Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.08.2001.

NZZ, 18.08.2001

Gegen gewisse Auswüchse des Bioethikdiskurses, die den Befürwortern des therapeutischen Klonens unterstellt, ihnen sei es um die "Verbesserung" der Menschen zu tun, wendet sich Joachim Güntner: "Ist Heilung Perfektionierung? Will man den Unterschied zwischen beiden aufgeben, weil es sich nur so verhindern lässt, dass aus Kants kategorischem Imperativ der 'therapeutische Imperativ' der Utilitaristen wird? Das wird nicht klappen. Man höre nur den werdenden Müttern und Vätern zu. Fragt man sie, wie sie sich ihr Kind wünschen, lautet die Standardantwort: Hauptsache gesund. Da ist kein Perfektionsstreben, kein Verlangen nach positiver, menschenverbessernder Eugenik, sondern einzig nach Abwehr von Leid. Leidvermeidung ist als Triebkraft des Fortschritts schlechthin unwiderstehlich. Das heisst nicht, dass sie als Zweck jedes Mittel heiligt. Aber in ihr hat die Berufung auf die Menschenwürde, die kategorisch gelten soll, eine mächtige zweite, konkurrierende moralische Instanz. Die Konkurrenz dieser beiden erklärt, warum sich die Bioethik mit klaren Grenzziehungen so schwer tut."
Weitere Artikel: Mevina Puorger porträtiert die romanische Schriftstellerin Margarita Uffer Gangale. Einen recht seltsamen religiösen Orden in der brasilianischen Hauptstadt Brasilia beschreibt Carl D. Goerdeler ("Klosterfrauen und Jungfern mit Perlonperücken und knisternden Petticoats huschen vorüber, als würde gerade ein Hollywood-Schinken gedreht. Sie halten sich an den Händen, greifen nach den Gestirnen und werfen sich in den Staub.") Besprochen werden eine Ausstellung über Audrey Hepburn und die Mode im Frankfurter Filmmuseum, Alain Platels und Arne Sierens' Tanzspektakel "Allemaal Indiaan" in Basel und einige Bücher, darunter Gerd Koenens "Rotes Jahrzehnt".

In Literatur und Kunst denkt Dag Nikolaus Hasse über arabisch-lateinische Übersetzungsbewegung im mittelalterlichen Spanien nach. Friedrich Pukelsheim hält einen Rückblick auf die Geschichte von Wahlsystemen und ihre vergessenen Gründerväter Nikolaus von Kues, Ramon Llull undCondorcet. Beatrice von Matt beschreibt die Literaturlandschaft Südtirol. Und Paul Jandl unterhält sich mit den Südtiroler Autoren Sabine Gruber,Gerhard Kofler und Oswald Egger über das Leben in zwei Kulturen. Außerdem porträtiert Jefferson Chase die zweite deutsch-jüdische Schriftstellergeneration. Besprochen werden neue Bücher von Yoram Kaniuk, von Peter Rosenthal und Mira Magen (siehe auch unsere Bücherschau morgen ab 11 Uhr).

SZ, 18.08.2001

Sonja Margolina denkt über den Zustand der Demokratie in Russland nach, zehn Jahre nach dem Putsch. Das größte Problem sei, dass das Land "institutionell immer noch in der Sowjetunion verwurzelt bleibt. All die Sowjetinstitutionen, insbesondere diejenigen, die das Gerüst des totalitären Systems bildeten, wurden weder abgewickelt noch reformiert", sie hätten im Gegenteil ihren Einfluss ausgeweitet. "So weit ist es sogar gekommen, dass seit dem Zusammenwachsen von Staat und Kapital es nicht mehr möglich ist zu unterscheiden, ob die quasi-staatlichen Instanzen für den Staat oder für seine korrumpierten Vertreter arbeiten, ob ein Gesetz von der käuflichen Duma verabschiedet wird, weil diese von mächtigen Organisationen bezahlt wird, oder eben nicht, weil es im Interesse von Lobbyisten erfolgreich verhindert wird ... Unter diesen Bedingungen hat man die Demokratie denaturiert zur rein repräsentativen Funktion - hauptsächlich als Potemkinsches Dorf für den Westen."

Rueh. empört sich über die Behauptung des Historikers Henning Köhler, Sebastian Haffner habe sein Buch "Geschichte eines Deutschen" nicht vor, sondern nach dem Krieg verfasst: "Am merkwürdigsten an der Sache ist freilich ein Brief vom November 2000 an die DVA, in dem Wolf Jobst Siedler behauptet, Haffners Erinnerungen seien schon 1941 in englischer Übersetzung erschienen. Siedler führt für seine Behauptung einen Zeugen an, der behauptet, den Band in der Hoover-Bibliothek gesehen zu haben: Henning Köhler."

Weitere Artikel: Wolfgang Schreiber verabschiedet artig Gerhard Mortier als Intendant der Salzburger Festspiele, die er auch in seinem letzten Jahr "zum Angelpunkt internationaler Festival- und Operndiskussion" gemacht habe. Abgedruckt ist eine Erklärung des Kulturministers Julian Nida-Rümelin, wie er "energisch" die deutsche Filmförderung nach dem Vorbild Frankreichs verbessern will. Gerhard Matzig regt sich darüber auf, wie die Familie im Werbefernsehen dargestellt wird. Holi. berichtet, dass acht wütende Galeristen vor Gericht ziehen, weil sie nicht zur Art Cologne eingeladen wurden. Ofux. vermeldet hohen Alkoholkonsum auf der Popkomm. Und Joachim Kaiser führt die Reihe 50 Jahre Minima Moralia fort - es geht um Scheidung.

Besprochen werden die Ausstellung "Hitchcock et l?Art" im Centre Pompidou, die Aufführung von Marc von Hennings "The Invisible College" bei den Salzburger Festspielen, Pierre Boulles Roman "Planet der Affen" und die Ausstellung "Marksteine", mit der gestern das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte eröffnet wurde: Ulrich Raulff fand "die Kunst der historischen Ausstellung neu begründet" und sah "den Willen am Werk, Preußen noch einmal neu sehen zu lernen - ein aus dem Kernland Brandenburg, seiner unruhigen Geschichte, seinem kulturellen Reichtum und seiner heillosen Verarmung heraus entdecktes Preußen."


In der SZ am Wochenende untersucht Volker Wörl die Wirkung der Wirtschaftssprache, die gegenwärtig mit "düsteren Worten" die "Wirklichkeit" verneble. "Die Elite der Ökonomen und die meisten Politiker haben sich längst in eine Hybris hineingesteigert, aus der sie nicht mehr herausfinden, nicht herausfinden wollen. Und sie haben damit die Gesellschaften angesteckt. Sie geben sich nicht mehr zufrieden mit respektablen Zuwachsraten, sie wollen, dass die Zuwächse auch noch ständig zunehmen. Gewinnwarnungen, von denen man jetzt häufig liest, bedeuten ja zumeist nicht, dass ein Unternehmen Verluste macht, zumindest nicht langfristig machen wird. Sie sagen nur: Die Gewinne schrumpfen."

Weitere Artikel: Joanna Skibinska war beim großen Musikertreffen der Roma in dem polnischen Städtchen Gorzow. Oliver Bentz schreibt ein Albumblatt für den Dichter Theodor Däubler. Gerhard Fischer porträtiert die Wiener Journalistin Christa Zöchling von Profil, die sich nicht vor Jörg Haider fürchtet. Und Sigrun Matthiesen liefert eine Reportage über einen Mann namens Boris, der versucht, "auf der Straße ein anständiges Leben zu führen". Auf den Literaturseiten wird unter anderen Norbert Niemanns "Schule der Gewalt" besprochen (siehe auch unsere Bücherschau morgen ab 11 Uhr).

FR, 18.08.2001

Der Schauspieler Josef Bierbichler hat einen Text geschrieben über "Über Kleinbürger und Könige, Christoph Schlingensief und Sebastian Eder, die Macht des Kapitals und die Kunst des Theaters" (so die Überschrift). Wir zitieren den furiosen Beginn: "Ich schlage vor, dass sämtliche Regisseure und Regisseurinnen des deutschsprachigen Theaters, mit Ausnahme von Dreien, deren Namen ich noch rechtzeitig nennen werde, eine Theatertemplersekte gründen, nach dem Vorbild der Sonnentempler, und am letzten Tag des nächsten Berliner Theatertreffens in einer groß ausgerichteten Feier öffentlich den kollektiven Selbstmord begehen - zur Rettung des deutschen Theaters."

Der Schriftsteller Josef Winkler hat sich mit Anton Thuswaldner über den Tod unterhalten, der in seinen Büchern eine große Rolle spielt. Auf die Frage, ob der Tod "ein Stachel, ein ewiger Antrieb, ein Unbehagen" für ihn sei, antwortet Winkler: "Er ist nicht nur Unbehagen, es ist ja ein Genuss dabei. Er ist nicht nur ein Unbehagen, das ich mir vom Leibe schreibe, sondern auch ein Genuss, der mir zu Leibe rücken soll. Aus dieser Spannung heraus versuche ich Bilder zu finden und bin oft selber erstaunt, dass es immer wieder Bilder des Todes sind."

Weitere Artikel:Dierk Strothmann erinnert daran, wie vor sechzig Jahren zum ersten Mal "Lili Marleen" über den Soldatensender Belgrad ging. Christian Thomas meditiert über "Die heilige Familie & 'ran'". Und Roland H. Wiegenstein wirft einen Blick in Kulturzeitschriften.

Besprochen werden Maria Bachmanns Film "Thema Nummer 1", bildende Kunst im Salzburger Festspiel-Sommer und Bücher, darunter Jochen Hörischs Mediengeschichte "Der Sinn und die Sinne" (siehe auch unsere Bücherschau morgen ab 11 Uhr).
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TAZ, 18.08.2001

Nach Jürgen Pauls schnell widerlegter Attacke auf Sebastian Haffners Buch "Geschichte eines Deutschen" hat es auch noch einen Artikel des Berliner Historikers Henning Köhler in der FAZ gegeben (der uns entging, weil er im nicht im Feuilleton stand), der nach Auskunft von Rudolf Walther "das Repertoire an Ressentiments, die deutsche Konservative schon immer gegen Haffner hegten, bündelt". Glaubt man Walther, dann stammen die Passagen über die Novemberrevolution in Haffners Buch für Köhler nicht nur aus der Zeit nach 1939, sondern gleich aus der Zeit der Studentenrevolte.
Weitere Artikel: Jan Brandt porträtiert die Autorin Malin Schwerdtfeger, deren erster Roman gerade erschienen ist. Und Stefanie Richter resümiert ein Budapester Dichterfest, das Költeszeti Fesztival.
Im taz-Mag ist auf einen Artikel von Annette Wagner zu verweisen, die einen Ausflug zu den letzten Jägern und Sammlerinnen in die Dornbuschsteppe Tansanias unternommen hat. Und Thomas Winkler legt eine Reportage über Berufskrankheiten von Musikern und Wege der heilung vor.
Schließlich Tom.

FAZ, 18.08.2001

Richard Kämmerlings ist nach Krakau gereist und schildert die manchmal etwas heikle Arbeit des Goethe-Institutschefs (und Perlentaucher-Autors) Stephan Wackwitz, denn "zumal konservativ denkende Polen (reagieren) äußerst gereizt auf Versuche, aus ausländischer Perspektive in innerpolnische Debatten einzugreifen oder gar in belehrender Manier Erfahrungswerte 'des Westens' zur Geltung zu bringen. Provinzialismus ist das letzte, was man sich vorhalten lassen möchte. Für Wackwitz bedeutet das, organisatorisch die Kooperation mit Krakauer Institutionen zu bevorzugen und eher auf die Förderung ohnehin vorhandener einheimischer Projekte zu setzen, als transportable Kulturerzeugnisse aus deutscher Fertigung zu präsentieren.
Mark Siemons sieht einen neuen Antiamerikanismus aufkommen und und hat folgenden Eindruck: "Unter Clintons Führung erschien Amerika wie eine Verdoppelung Europas, bloß mit Macht. Unter Bush sieht es jetzt wieder wie eine Zone des ganz Anderen, ja Unheimlichen, aus."
Christian Schwägerl erzählt von Nachwirkungen der Bush-Rede zur Bioethik. Der amerikanische Präsident hatte darin behauptet, es gebe bereits Stammzellkulturen unter anderem in Indien. Nun hat man gan Indien auf den Kopf gestellt und keine gefunden. Aber "natürlich ist es schwer, in einem derartig großen Land wie Indien den Überblick zu bewahren." Selbst für den amerikanischen Präsidenten?
Weitere Artikel: Bernhard Malkmus legt einen ganzseitigen Essay über Armenier in Deutschland vor. Tilman Spreckelsen hat sich 25 Jahre nach des Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz auf Spurensuche in seiner sachsen-anhaltinischen Gemeinde Rippicha begeben. Timo John schreibt über den Verkauf des Schlosses von Baden-Baden durch das markgräfliche Haus Baden, das nach der Versteigerung der Inneneinrichtung des Schlosses im Jahr 1995 offensichtlich immer noch Geld braucht. Jordan Mejias fürchtet durch den Verkaufsstop des Bayer-Medikaments Lipobay keine kulturellen Folgen für die USA, denn die Pillen haben sich nicht durch halluzinogene Wirkungen ausgezeichnet. Dieter Bartetzko gratuliert Marianne Koch zum Siebzigsten. Verena Lueken kommt in einer Zeitschriftenschau auf einen Artikel eines gewissen R.B. Myer (den niemand kennt) in Atlantic Monthly zu sprechen, der durch seine Polemik gegen den Literaturbetrieb im ganzen Land von sich reden macht (leider ist der Artikel im Netz nicht zu lesen). Günter Abel schreibt zum Tod des Nietzsche-Forschers Wolfgang Müller-Lauter.
Besprochen werden Marc von Hennings Spektakel "Invisible College" in Salzburg, eine Reihe von Ausstellungen über "Historismus in Nordwestdeutschland", der Film "Mexican" mit Brad Pitt und Julia Roberts, eine Jannis-Kounellis-Ausstellung im Centro per l'Arte Contemporanea in Prato und eine Ausstellung über Archäologie im Elsass-Lothringen zur Zeit der deutschen Herrschaft.

In Bilder und Zeiten legt Ilja Trojanow eine Erzählung vor. Anfang: "Die Zeit vergeht nicht. Wir vergehen." Henning Ritter fordert einen Masterplan für die Neueinrichtung der Sammlungen auf der Berliner Museumsinsel. Ulrike von Hirschhausen schreibt zum 800. Geburtstag der Stadt Riga und Friedrich Kittler zum 300. Geburtstag des Mathematikers Pierre de Fermat. Und Andreas Rossmann hat den ehemaligen Regierungsbunker im Ahrtal besucht.
In der Frankfurter Anthologie stellt Helmuth Nürnberger ein Gedicht von Gottfried Keller vor:
"Die Zeit geht nicht, sie stehet still,
Wir ziehen durch sie hin..."
(Hm, der Gedanke von Trojanow scheint nicht ganz neu zu sein...)