Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.09.2001.

NZZ, 25.09.2001

Wolfgang Sofsky denkt über die Trauerrituale anach den Anschlägen nach und macht vor allem in Deutschland folgende Stimmungslage aus: "In der Warteschlange vor den Kondolenzlisten spürte man Ergriffenheit, aber keinen Zorn und keine Wut. Die Angst, die Vergeltung könnte Unschuldige treffen und die Gewaltspirale in die Höhe treiben, scheint grösser zu sein als die Empörung über die Anschlagsserie."

Weitere Artikel: Georges Waser porträtiert die kleine schottische Universitätstadt St. Andrews. Peter W. Jansen schreibt zum 100. Geburtstag von Robert Bresson. Besprochen werden Verdis "Othello" im Zürcher Opernhaus und einige Bücher, darunter Muriel Sparks' Roman "Frau Dr. Wolfs Methode" (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 25.09.2001

So. Nun erweitert auch die SZ ihr Feuilleton. Täglich wird es jetzt eine Literaturseite geben, annonciert Andreas Zielcke. Sachbücher und Belletristik sollen auf der Seite koexistieren. " Ist jedes Feuilleton von der Beschleunigungs- und Überholsucht seines Diskurses geleitet, bringen Bücher und ihre Lizenz zur größeren Sorgfalt und Distanz quasi ein nicht-feuilletonistisches Element auf seine Seiten. Doch nicht, um das Feuilleton der Zeit zu entheben, sondern um ihm eine Startrampe und Legitimation seiner Höhenflüge zu verschaffen."

Thomas Steinfeld eröffnet die Seite mit einem kleinen Essay über die " zweifelhaften Erfolge der literarischen Rasterfahndung". Damit meint er, dass man nun in ? vornehmlich populären Büchern wie von Tom Clancy ? nach Prophezeiungen der Anschläge von New York sucht: " Woher rührt die Erwartung, die Literatur ? und die erzählende Kunst überhaupt ? sei eine Art Trüffelschwein für kommende Katastrophen? Woher kommt der Glaube, sie apportiere Modelle für Täter und Opfer, lege in schwarzen Lettern nieder, was irgendwann irgendwo irgendwie geschehen werde?" Antwort: "In der Prophezeiung gehen sich die selbsternannten Deuter der Katastrophe Größe borgen."

Drei Kritiken stehen auf der Seite, Katajun Amirpurs Besprechung von Ludwig Ammanns "Geburt des Islam", Karl-Markus Gauß' Kritik von Lawrence Norfolks Roman "In Gestalt eines Ebers" und schließlich Hansjörg Küsters Vorstellung eines "großen Atlas der Urgeschichte". Groß bespricht außerdem Christoph Bartmann den Roman "Rot ist mein Name" von Orhan Pamuk. All diese Bücher werden heute ab 14 Uhr auch die Datenbank des Perlentauchers bereichern.

Der Islamwissenschaftler Bernard Haykel aus New York erklärt, warum eine Einzelperson wie bin Laden keinen Dschihad ausrufen kann und warum sein Dschihad allen Prinzipien des Islams widerspricht, um zu fordern: "Moderate Moslems sind von dem Angriff entsetzt und möchten ihn unbedingt von ihrer Religion lösen. Der Westen muss ihnen einen Ausweg aus bin Ladens Falle bieten."

Weitere Artikel: Jakob Augstein stellt fest, dass "das Militärische wieder eine gängige Option für die deutsche Politik (wird). Man weiß mittlerweile: Der Kosovo-Krieg war keine Ausnahme. Er war ein Modell für die Zukunft." Nur für die Grünen, so Augstein, könnte sich das zum existenziellen Problem auswachsen. Konrad Lischka stellt neue Computerspiele wie "Ultima Ascension" vor. Henning Klüver schreibt über die Restaurierung des Julius-Grabmals in der Kirche San Pietro.

Besprochen werden Hans-Werner Henzes "We come to the river" in Hamburg, das Hamburger Musikfest und Andreas Kriegenburg Inszenierung der "Kinder des Olymp" am Hamburger Thalia Theater (war in München nichts los?). Ferner stellt Helmut Schödel den Wiener Solo-Kabarettisten Thomas Maurer vor.

FR, 25.09.2001

Roman Luckscheiter hat die in Paris erschienene bin Laden-Biografie des Terrorismusforschers Roland Jacquard gelesen, der offensichtlich einiges über den Mann herausgefunden hat ? zum Beispiel, wie er sein Geld investiert: "Laut Jacquard hält bin Laden zum Beispiel Aktien der dänischen Milchindustrie und der norwegischen Holz- und Papierindustrie, investiert in Immobilien an der Côte d'Azur und schwedische Medizingeräte, mit denen er auf die irakischen, jordanischen und ägyptischen Märkte drängt, und kontrolliert - mithilfe der Fundamentalisten! - die Prostitution von Bosnierinnen in Belgien und Frankreich."

Michael Lüders fragt: "Was sind das für Menschen, die vollbesetzte Flugzeuge als Terrorwaffe einsetzen? Wie überwinden sie ihre eigene Todesangst? Wie erklärt sich das Phänomen der 'Schläfer'? Warum sind Selbstmordattentate ein 'Markenzeichen' islamistischer Gewalttäter?" Eine wirkliche Antwort weiß er nicht, wohl aber dass bin Laden gerade wegen seines Reichtums bei den Taliban verehrt wird. "Er ist Milliardär, führt aber ein entbehrungsreiches Leben, wie weiland der Prophet Mohammed. Das macht ihn glaubwürdig."

Weitere Artikel: Eva Schweitzer berichtet, dass die Anschläge auch für den Broadway die größte Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg ist. Natan Sznaider bringt die Anschläge in Zusammenhang mit dem Holocaust-Gedenken ? und fordert wie hier, dass man die wahren Schuldigen nicht vergisst. Karin Ceballos Betancur berichtet über den misslungenen Versuch, ein Manuskript von Garcia Marquez zu versteigern. Peter W. Jansen schreibt zum 100. Geburtstag von Robert Bresson.

Besprochen werden Hans Werner Henzes "We Come To The River" in Hamburg, Lorcas "Bluthochzeit" und Sophokles' "Antigone" in Deutschen Theater Berlin, Andreas Kriegenburgs Inszenierung der "Kinder des Olymp" am Hamburger Thalia Theater und die Balthus-Retrospektive in Venedig.
Anzeige

TAZ, 25.09.2001

Nadine Gordimer schreibt für die taz eine Nachbetrachtung zum Antirassismus-Gipfel in Durban. Ihr ist ein kleiner Widerspruch aufgefallen. In der Schlusserklärung "über die Entschädigung für Sklaverei in Form von Entwicklungsprogrammen gibt es .. eine verblüffende Auslassung: Die arabischen Sklavenhändlernationen werden mit keiner Silbe erwähnt. Die Versklavung von Afrikanern durch Araber war bereits im Gang, als die Europäer diese grausame und furchtbare Form von profitträchtigem Rassismus aufgriffen..." Aber man sollte das jetzt nicht mit dem Islam gleichsetzen.

Weitere Artikel: David Lauer stellt den Kulturtheoretiker Homi K. Bhabha vor, der die gegenseitigen Feinbildprojektionen von ehemaligen Kolonisierern und Kolonisierten erforscht. Besprochen werden heute vor allem Krimis, darunter Wolf Haas' "Wie die Tiere" und neue Bücher von Andrea Camilleri.

FAZ, 25.09.2001

Der pakistanische Autor Tariq Ali macht aus seiner Bitterkeit über die amerikanische Politik in seinem Land keinen Hehl und empfiehlt: "Wenn die Hollywoodlogik einen kurzen, harten Krieg gegen den neuen Feind will, dann sollte der amerikanische Cäsar am besten auf die pakistanischen Legionen verzichten. Sonst könnten die Folgen schlimm sein: ein brutaler, grausamer Bürgerkrieg, der noch mehr Bitterkeit schafft und zu weiteren Akten des individuellen Terrorismus reizt."

Dirk Schümer begrüßt das Ergebnis der Hamburger Wahlen als eine Etappe zu neuen politische Konstellationen. In ganz Europa habe sich das Parteiengefüge schon verändert: "Einzig Deutschland wurde mit seinem prolongierten Wechselspiel von SPD und CDU zu einem anachronistischen Modell, in dem eine Arbeiterbewegung ohne Arbeiter und eine Christenpartei ohne Sonntagspflicht ein Theater der Macht organisierten und den mehrheitsbeschaffenden Liberalismus bei fünf Prozent auf einem Fünftel seines Potentials einzufrieren verstanden. Die Wähler haben nun dieses eher mono- als bipolare System verabschiedet und ganz neue Bedürfnisse von Politik wieder in den demokratischen Konsens hereingeholt..."

Weitere Artikel: Johan Schloemann schreibt zur Gründung der privaten International University in Bremen (30 Professoren, 140 Studenten). Joachim Müller-Jung schreibt über ein Tagung von Bioethikern in Boston. Eberhard Rathgeb schickt eine Reportage über die Feierlichkeiten der Schill-Partei zu ihrem Hamburger Triumph. Gerd Roellecke setzt seine Serie zu Urteilen des Bundesverfassungsgerichts fort. Andreas Kilb schreibt zum 100. Geburtstag des Filmregisseurs Robert Bresson. Und Marion Aberle berichtet über den Heritage Day, mit dem Südafrika alljährlich seine Einheit in der Buntheit feiert.

Und sonst gilt es offensichtlich, einen gigantischen Stau an Besprechungen abzuarbeiten. Besprochen werden also das Stück "Büro Q" am Basler Vorstadt-Theater, ein "Schwanensee" in Duisburg, Hans-Werner Henzes Oper "We come to the River" in Hamburg, eine Ausstellung über neue chinesische Architektur in Berlin, die Präsentation der Ausstellung im neu eröffneten Wiener Museum Moderner Kunst, die Saisoneröffnung mit Bukowski, Lessing und Kleist in Dresden, die Luzerner Musikfestwochen.

Auf der Bücher-und-Themen-Seite stellt Christoph Bartmann eine tschechische Bibliothek des 20. Jahrhunderts zusammen.

Auf der Medienseite erfahren wir, dass Berlusconis Fernsehkonglomerat Mediaset der Bilanzfälschung angeklagt wird.

Und in Natur und Wissenschaft klärt uns Horst Rademacher darüber auf, das Sümpfe, Wüsten und Gebirge das Zweistromland im Irak prägen.