzessive, über zehn Jahre lang. Ein normaler Urlaubstag sieht dann so aus: 'Ich stehe um 6 auf, ne Kanne Kaffee dabei, und dann haue ich das raus . . . bis 9, so 10 Seiten circa. Dann schlafe ich noch ein bisschen, und wenn ich fit bin, nachmittags das gleiche nochmal.'" Ein Produktionsprozess, meint Schäfer, der "dieser temporeichen, kruden, ohne ästhetisches Kalkül aufs Papier gerotzten Prosa, die offenbar nichts anderes als wahrhaftig sein will", keineswegs geschadet habe. Erstaunlich ist das umso mehr, als Welt zugibt, seine Texte nie zu überarbeiten und auch kein Handlungsgerüst zu entwerfen: "Ich fange an . . . ich weiß wohl, wo ich enden werde, aber der Weg dahin ist ungewiss."

Ferner: Rolf Lautenschläger berichtet von einem Kölner Kongress, auf dem Architekten und Stadtplaner ihre Sünden bereuten. Und Holm Friebe avisiert die Verleihung des Turner-Preises am kommenden Sonntag und stellt die glücklichen Nominierten vor.

Das tazmag liefert ein Dossier über den Popocatepetl (u.a. mit einer Reportage vom Leben und Träumen mit diesem mächtigsten Vulkan Lateinamerikas), Dietmar Bartz schreibt eine kleine Kulturgeschichte des Turbans, und Christian Semler befragt die Chefhistorikerin der kanadischen Regierung, Ruth B. Birn (mehr hier), zur Diskussion um die Holocaust-Forschung.

In den Tagesthemen lesen wir über Berlins neues Veranstaltungszentrum, das Neue Tempodrom und Barbara Oertel interviewt den pakistanischen Journalisten und Autor ("Taliban - Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad") Ahmed Rashid über den politischen Neuaufbau Afghanistans.

Schließlich Zeit für Literataz, die Weihnachtsbücherbeilage.

Und natürlich für Tom.

FAZ, 08.12.2001

V.S. Naipaul ist in Stockholm eingetroffen, wo ihm am Montag der Nobelpreis verliehen wird, und hat seine erste Pressekonferenz gegeben. Felicitas von Lovenberg berichtet ? so recht sympathisch scheint ihr der Mann nicht zu sein. Über den Krieg in Afghanistan sagte Naipaul: "'Ich will Ihnen etwas sagen: Ich bin erfreut über diesen Krieg. Ich hoffe, die Taliban werden zerstört. Sie verdienen es, bestraft zu werden für ihren sinnlosen Vandalismus.' Die Sprengung der Bamijan-Figuren sei ein Verbrechen gegen die Menschheit, gegen den Rest der Welt, und zeige nichts als Verachtung für Religion. Wir alle, die wir mehr über die Vergangenheit wissen wollen, hätten nun keine Chance mehr, die Statuen zu studieren. Kein Wort über die Toten, die Terroranschläge, die Zukunft Afghanistans: Ist es das, was Naipaul meinte, als er sagte, er sei kein politischer Schriftsteller?" Aber vielleicht hatte er da gerade an den Rang der Kunst erinnert?

Tobias Döring schildert Naipaul in einem kleinen Essay als einen Autor auf der "Flucht vor der Heimat": "Schreiben heißt für Naipaul zuallererst, einen zentralen, geschützten Raum zu schaffen und zu verteidigen, der es ihm ermöglicht, eine bedrückend begriffslose Wirklichkeit ins Auge zu fassen und in makellose Prosasätze zu fügen. Dazu greift er mit zwanghafter Entschlossenheit auf die alten Ordnungsmuster des Empire zurück, die einst solche Deutungsmacht in Aussicht stellten." Allerdings hat sich Naipaul auch in England unbeliebt gemacht, so Döring weiter, denn die "Englishness" nimmt er genau so auseinander wie die Versuche der Kolonisierten zu einer Selbstfindung jenseits des Westens.

Weitere Artikel: Joachim Müller-Jung berichtet von genetischen Untersuchungen an Juden und Arabern, in denen man wieder einmal feststellte, dass beide Gruppen engstens verwandt sind. Peter Jochen Winters berichtet über die Eröffnung des "Museums Sowjetisches Speziallager" in Sachsenhausen. Roland Kany porträtiert den Kunsthistoriker Charles Hope, der zum Direktor des Warburg Instituts bestimmt wurde. Dietmar Dath erzählt von einem kleinen Krieg, der im amerikanischen Internet ausgetragen wurde: Ein Indianer zwang, das Innenministerium wegen Missmanagments von Indianerangelegenheit und löchrigen Datenschutzes vom Netz zu gehen. (Versuchen Sie es selbst: die Adresse des amerikanischen Innenministeriums funktioniert tatsächlich nicht!) Verena Lueken liest amerikanische Zeitschriften, die sich mit der Frage befassen, ob Bush das Recht beugt.

Ferner schreibt Gerhard Stadelmaier zum 100. Geburtstag Ödön von Horvaths. Peter Richter bereitet uns auf die Verleihung des Turner-Preises vor. Michael Gassmann resümiert eine Tagung zum "Memory of the World"-Programm der Unesco. Auf der Medienseite liefert Michael Hanfeld das Protokoll einer ergebnislosen Intendantenwahl im ZDF. Und Jürg Altwegg informiert uns, dass die französischen Zeitungen Le Monde und Liberation für ihren Inhalt künftig Geld verlangen werden (wenn man überlegt, wie rudimentär das französische Internet entwickelt ist, könnten die Franzosen eigentlich gleich wieder zum Minitel übergehen!) Und auf der letzten Seite denkt Christoph Albrecht anhand von Camus' Vergleich des Nazismus mit der "Pest" darüber nach, ob man auch den Terrorismus der Anschläge und der Milzbranderreger als eine "Seuche" betrachten kann.

Und zuguterletzt erfahren wir in einer Meldung, dass Gerard Mortier zum neuen Chef der Pariser Oper erkoren wurde.

Besprechungen widmen sich einem "Titus Andronicus" in Berlin, einem Berliner Festival, das sich mit Schoenberg-Schülern befasste und dem Film "Training Day" (mehr hier) mit Denzel Washington.

In Bilder und Zeiten liefert Verena Lueken eine Drehreportage über den nächsten Film von Martin Scorsese: "Gangs of New York". Andreas Obst erklärt uns, "warum es sich nicht mehr lohnt, Rockmusikern zuzuhören". (zwei untypische Themen für diese sonst so bildungshuberische Beilage, die zeigen, dass man sie auch hätte modernisieren können, statt sie einfach zu schließen.) Herrmann Beil schreibt zum 200. Geburtstag von Johann Nestroy. Friedrich Wilhelm Graf erinnert an den Gelehrten Jean Rudolf von Salis. Und Tilman Spreckelsen liefert eine schöne Bilderseite über den legendären Tenor Jussi Björling.

In der Frankfurter Anthologie stellt Ludwig Harig ein Gedicht von Novalis vor ? "Walzer":

"Hinunter die Pfade des Lebens gedreht
Pausirt nicht, ich bitt euch so lang es noch geht..."