Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.09.2001. Angesichts der Terror-Attentate bemüht sich Jan Ross in der Zeit um eine Definition des Toleranzbegriffs, während Thomas Assheuer Theorien über den Ursprung der Gewalt erläutert. Die FAZ untersucht die "Logik der Überbietung" im Terrorismus.

NZZ, 27.09.2001

Einen "Gesinnungswechsel" nach städtebaulichen Fehlern erkennt Claudia Schwartz in Potsdam nach einem Besuch der Bundesgartenschau. "Man beweist einen sensiblen Umgang mit der Tradition und schreibt diese gleichzeitig in einer qualitätvollen, dezidiert modernen Architektur fort."

Besprechungen widmen sich Hans-Werner Henzes Oper "We Come to the River" in Hamburg, einer neuen CD der britischen Band Spiritualized und einigen Büchern, darunter Crispin Wrights philosophische Abhandlung "Wahrheit und Ojektivität" und Colm Toibins Roman "Das Feuerschiff von Blackwater" (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 27.09.2001

Die SZ hat einen sehr schönen, knochentrockenen Artikel von einem gewissen Tom Carew aus dem Guardian übernommen. Carew, Angehöriger des britischen SAS, der den Afghanen Ende der 70er Jahre moderne Guerilla-Techniken für den Kampf gegen die Russen beigebracht hat, beschreibt das Terrain, das westliche Soldaten erwartet, die körperliche Fitness der Afghanen und ihre Effizienz. Sein Fazit: "Wenn es zu einem Bodenkrieg kommen sollte, dann hat der Westen in meinen Augen kaum eine Chance zu siegen. Die letzte fremde Armee, die auf afghanischem Boden gesiegt hat, war die von Alexander dem Großen; alle anderen wurden geschlagen und vertrieben." Und das war immerhin, bevor die Briten ihnen moderne Guerilla-Techniken beigebracht hatten.

Sonja Zekri meint, dass der Anschlag in Amerika "eine historische Chance" für Russland darstellen könnte. Der Machtverlust nach dem Zerfall der Sowjet Union, die Kriminalitäts- und Korruptionsfälle, der Tschtschenienkrieg ? das alles ist erstmals in den Hintergrund gerückt. Statt dessen habe in den Medien "eine Diskussion eingesetzt über die neuen Optionen ihres Landes ... das nun wie durch ein Wunder zum kundigen Gesprächspartner in einer von neuen Gefahren bedrohten Welt geworden ist."

Weitere Artikel: Volker Lehmann berichtet über einen Kongress in Boston, der sich mit dem Klonen von Menschen beschäftigte. Hermann Unterstöger gratuliert Freddy Qinn zum siebzigsten Geburtstag. Und Michael Schwidtal berichtet über eine Tagung über Jakob Michael Reinhold Lenz.

Besprochen werden Carlo Rolas Berliner Gaunerkomödie "Sass", Lou Yes Film "Suzhou River" (ein Interview mit dem Regisseur gibt es auch), der Film "American Pie 2", das Berliner Musikfestival "X-Tract Chicago", eine Ausstellung mit dem fotografischen Werk von Luigi Ghirri im Fotomuseum Winterthur und Bücher, darunter Paul Pillars Studie über "Terrorism and U.S. Foreign Policy" und Jean-Baptiste Botuls Buch über "Das sexuelle Leben des Immanuel Kant" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 27.09.2001

Der Computerwissenschaftler und Miterfinder des Internets Joseph Weizenbaum schließt im Interview mit Annegret Witt-Barthel aus der raffinierten Vorbereitung der Anschläge von New York und Washington, dass die Attentäter "zum einem alles andere als dumm sind und sich zum anderen in einer Gemeinschaft bewegen, die über ausgefeilte Kenntnisse in Sachen Computer, Logik und offensichtlich auch Logistik verfügt. Zweifellos steht hinter diesen Attentaten eine Organisation mit sehr gut ausgebildeten und wissenschaftlich geschulten Leuten."

In weiteren Artikeln über die Anschläge denkt Klaus Naumann vom Hamburger Institut für Sozialforschung über die Folgen eines internationalen Kriegs gegen den Terror auf das Völkerrecht nach. Und Karl Grobe warnt den Westen, auf Putins Strategie gegenüber den Moslems in der ehemaligen Sowjetunion hereinzufallen ? denn Putin gehe es nur um den Sieg im Kaukasus.
Kultur:

Gemma Pörzgen berichtet über einen kroatischen Streit im Vorfeld der Buchmesse ? renommierte Verlage distanzieren sich vom offiziellen Messestand des Landes, auf dem ehemals Tudjman-treue Verlage und Autoren das Sagen zu haben scheinen. Christian Schlüter kündigt eine Frankfurter Foucault-Konferenz an, die heute Abend beginnt. Besprechungen widmen sich der William-Turner-Retrospektive im Museum Folkwang, einer Ausstellung chinesischer Baumeister in der Berliner Galerie Aedes, einer "Aida" in Hannover, Lou Yes Film "Suzhou River" (mehr hier) und dem Start der Theatersaison in Mainz. Ferner wird das "Blaubuch national bedeutsamer Kultureinrichtungen in den neuen Ländern" vorgestellt, das Kulturminister Julian Nida-Rümelin gestern vor der Presse präsentierte.
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TAZ, 27.09.2001

Susanne Messmer porträtiert in einer Reportage eine afghanische Familie, die seit Jahren in Deutschland lebt und aus der ehemaligen Oberschicht des Landes kommt: "'Amerika hat den islamischen Fundamentalismus in Afghanistan gefördert und nicht gemerkt, dass diese Schlange zwei Köpfe hat. Jetzt wissen sie es', sagt Maryams Vater" ? der selbst allerdings die Kommunisten unterstützte.

Weitere Artikel: Martin Ebner stellt das Afghanistan-Museum bei Basel vor, dessen Gründer Paul Bucherer dort nun auch ein afghanisches Kulturzentrum gründen will. Besprochen werden die Filme "Suzhou River" von Lou Ye, "Berlin Babylon" von Hubertus Siegbert und "Sass" von Carlo Rola.

Schließlich Tom.

FAZ, 27.09.2001

Der französische Philosoph Alain Finkielkraut denkt über die Anschläge nach und entdeckt zwei Denkfiguren über die Selbstmordattentäter, die auch die Diskussion in den letzten Tagen beherrschten: "Während der Rousseau in uns, der davon überzeugt ist, dass 'die Sklaverei die Quelle alles Elends des Menschengeschlechts' ist, die Mittel durch die Ursachen entschuldigt, fügt der Hobbes, der wir auch sind, hinzu, dass, da die Furcht vor dem gewaltsamen Tod die natürlichste und universellste aller menschlichen Leidenschaften ist, diejenigen, die sich vom Selbsterhaltungstrieb so weit freimachen, dass sie sogar zu menschlichen Bomben werden, keinen anderen Ausweg wählen konnten. So stützt man sich auf zwei einander widersprechende Denkfiguren - die unwandelbare Menschennatur und die geschichtliche Erlösung der Menschheit -, um die Verzweiflung zu analysieren, das heißt, die Verantwortung für die Selbstmordattentate nicht ihren Urhebern anzulasten, sondern denen, auf die sie zielten."

Andreas Rieck erkennt Hoffnungszeichen für Pakistan. Er glaubt der Behauptung des Präsidenten Musharraf, die Mehrheit der Pakistaner stehe hinter ihm. "Allerdings handelt es sich um eine schweigende Mehrheit, die die schleichende 'Talibanisierung' des Landes mit größter Sorge verfolgt, während die Sympathisanten der Taliban und Bin Ladins fanatisch und gewaltbereit sind."

Weitere Artikel zu den Anschlägen: Florian Rötzer untersucht die Logik der Überbietung in den Terroraktionen der letzten Jahre: "Die Wirksamkeit der Anschläge beruht nicht allein auf der Größe des Schadens und der Menge der Opfer, sondern auch auf der Ästhetik der Bilder, die durch sie entstehen." Katja Blomberg erinnert an eine Skulptur von Fritz Koenig, die "Große Karyatide", die jetzt unter den Trümmern des World Trade Centers liegt. Thomas Schuster beklagt auf der Medienseite, dass selbst die Anschläge unsere Börsenreporter nicht abhalten, von einem geistigen Tiefpunkt zum nächsten zu taumeln. Peter Körte berichtet über Furcht in Hollywood, dass auch die Filmindustrie zum Ziel von Anschlägen werden könnte.

Kultur und anderes: Über anderthalb Seiten legt der Historiker Konrad Repgen die Gründe für das Scheitern der jüdisch-katholischen Historikerkommission über die Rolle von Papst Pius XII. dar. Martin Kämpchen erinnert an die Abtrennung Bangladeschs von Pakistan vor dreißig Jahren. Stefanie Flamm schickt eine Reportage über die Dreharbeiten zu einer Dokumentarserie mit dem unsäglich deutschen Titel "Secrets of Power" ? Helmut Kohl und Michail Gorbatschow unterhalten sich darin über das schöne Jahr 1989. Michael Gassmann sieht kulturpolitische Schatten über dem Beethovenfest. Christian Schwägerl erinnert an die Existenz des Nationalen Ethikrats, der nach wie vor "Orientierung im Stammzellkrieg" sucht.

Ferner:

Der beneidenswerte Dirk Schümer setzt seine Kolumne "Leben in Venedig" fort ? man protestiert zur Zeit gegen den Wellenschlag der Motorboote. Camilla Blechen gratuliert dem Berliner Maler Rudolf Kügler zum Achtzigsten. Dieter Bartetzko gratuliert Freddy Quinn zum Siebzigsten (mehr hier). Wolfgang Schneider resümiert eine Tagung der Fontane-Gesellschaft in Potsdam. Auf der Medienseite äußert Frank Kaspar seine Bewunderung für Harald Schmidt, der nun seine Show wiedereröffnet hat und offensichtlich einen dem Ernst der Lage angemessenen Humor beweist. Auf der Filmseite blickt Paul Ingendaay auf das Filmfestival von San Sebastian zurück. Gerd Roellecke setzt seine Serie über Urteile des Bundesverfassungsgerichts fort. Und auf der letzten Seite erfahren wir von Stephan Kuß erfahren wir, dass sich in Deutschland immer mehr Menschen nach dem Tod einfrieren lassen wollen, um eventuell später wieder aufgeweckt zu werden.

Es ist noch Platz für Besprechungen. Sie gelten eine Henry-Moore-Ausstellung im Hamburger Barlach-Haus, einer Ausstellung über Ernst Haeckel in Potsdam, der Saisoneröffnung an der Met, einer Konzerttournee von Ben Becker und dem Film "Sass", ebenfalls mit Ben Becker.

Zeit, 27.09.2001

Jan Ross gibt im Aufmacher des Zeit-Feuilletons eine Einführung in die Geschichte des Fundamentalismus und denkt über die Grenzen seiner Gegner nach: "Als Gefahr für die liberale Gesellschaft gilt vielfach nicht nur, wer dem anderen seine Überzeugungen aufzwingen will, sondern schon, wer überhaupt welche hat ... Das Bekenntnis zu Dogmen, Credos, Offenbarungen zieht beinahe automatisch den Verdacht der Intoleranz auf sich. Dem liegt jedoch ein Missverständnis des Toleranzbegriffs zugrunde. Toleranz ist keine Weltanschauung, die letzte Fragen für sinnlos oder für unbeantwortbar hält. Sie ist vielmehr eine Umgangsregel unter Weltanschauungen, die auf die letzten Fragen höchst unterschiedliche, einander ausschließende und vollkommen ernst gemeinte Antworten geben. Wenn man nichts zu streiten hätte, wäre Verträglichkeit keine große Leistung."

Thomas Assheuer erläutert einige Theorien über den Ursprung von Gewalt und Terror in der Moderne von Baudrillard, Enzensberger, Guehenno und Ranciere und stellt fest, dass all diese Erklärungen letztendlich von Tautologien zehren: "Vielleicht ist es sinnvoll, die Laufrichtung zu ändern und die finalen Gewalttheorien anders zu verstehen, als sie verstanden werden möchten: nicht als kausale Erklärungen, sondern als kontrastbildenden Schatten, vor dem die Zerbrechlichkeit der Zivilisation und das Unbehagen an ihren Lebensformen erst sichtbar wird."

Claus Spahn wundert sich nicht über Karlheinz Stockhausens "Terror-Statements" nach dem Anschlag: "Sie passen durchaus in den Kontext seines kompositorischen Denkens und der kruden Fantasy-Mythologie seines LICHT-Zyklus. Nicht zufällig ist es die Präzision in der Vorbereitung und Durchführung der Attentate, über die er sich bewundernd geäußert hat. Totale Kontrolle aller Parameter der 'Aufführung' - das strebt er auch in seinen eigenen Werken an".

Weitere Artikel: Achatz von Müller liefert eine kleine Geschichte des "Schläfers". Petra Kipphoff schreibt über die endgültige Eröffnung des Museumsquartiers in Wien. Werner Hofmann, erster Direktor des Museums des 20. Jahrhunderts in Wien und langjähriger Direktor der Hamburger Kunsthalle, erklärt, warum im Museumsquartier die österreichische moderne Kunst von der übrigen modernen Kunst getrennt gezeigt wird. Claudia Herstatt berichtet über Veränderungen beim Art Forum Berlin (3.-7. Oktober). Und Hanno Rauterberg beschreibt, wie der Architekt Santiago Calatrava die Olympischen Spiele in Griechenland vor "betonierter Tristesse" retten könnte.

Besprochen werden die Filme "Mein langsames Leben" von Angela Schanelec und "Suzhou River" von Leo Ye und Luc Bondys Inszenierung von "Auf dem Land" in Zürich.

Den Aufmacher des Literaturteils schreibt Ludger Heidbrink über Terry Eagletons "Was ist Kultur?" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Hinzuweisen ist noch auf das Dossier, das sich auf die Spuren Osama Bin Ladens begibt und auf ein Interview im Wirtschaftsteil mit dem Harvard-Ökonomen Jeffrey Sachs, der fordert, dass sich Amerika auch um die Armen kümmert.