Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.08.2001.

NZZ, 17.08.2001

Andrea Köhler ist traurig über das Ende des Literarischen Quartetts, hält es aber nach den "wüsten Ausfällen Marcel Reich-Ranickis gegen Sigrid Löffler" für unvermeidlich: "Das Quartett lebte nicht allein von der unverwüstlichen Selbstgewissheit seines fröhlichen Zuchtmeisters, sondern auch von der Verlässlichkeit der Rituale; mit der - wie stets von Hellmuth Karasek sekundierten - Überschreitung der eingefahrenen Muster ins Feld der persönlichen Beleidigung hat MRR diese Regeln höchstselbst gesprengt. Das hat dem Image der Sendung vermutlich mehr geschadet als die nicht immer nur amüsanten Autorenhinrichtungen. Abgesehen davon, dass sich die Zuschauerzahlen ohnehin im Sturzflug befanden." Aber auch sie denkt über eine Alternative nach: "Michael Krüger hat für solch ein telegenes 'Literarisches Cafe' Harald Schmidt vorgeschlagen; auch Roger Willemsen wäre in einer Show denkbar, in der er nicht notorisch unter seinem Niveau agieren müsste. Und das möglichst vor Mitternacht."

Frauke Meyer-Gosau hat die Herbstkataloge der Verlage durchgeblättert. Die angekündigten Neuerscheinungen erinnern sie an die Gewichtsprobleme des gemeinen Wohlstandsbürgers: Kaum ein Buch unter 500 Seiten! "Ist es denn vorstellbar, dass die trübseligen Ernährungsgewohnheiten der Menschen am Ende auch auf ihre Bücher durchschlagen, ja: dass sie die Bücher blähen wie die Bäuche?"

Weitere Artikel: Johann Reidemeister berichtet über die soeben abgeschlossene Restaurierung des IG-Farbenhauses von Hans Poelzig. Besprochen werden das Eröffnungskonzert von Heinz Holliger beim Lucerne Festival, Jeff Koons' "hyperfröhlicher Bilderreflexparade" im Kunsthaus Bregenz und die Ausstellung des Basler Münsterschatzes im Historischen Museum Basel.

SZ, 17.08.2001

Rainer Erlinger erklärt uns anlässlich des Skandals um das Bayer-Medikament Lipobay (52 Menschen sollen daran gestorben sein, Bayer hat die Arznei jetzt vom Markt genommen), warum Nebenwirkungen bei Medikamenten nie ausgeschlossen sind, wir Patienten das aber übel nehmen: "Noch belegt der Arztberuf Spitzenplätze in der Ansehensskala der Berufe. Genau diese emotionale Bindung aber macht die Nebenwirkung zum Dolchstoß. Derjenige, der alle seine Hoffnungen in die kleine weiße Tablette gesetzt hat, kommt durch eben sie zu Tode."

Sonja Zekri berichtet von einem Streit über eine Karl-Foerster-Ausstellung in der Berliner Staatsbibliothek Unter den Linden. War der "Gartenphilosoph Karl Foerster" ein Nazi? Ausstellungsmacherin Sonja Dümpelmann hat dies in zwei Zeitungsartikeln behauptet und kritisiert, dass man "heikle Passagen aus ihrem ursprünglichen Konzept gestrichen" habe, schreibt Zekri, die sich selbst nicht zu einer Meinung bekennen will: "Der 'Blumenkönig' war eine schillernde Figur, die sich mit einer Farbe nicht beschreiben lässt. Schon jedes anständige Beet, so seine Grundregel, hat mindestens drei."

Weitere Artikel: Harald Eggebrecht hat Jorma Panulas Dirigier-Kurs beim Schleswig-Holstein-Musik-Festival gelauscht und dabei aufgeschnappt, wie der Meister einem Schüler zuflüsterte: "'Warum schließt du die Augen beim Dirigieren wie Karajan? Weißt du, was er hörte, als er sie öffnete? Die Musiker sprachen über Geld.'"

Weitere Artikel: Claus Koch liefert seine "Noten und Notizen". Holi berichtet über Klassik auf der Popkomm. In der Reihe "Das war die BRD" schreibt Wolfgang Höbel über Das Trimm-Dich-Männchen.

Besprochen werden Johnnie Tos Gangsterfilm "Where A Good Man Goes?, Griegs "Peer Gynt", dirigiert von Manfred Honeck bei den Salzburger Festspielen, das Open-Air-Festival "Bizarre? in Weeze und der Debütroman des "Element of Crime"-Sängers Sven Regener "Herr Lehmann" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 17.08.2001

Ulrich Speck antwortet auf den Vorwurf des Historikers Henning Köhler (erhoben gestern in der FAZ), Sebastian Haffner habe seine "Geschichte eines Deutschen" in den 'letzten Jahren seines Lebens als postumes Werk, als Überarbeitung und Ausweitung des ursprünglichen Textes konzipiert'. Speck findet die Beweislage dafür "dürftig". "Wie Paul bringt nun auch Köhler nicht mehr als Indizien vor, verpackt in einen Generalangriff auf Haffners Sicht von Weimar. Welcher Furor den Berliner Zeithistoriker umtreibt, ist unschwer zu erkennen: der Ärger darüber, dass Haffner 'aus seiner Ablehnung' gegen die Deutschen 'keinen Hehl macht und damit großen Erfolg hat'. Mit dem Nachweis, Haffner habe die Geschichte eines Deutschen erst am Lebensende, also in den neunziger Jahren, in endgültige Form gebracht, will Paul ein Buch erledigen, dessen ganze Richtung - und Wirkung - ihm nicht passt."

Peter Michalzik stellt fest, dass das Literarische Quartett "einen Weg eröffnet (hat), zu Ende beschritten hat es ihn noch nicht." Der Grund: "In den vergangenen Monaten gab eine signifikante Anzahl von Herren, die doch eindeutig der Schriftkultur zuzurechnen sind, unmissverständlich bekannt, dass sie sich in gemeinsame Rederunden begeben werden. Josef Joffe und Michael Naumann, Chefredakteure der Zeit, werden Sonntags bei n-tv parlieren. Der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre will mit einer eigenen Talkrunde auf MTV in den Fernseh-Redering steigen. Und der Philosoph Peter Sloterdijk wird mit Rüdiger Safranski ein Philosophisches Quartett aufziehen." Mal sehen ob die bessere Einschaltquoten kriegen als MRR mit seiner Solo-Show.

Weitere Artikel: Eva Schweitzer interviewt den "Developer" Aby Rosen über das Sanieren berühmter Wolkenkratzer in New York. Franziska Meier erklärt, warum deutsche Kommentatoren so erschüttert waren über die Härte der italienischen Polizei in Genua: Es "entspricht so gar nicht unserm Italien-Bild im Zeichen von Humanität und fröhlicher Anarchie, die in einer höheren, rational nicht begreiflichen und von Ironie durchwobenen Harmonie aufgehoben ist - wie es in einem Lied des bekannten Cantautore und Satirikers Giorgio Gaber heißt." Schließlich fragt Thomas Medicus: "Was macht eigentlich Indien?"

Besprochen werden Gore Verbinskis Film "Mexican" mit Julia Roberts und Brad Pitt und Peter Lichts CD "vierzehn Lieder".
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TAZ, 17.08.2001

Der italienische Verleger Carlo Feltrinelli erklärt im Interview den Titel der Biografie, "Senior Service", die er über seinen Vater Giangiacomo Feltrinelli geschrieben hat: "Den Titel wählte ich, weil er von allem etwas enthält: Secret Service, und dies zugleich ironisiert. Bei einem Buch über den eigenen Vater besteht immer die Gefahr des Pathos. Dann wegen der Zigarettenmarke, an deren Duft ich mich erinnerte, und eben auch wegen dieser wörtlichen Bedeutung als Dienst des Seniors gegenüber dem Junior."

Philip Koep erklärt, warum das Kinogeschäft boomt, in der Branche jedoch "gedrückte Stimmung" herrscht, "einige der großen Firmen geraten sogar in Bedrängnis. Symptomatisch für dieses Paradox ist der Niedergang von drei Galionsfiguren des Medienbooms: Es geht um den Multiplexkönig Hans-Joachim Flebbe und die auf mehreren Medienparketten tanzenden Kölmel-Brüder."

Besprochen werden das schwule Disco-Musical "Closer to Heaven" (hat auch eine eigene Internetseite) von den Pet Shop Boys in London und die CD "Phantom/Ghost" von Dirk von Lowtzow und Thies Mynther.

FAZ, 17.08.2001

Der Forscher Gerd Kempermann, Leiter der Arbeitsgruppe "Neuronale Stammzellen" am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin, erklärt in einem ganzseitigen Artikel, warum die Forschung mit adulten Stammzellen kaum weniger erfolgversprechend ist als die Forschung mit embryonalen Stammzellen. Am Ende stellt er die Forderung auf, dass Stammzellforschung, "da sie die Menschheit so essentiell betrifft, öffentlich sein" sollte. "Öffentlichkeit ist auch die einfachste und beste Form gesellschaftlicher Kontrolle von Wissenschaft." Die deutsche Wissenschaft leide im übrigen "nicht so sehr an 'zuviel Ethik' als zum Beispiel an den seit Jahrzehnten bekannten Strukturmängeln der Forschungslandschaft, vor allem auch im Hinblick auf die klinische Forschung, an einem kleinmütigen Stiftungsrecht und damit dem Fehlen von Ressourcen für ungewöhnliche, riskante Projekte, an starren tariflichen Strukturen und nicht konkurrenzfähiger Bezahlung, an chronischer Unattraktivität für ausländische Forscher, an mangelndem wissenschaftlichem Nachwuchs und noch mehr dessen inkonsequenter Förderung."

Daniel Callahan, amerikanischer Forscher und Bush-Berater, erklärt im Leitartikel, warum er für Abtreibung, aber gegen die Forschung mit embryonalen Stammzellen ist: "Ich bin für das Recht auf Abtreibung, weil ich glaube, daß das Wohl einer Frau durch eine Schwangerschaft zur falschen Zeit unter Umständen so stark bedroht sein kann, daß sie das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch haben sollte. Aber diese Handlung erscheint als in sich abgeschlossen: Der Tod des Embryos oder des Fötus beendet die Angelegenheit. Mit der Nutzung von Embryonen für Forschungszwecke wird dagegen ein anderes Feld betreten, das unbegrenzte Mißbrauchsmöglichkeiten eröffnet."

Marcel Reich-Ranicki bekundet im Interview, dass er ab nächstem Jahr in einer neuen Solo-Sendung Anmerkungen zum Kulturleben machen und dabei vor allem die Kritik aufs Korn nehmen will: "Das ist einer meiner Hauptvorwürfe gegen unsere heutige Kritik, und darüber wird in der Sendereihe die Rede sein: Dass die meisten Kritiker nichts riskieren wollen, nicht einmal dem Siegfried Unseld unangenehm auffallen."

Weitere Artikel: Dieter Bartetzko berichtet über den Streit, den ein geplanter Neubau des Architekten Christop Ingenhoven auf dem Marktplatz in Lübeck auslöst: die Hansestadt könnte den Status als Weltkulturerbe verlieren. Jürg Altwegg berichtet über den drohenden Bankrott des Schweizer Privatfernsehsenders Tele 24. Jordan Mejias schildert Seiji Ozawas Abschiedskonzert ("Salome") als Dirigent beim Tanglewood-Festival. OEva-Maria Lenz gratuliert Fritz Wepper zum Sechzigsten.

Besprochen werden eine Ausstellung, die die Schätze von Schloss Ambras bei Innsbruck präsentiert ("Gold- und Silberschmiedearbeiten, Gemälde, exotische Materialien, Prunkgefäße aus Bergkristall, Arbeiten aus Holz und Elfenbein, kostbare Gewänder, wunderliche Erscheinungen der Natur, Korallen, Fische und vieles andere mehr"), eine Ausstellung über Schriftstellerinnen in München 1860-1960 (darunter Emmy Hennings, Ricarda Huch, Emerenz Meier, Lena Christ, Marie-Luise Fleisser, Oda Schaefer und Regina Ullmann) in der Stadt- und Universitätsbibliothek Bern, eine Ausstellung mit Werken des baskischen Bildhauers Eduardo Chillida im Pariser Palais de Paume,

Auf der Schallplatten- und Phonoseite schwärmt Jürgen Kesting von CDs, die zwei Primadonnen auf der Höhe ihres Könnens vorführen: Karita Mattila und Angela Gheorghiu. Weiter werden besprochen CDs mit Aufnahmen von Eduard Franck und eine Edition mit Aufnahmen des Produzenten George Martin.