Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.09.2001. Die Terroranschläge auf die USA gehören weiterhin zu den Top-Themen des deutschen Feuilletons. Diskutiert wird über das Verhältnis von Fiktion und Realität, aber auch über den politischen Sprachgebrauch während der Krise und die Aussagekraft der Codenamen amerikanischer Militäraktionen.

NZZ, 21.09.2001

Martin Meyer kritisiert die Suche nach "Gründen" für das Attentat: "Abwägende Reflexion über denkbare Motive ist das eine. Ein Erklärungstrieb, der das apokalyptische Geschehnis rasch und beinah flehentlich auf die Ebene einer 'rational' ergründbaren und denn irgendwie doch wieder beherrschbaren Ausgangslage hinunterzieht, ist das andere. Damit indessen wäre es dem Terror auf listige Weise gelungen, sein Fanal von der Zivilisation und ihren Opfern interpretieren zu lassen. Und wie man bisher diese Interpretationen lesen konnte, ist es von der Analyse zur Selbstanklage mitunter ein kleiner Schritt."

Weitere Artikel: Helmut Frielinghaus setzt sein New Yorker Tagebuch fort ? auch bei der Frankfurter Buchmesse, so erzählt er unter anderem er, könnte es Absagen amerikanischer Verlage geben. Roman Hollenstein fürchtet, dass die Bewegung des "New Urbanism" ? abgeschlossene, künstliche Kleinstadtidyllen ? im Gefolge der Anschläge auch nach Europa überschwappen könnte. Besprochen werden das Spektakel "Hoi" der Theatergruppe Metzger/Zimmermann/ de Perrot in Lausanne und "Das Sortiment" - ein Schauspielprojekt über die Migros am Theater Basel.

SZ, 21.09.2001

Jeremy Rifkin sucht nach den Quellen des Hasses auf ein Land, das aller Welt Glück und Freiheit verspricht, wie er schreibt: "Wir reden hier enthusiastisch von Globalisierung, e-commerce und der Telekommunikationsrevolution, während ein Drittel der Weltbevölkerung keine Elektrizität hat und 850 Millionen Menschen unterernährt sind, Hunderte von Millionen nicht genügend sauberes Wasser oder ausreichend Brennstoff haben und die Hälfte der Weltbevölkerung völlig vom regulären Handel ausgeschlossen ist."

Petra Steinberger wirkt der um sich greifenden Entdifferenzierung entgegen. Sie erklärt, wie in der muslimischen Welt der auch vom Westen jüngst auffällig oft bemühte Begriff des 'Heiligen Krieges' für Machterhalt und politische Interessen herhalten muss: "Natürlich funktioniert die Ausrufung eines Heiligen Krieges unter vielen Teilen den muslimischen Bevölkerungen recht schnell; da werden ? wie überall sonst ? historisch vorhandene Bilder und Stereotypen abgerufen ... Die Anwendung scheint beliebig. Aber was aus der Sicht des Westens wie eine geschlossene Front wirken mag, ist eigentlich die Reduzierung unzähliger vorhandener sozio-politischer Konfliktpunkte auf ein einziges Wort."

Weitere Artikel: Eva Horn meint, dass die Beschränkung der Geheimdienste auf Technik Gefahren birgt, H. G. Pflaum erklärt, warum die Anschläge in Amerika das Gleichgewicht in Irland bedrohen, Ulrich Raulff erzählt die Geschichte von Freundschaft und Feindschaft zwischen der Frankfurter Schule und den französischen Strukturalisten und Poststrukturalisten, Burkhard Müller-Ullrich besucht das italienische Forte dei Marmi, wo eben der internationale Satire-Preis verliehen wurde, Ralph Hammerthaler informiert über die Pläne des Deutschen Theaters Berlin unter seinem neuen Intendanten Bernd Wilms. Und besprochen wird Wolfgang Murnbergers Film "Komm, süßer Tod".

Hingewiesen sei schließlich noch auf die Medienseiten: Zu lesen ist hier, wie das Internet nach den Anschlägen in den USA seine Eignung als Massenmedium unter Beweis stellte und wie die Bundesjustizministerin den Verlegern im Streit um ein neues Urheberrechtsgesetz entgegenkommen will.

FR, 21.09.2001

Semantiker sind gefragt. Niels Werbers Aufmerksamkeit gilt dem politischen Sprachgebrauch nach dem 11. September. Weder einen regelrechten Krieg, wie es immer wieder heißt (bei dem man mit bin Laden auch nach Kriegsrecht zu verfahren hätte), noch die Fahndung nach einem Verbrecher kann er in den Plänen der USA erkennen: "Verbrecher werden von der Polizei verhaftet und von Gerichten verurteilt, nicht aber von der Armee 'gejagt' und in ihren 'Löchern ausgeräuchert'." Unterdessen wird klar: "Der Gegner dieser 'Campaign' ist weder Feind noch Verbrecher, hat weder Anspruch auf einen fairen Prozess noch auf einen Kampf nach Kriegsrecht ... er steht außerhalb der Menschheit wie der Zivilisation, er repräsentiert das Böse. Er ist also gar kein Mensch. Er ist ein Barbar ..."

Andere Artikel: Markus Brauck parallelisiert rechte, nationalistische Sichtweisen der laufenden Ereignisse und eine in den USA beliebte apokalyptische Bibelinterpretation. Frank Keil stellt Hamburgs Bürgermeisterkandidaten Ronald "Gnadenlos" Schill und seinen originellen Widersacher Andreas Forte vor. Ulf Erdmann Ziegler blättert im Lexikon explosiver Begriffe. Schießlich Stockhausen, schadensbegrenzt.

In der Kritik: Eine Chillout-Kompilation vom Label "Ministry of Sound", Georg-Friedrich Kühn berichtet über die Artur-Schnabel-Retro in der Berliner Akademie der Künste, Marietta Piekenbrock recherchiert in der Wiederholungsschleife der "Loop - Alles auf Anfang"-Schau in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München und Martina Meister war im Streitraum der Berliner Schaubühne dabei.
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TAZ, 21.09.2001

In der tageszeitung entlarvt Andrew James Johnston Samuel Huntingtons Thesen über den Kampf der Kulturen als gewöhnliche Modernisierungstheorie. "Schien Huntington im ersten Entwurf der Theorie noch ganz grundsätzlich von einem notwendigen gegenseitigen Hass verschiedener Kulturen überzeugt, stellte er das Konfliktpotenzial der Kulturen später in einen modernisierungstheoretischen Zusammenhang. Die von ihm beobachtete Feindseligkeit islamischer Gruppen wurde nun als Reaktion auf den Modernisierungs- und Verwestlichungsdruck, als Teil einer Suche nach Identität unter den Bedingungen der Globalisierung gewertet." Damit, so Johnston, werde Huntingtons momentan so begeistert zitierte These zum alten Hut.

Ferner: Thomas Girst mit einem Nachruf´auf den jamaikanischen Installationskünstler und "World Views"-Stipendiaten Michael Richards, der bei den Anschlägen auf die Twin Towers ums Leben kam. Katrin Bettina Müller besucht die Blockbuster-Schau "William Turner - Licht und Farbe" im Folkwang Museum Essen. Nils Michaelis schließlich stellt neue Platten von Shaggy und Sizzla vor, während Thomas Winkler dem Phänomen Vincent Gallo nachspürt.

Und Tom.

FAZ, 21.09.2001

Claudius Seidl denkt noch einmal über das Verhältnis von Fiktion und Realität nach. Der Anschlag erinnerte an einen Katastrophenfilm und war wohl auch dadurch inspiriert, und nun wird er auch Rückwirkungen auf die Fiktion haben: "'Der Schock ist, dass das passiert, wovon man geträumt hat.' So hat Slavoj Zizek neulich die Erschütterung der Zuschauer erklärt... Seit wir sahen, was wir geträumt haben, fürchten wir, dass künftig all die bösen Träume der populären Kultur die Grenze zur Realität überschreiten werden. 'What you see is what you get', dieses uramerikanische Motto hat einen neuen, furchterregenden Klang bekommen."

Verena Lueken hat sich die New Yorker Realität um das ehemalige WTC angesehen: "Die Luft ist voller verrottender Süße, ein grässlicher Gestank, den viele mit Atemmasken zurückzudrängen suchen. Andere halten sich Waschlappen vor den Mund, Taschentücher oder auch ihre Krawatten, wenn ein Windzug dickere Schwaden in die Straße treibt."

Fünf Schriftsteller nehmen auf einer Doppelseite Stellung: Am interessantesten der Artikel von Tahar Ben Jelloun, der in den islamischen Ländern eine Trennung von Politik und Religion fordert: "Eine neue Beziehung zwischen Bürger und Staat, öffentlicher und Privatsphäre, zwischen Begriff und faktischem Sein der Gesellschaft - kurz: eine Laiengesellschaft muss her unter strikter Achtung der jeweils persönlichen religiösen Überzeugung." Ariel Dorfman erinnert an die bisherige Bedeutung des 11. September für die Chilenen: "Seit 28 Jahren ist der 11. September für mich und Millionen anderer Menschen ein Trauertag: An diesem Tag, auch einem Dienstag, im Jahr 1973 verlor Chile durch einen Militärputsch seine Demokratie, an diesem Tag trat der Tod unwiderruflich in unser Leben und lenkte es aus seiner Bahn." Jose Saramago macht Religionen an sich für die Gewalt verantwortlich. Martin Amis schlägt vor: "Das malträtierte und von der Außenwelt abgeschnittene Volk von Afghanistan, das sich in der Aussicht auf einen Hungerwinter zusammenkauert, sollte nicht mit Cruise Missiles bombardiert werden, sondern mit dem Abwurf von Lebensmittellieferungen, auf denen groß und deutlich steht: 'Ein Hilfsprogramm der USA'." Jack Miles folgt Samuel Huntingtons These vom "Clash of Civilisations".

Weitere Artikel zu den Anschlägen: Dietmar Dath denkt über die Codenamen amerikanische Militäroperationen wie jetzt zum Beispiel "Infinite Justice" nach. Auf der Medienseite berichtet Sandra Kegel, dass bereits im letzten Jahr Internetdomains wie pearlharborinmanhattan.com und worldtradetowerstrike.com angemeldet wurden. In einer Meldung erfahren wir, dass der Autor der Behauptung, die Bilder der feiernden Palästinenser stammten von 1991, inzwischen auf der Website indymedia dementiert hat, denn die Bilder waren neu.

Kultur und anderes: Stefanie Peter meldet, dass die Recherchen des SZ-Korrespondenten Thomas Urban zum Massaker von Jedwabne, doch noch nicht beweisen können, dass es sich um eine deutsche Aktion handelte. Renate Schostak bespricht eine "aparte" Ausstellung über den Pygmalion-Mythos im Münchner Lenbachhaus. Gerhard Schroth hat sich Alfred Brendels Programm zu seinem 70. Geburtstag in der Frankfurter Alten Oper angehört. Frank Pergande meldet die Rückkehr von Manuskripten ins Potsdamer Fontane-Archiv. Karl Ganser beklagt die Vernichtung eines deutschen Baudenkmals: "In wenigen Tagen, am 22. September, werden die vier weithin sichtbaren Kamine des Kraftwerks Vockerode, das ein Nachbar des Bauhauses in Dessau ist, gesprengt. Dann wird die bedeutendste Landmarke der Industriearchitektur in Mitteldeutschland in sich zusammensinken." Gerd Roellecke setzt seine Serie über Urteile des Bundesverfassungsgerichts fort. Die Autorin Jenny Erpenbeck denkt in der Serie "Deutsches Wörterbuch" über die Abkürzung "EOS" (für Erweiterte Oberschule") nach. Eberhard Rathgeb schreibt über der Hamburg vor der Wahl. Auf der Medienseite geht es um die Sendung Monitor, die aus Protest gegen eine Verlegung wegen eines Fußballspiels ins dritte Programm umzieht. Und die Schriftstellerin Elena Lappin macht einen Rundgang durch das Jüdische Museum in Berlin.

Besprochen werden Filme von Anna Gaskell im Kölnischen Kunstverein, eine Retrospektive des Malers Amadeo de Souza-Cardoso im Museum Serralves in Porto und der Film "Kommando Störtebeker".

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seiten geht's um Bach-CDs des Hilliard Ensembles mit dem Geider Christoph Poppen, um CDs des Stockhausen-Schüler und Can-Gründers Irmin Schmidt und um Kammermusik von Christoph Staude.