Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.12.2001. Die FAZ bringt uns auf den neuesten Stand in einer erbitterten Kontroverse: Nutzten die Maler schon ab 1420 optische Hilfsmittel? David Hockney meint: Ja. In der Zeit wendet sich Slavoj Zizek gegen die Folter, in der FR polemisiert der ehemalige Innenminster Gerhart Baum gegen Otto Schily - und sowohl die FAZ als auch die SZ machen sich Gedanken über Gregor Gysi.

NZZ, 06.12.2001

Eine offensichtlich sehr interessante Miles Davis-CD-Box annonciert Nick Liebmann, eine Neudition von "In A Silent Way" von 1969 mit einigen bisher unveröffentlichten Stücken des Genies. Liebmann erinnert an die Entstehung der Platte: "Die eigentliche Zäsur zum 'elektrischen Miles' begann mit dem Erscheinen des österreichischen Pianisten und Keyboarders Joe Zawinul, der zuvor bei Cannonball Adderley musiziert hatte (für den er zum Beispiel den Hit 'Mercy Mercy Mercy' komponierte). Zawinul trug mit Fender Rhodes, Orgel und Synthesizer Wesentliches dazu bei, dass der Bandklang eine schwebende und leicht psychedelische Qualität erhielt."

Auch sonst gibt es heute fast ausschließlich Besprechungen: über die Wooster Group mit drei Stücken in Paris, eine Duane Hanson-Ausstellung in Frankfurt, über neue Comics von Jacques Tardi und über einige Bücher, darunter Dirk Kurbjuweits "meisterhafte" Novelle "Zweier ohne" und über Anatole Broyards Erinnerungen (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

Und schließlich macht uns Derek Weber darauf aufmerksam, dass die Mailänder Scala für diese Saison ins Teatro degli Arcimboldi übersiedelt ? das Stammhaus wird renoviert.

SZ, 06.12.2001

Andrian Kreye beschreibt beschreibt, wie die neuen Antiterrorgesetze das amerikanische Rechtssystem unterwandern. Er beruft sich dabei auf einen Essay des Harvard-Rechtsprofessors Alan M. Dershowitz für die New Yorker Wochenzeitung Village Voice, der die gegenwärtige Rechtslage in den USA beschreibt. "Nach dem aktuellen Stand der Dinge kann ein Bewohner der Vereinigten Staaten unter Ausschluss der Öffentlichkeit von einem geheimen Militärgericht auf der Basis von Gerüchten und Vermutungen zum Tode verurteilt werden. Und wenn auch Präsident Bush glaubt, dass der Verurteilte Terroristen geholfen hat, wird er hingerichtet werden, ohne Anrecht auf Berufung vor einem zivilen Gerichtshof." Inzwischen jedoch regt sich Widerstand, nicht nur bei Bürgerrechtlern und Gesetzgebern, meint Kreye: "In Amerika geht es in der Diskussion um Bushs Krieg gegen den Terror immer weniger um den neuen Feind, als um das neue Opfer - die amerikanische Verfassung."

"Ernst, jeden Anflug von Lächeln vermeidend, sah Gregor Gysi von den Plakaten herab wie ein Hauptkassierer, der lieber nicht beteiligt sein möchte, aber doch weiß, dass er diesmal muss. Nun ist die Stunde gekommen", kommentiert Jens Bisky die neuen Koalitionsaussichten in Berlin. Den passenden Gesichtsausdruck, der offen sagt 'Ich möchte lieber nicht', habe sich Klaus Wowereit regelmäßig verkniffen. "Er hat nun die denkbar schlechteste Position. Viele seiner Wähler im Westen werden ihm das neue Bündnis dauerhaft verübeln, zumal er kaum noch Spielraum besitzt. Er kann höchstens mit Neuwahlen drohen, ansonsten ist er verdammt dazu, sich mit Gysi zu einigen. Der Druck auf die PDS ist freilich nicht geringer. Wenn sie den holprigen Weg nach Westen fortsetzen will, muss sie nun die Gelegenheit ergreifen."

Weitere Artikel: Muk Maier berichtet über die Schwierigkeiten von Monica Lewinski, das "Star Spangled Banner" auf ihren selbstentworfenen Taschen zu befestigen. Auch lernen wir die Finessen des "reality chic" kennen. Hans-Peter Kunisch war auf einer Tagung des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen in Wien, wo prominente Referenten versuchten, dem "Jahrhundert der Avantgarden" Kontur zu geben. Lothar Müller schreibt über die Antrittsvorlesung von Marlene Streeruwitz als Inhaberin der "Samuel-Fischer-Gastprofessur" an der FU-Berlin mit dem schönen Titel "Vom Leben der Hamster in Schuhschachteln". Martina Knoben berichtet vom Internationalen Dokumentarfilmfestival in Amsterdam. Harald Eggebrecht führt uns durchs Diözesanmuseum Paderborn, das eine Ausstellung über Kult und Alltag im Byzantinischen Reich vom 4. bis 15. Jahrhundert präsentiert. Andreas Bernhard hat deutsche Journale gelesen und sich dabei Gedanken über Fußball und Medien gemacht. Alex Rühle schreibt über das beliebte Feuilletonfantom Gottfried Seume. Und zu Guterletzt erfahren wir von Magdalena Kröner, dass immer mehr Künstler Schokolade als Werkstoff verwenden. 

Besprochen werden Falk Richters Inszenierung von Sarah Kanes "4.48 Psychose" ("Wer Theater macht und eigentlich das Leben will, produziert auf der Bühne unweigerlich Kitsch", meint Robin Detje), Antoine Fuquas Film "Training Day", Woody Allens Film "Jade Scorpions", die Filmreihe "Cinema! Neues Italienisches Kino" im Münchner Filmuseum, Stanislaus Muchas Dokumentarfilm "Absolut Warhola", eine Ausstellung mit Rembrandt-Zeichnungen in der Alten Pinakothek und Bücher, darunter Julius Wellhausens "Prolegomena zur Geschichte Israels" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 06.12.2001

Wo geschieht so etwas: Eine kunsthistorische Konferenz ist für Samstagmorgen um acht angesetzt und auf der Straße drängelt eine hundert Meter lange Schlange um Einlass? Antwort: New York. Und Verena Lueken beweist in einem wunderhübschen Text, dass man selbst aus einem Tagungsbericht ? in der Regel dem ödesten Genre des Feuilletons ? eine Menge Anschauung saugen kann. Das Thema war akademisch: Nutzten Maler wie Caravaggio oder Ingres optische Hilfsmittel wie die Camera obscura zur Anfertigung ihrer Bilder? David Hockney, Star der Konferenz hatte diese gar nicht neue These aufgeworfen, und "obwohl seit langem bekannt ist, dass Maler im geheimen Jahrzehnte vor Erfindung der Fotografie bereits Objektive und Spiegel benutzten, um das Bild von Gegenständen oder Personen auf Papier oder Leinwand zu projizieren, und auf dieser Grundlage ihre Bilder komponierten, hat Hockney mit seiner Behauptung, dies sei bereits ab 1420 üblich gewesen, Kunsthistoriker und Kunstfreunde provoziert, verärgert und auch deprimiert. Dass Hockneys Forschung in New York für einen Menschenauflauf sorgte, muss alle optimistisch stimmen, die den kulturellen Niedergang des Landes beklagen."

Ilona Lehnart versucht bereits, sich Gregor Gysi als Berliner Kultursenator vorzustellen, obwohl er sich, wie sie selbst berichtet, auch noch andere Optionen im kommenden rot-roten Senat offen hält: "Wenn Gregor Gysi seine Kulturkonzepte erläutert, bedient er sich eines Vokabulars, dessen Idealismus man erstaunlich finden kann. Aber er wird der letzte sein, der die zwiespältige Funktion Berlins und ihre materielle Basis nicht in seine Rechnung einbezieht: verarmter Stadtstaat und ehrgeizige Kulturkapitale. Hoffnungsfroh mag stimmen, daß Gysi den kulturellen Reichtum der Stadt als essenziellen Standortvorteil preist. Freilich wird er gut daran tun, seine Worte künftig genau abzuwägen, sollte es ihm wieder in den Sinn kommen, von den Ländern zu fordern, 'eine Hauptstadt mit Motorfunktion' zu akzeptieren."

Weitere Artikel: Regina Mönch schließt aus der "PISA-Studie" der OECD, die deutschen Schulen in internationalen Vergleichen eine recht geringe Qualität nachwies, dass das Ende der bildungspolitischen Unschuld gekommen sei. Christoph Albrecht bringt uns auf dem neuesten Stadn im Streit zwischen Bildungsinstitionen und den Verlagen der irre teuren naturwissenschaftlichen Zeitschriften, die die Etats der Bibliotheken aufzehren. Jordan Mejias bepricht auf einer üppig bebilderten Seite drei New Yorker Foto-Ausstellungen zum 11. September ? eine davon wird ausschließlich von Magnum-Fotografen bestückt, die zufällig in großer Zahl in der Stadt anwesend waren, weil sie eine Jahressitzung ihrer Agentur abhielten ? und doch findet Mejias einige Videos beeindruckender als die zur Ästhetisierung neigenden Fotos der Stars.

Ferner liefert Dirk Schümer eine neue Folge seiner Kolumne "Leben in Venedig" ? diesmal geht's um die Tauben. Georg Imdahl gratuliert dem Künstler Bruce Nauman zum Sechzigsten. Petra Kolonko zeichnet chinesische Reaktionen auf den 11. September nach, die teilweise von großer Schadenfreeude geprägt waren. Auf der Medienseite setzt Michael Hanfeld seine Berichterstattung über die Kür des ZDF-Intendanten und die Einflussnahme der Politik mit 24. Folge fort. Auf der Kinoseite hatte die versammelte Elite der deutschen Filmkritik die Idee, die klassischen Disney-Zeichentrickfilme auf ihren Realitätsgehalt abzuklopfen. Auf der letzten Seite erzählt Peter Körte die Vorgeschichte von "Terminator 3", dessen Drehstart nun auf den April 2002 angesetzt wird. Und Dietmar Dath spekuliert über die Frage, ob Saddam Hussein vielleicht Autor des Romans "Qala'ah al-Hasinah" (Eine feste Burg) sei, der zur Zeit die irakische Öffentlichkeit aufwühlt.

Besprechungen gelten dem Film "Das Geheimnis" von Virginie Wagon, dem neuen Disney-Film "Atlantis", der sich nach Andreas Platthaus kaum in die Klassiker des Hauses einreihen wird, einer Ausstellung über den Surrealismus in der Tate Modern, einer Ausstellung über estnische Architektur in Berlin, einem Jazzkonzert mit Christof Lauer und Jens Thomas, Amanda Millers "Sommernachtstaum"-Choreografie in Genf und einer Ausstellung über den legendären Besuch des russischen Zaren in Paris vor hundert Jahren in Compiegne.
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FR, 06.12.2001

"Wir haben in den letzten Jahrzehnten eine ganze Serie von Sicherheitspaketen erlebt und aus zum Teil hysterischen Überreaktionen nichts dazugelernt." schreibt der ehemalige Innenminister Gerhart Baum über das "Sicherheitspaket" von Otto Schily und setzt dann auseinander, warum er die Bundesrepublik auch ohne dies Paket gut gegen den Terror gerüstet sieht. Auch kritisiert er, dass die Gesetzgeber die Gunst der Stunde nützten, um die Asylgesetze zu verschärfen. Besonders scharf wird Baum, wenn es um die Erweiterung der Kompetenzen des Verfassungsschutzes und Einschränkungen im Datenschutz geht: "Franz Josef Strauß, der Datenschutz als Täterschutz diffamiert hat, würde sich über das Schily-Gesetz freuen."

Weitere Artikel: Eckhard Henscheid subsumiert das Gewäsch des Monats: ganz unten in Henscheids Beliebtheitsskala: Nina Ruge. Andrea Gleiniger schreibt über die Schwierigkeiten von Stadtplanung in London. Adam Olschewski hat Val Wilmers Buch "Coltrane und die jungen Wilden" gelesen und dann John Coltranes CD "Live Trane. The European Tours" gehört (hier können Sie auch ein bisschen was hören).

Besprochen werden die Inszenierung von Benjamin Brittens Oper "Death in Venice" in Maastricht, die Coming-Out-Komödie "Ein Mann sieht rosa", Stephen Frears' antiklerikales irisches Familiendram "Liam" und Bücher, darunter der Briefwechsel zwischen Adonis und Dimitri T. Analis (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 06.12.2001

Dorothea Hahn berichtet von einem Buch, das in Frankreich bereits erschienen ist und demnächst auch hierzulande erscheint: "Visage vole", ein Bericht über das Leben als Frau im Afghanistan der Taliban. Die Autorin, die nur unter dem Pseudonym Latifa bekannt ist, schreibt über den Alltag, über "Angst und Depressionen in der Wohnung, die sie nicht mehr verlassen darf und in die die Außenwelt nur noch über Gerüchte hereindringt, die ihre männlichen Verwandten von der Straße mitbringen. Von Peitschenschlägen auf verschleierte Frauen, die verbotenerweise weiße Schuhe tragen. Von brutal vergewaltigten Mädchen, die heimlich zu Latifas Mutter kommen, um ihre Wunden nähen zu lassen. Von der illegalen Schule, die Latifa irgendwann mit einer Freundin eröffnet, um Nachbarskinder zu unterrichten." Das Buch erscheint demnächst auf Deutsch unter dem Titel "Das verbotene Gesicht" im Marion von Schröder Verlag.

Katja Nikodemus findet Agnes Vardas neuen Film "Die Sammler und die Sammlerin" kostbar, "weil es eine 73-jährige Bildersammlerin ist, die sich die kleine Digikamera geschnappt und einen der jüngsten Kinofilme seit langem gedreht hat." Daneben gibt es auch ein Interview mit der französischen Regisseurin.

Besprochen werden weiter Virginie Wagons Film "Das Geheimnis", Stanley Kubricks vor vierzig Jahren entstandenen Film "The Killing", Antoine Fuquas Film "Training Day" und ein Dokumentarfilm über Thomas Pynchon, der ganz und gar ohne Thomas Pynchon auskommen muss.

Schließlich Tom.

FAZ, 06.12.2001

Wo geschieht so etwas: Eine kunsthistorische Konferenz ist für Samstagmorgen um acht angesetzt und auf der Straße drängelt eine hundert Meter lange Schlange um Einlass? Antwort: New York. Und Verena Lueken beweist in einem wunderhübschen Text, dass man selbst aus einem Tagungsbericht ? in der Regel dem ödesten Genre des Feuilletons ? eine Menge Anschauung saugen kann. Das Thema war akademisch: Nutzten Maler wie Caravaggio oder Ingres optische Hilfsmittel wie die Camera obscura zur Anfertigung ihrer Bilder? David Hockney, Star der Konferenz hatte diese gar nicht neue These aufgeworfen, und "obwohl seit langem bekannt ist, dass Maler im geheimen Jahrzehnte vor Erfindung der Fotografie bereits Objektive und Spiegel benutzten, um das Bild von Gegenständen oder Personen auf Papier oder Leinwand zu projizieren, und auf dieser Grundlage ihre Bilder komponierten, hat Hockney mit seiner Behauptung, dies sei bereits ab 1420 üblich gewesen, Kunsthistoriker und Kunstfreunde provoziert, verärgert und auch deprimiert. Dass Hockneys Forschung in New York für einen Menschenauflauf sorgte, muss alle optimistisch stimmen, die den kulturellen Niedergang des Landes beklagen."

Ilona Lehnart versucht bereits, sich Gregor Gysi als Berliner Kultursenator vorzustellen, obwohl er sich, wie sie selbst berichtet, auch noch andere Optionen im kommenden rot-roten Senat offen hält: "Wenn Gregor Gysi seine Kulturkonzepte erläutert, bedient er sich eines Vokabulars, dessen Idealismus man erstaunlich finden kann. Aber er wird der letzte sein, der die zwiespältige Funktion Berlins und ihre materielle Basis nicht in seine Rechnung einbezieht: verarmter Stadtstaat und ehrgeizige Kulturkapitale. Hoffnungsfroh mag stimmen, daß Gysi den kulturellen Reichtum der Stadt als essenziellen Standortvorteil preist. Freilich wird er gut daran tun, seine Worte künftig genau abzuwägen, sollte es ihm wieder in den Sinn kommen, von den Ländern zu fordern, 'eine Hauptstadt mit Motorfunktion' zu akzeptieren."

Weitere Artikel: Regina Mönch schließt aus der "PISA-Studie" der OECD, die deutschen Schulen in internationalen Vergleichen eine recht geringe Qualität nachwies, dass das Ende der bildungspolitischen Unschuld gekommen sei. Christoph Albrecht bringt uns auf dem neuesten Stadn im Streit zwischen Bildungsinstitionen und den Verlagen der irre teuren naturwissenschaftlichen Zeitschriften, die die Etats der Bibliotheken aufzehren. Jordan Mejias bepricht auf einer üppig bebilderten Seite drei New Yorker Foto-Ausstellungen zum 11. September ? eine davon wird ausschließlich von Magnum-Fotografen bestückt, die zufällig in großer Zahl in der Stadt anwesend waren, weil sie eine Jahressitzung ihrer Agentur abhielten ? und doch findet Mejias einige Videos beeindruckender als die zur Ästhetisierung neigenden Fotos der Stars.

Ferner liefert Dirk Schümer eine neue Folge seiner Kolumne "Leben in Venedig" ? diesmal geht's um die Tauben. Georg Imdahl gratuliert dem Künstler Bruce Nauman zum Sechzigsten. Petra Kolonko zeichnet chinesische Reaktionen auf den 11. September nach, die teilweise von großer Schadenfreeude geprägt waren. Auf der Medienseite setzt Michael Hanfeld seine Berichterstattung über die Kür des ZDF-Intendanten und die Einflussnahme der Politik mit 24. Folge fort. Auf der Kinoseite hatte die versammelte Elite der deutschen Filmkritik die Idee, die klassischen Disney-Zeichentrickfilme auf ihren Realitätsgehalt abzuklopfen. Auf der letzten Seite erzählt Peter Körte die Vorgeschichte von "Terminator 3", dessen Drehstart nun auf den April 2002 angesetzt wird. Und Dietmar Dath spekuliert über die Frage, ob Saddam Hussein vielleicht Autor des Romans "Qala'ah al-Hasinah" (Eine feste Burg) sei, der zur Zeit die irakische Öffentlichkeit aufwühlt.

Besprechungen gelten dem Film "Das Geheimnis" von Virginie Wagon, dem neuen Disney-Film "Atlantis", der sich nach Andreas Platthaus kaum in die Klassiker des Hauses einreihen wird, einer Ausstellung über den Surrealismus in der Tate Modern, einer Ausstellung über estnische Architektur in Berlin, einem Jazzkonzert mit Christof Lauer und Jens Thomas, Amanda Millers "Sommernachtstaum"-Choreografie in Genf und einer Ausstellung über den legendären Besuch des russischen Zaren in Paris vor hundert Jahren in Compiegne.

FAZ, 06.12.2001

Wo geschieht so etwas: Eine kunsthistorische Konferenz ist für Samstagmorgen um acht angesetzt und auf der Straße drängelt eine hundert Meter lange Schlange um Einlass? Antwort: New York. Und Verena Lueken beweist in einem wunderhübschen Text, dass man selbst aus einem Tagungsbericht ? in der Regel dem ödesten Genre des Feuilletons ? eine Menge Anschauung saugen kann. Das Thema war akademisch: Nutzten Maler wie Caravaggio oder Ingres optische Hilfsmittel wie die Camera obscura zur Anfertigung ihrer Bilder? David Hockney, Star der Konferenz hatte diese gar nicht neue These aufgeworfen, und "obwohl seit langem bekannt ist, dass Maler im geheimen Jahrzehnte vor Erfindung der Fotografie bereits Objektive und Spiegel benutzten, um das Bild von Gegenständen oder Personen auf Papier oder Leinwand zu projizieren, und auf dieser Grundlage ihre Bilder komponierten, hat Hockney mit seiner Behauptung, dies sei bereits ab 1420 üblich gewesen, Kunsthistoriker und Kunstfreunde provoziert, verärgert und auch deprimiert. Dass Hockneys Forschung in New York für einen Menschenauflauf sorgte, muss alle optimistisch stimmen, die den kulturellen Niedergang des Landes beklagen."

Ilona Lehnart versucht bereits, sich Gregor Gysi als Berliner Kultursenator vorzustellen, obwohl er sich, wie sie selbst berichtet, auch noch andere Optionen im kommenden rot-roten Senat offen hält: "Wenn Gregor Gysi seine Kulturkonzepte erläutert, bedient er sich eines Vokabulars, dessen Idealismus man erstaunlich finden kann. Aber er wird der letzte sein, der die zwiespältige Funktion Berlins und ihre materielle Basis nicht in seine Rechnung einbezieht: verarmter Stadtstaat und ehrgeizige Kulturkapitale. Hoffnungsfroh mag stimmen, daß Gysi den kulturellen Reichtum der Stadt als essenziellen Standortvorteil preist. Freilich wird er gut daran tun, seine Worte künftig genau abzuwägen, sollte es ihm wieder in den Sinn kommen, von den Ländern zu fordern, 'eine Hauptstadt mit Motorfunktion' zu akzeptieren."

Weitere Artikel: Regina Mönch schließt aus der "PISA-Studie" der OECD, die deutschen Schulen in internationalen Vergleichen eine recht geringe Qualität nachwies, dass das Ende der bildungspolitischen Unschuld gekommen sei. Christoph Albrecht bringt uns auf dem neuesten Stadn im Streit zwischen Bildungsinstitionen und den Verlagen der irre teuren naturwissenschaftlichen Zeitschriften, die die Etats der Bibliotheken aufzehren. Jordan Mejias bepricht auf einer üppig bebilderten Seite drei New Yorker Foto-Ausstellungen zum 11. September ? eine davon wird ausschließlich von Magnum-Fotografen bestückt, die zufällig in großer Zahl in der Stadt anwesend waren, weil sie eine Jahressitzung ihrer Agentur abhielten ? und doch findet Mejias einige Videos beeindruckender als die zur Ästhetisierung neigenden Fotos der Stars.

Ferner liefert Dirk Schümer eine neue Folge seiner Kolumne "Leben in Venedig" ? diesmal geht's um die Tauben. Georg Imdahl gratuliert dem Künstler Bruce Nauman zum Sechzigsten. Petra Kolonko zeichnet chinesische Reaktionen auf den 11. September nach, die teilweise von großer Schadenfreeude geprägt waren. Auf der Medienseite setzt Michael Hanfeld seine Berichterstattung über die Kür des ZDF-Intendanten und die Einflussnahme der Politik mit 24. Folge fort. Auf der Kinoseite hatte die versammelte Elite der deutschen Filmkritik die Idee, die klassischen Disney-Zeichentrickfilme auf ihren Realitätsgehalt abzuklopfen. Auf der letzten Seite erzählt Peter Körte die Vorgeschichte von "Terminator 3", dessen Drehstart nun auf den April 2002 angesetzt wird. Und Dietmar Dath spekuliert über die Frage, ob Saddam Hussein vielleicht Autor des Romans "Qala'ah al-Hasinah" (Eine feste Burg) sei, der zur Zeit die irakische Öffentlichkeit aufwühlt.

Besprechungen gelten dem Film "Das Geheimnis" von Virginie Wagon, dem neuen Disney-Film "Atlantis", der sich nach Andreas Platthaus kaum in die Klassiker des Hauses einreihen wird, einer Ausstellung über den Surrealismus in der Tate Modern, einer Ausstellung über estnische Architektur in Berlin, einem Jazzkonzert mit Christof Lauer und Jens Thomas, Amanda Millers "Sommernachtstaum"-Choreografie in Genf und einer Ausstellung über den legendären Besuch des russischen Zaren in Paris vor hundert Jahren in Compiegne.

Zeit, 06.12.2001

Dringlicheres gab es wohl nicht: Im Aufmacher porträtiert Claus Spahn den grassierenden Salongeiger Andre Rieu: "Gemütvoll und gemütlich ziehen bei ihm die Stücke vorbei als Krinolinen der Innerlichkeit, stabil verankert und gut zentriert, zum Mitschunkeln auf den Hartschalensitzen der Mehrzweckhallen bestens geeignet. Walzer auf Waschbeton."

Der Philosoph und Lenin-Fan Slavoj Zizek (mehr hier) kritisiert die amerikanische Öffentlichkeit, in der nach den Anschlägen ernstlich über Folter debattiert wurde: "Kurzum, solche Debatten, solche Aufforderungen, 'das Denken offen zu halten', signalisieren jedem glaubwürdigen Liberalen, dass sich ein Sieg der Terroristen abzeichnet." (Wäre ja wiederum im Sinne Lenins!) Hier der Link auf den Artikel in Newsweek, der die Debatte auslöste.

Im Interview mit Thomas E. Schmidt erklärt der Maler-Star Neo Rauch, "wie er sich unverwechselbar und eindrücklich herauszuarbeiten" vermochte und darum jetzt auch auf dem Markt Erfolg hat. Zunächst bekommt der Markt so etwas gar nicht mit, so Rauch. Aber dann gibt es irgendwann doch einen Galeristen, "der spürt: Hier wird sich jemand ähnlich, hier schält sich jemand heraus, gewinnt unverwechselbares Profil, das sich abhebt von rund gelutschten Köpfen, ein Profil, das Wirbel bildet, weil es gegenläufiger Natur ist..." Na, wenn er malt, wie er metaphert...

Weiteres: Thomas Groß schreibt zum Tod von George Harrison. Georg Blume erzählt von der ersten Aufführung eines Thomas-Bernhard-Stücks in China. Thomas E. Schmidt konfrontiert uns in der Leitglosse mit der Erkenntnis, dass "es keine universelle Moral gibt, um Politik zu kritisieren". Volker Ullrich empfindet die neue Wehrmachtsausstellung dunkler als die alte. Wolfram Goertz bespricht Claudio Abbados konzertante "Parsifal"-Aufführung in Berlin. Martin Engler hat sich die neuen Werke von Anselm Kiefer in der Fondation Beyeler in Basel angesehen. Besprochen werden außerdem Agnes Vardas Dokumentarfilm "Die Sammler und die Sammlerin" und Antoine Fuquas Film "Training Day".