Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.08.2001.

NZZ, 20.08.2001

Laute Zweifel an der Bedeutsamkeit der Entschlüsselung des Humangenoms äußert der 96-jährige Pionier der Genforschung Erwin Chargaff im Interview mit Gudrun Bloch: "Ich weiß überhaupt nicht genau, was die 'Lesung' des Genoms zustande bringen will, denn wenn ich das richtig betrachte, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass wir alle, dass jeder Homo sapiens eine eigene, von denen der anderen verschiedene DNA hat, denn wenn die Gene wirklich alles das tun, was man ihnen zuschreibt - das sollte man auch noch mit einem kritischen Auge betrachten -, so ist die Genstruktur eines jeden Menschen doch singulär. Man sagt, Fingerabdrücke sind nie duplizierbar, so ist es auch mit der Genstruktur."

Weitere Artikel: Marianne Zelger-Vogt hat sich die "Fledermaus" und "Ariadne" in Salzburg angesehen und -hört. Markus Zohner besuchte das König-Festival für junges Theater in Nowgorod. Besprochen werden eine Ausstellung über rurales Bauen im Malcantone in Curio und Konzerte unter Ashkenazy und Järvi in Luzern.

SZ, 20.08.2001

Nach der Musik- hat nun auch die Kinoindustrie Angst vor Raubkopien im Netz, berichtet Susan Vahabzadeh. Nun will Disney seine Filme (gegen Geld) selbst ins Netz stellen. "Das Angebot der Studios wird ein erster Schritt sein zur totalen Verfügbarkeit von Kinofilmen im Internet; der Weg dorthin ist aber immer noch ganz schön weit. Es wird etwa eine dreiviertel Stunde dauern, einen Film herunterzuladen, vorausgesetzt man hat einen Computer mit den erforderlichen Kapazitäten. Das Resultat ist allerdings mit einem Video nicht zu vergleichen, geschweige denn mit einem Kinobesuch - so weit ist die Technologie noch nicht."

Fast verzweifelt kommentiert Helmut Schödel die bevorstehende Pleite des Berliner "Theater des Westens": "Berlin hat drei Opernhäuser, aber kein Operettenhaus, und ohne ein klassisches Unterhaltungsrepertoire wird man nicht auskommen. Es lohnt die 20 Millionen Subvention, wenn im 'Theater des Westens' alles das stattfindet, wozu die Geldhaie der Entertainment-Industrie nicht im Stande sind. Die betreiben Showbiz bis ans Ende. Im 'Theater des Westens' müsste es um hauptstädtische Unterhaltungskultur gehen, nicht nur, aber auch um die Klassiker - nicht inszeniert als Fastfood für Bus-Touristen. Das müsste man doch, zum Kuckuck nochmal, begreifen können."

Gottfried Knapp hat sich das neue Nibelungen-Museum in Worms angesehen: "Es besitzt kein einziges Ausstellungsstück, macht aber aus der Not - ja aus 'Der Nibelunge Not' - eine Tugend, stellt das literarische Werk in den Mittelpunkt des musealen Geschehens und liefert mit audiovisuellen Mitteln den nordischen Mythos und die diversen Resonanzwellen, die er in Deutschland ausgelöst hat, als virtuelle Wirklichkeit dazu."

Weitere Artikel: Thomas Kling schreibt zum 100. Geburtstag des italienischen Lyrikers Salvatore Quasimodo. ("Salvatore Quasimodo geht es immer um das Auszudrückende, das Sprachmögliche, das Verwandelbare.") Holger Liebs resümiert die Popkomm. Willi Winkler stellt Russell Lees Zweipersonenstück "Nixon's Nixon" vor, das das Verhältnis zwischen Nixon und Kissinger auf die Schippe nimmt. H.G. Pflaum schreibt zum 50. Geburtstag der Filmbewertungsstelle. Nicole Immler resümiert ein Wittgenstein-Symposion in Kirchberg.

Besprochen werden die "Fledermaus" und "Ariadne" in Salzburg.

FR, 20.08.2001

Das neueste Modewort auf der Popkomm hieß "credibel", berichtet Elke Buhr, "vielleicht auch "kredibel", denn es wird ganz germanisch auf der vorletzten Silbe betont..., es bedeutet immer noch glaubwürdig im Sinne einer auf der Straße erworbenen, für die Anerkennung in der Szene unerlässlichen Authentizität." Man muss sich das etwa so vorstellen: "Da diskutierte eine freundliche Runde etablierter deutscher Rapper das Problem, dass man, sobald das eigene Video zu oft auf Viva rotiert, vom Rest der Szene als Verräter beschimpft wird: als nicht mehr credibel. Sowohl die Schlabberhosenträger auf dem Podium als auch die Schlabberhosenträger im Publikum wirkten, als würde sie das Thema ernsthaft beschäftigen, es roch sehr authentisch nach Gras, und das machte die Veranstaltung auf dieser Messe so einzigartig."

Besprochen werden die "Fledermaus" und "Ariadne" in Salzburg.
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Stichwörter: Authentizität

TAZ, 20.08.2001

Und noch mal Popkomm. Gerrit Bartels und Jenni Zylka liefern Impressionen auf 406 Zeilen. Zum Beispiel diese: "Früher trank man Jägermeister, weil die Tochter gerade geheiratet hatte oder das Auto am Samstag in der Garage wieder so schön glänzte. Heute trinkt man Jägermeister, weil es cool ist und Spaß macht. Deswegen ist Jägermeister auf der Popkomm mit einem Stand vertreten, deswegen kümmert sich Jägermeister nicht nur um sich und sein Image, sondern auch um junge Bands. 'Jägermeister macht Spaß, Musik macht Spaß, da haben wir uns gedacht: Warum sollen wir das nicht zusammenbringen?'" Voll fette Idee!

Besprochen werden ausnahmsweise mal nicht die "Fledermaus" in Salzburg, sondern ein Auftritt  von Manu Chao in Berlin und das philosophische Kolloquium über die Liebe im Schloss Elmau.

Schließlich Tom.
Stichwörter: Berlin, Musik

FAZ, 20.08.2001

Ein Skandal war Hans Neuenfels' und Marc Minkowskis Produktion der "Fledermaus" bei den Salzburger Festspielen. Eleonore Büning erzählt, warum das so war. So tritt der beliebte Gefängniswärter Frosch bereits im ersten Akt auf "und teilt alsdann mit, Arnold Schönberg sei Jude gewesen und wie Johann Strauß ebenfalls ein 'sehr, sehr populärer österreichischer Komponist'. (Wohernach der 'Kaiserwalzer' in Schönbergs Bearbeitung vom Band erklingt). So etwas ironiefrei in der Haltung über die Rampe zu bringen, bis übers Abwinken hinaus, dabei stets den schalkhaften Süß-Mädel-Blick sowie die vorbildliche Max-Reinhardt-Seminar-Betonung wahrend, unerschütterlich handfest und herzig - das könnte kein Mensch und Mortier. Das schafft einzig und allein die Elisabeth Trissenaar."

In einem zweiten Artikel aus Salzburg feiert Julia Spinola Jossi Wielers und Christoph Dohanyis Produktion von Strauss' "Ariadne" als würdigen Abschluss der Ära Mortier. Außerdem erfährt man in einem kurzen Artikel einiges über die Pläne Mortiers für die Ruhrfestspiele 2003 (Messiaens "Franz von Assisi", Zimmermanns "Soldaten" und Mozarts Da Ponte-Opern).

Richard Kämmerlings hat die Popkomm besucht und berichtet über Leid und Elend der Musikindustrie. "Das die Runde machende Gerücht, Globalisierungsgegner wollten den MTV-Stand besetzen, bewahrheitete sich zwar nicht, sagte aber einiges über die Hoffnungen der Szene."

Peter Körte (ehemals FR) kommentiert die gar nicht mal so schlechten jüngsten Zahlen des deutschen Kinos und Julian Nida-Rümelins Ansinnen, den Film doch bitte mehr als ein Kulturgut zu betrachten: "Das verleiht Gewichtigkeit durch neue Begriffe, doch Begriffe ohne Anschauung sind leider nicht erst seit Kant leer. Wo in Deutschland ein Film des Iraners Abbas Kiarostami dreißigtausend Zuschauer erreicht, den allein in Paris hunderttausend Zuschauer sehen wollen, da gähnt zwischen dem Kulturgut und dessen Begriff ein Abgrund."

Weitere Artikel: Rainer Flöhl erklärt, warum sich die Arzneimittelsicherheit kurzfristig nicht verbessern lässt ("Die Renitenz der Ärzte ist seit langem eine der wichtigsten Ursachen für Arzneimittelschäden.") Jürgen Kaube beschreibt die niedersächsischen Pläne zur Hochschulreform. Katja Gelinsky berichtet über das allererste Mal, dass der texanischen Justiz wegen des Todesurteils gegen einen Minderjährigen Bedenken kommen (die Staatsanwaltschaft findet das "enttäuschend"). Und Zhou Derong erzählt von chinesisch-japanischer Vergangenheitspolitik.

Ferner gratuliert Hans-Dieter Seidel Hannelore Hoger zum Sechzigsten. Patrick Bahners gratuliert dem Germanisten Klaus Weimar zum Sechzigsten. Geord Imdahl gratuliert Bernd Becher zum Sechzigsten. Michael Adrian resümiert ein Philosophentreffen auf Schloss Elmau zum Thema Liebe. Andreas Rosenfeslder berichtet, dass Bild und Viva kooperieren wollen. "al" schreibt zum Tod des Film- und Fernsehregisseurs Thomas Fantl. Und Timo John beschreibt die meist kulturelle Umnutzung des Robert-Bosch-Areals in Stuttgart.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Beuys-Dokumenten im Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut, die Filmgroteske "Heinrich der Säger" und ein Auftritt der spanischen Tanzgruppe Increpacion danza inStuttgart.