Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.06.2001.

NZZ, 16.06.2001

Martin Meyer kommt auf einen "merkwürdigen, in der Denkart befremdlichen Essay" des österreichischen Philosophen Rudolf Burger zu sprechen, der in der neuesten Nummer der Europäischen Rundschau erschienen ist. Der Aufsatz unter dem Titel "Die Irrtümer der Gedenkpolitik" will ein "Plädoyer für das Vergessen" sein. Meyer wundert sich: "Was soll man sich darunter vorstellen? - Eben dies; einerseits und ausführlicher eine Abrechnung mit der Kultur der Erinnerung, wie sie als Memoria des Totalitarismus und seiner ungeheuerlichen Verbrechen die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts prägt. Anderseits und kürzer einen Aufruf zur Amnesie und Amnestie: die Menschheit möge endlich davon absehen, solche Vergangenheiten zu bewahren und daraus Geschäfte zu ziehen; was freilich nicht dasselbe ist. Zum Ende erklärt Burger schroff: 'Trauer als echtes Gefühl ist nach einem halben Jahrhundert nicht mehr möglich, ihr Simulakrum eine moralische Ausbeutung der Toten.'"

Joachim Güntner beschreibt die Position der deutschen Verleger im Streit um das Urhebervertragsrecht: "Sie erkennen die Berechtigung der Gesetzesnovelle im Blick auf Film, Funk, Fernsehen und Teile der Presse an. Für ihre eigene Branche aber weisen sie den Vorwurf ausbeuterischer Praktiken zurück."

Weitere Artikel: Thomas Maissen berichtet über eine Zürcher Tagung über moderne Wissensordnungen. Andres Briner schreibt zum 100. Geburtstag des Komponisten Conrad Beck. Besprochen wird eine Ausstellung des japanischen Zen-Malers Tôhaku im Museum Rietberg.

In Literatur und Kunst setzt sich der russische Autor Michail Sachischkin mit dem Hang der Russen auseinander, mittels virtuoser Verschwörungstheorien immer die anderen für ihre Misere verantwortlich zu machen: "'Wer ist schuld?' Diese Frage, die einst Alexander Herzen als Titel für seinen berühmten Roman wählte, hat in der Rangliste der russischen 'ewigen Fragen' sei eh und je an vorderster Stelle gestanden, ja sie nimmt bis heute erfolgreich die Spitzenposition ein."

Ein kleines Dossier wird Flaubert gewidmet: Stefan Zweifel setzt sich vor allem mit der neuen Übersetzung bei Haffmans auseinander. Albert Gier greift aus der selben Ausgabe die "Drei Erzählungen" heraus. Und Edi Zollinger befasst sich mit "Flauberts Kunst, Namen zu geben".

Weitere Artikel: Robert F. Lamberg fordert eine slowakische Vergangenheitsaufarbeitung. Besprochen werden auch einige Bücher, darunter eine Werkausgabe des Zürcher Theologen und Physiognomikers Lavater und Erich Mühsams "Unpolitische Erinnerungen", die neu aufgelegt wurden.

SZ, 16.06.2001

Der Schriftsteller Ilija Trojanow beschreibt in einem sehr informativen Artikel die Situation in Bulgarien kurz vor den Wahlen. Die Koalition "Nationale Bewegung Simeon II", um den ehemaligen Monarchen Simeon II. steht "bei allen Umfragen vor einem Erdrutschsieg", berichtet Trojanow. "Angesichts der allgemeinen Hoffnungslosigkeit sehnen sich die Bulgaren offensichtlich nach einem Erretter, nach einem Deus ex Machina." Die Öffentlichkeit, so Trojanow weiter, besteht unter anderen aus den "zwei auflagenstärksten Tageszeitungen Trud (Arbeit) und 24 Tschasa (24 Stunden), beide im Besitz des deutschen WAZ- Konzerns", die vor allem die Interessen der Nomenklatura verteidigen. "So griffen die Journalisten und Kolumnisten dieser zwei Häuser, die wie der Chefredakteur von Trud, Toscho Toschew, früher mehrheitlich der Staatssicherheit zugearbeitet haben, eine Gesetzesänderung vehement an, die den Zugang zu diesen Akten erleichtern sollte. Das Gesetz sah vor, dass alle Journalisten auf ihre 'Stasie'- Vergangenheit überprüft werden sollten. Zudem werden in diesen Machwerken die Opfer der kommunistischen Verfolgung regelmäßig verhöhnt. Wenig erstaunlich, dass man in Bulgarien immer wieder die Frage vernimmt, wieso ein deutsches Verlagshaus eine solche Redaktionspolitik zulasse, eine Frage, die man nur direkt weiterreichen kann."

Reinhard J. Brembeck berichtet, dass Eva Wagner-Pasquier auf die Bayreuth-Nachfolge verzichtet, da Wolfgang Wagner nicht die geringsten Anstalten macht, freiwillig sein Amt aufzugeben. In einem Kommentar bezeichnet Brembeck Wagner-Pasquiers Entscheidung allerdings auch als eine Chance für Bayreuth: "Denn nun kann der für die Bayreuth-Nachfolge zuständige Stiftungsrat unabhängig von möglichen Kandidaten über dringend notwendige Strukturreformen in Bayreuth nachdenken und ein Intendantenmodell jenseits des derzeit noch gängigen patriarchalischen Gebarens entwickeln."

Weitere Artikel: Petra Steinberger weiß, nach welchen "vertrauten Stereotypen" die Beziehungskiste Europa - USA funktioniert: Die USA sind der "Macho-Mann", Europa dagegen ist die Frau, "die das Leben und die Welt zu einem besseren, schöneren Ort machen" soll. Jakob Augstein hat meint, dass die Reaktionen auf Klaus Wowereits Outing "nicht ganz aufrichtig" waren. Fritz Göttler schreibt zum Tod des französischen Kameramanns Henri Alekan, Werner Burkhardt gratuliert dem Jazz-Klarinettist Tony Scott zum Achtzigsten, Dorothee Müller hat die Künstlerin Alicia Framis besucht, und Arno Orzessek beschreibt die Verleihung des Nationalpreises 2001 an Joseph Rovan und Tadeusz Mazowiecki.

Besprochen werden die Uraufführung von Alexej Schipenkos "Dreiundreißigstes Kapitel..." in Bochum, und ein Band mit Deutschlandbildern des Fotografen Tony Vaccaro aus den Jahren 1944 - 1949 (siehe auch unsere Bücherschau morgen ab 11 Uhr).


In der SZ am Wochenende denken Richard Chaim Schneider und Gert Heidenreich über das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden nach. Für Schneider zeigt "die Unsicherheit, die jeden erfasst, wenn es darum geht, das Begriffspaar 'Deutsche'/'Juden' irgendwie sprachlich in den Griff zu bekommen ... dass unsere Anwesenheit in diesem Land noch lange nicht selbstverständlich ist." Für Heidenreich lautet die "Kernfrage" nicht, "wann Juden sich hier heimisch fühlen können, sondern wann alle nichtjüdischen Deutschen endlich zweifellos wissen, dass jüdisches Leben in Deutschland ein integraler Bestandteil und eine Voraussetzung jenes Summenklangs aus Erinnerungen ist, den wir alle Heimat nennen. Solange nicht allgemein empfunden wird, dass der Holocaust zugleich ein wütender Suizid der deutschen Zivilisation war, werden wir uns falsch an ihn erinnern."

Weitere Artikel: Helmut Klemm meditiert über den Sinn des Zitierens in wissenschaftlichen Publikationen, Gerhard Beckmann schreibt über die Prosagedichte Jacques Redas, Ernst Burger erinnert an den Jazzpianisten Erroll Garner, Rainer Rottke erzählt eine "fast wahre Geschichte" über einen Skandal in Silikon Valley, Thomas Urban beschreibt, wie die osteuropäischen Länder - "Bastion des hochprozentigen Klaren" - jetzt vom Bier erobert werden, und Peter Brandhorst liefert eine Reportage vom Hamburger Hauptbahnhof als einem "Mikrokosmos der Warenwelt".

Im Literaturteil werden u.a. Jorge Sempruns Roman "Die Ohnmacht" und eine Geschichte der Parasiten besprochen (siehe auch unsere Bücherschau morgen ab 11 Uhr).

FR, 16.06.2001

Eva Schweitzer berichtet über das "Duell" zwischen Henry Kissinger und dem britischen Journalisten Christopher Hitchen. Hitchen klagt in seinem Buch "The Trial of Henry Kissinger", das in großen Teilen in der aktuellen Lettre abgedruckt ist, als ehemaliger Außenminister der USA Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben. "Eigentlich glaubt auch Hitchens an das Gute in Amerika. Er will die Ehre Amerikas wiederherstellen, er will, dass Kissinger in New York oder Washington vor Gericht gestellt wird. 'Sonst muss Amerika aufhören, von anderen Staaten zu verlangen, dass sie sich ihren Verbrechen stellen,' sagt der Journalist, und es irritiert ihn, dass seine Zuhörer (bei einer Lesung) bei Barnes & Noble meinen, das werde niemals geschehen." Kissinger dagegen wirke in diesem Streit "seltsam unbeteiligt", schreibt Schweitzer. Eine ausgezeichnete Zusammenstellung aller Artikel über diese Debatte findet sich hier.

Die FR druckt eine Text von Karl Heinz Bohrer, der vermutlich seine Antrittsvorlesung in Heidelberg war (zumindest im Internet wird das nicht erklärt). Bohrer konstatiert eine Erinnerungslosigkeit der deutschen Gesellschaft: "Die Nichtexistenz eines Verhältnisses zur geschichtlichen Ferne, das heißt zur deutschen Geschichte jenseits des Bezugsereignisses Nationalsozialismus, das wird sofort evident, ist nicht das Resultat eines Willensaktes, der heute oder morgen revidierbar wäre, sondern ist eine Art mentales Apriori, eine zweite Haut bundesrepublikanischen Bewusstseins: Es handelt sich eben nicht um eine Geschichtsvergessenheit, die man auf Einklage hin revidieren könnte, sondern um eine Erinnerungslosigkeit, die auf dem vollkommenen Verschwundensein von Vorstellungen, die kollektive Vergangenheit der Nation betreffend, beruht. Diese Lage wird verdeckt durch die 'memoria'-Rede, die zu einem Kitsch-Ritual der akademischen Intelligenz zu pervertieren droht."

Weitere Artikel: In einem Gespräch erklärt uns Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin, wie wir den Humanismus erneuern können, und Stephan Hilpold berichtet über das "spartenübergreifende" Wiener Festival "du bist die welt".

Besprochen werden Wiebke Puls' Regiedebüt "Messe" am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, Alexej Schipenkos "Dreiundreißigstes Kapitel..." in Bochum und Bücher, darunter Andrei Makines "Russisches Requiem" (siehe auch unsere Bücherschau morgen ab 11 Uhr).
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TAZ, 16.06.2001

Im Interview mit Daniel Bax spricht Maxim Biller über sein "Deutschbuch", das sich polemisch mit Deutschland auseinandersetzt. Biller sagt: "Als ich mit zehn Jahren nach Deutschland kam, war ich überzeugt davon, dass alle Menschen von Natur aus gleich sind. Doch in der Schule habe ich sehr schnell begriffen, dass ich für meine Mitschüler anders war - ein Ausländer eben. Und je länger ich hier bin, desto mehr wird mir bewusst, dass ich für die anderen ein Fremder bin. Meine Reaktion ist: Wenn ihr mich mit diesen Augen betrachtet, mache ich das auch mit euch. Das 'Deutschbuch' ist die Quittung dafür. Im Grunde ist es nichts anderes als eine sehr polemische Art, Ethnologie in Deutschland zu betreiben."

Weitere Artikel: Andreas Merkel schreibt zur Eröffnung des Literaturfestivals in Berlin durch Charles Simic und Nadine Gordimer, und Falko Hennig eröffnet ein Tagebuch zum Festival. Dorothee Wenner bespricht eine Zürcher Ausstellung mit Fotografien von Jacqueline Hassink, die die Arbeits- und Wohnzimmer von weiblichen Unternehmensvorständen fotografiert hat. Tobias Rapp bespricht Freejazz-Aufnahmen mit Klaus Theweleit (jawohl, der philosophischen Schwadroniermaschine). Besprochen wird außerdem Alexej Schipenkos Stück "Dreiunddreißigsten Kapitel".

Das taz-Mag präsentiert aus Anlass des Christopher-Street-Day ein Dossier über Schwulsein heute.

Schließlich Tom.

FAZ, 16.06.2001

Heute morgen stand leider noch die Ausgabe von gestern im Netz. Wir können also keine Links setzen. Vielleicht sollte man später noch mal nachsehen.

Christian Schwägerl hat ermittelt, dass der Bonner Stammzellforscher Oliver Brüstle bereits 1998 ein umfassendes Patent auf die Züchtung von Nervenzellen aus Embryonen angemeldet hat: "Es ist redlich und normal, dass Froscher sich die Früchte ihrer Arbeit patentieren lassen... Doch Brüstles Patent geht darüber weit hinaus. Es steckt einen Claim auf den gesamten Sektor der Gewinnung embryonaler Stammzellen und ihrer Zucht zu Nervenzellen ab, von der Zellkultur bis ins Patientenhirn, von der Maus bis zum Menschen, von der Zucht bie zum therapeutischen Klonen." Es sei der Euphorie von 1998 geschuldet, sagt Brüstle auf Anfrage. Das Patentamt hat noch nicht geprüft. Einsehen kann man das Patent auf der Adresses des Amtes unter der Nummer EP 1040185.

Mark Siemons denkt über die PDS nach: "Mag sich die PDS symbolisch auch zur schärfsten Opposition zum 'neoliberalen' bundesrepublikanischen Mainstream stilisieren, ist ihre reale Funktion bisher doch vor allem die einer großen bundesrepublikanischen Integrationsmaschine."

Joseph Hanimann befasst sich mit dem Islam in Europa. "Die Institutionsfremdheit des Islam auch in Europa stellt bei aller koordinierenden Wirkung etwa des Zentralrats der Muslime in Deutschland die eigentliche Herausforderung für den modernen Staat dar und ist viel wichtiger als das, was manchmal als Gefahr des islamischen Fundamentalismus heraufbeschworen wird."

Weitere Artikel: Fredy Litten stellt ein fast unbekanntes Porträt der Mitglieder der Weißen Rose von Colombo Max von 1944 vor ? seltsamerweise werden sie da im Stil der nationalsozialistischen Kunst idealisiert. Bettina Erche denkt über die Autonomie der deutschen Hochschulen nach, die ihrer Meinung nach nur auf dem Papier von Festrednern steht. Erwin Seitz schreibt über das "Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände" in Nürnberg. Joseph Croitoru blickt in osteuropäische Zeitschriften. Wolfgang Wiegand schreibt zum Tod des französischen Kamermanns Henri Alekan. Matthias Rüb gratuliert dem ungarischen Autor Istvan Eörsi zum Siebzigsten. Bei Joachim Willeitner erfahren wir dass der Hibis-Tempel in der Libyschen Wüste versetzt werden muss. Nach Christiane Stachau fragt man sich in Magdeburg, was man mit Überbleibseln von im Krieg oder durch die Sozialisten zerstörter Kirchenreste und Skulpturen machen soll. Und Richard Kämmerlings gratuliert Richard Brinkmann zum Achtzigsten.

Besprochen werden die Händelfestspiele in Halle, Shakespeares "Cymbeline" in Bonn, eine posthume Uraufführung einer Oper des Komponisten Walter Braunfels in Regensburg und die Ausstellung "Von Raffael bis Monet" im Louvre.


In Bilder und Zeiten erklärt Jean-Christophe Ammann, "warum die Malerei wieder wichtig werden wird: Sie verteidigt das Körpergedächtnis des Menschen gegen die globale Mediatisierung." Kurt Flasch schreibt zum 600. Geburtstag des Nikolaus Cusanus. Manfred Hettling denkt über den 17. Juni als deutschen Nationalfeiertag nach. Wolfgang Rathert besucht die deutsch-amerikanische Pianistin Grete Sultan. Und Michael Jeismann bespricht eine Ausstellung in Münster über das Selbstbild der Polizei in Geschichte und Gegenwart. In der Frankfurter Anthologie stellt Joachim Sartorius ein Gedicht von Heiner Müller vor.