Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.11.2001. In der SZ singt Jean Baudrillard eine Variation auf das Thema: "Amerika ist selber schuld". In der NZZ finden wir mahnende Worte Ralf Dahrendorfs über die Gefährdung der Demokratie. Die FAZ fragt: Wo ist das baktrische Gold? In der taz konstatiert Daniel Bax: Der Islam ist weder die Lösung aller Fragen, noch das eigentliche Problem.

NZZ, 12.11.2001

Sieglinde Geisel meditiert über die Unsichtbarkeit von Macht in einer Fernsehgesellschaft, die alles sichtbar macht: Gerade die Spitzentechniken der Sichtbarmachung - die Satelliten der CIA - hätten ja versagt. Und die Terroristen siegten gerade nicht wegen der Benutzung moderner Technik: "Denn selbst wenn sie funktioniert, versagt die Spitzentechnologie bei der Überwachung der archaischen, vorschriftlichen Formen der Kommunikation: des direkten Gesprächs und der Übermittlung durch einen Boten. Gerade durch ihren Verzicht auf moderne Hilfsmittel haben die Terroristen die Moderne erfolgreich unterwandert."

Dokumentiert wird Ralf Dahrendorfs Rede über die Freiheit, die er letzte Woche in der Villa Hügel hielt. Mahnende Worte: "Aufklärung, Wohlstand und Demokratie sind keineswegs Prozesse, die sich gegen alle Widerstände und trotz gelegentlichen Rückschlägen wie von selbst entfalten und am Ende durchsetzen.... Möglicherweise werden alle unsere Errungenschaften wieder zerstört, durch äußere Feinde oder durch das selbstmörderische Potenzial unseres eigenen Tuns."

Weiteres: Claudia Wenner porträtiert den indischen Schriftsteller Pankaj Mishra (der uns bereits aus der New York Review of Books bekannt ist). Roman Hollenstein feiert die vom Büro Wandel Hoefer Lorch + Hirsch erbaute Synagoge in Dresden als ein Meisterwerk. Bersprochen werden ein Konzert des Ensemble Intercontemporain beim Basler Musikmonat und Gerd Kührs Oper "Stallerhof" als schweizerische Erstaufführung im Luzerner Theater.

SZ, 12.11.2001

Die SZ druckt einen Text von Jean Baudrillard über den 11. September und den "Geist des Terrors" ab, der bereits in Le Monde erschienen ist. Die Supermacht USA habe sich selbst zerstört, schreibt der französische Philosoph darin. "Denn sie selbst hat durch ihre unerträgliche Übermacht nicht nur diese ganze Gewalt geschürt, von der die Welt erfüllt ist, sondern auch - ohne das selbst zu wissen - die terroristische Phantasie, die in uns allen ist ... Es ist von äußerster (und unerbittlicher) Logik, dass es den Willen zur Zerstörung anstacheln muss, wenn eine Macht immer mächtiger wird. Und diese Macht ist mitschuldig an ihrer eigenen Zerstörung. Als die beiden Türme zusammenbrachen, hatte man den Eindruck, dass sie auf die Selbstmord-Attacke aus der Luft mit ihrem eigenen Suizid antworteten. Man hat gesagt: 'Gott selbst kann sich nicht den Krieg erklären'. Oh doch! Das Abendland, das die Stelle Gottes eingenommen hat, wird selbstmörderisch und erklärt sich selbst den Krieg." Na, dann wollen wir mal hoffen, dass Baudrillard nicht zu mächtig wird.

Weitere Artikel: Zum Tod des amerikanischen Kultautors Ken Kesey schreibt Karl Bruckmaier: "So einer muss Allen Ginsberg wie ein Gottesgeschenk erschienen sein, ein freier Geist, ein Spinner und Feingeist einerseits, ein muskelbepackter Charismatiker, ein wilder Tatmensch andererseits." Thomas Steinfeld bedauert, dass die amerikanische Zeitschrift Lingua Franca ("die den akademischen Tratsch zur intellektuellen Produktivkraft erhoben hat?) ihr Erscheinen einstellt. Heribert Prantl fordert mehr Mut gegen die neue Tapferkeit. Und Laura Bieger hat bemerkt, dass Las Vegas seit dem 11. September täglich Einbußen von mehreren hundert Millionen verkraften muss.

Besprochen werden: Klaus Knoesels Film ?rave macbeth? (hier mehr), eine Ausstellung in der Baseler Fondation Beyeler (hier mehr) mit Anselm Kiefers Monumentalwerken, ein blutrünstiges Spektakel des Museums für angewandte Kunst und der Schirn in Frankfurt und Bücher, darunter zwei Neuerscheinungen zu Ludwig II (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 12.11.2001

Wolfgang Templin beschäftigt sich noch einmal mit dem Wahlerfolg der PDS in Berlin. Die Ursachen sieht er darin, dass weder die große Koalition in Berlin noch Rot-Grün unter Gerhard Schröder "die Spannungen, Hürden und Belastungen im deutsch-deutschen Vereinigungsprozess je wirklich dauerhaft ernst genommen" haben. Wer, wie Wolfgang Thierse, auf die dramatischen Momente beim Rückstand Ost verwies, wurde als Schwarzseher abqualifiziert. Er empfiehlt der "westberlinisch deformierten SPD", die eigene Erneuerung zu betreiben und sich dem eigenen Anteil an Berliner Filz und Misswirtschaft zu stellen.

Peter Iden hat eine "desaströse" Aufführung der "Penthesilea" am Frankfurter Schauspiel erlebt und Ken Kesey wird anlässlich seines Todes gewürdigt.
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TAZ, 12.11.2001

Daniel Bax warnt vor dem Glauben an eine unwandelbare Essenz der Religion und anderen Trugschlüssen: Wer glaube, die jüngsten Geschehnisse hätten nichts mit dem Islam zu tun, legt nahe, es gebe irgendwo einen entrückten, "wahren Islam", jenseits von politischem Raum und historischer Zeit, meint Bax. Wer dagegen alles auf die eine Frage der Religion reduziert, argumentiere analog zu Fundamentalisten: "Während die einen propagieren, der Islam sei die Lösung aller Fragen, konstatieren die anderen, im Islam liege das eigentliche Problem. Diese Festlegung auf ihre muslimische Identität bringt aber vor allem jene säkularen und liberalen Kräfte in die Zwickmühle, denen es jenseits solcher kulturanthropologischer Finessen um eine Stärkung von Demokratie und Menschenrechten in ihren Ländern geht."

Weitere Artikel: Stefan Reinecke hat bei der 25. Duisburger Dokumentarfilmwoche festgestellt, dass der Blick weiter, aber auch unschärfer geworden ist. Jenny Zylka war bei einem Treffen von Musikerinnen und Musikveranstalterinnen, die in Hamburg über ihre Erfahrungen, Pop und Feminismus plauschten.

Und schließlich Tom.

FAZ, 12.11.2001

Was ist mit dem baktrischen Gold? Die Russen hatten es während ihrer Besatzung Afghanistans in Fürstengräbern des 1. Jahrhunderts gefunden. Haben die Taliban es eingeschmolzen und verkauft?, fragt Holger Christmann. Dabei hatte es der damalige Präsident des Landes, Mhohammed Najbullah recht solide weggeschlossen: "In den Felsen unter seinem Präsidentenpalast soll er ein Gewölbe angelegt haben. Dort soll er den Schatz in sieben Tresoren verschlossen haben. Das Gewölbe verriegelte er mit einer Wand aus Stahlbeton und mit einer Panzerstahltür. Die Stahltür wurde mit sieben Schlössern versehen. Die Schlüssel soll Najibullah auf sieben Personen verteilt haben." Fehlt noch ein Flaschengeist, der ein Codewort flüstert.

Was wird aus dem Schlossplatz in Berlin? Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz will hier ein multikulturelles Humboldt-Forum entstehen lassen. Karl Schlögel plädiert statt dessen für ein Preußen-Museum: "Es fällt Berlin heute immer noch leichter, sich den außereuropäischen Kulturen zuzuwenden als den Kulturen des mittleren und östlichen Europas. Sie sind fern, vergessen, exotisch wie alles 'ubi leones'. Berlin bräuchte den Ort des Schlosses nicht nur, um seine Balance als Stadtkörper wiederzufinden, sondern einen Punkt mitten in Europa, als ein Fenster nach Europa, vor allem ins östliche."

Patrick Bahners zitiert aus einem Brief, den Kanzler und Außenminister an die Abgeordneten des Bundestags sandten, um den Einsatz in Afghanistan zu rechtfertigen: "Die Alternative zu einer Beteiligung wäre ein deutscher Alleingang, der der entscheidenden Lehre aus unserer Vergangenheit zuwiderläuft: Multilaterale Einbindung statt Renationalisierung. Ein solcher 'neuer deutscher Sonderweg' - wie auch immer begründet - würde bei unseren Partnern und Nachbarn auf Unverständnis und Misstrauen stoßen." Und Bahners kommentiert: "Verachtung würde den britischen Premier oder französischen Präsidenten strafen, der Soldaten in den Krieg schickte und nur einen Grund angäbe: nicht allein stehen."

Die Besprechung des Tages: Gerhard Stadelmaier über Anselm Webers Inszenierung von Kleists "Penthesilea" in Frankfurt. Er ist nicht zufrieden: "Ängstlich, bieder und absolut mutlos" drücke sich die Inszenierung vor dem Drama.

Weiteres: Auf der letzten Seite legt Dietmar Dath eine Erzählung über die Zukunft der Medienindustrie vor. Martin Halter schreibt zum Tod des amerikanischen Schriftstellers Ken Kesey ("Einer flog übers Kuckucksnest"). Andreas Rossmann stellt Nordrhein-Westfalens Aktionsprogramm "StadtBauKultur" vor. Nach einem Bericht Camilla Blechens plant Berlin ab März 2002 eine große Antikenschau im Gropiusbau. Martin Ebel resümiert das Freiburger Literaturgespräch. Sabine B. Vogel stellt das "Zoom Kindermuseum" in Wien vor.

Auf der Medienseite schildert Michael Hanfeld die dramatische Lage bei Sat 1 - der Sender wird in seiner bisherigen Form wohl in Frage gestellt, wenn "Der Tanz mit dem Teufel", eine aufwendige Verflilmung der Entführung von Richard Oetker, nicht genug Quote bringt. Und Jürg Altwegg berichtet, dass die französischen Fernsehbehörden erwägen, den Sender Al Dschazira aus den Kabel und Pay-TV-Netzen zu streichen.

Besprochen werden die Ausstellung "Sex" im Dresdens Hygienemuseum (die uns nach Achim Bahnen wissen lässt, dass Sex gesund ist, aber leider nicht, dass Sex Spaß macht), Roland Schimmelpfennigs Stück "Push up 1-3" an der Berliner Schaubühne, Peter Cattaneos Filmkomödie "Rein oder raus", eine Ausstellung über die Kunst des Spätmittelalters in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe und neue Musik beim Schreyahner Herbst.