Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.11.2001. Ein Interview mit dem Philosophen Michael Walzer, für den es keine Apologie des Terrors geben kann, und Gedanken über die Unmöglichkeit einer Pax Americana.

NZZ, 24.11.2001

Andrea Köhler eröffnet eine Serie über das "Verschwinden", deren erste Folge, wenn wir die unklare Online-Präsentation richtig verstehen, Peter Eszterhazy vorlegt, der sich daran erinnert, wie er als Kind den Zaun des Römerbads überkletterte, um kein Eintrittsgeld zu bezahlen: "Kaum war nach 1956 das Land aus seiner Benommenheit nach der niedergeschlagenen Revolution erwacht - genauer gesagt, hatte es das dabei verursachte wirkliche Entsetzen gerade erst in Kleingeld eingewechselt -, da sprangen wir bereits fröhlich über jene Zäune."

Joachim Güntner kommentiert die neuesten Revisionen der deutschen Regierung bei ihrem Gesetzesprojekt zur Reform des Urhebervertragsrechts. Die Verleger wehren sich trotz mancher Konzessionen immer noch: "Tarifähnliche Mindeststandards bei der Honorierung wollen sie mit aller Kraft verhindern." Klar, dann müssten zum Beispiel die Zeitungen ihren Freien angemessene Zeilensätze zahlen.

Weiteres: Heribert Seifert weist darauf hin, dass am Dienstag nun endlich die revidierte Wehrmachtsausstellung eröffnet werden soll ("Differenzierter und um bislang nicht berücksichtigte Aspekte erweitert soll die neue Ausstellung sein. Man will versuchen, die handelnden Akteure historisch zu verstehen, ohne aber die unvermeidliche Fremdheit und Distanz aufheben zu können.) Hubertus Adam beklagt, dass Eero Saarinens TWA-Terminal in New York, eine Meisterwerk der Moderne, vom Abriss bedroht ist. Besprochen wird ein Konzert des Pinaisten Grigory Sokolov in Luzern.

In Literatur und Kunst erinnert Adolf Muschg in einem sehr schönen Text an den Philosophen Karl Löwith - den ersten seiner Schüler, den Heidegger habilitiert hatte. 1936 musste er emigrieren. "Früher und entschiedener hat niemand mit Heidegger geistig abgerechnet als Löwith in seiner Studie über den 'europäischen Nihilismus' (1940) - sie ist zuerst in japanischer Sprache erschienen; damals war Löwith bereits drei Jahre Gastprofessor in Sendai, am entferntesten Ende des eurasischen Kontinents." Im Zusammenhang mit Muschgs Text publiziert die NZZ auch Tagebuchnotizen Löwiths, die er während seiner Reise in die Emigration machte: "Ein Bericht aus der Frankfurter Zeitung, den mir meine Mutter beigelegt hatte, über eine Rede von Carl Schmitt erleichterte einem die Auswanderung aus Deutschland. Nachdem Schmitt 1928 seine Verfassungslehre einem jüdischen Freund gewidmet hatte, gebärdet er sich nun - mangels einer andren 'staatsrechtlichen' und persönlichen Substanz als fanatischer Antisemit - auf einer Stufe mit Herrn v. Leers und Streicher - aber auch Heidegger verschmäht es nicht, seinen Namen herzugeben für diese Akademie für 'deutsches' Recht."

Ferner in der Samstagsbeilage: Ein namenloser Rezensent bespricht eine große Hans-Fries-Ausstellung in Fribourg. Ein ebenfalls namenloser Autor (die Online-Ausgabe scheint beim Auswerfen der Autorennamen ein technisches Probelem zu haben) erinnert an Italo Svevo. Besprochen werden einige Bücher, darunter eine Studie zum Manierismus von Emil Maurer, Fleur Jaeggys Roman "Proleterka" und der Roman "Rube" von Giuseppe Antonio Borgese.

SZ, 24.11.2001

Nach dem gloriosen Sieg der USA über die Taliban denkt der amerikanische Publizist und Kolumnist der International Herald Tribune William Pfaff (mehr hier) in der SZ über die Illusion einer Pax Americana nach: "Amerikas Erfolg in Afghanistan nährt die Illusion, es könne eines Tages eine finale Niederlage des Bösen geben und danach ein glückliches In-Alle-Ewigkeit. In Wahrheit brauchen wir eine Politik der Deeskalation und zwar dies nicht nur aus außenpolitischen Gründen, sondern auch, um die innere Gesundheit der amerikanischen Gesellschaft zu erhalten." Außerdem, so Pfaff, seien die Amerikaner kein Volk von Imperialisten und besäßen nicht die Rücksichtslosigkeit, die man zur Durchsetzung und Aufrechterhaltung eines Weltreichs brauche. Sollten sie dies nicht erkennen, so erwartet Pfaff ein zweites Vietnam.

In einem langen Interview spricht der Architekt Rem Koolhaas (mehr hier und hier) über seine Arbeit für das Modehaus Prada (mehr hier), die Unumkehrbarkeit der Skyscraperisierung der Welt (Koolhaas hält Hochhäuser übrigens für ziemlich sicher) und den "Junkspace" in Flughäfen ? "Größe, die unübersichtlich wird. Und die hilflosen Versuche, in dieser Unübersichtlichkeit wieder Kohärenz herzustellen. Durch Raum-Implantate, etwa Atrien oder Rolltreppen ... Diese Junkspaces sind zweifach strukturiert: durch die komplette Privatisierung ihrer Segmente ? es gibt keinen öffentlichen Raum mehr ? und durch Foren, kleine Inseln, in denen Übersichtlichkeit suggeriert wird."

Außerdem: Sonja Zekri entdeckt neben Fundis und Realos eine dritte Gruppe, die die innere Machtbalance der Grünen beeinflusst: Die Strategos. Joachim Hentschel porträtiert die Detroiter Band "The White Stripes". Reinhard J.Brembeck fürchtet, dass es Berlin nun doch noch gelingen könnte, Kent Nagano zu vergraulen, Christoph Bartmann dagegen fürchtet ein reaktionäres Dänemark. Für die Serie "Museumsinseln" beäugt Hans-Christian Herrmann die anatomischen Wachspräparate im Museum "La Specola" in Florenz. Ijo. denkt darüber nach, ob die Autoren des Haffmans Verlags ihre Rechte zurückbekommen. Und Rüdiger Schmidt, Leiter des Kollegs Friedrich Nietzsche in der Stiftung Weimarer Klassik, gibt a) einen aufschlussreichen Einblick in die Rekonstruktionswerkstatt der Nietzsche-Herausgeber Colli/Montinari und b) ein Interview, in dem er erklärt, warum deren verdienstvolle kritische Gesamtausgabe (KGW) nunmehr Makulatur ist (siehe dazu auch die Besprechung der neuen "Abtlg. IX" der KGW).

Besprochen werden die Ausstellung "Moskau im Krieg" des Deutsch-Russischen Museums in Berlin Karlshorst, Ken Loachs Gewerkschaftsfilm "Bread & Roses" (mehr hier), Thomas Langhoffs Inszenierung von Strindbergs "Der Vater" in München, Anatoli Rybakows "Roman der Erinnerung", unbekannte Erzählungen von Knut Hamsun sowie Diderots und d'Alemberts Enzyklopädie in zwei Neuausgaben (siehe auch unsere Bücherschau Sonntag ab 11 Uhr).

In der Wochenendbeilage schließlich zeichnet Hiltrud Haentzschel den Aufstieg und Fall der Dichterin Marieluise Fleißer nach, Martin Zips nimmt uns mit in die fabelhafte Welt des Zeichners Michael Sowa, Margaret Kassajep untersucht die jetzt wieder grassierende Weihnachtsphobie und Friedemann Bedürftig erzählt, wie die evangelische Dichterin Catharina Regina von Greiffenberg einst versuchte, den katholischen Kaiser zu bekehren. Zwar scheiterte diese Mission, uns aber bleiben die göttlichen Verse: Hört der holden Nachtigall süssen Schall/ durch den Busch erschallen: / sie will / durch ein Kling-Gedicht / ihre Pflicht / ihrem Schöpffer zahlen ...

FR, 24.11.2001

Die FR bringt ein Gespräch mit dem Soziologen Ulrich Beck über transnationale Politik, die neuen Konturen der Risikogesellschaft und eine mögliche Rolle der Grünen. Beck zufolge brauchen wir neben der militärischen Antwort auf den Terror (die er für durchaus legitim hält) eine glaubhafte Initiative des Dialogs. "Die Würde der Menschen, ihre kulturelle Identität, die Andersheit der Anderen müssen künftig ernster genommen werden. In diesem Sinne ist es notwendig, eine neue grüne Säule im Bündnis gegen den Terror zu errichten, wenn Sie so wollen, eine grüne Brücke des Dialogs zu schlagen - zwischen den Kulturen im inneren und im äußeren Verhältnis der Länder, mit der islamischen Welt zumal, aber auch mit anderen Kulturen, die sich als Opfer der Globalisierung sehen."

Weitere Artikel: Christian Thomas stellt Neuauflagen des Duden-Herkunftswörterbuchs und des Fremdwörter-Dudens vor und wundert sich ein wenig über manche "Verdeutschungsbemühungen" (Dörrleiche für Mumie, Krautbeschreiber für Botaniker, Schalksernst für Ironie), Jochen Stöckmann war bei Ralf Dahrendorfs Auftaktvorlesung der Krupp-Vorlesungen (mehr hier) in Essen ganz Ohr, Arno Lustiger zeichnet den tragischen Weg des Generals Manfred Stern nach, des Gründers der Internationalen Brigaden und Verteidigers von Madrid. Ursula März schließlich erinnert an die Dichterin Marieluise Fleißer, die vor hundert Jahren geboren wurde.

Besprochen werden eine Ausstellung junger estländischer Architektur in der Berliner Akademie der Künste, Strindbergs "Der Vater" in Thomas Langhoffs Inszenierung am Münchner Residenz Theater, "Monets Vermächtnis - Serie: Ordnung und Obsession" in der Hamburger Kunsthalle, Gerhard Roths Überlegungen zu "Fühlen, Denken, Handeln" und zwei Romane über die Ära Sadat (auch in unserer Bücherschau Sonntag ab 11).

Im Magazin lesen wir ein Interview mit Woody Allen, der, wußten Sie"s, seinen Darstellern bloß 5000 Dollar die Woche bezahlt und ansonsten auf deren Freude baut, mit einer Legende zu drehen. Und Katharina Sperber besucht Paul Bucherer, der im schweizerischen Bubendorf das größte Afghanistan-Archiv der Welt unterhält. Ein Mann mit besten Kontakten zur alten afghanischen Nomenklatura ? und mit eigenwilligem Humor: Die Burka ein Instrument, Frauen in Schach zu halten? Ach wo! Sie schützt vor Staub, Dreck und begehrlichen Blicken von außen.
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TAZ, 24.11.2001

Daniel Haufler hat ein Interview mit dem US-Philosophen Michael Walzer (mehr hier und hier) über Gründe und Folgen des 11. September geführt. Walzer hatte in der Zeitschrift The American Prospect in einem Beitrag zur ideologischen Apologetik des Terrors erklärt, dass Terrorismus etwa für die IRA, den FLN die PLO oder die ETA nie der letzte Ausweg war, sondern immer die erste Wahl. In der taz spricht Walzer auch darüber, wie die Anschläge die in Amerika so populäre Kritik am Zentralstaat beeinflusst haben: "Meine Schwester, eine Historikerin, hat vor ein paar Jahren einen Artikel über die Pockenkrise in New York 1947 geschrieben. Damals hatte man Angst vor einer Epidemie und impfte in weniger als einem Monat sechs Millionen Menschen. Angesichts der Milzbrandfälle wurde sie jetzt von Journalisten belagert, um über ihre Erkenntnisse zu berichten. Sie sagt: Wir würden das heute gar nicht mehr schaffen, weil wir die öffentliche Gesundheitsversorgung jahrelang unterfinanziert haben. Es fehlt die Infrastruktur, die es noch 1947 gab. Das ist ein schlagendes Beispiel dafür, wie wichtig der Staat in solch einer Situation sein kann."

Stephan Wackwitz liefert ein Plädoyer dafür, Adornos "Minima Moralia" als Poesie zu begreifen. Zugleich gibt er uns einen Rückblick auf die Siebzigerjahre, als der kleine Wackwitz seine Zeit Adorno lesend in Münchner Teestuben zubrachte und die Welt darüber ziemlich düster wurde ("Ich wusste, dass noch das Vergnügen an einem Jasmintee in meiner Schwabinger Lieblingsteestube den abgrundbösen Lauf der Welt bestätigte"). Umso erstaunlicher der Vorschlag des nunmehr großen, reifen Wackwitz, die "Minima Moralia" nicht zu studieren, sondern zu genießen. "Die in ihr aufbewahrte Todeserfahrung darf nicht zu wirklichen Handlungen anzuleiten beanspruchen wie die Wissenschaft, sondern wie die Poesie nur zu inneren Bewegungen führen ... Erst wenn wir dieses Buch als Zwilling des Salingerschen Romans ("Der Fänger im Roggen", die Red.) erkennen können - oder, um ein Beispiel aus dem deutschen Sprachraum zu nennen, als Cousin des Werks von Thomas Bernhard -, werden wir wieder etwas aus ihm lernen können."

Jochen Schmidt schreibt über Christa Wolfs "Geteilten Himmel" an der Berliner Volksbühne, annonciert wird das Magazin "Alert" vom tazler Max Dax, und Tobias Hülswitt fliegt zum Ground-Zero-Glotzen nach N.Y. und nörgelt über den boomenden Ground-Zero-Tourismus.

In den Themen des Tages propagiert Renate Künast die Quadratur des Kreises: Gewaltfreiheit und Kriegseinsätze, meint sie, passen zusammen. Und im Magazin dreht die taz sich um sich selbst ? ein Dossier zur "Wahrheit"-Seite. Gefeiert werden 10 Jahre Wahrheit.

Schließlich Tom.

FAZ, 24.11.2001

Christian Schwägerl und Hans-Joachim Neubauer interviewen den Chemiker George Whitesides von der Harvard Universität, einen der Pioniere in der Nanotechnologie. Er sieht in ihr einen Weg, die Speicherkapazität von Computern mit "hirnartigen Systemen" zu kombinieren. Und dann eine Prophezeiung: "Wenn wir wirklich die Entstehung von neuartiger Intelligenz erleben werden, dann wohl zuerst im World Wide Web. Irgendwann in der näheren Zukunft wird die Komplexität des Netzes die eines menschlichen Gehirns übersteigen. Bisher wissen wir nicht, was es zur Entstehung von Intelligenz bedarf, aber sicherlich sehr besonderer Umstände. Es hat lange gedauert, bis das Gehirn entstanden ist. Andererseits arbeiten viele kluge Leute daran, das Netz so intelligent wie möglich zu machen - und das möglichst schnell." Wir erinnern in diesem Zusammenhang an den Perlentaucher!

Weiteres: Jürg Altwegg liest französische Zeitschriften, die nachmal auf das Pariser Polizeimassaker an demonstrierenden Algeriern im Jahr 1961 zurückkommen. Dietmar Dath beschreibt das Ökotop der Grünen in Freiburg inm Breisgau. Bettina Erche sieht trotz des großen Bedarfs an qualifizierten Kräften Schlimmes auf die deutschen Hochschulen zukommen - der Rückgang der Studentenzahlen werde von den Politikern ab 2005 zu weiteren Einsparungen genutzt werden. Phil Plait, Kulturkorrespondent der FAZ im All, beklagt in seiner heutigen Kolumne die "Lichtverschmutzung" durch allzu hell erleuchtete Städte, die den Astronomen den Blick in den Himmel verleidet. Ernst Wegener resümiert die Jahrestagung des Nationalkomitees für Denkmalschutz in Erfurt. Jürg Altwegg zitiert neue Studien über die Schweizer Katholiken zur Nazizeit: Die Nazis lehnte man ab, "aber den Antisemitismus... bewunderten die eidgenössischen Katholiken erstaunlich unverhohlen".

Auf der Medienseite stellt Jörg Thomann eine neue Show von Frank Elstner vor: Sie besteht darin, Showideen, die von Zuschauern eingesandt wurden, auzuprobieren. Michael Hanfeld konstatiert, dass Kriegsreporter gefährlich leben. Sandra Kegel lobt eine Dokumentation der ARD über die "Todespiloten" Mohammend Atta und Konsorten.

Auf der letzten Seite singt Martin Kuhna ein Loblied auf die Straßenbahnen der Düsseldorfer Waggonfabrik, die das Bild der westdeutschen Städte nach dem Krieg prägten und nun so langsam aus dem Verkehr gezogen werden. Mark Siemons porträtiert Hanno Harnisch, den ehemaligen Pressesprecher der PDS, der nun Feuilletonchef im Neuen Deutschland wird. Und Lorenz Jäger erzählt Neues vom Fall Mumia Abu-Jamal, der es nun wohl doch war.

Besprochen werden Strindbergs "Vater" in Thomas Langhoffs Münchner Inszenierung, Strawinskys "Rake's Progress" in Paris, spätromanische Hofkunst, die im norditalienischen Bassano ausgestellt wird, die Ausstellung "Abglanz des Himmels - Romanik in Hildesdheim" (mehr hier), "Der geteilte Himmel" nach Christa Wolf an der Berliner Volksbühne, ein Konzert der 17 Hippies und Händels "Giulio Cesare" in der Inszenierung von Karl-Ernst und Ursel Herrmann an der Niederländischen Oper.

In Bilder und Zeiten unternimmt Paul Ingendaay einen Gang durch den Nachlass von Patricia Highsmith. Außerdem wird eine Erzählung von ihr gedruckt: "Ein wahnsinnig netter Mann". Martin Moesebach erinnert an die Beschreibungen antiker Bauten und Tempel durch Pausanias im zweiten Jahrhundert nach Christus. Michael Stolleis macht uns mit der Erzählkunst von Johann Peter Hebel bekannt. Und Susanne Klingestein besucht den Maler Andrew Wyeth auf Benner Island.

In der Frankfurter Anthologie stellt Thomas Anz ein Gedicht von Robert Gernhardt vor - "Noch einmal: Mein Körper":

"Mein Körper rät mir:
Ruh dich aus
Ich sage: Mach ich,
altes Haus!..."