Magazinrundschau

Keine Weltschöpfung ohne Spiel

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
24.02.2026. Der New Yorker beobachtet im letzten Tiefland-Urwald in Europa die wahre Flüchtlingskrise. New Lines versteht an der ukrainischen Front den Wert von Fliegenpilzen. Der französische Historiker Georges Bensoussan spricht in Le Point über seine monumentale Geschichte des Zionismus. Der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó erklärt in HVG, warum er heute in Amerika dreht. Harper's blickt auf die AI-infizierte Tech-Szene der Gegenwart. Tikvah Ideas analysiert den linken jüdischen Antizionismus in Amerika.

New Yorker (USA), 02.03.2026

Der Bialowieza-Nationalpark in Polen ist der letzte Tiefland-Urwald in Europa, seit vier Jahren wird hier an der Grenze zu Belarus eine aufwendige Grenzmauer errichtet, die die Region zu einem Krisenherd von Migrationsbewegungen macht, wie Elizabeth Flock für den New Yorker berichtet. Polen hat das Asylrecht ausgesetzt, mit schwerwiegenden Folgen, auch für die humanitäre Hilfe, deren Vertreter Flock in der Waldregion begleitet: "Als wir zum Auto zurückgingen, sprintete vor uns ein junger Mann mit dunklem, lockigen Haar in die Büsche. Es war erschütternd. Hier, mitten im Bialowieza-Nationalpark - einem Urwald, einem Touristenziel, ein Ort, an dem polnische Dörfler Pilze sammeln, um sie in Butter und Salz zu braten - ist ein Mann auf der Flucht vor der Grenzpatrouille. Ein Einwohner hatte das Dorf Bialowieza mit Twin Peaks verglichen, weil nichts hier Sinn mache. 'Bitte nicht die Polizei rufen', flüsterte der Mann auf Englisch, die Hände erhoben, als wir uns ihm näherten. Er kam aus Afghanistan, aber er war nicht derjenige, der die Helpline angerufen hatte. Seine Sneaker fielen auseinander, aber er war warm angezogen und trug einen einzelnen, zerrissenen Handschuh. Er sagte, er sei auf der Suche nach dem Auto seines Schmugglers. (…) Niemand weiß, wie viele Migranten in Belarus gefangen sind. Die Organisation Hope & Humanity Poland schätzt, dass es sich um Tausende handelt. Helfer sagen, seit dem Bau der Mauer findet die wahre Krise außer Sichtweite statt." Die Migrationskrise und der Krieg in der Ukraine sind eng miteinander verbunden, vermutet der belarusische Oppositionspolitiker Franak Viacorka. "Er ist einer von vielen Leuten, die glauben, dass Russland in Kollaboration mit Belarus diese Krise orchestriert hat. Die Situation, sagte er, ist 'sehr vorteilhaft für Russland, weil die EU, statt die Ukraine zu unterstützen, Geld für den Grenzschutz ausgibt.' Die polnische Grenzmauer allein kostet hunderte Millionen Dollar. Und, fügte er hinzu, die Krise hat Russland geholfen, die EU zu diskreditieren und sie für die unmenschlich aussehen zu lassen, die vor Gewalt fliehen."

Weiteres: Rachel Aviv berichtet über den Gisèle Pelicot. Tad Friend stellt den Demokraten James Talarico vor, der hofft, die nächsten Wahlen in Texas zu gewinnen. Ian Buruma überlegt, warum Fußballspiele heute oft mit soviel Gewalt und Chauvinismus einhergehen. Anahid Nersessian liest eine neue Biografie über den "Perlentaucher" Walter Benjamin. Und Zachary Fine porträtiert den jung verstorbenen Künstler Noah Davis.
Archiv: New Yorker
Stichwörter: Migration, Migrationskrise, Polen

Elet es Irodalom (Ungarn), 20.02.2026

Die Dichterin Zsófia Ráday (27) erklärt im Interview mit Anna Hegedüs, warum ihrer Ansicht nach Gedichte nicht ohne Spiel entstehen können: "Diese zwei (das Spiel und das Schöpfen) wirken zusammen, sowohl in meinem Band als auch in meiner Sichtweise auf die Welt und auf Texte im Allgemeinen. Wer ohne Spiel Welten erschafft, ist ein Ingenieur und kein Dichter. Und selbst das stimmt nicht ganz, denn auch in der Arbeit eines Ingenieurs steckt Spiel. Es gibt also keine Weltschöpfung ohne Spiel. (…) Ich kann mich sprachlich sehr in die Details eines bestimmten Themenkomplexes vertiefen, dabei interessieren mich auch Fachbegriffe, Gruppensprachen und Sprachgemeinschaften. Aber oft habe ich das Gefühl, dass der gängige Wortschatz zu einem bestimmten Thema unzureichend ist. Dass bestimmte Wörter einen Teil der Wahrheit, der tatsächlichen Erfahrungen, verdecken. Deshalb muss ich meine Beziehung zur Sprache überdenken, um hinter die als regelkonform geltenden Dinge zu blicken. Dazu sind manchmal auch völlig neue Wörter notwendig, die ich wenn nötig erfinde. Und freilich ist auch darin ein Spiel enthalten. Ich liebe es, menschliche Kreativität zu sehen und zu erleben, die in eine Richtung weist, die das Bestehende übertrifft oder zumindest aus den Angeln hebt, und das ist oft auch mein Ziel. Die Sprache hat ihr eigenes Leben, das ich auch als Korrektorin und Redakteurin sehe. Und sie hat auch eine etwas magische, unbewusste, wenn man so will, automatische Funktionsweise. Damit spiele ich auch manchmal, lasse die Sprache von selbst funktionieren, und dann folgt das bewusste Redigieren."

New Lines Magazine (USA), 23.02.2026

Diana Kruzman erzählt, wie der Amanita muscaria, auch bekannt als Fliegenpilz, in einer vom Krieg erschütterten Ukraine zu einem immer beliebteren Antidepressivum wird: "In den letzten drei Jahren ist die Nachfrage nach Fliegenpilzen, die jeden Herbst an bewaldeten Berghängen gesammelt und als pflanzliches Nahrungsergänzungsmittel verkauft werden, sprunghaft angestiegen. Statt große Mengen zu konsumieren, bevorzugen viele die Mikrodosierung, bei der kleine Mengen des Pilzes eingenommen werden, die keine unangenehmen Nebenwirkungen wie Halluzinationen und starkes Schwitzen auslösen. Der Fliegenpilz hat sogar aktive Soldaten an der Front erreicht. 'Das ganze Land braucht Psychotherapie', sagte Tatiana Boichuk, eine Pilzsammlerin, die in den letzten zwei Jahren Tausende von Menschen in der Ukraine mit Fliegenpilzen versorgt hat." Die Verwendung ist umstritten, da der Pilz, zu hoch dosiert, giftig ist und zu Psychosen, mitunter sogar zum Tod führen kann. Trotz allem wird der Pilz in der Ukraine zur "bevorzugten Methode, Kriegstraumata zu bewältigen - in einer Gesellschaft, in der es, wie in vielen anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion, immer noch ein Tabu ist, Depressionen oder Angstzustände öffentlich zuzugeben." Neu ist diese "Medizin" aber nicht: "In der Ukraine und anderen Teilen der ehemaligen Sowjetunion ist der Fliegenpilz als 'Mukhomor' ('Fliegentöter') bekannt, was seinen englischen Namen 'Fly Agaric' erklärt. Trotz seiner Giftigkeit für Insekten wird der Fliegenpilz seit Jahrtausenden von Menschen als Heilmittel, Rauschmittel und rituelles Hilfsmittel konsumiert. Russische Archäologen haben im Fernen Osten Sibiriens Felszeichnungen mit Darstellungen des Fliegenpilzes gefunden."

Phineas Rueckert besucht den ehemaligen kommunistischen Bürgermeister von Recoleta, einer Gemeinde in Chile, der wegen Korruption, Betrug und Veruntreuung öffentlicher Gelder angeklagt ist. Bekannt wurde Daniel Jadue mit seinem Konzept der "Volksapotheke", die Medikamente zu günstigeren Preisen verkaufen wollte. 2016 gründete er "die Chilenische Vereinigung der Volksapotheken" (ACHIFARP): "Die Strafanzeige wurde 2022 von Best Quality SpA, einem chilenischen Anbieter medizinischer Ausrüstung, erstattet", der Prozess läuft inzwischen, die Staatsanwaltschaft hat eine 18-jährige Haftstrafe gefordert. Jadue weist die Vorwürfe zurück, erklärt Rückert, und stellt sie als Teil einer politischen Verschwörung der Mächtigen dar. Die juristische Lage ist komplex, meint Rueckert, neuste Erkenntnisse könnten Jadue aber tatsächlich entlasten. Doch eine besonders differenzierte Sicht auf die Welt können sich die Chilenen, falls er irgendwann doch noch einmal kandidieren sollte, nicht erhoffen: "Er sieht die Welt in Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Richtig und Falsch. Das ist Teil seiner Herkunftsgeschichte. 'Ich wurde am 28. Juni 1967 geboren, dem Tag, an dem die Zionisten nach dem Krieg Jerusalem annektierten', erzählte mir Jadue. 'Ich kam also in einem Kontext großer Unruhen zur Welt und wusste sofort, auf welcher Seite der Welt ich stand: auf der Seite derer, die nicht zu den Herrschern gehören.'"

Le Point (Frankreich), 20.02.2026

Der bekannte französische Historiker Georges Bensoussan legt eine monumentale, über tausendseitige Geschichte des Zionismus vor. Peggy Sastre und Valérie Toranian führen ein sehr ausführliches und faszinierendes Gespräch mit ihm. Schon vor Herzls Zionismus und der Dreyfus-Affäre gab es die "Alija", erfährt man hier, also eine Rückkehr von Juden nach Israel, besonders aus Jemen und aus Rumänien und Russland. Die Idee des Zionismus, so Bensoussan, entstand parallel zu anderen Projekten nationaler Identitätsfindung, gerade in Osteuropa. "Für die Begründer des Zionismus war der jüdische Staat nicht in erster Linie eine Zuflucht, sondern er bot die Möglichkeit, seine Identität als Nation voll und ganz zu leben - in einer Sprache, einer Kultur, einer wiedererlangten Souveränität. Erst mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus und der anschließenden Shoah gewann die Dimension des Zufluchtsortes an Bedeutung." Den Zionismus schildert Bensoussan als eine Siedlungsbewegung, aber nicht als Kolonialismus - denn hinter Kolonialismus stehen ein Ursprungsstaat und eine Armee. Zugleich sieht er den Zionismus im Kantschen Sinne als eine Dekolonisierung, wörtlich als "Ausgang aus der Unmündigkeit" ("une sortie de minorité" - "minorité" heißt im Französischen sowohl Unmündigkeit als auch Minderheit). Diese Selbstermächtigung ist es , die "die psychische Ökonomie der arabisch-muslimischen Welt und in geringerem Maße auch die der westlichen Welt gefährdet. In verkrusteten Herrschaftsverhältnissen schwächt die plötzliche Befreiung eines Einzelnen das gesamte Gebäude. Israel ist der Name einer abgeworfenen Knechtschaft, und genau dieses Undenkbare muss beseitigt werden." Bensoussan schildert übrigens anfangs durchaus kooperative Verhältnisse mit den Arabern - das änderte sich, als die Briten einen Abkömmling des Husseini-Clans, der für seinen Antisemitismus berüchtigt war, zum Mufti von Jerusalem machten. Und er betont, dass sowohl die Nazis als auch die Kommunisten von Anfang an Antizionisten waren.
Archiv: Le Point
Stichwörter: Zionismus

Aktualne (Tschechien), 19.02.2026

In einem offenen Brief haben über 700 slowakische Kulturschaffende, darunter Schauspieler und Regisseure, ihre Besorgnis über die Entwicklung der Kulturpolitik in der Tschechischen Republik geäußert, wie Aktuálně berichtet. Unter dem neuen tschechischen Kulturminister Oto Klempíř von der Motoristen-Partei [der laut eigenem Eingeständnis in den Achtzigerjahren StB-Informant war] drohe Tschechien dem slowakischen Weg zu folgen. Beide Kulturresorts "werden von Parteien mit rechtsextremer Rhetorik geführt", so die Verfasser des Briefs. Klempíř habe nach einem Treffen mit seiner slowakischen Amtskollegin Martina Šimkovičová (von der Slowakischen Nationalpartei) im Januar bestätigt, dass er bereit sei, sich von slowakischen "Managementmethoden" inspirieren zu lassen. Er habe mit ihr auch über die bevorstehende Reform der Finanzierung öffentlich-rechtlicher Medien in Tschechien besprochen. "In den vergangenen zwei Jahren hat die slowakische Kulturwelt eine Unterjochung der öffentlich-rechtlichen Medien unter die politische Macht erlebt, die Auflösung von Förderstrukturen für Kunst und Kultur, die Zerstörung von Institutionen, eine Verschärfung der schwierigen soziale Lage auf diesem Gebiet sowie offene Angriffe auf Einzelpersonen und ganze Gruppen", warnen die Verfasser des offenen Briefs.
Archiv: Aktualne
Stichwörter: Tschechien

Tikvah Ideas (USA), 02.02.2026

Harvey Klehr erzählt die quälende Geschichte des linken jüdischen Antizionismus in Amerika - der bis heute sehr quicklebendig ist. 30 Prozent der New Yorker Juden stimmten für den BDS-Anhänger Zohran Mamdani. So wie sich der Antisemitismus seit den utopischen Sozialisten und Karl Marx als zentrales Element der kommunistischen Ideologie durch die Geschichte zog, ist die Geschichte der radikalen Linken in Amerika fast deckungsgleich mit einer Geschichte jüdischen Antizionismus - vor der Entstehung Israels und danach. Und wie gesagt: Die Strömung ist sehr lebendig, ihre Protagonisten wie Judith Butler beziehen sich auf historische Vorbilder wie beispielsweise die "Diasporisten", die wie die linke Bewegung des "Bundes" ein jüdische identität in nichtjüdischen Heimatländern verwirklichen wollten. Es gibt allerdings einen wesentlichen Unterschied zwischen den Bundisten um 1900 und heute, betont Klehr: "Bundisten der Jahrhundertwende verurteilten ihre zionistischen Brüder als fehlgeleitet, utopisch oder fühllos gegenüber der Arbeiterklasse, aber nicht als böse. Sie haben auch niemals Gewalt gegen zionistische Pioniere befürwortet oder gerechtfertigt. Das kann man von den jüdischen Antizionisten heute nicht behaupten. Dass einige amerikanische Juden nun versuchen, den einzigen jüdischen Staat der Welt zu zerstören, um einen chimärenhaften sozialistischen Universalismus oder die Gunst bekennender Antisemiten zu erlangen, ist vor allem ein schrecklicher Verrat an einem der zentralen Grundsätze des Judentums, den Juden eigentlich unabhängig von ihrer religiösen Überzeugung unterstützen: 'Ahavat Yisrael', die Liebe zu ihren jüdischen Mitmenschen. Heute haben wir keine Entschuldigung mehr für unsere Unwissenheit."
Archiv: Tikvah Ideas
Stichwörter: Zionismus, Antizionismus

HVG (Ungarn), 19.02.2026

Der letzte Film des Regisseurs Kornél Mundruczó, "At the Sea" mit Amy Adams in der Hauptrolle, lief im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale. Bálint Kovács spricht mit dem in Berlin lebenden Mundruczó u.a. über die allgemeine Situation in Ungarn sowie über die Möglichkeit, in den USA Filme drehen zu können. "Die kulturelle Entscheidungsfindung in Ungarn ist seit langem eindimensional. Ich verstehe, dass dies auf dem Papier demokratisch entstanden ist, und ich verstehe auch, dass dabei alle Seiten Verantwortung trugen. Die anzuerkennen ist wichtig. Aber inzwischen ist die Politik verkorkst und das öffentliche Leben giftig. Ein Neuanfang ist notwendig. Wir können nicht länger warten. Wir müssen mit der Heilung beginnen. Ein Land kann nicht von einem einzigen Gedanken, einem einzigen politischen Bedürfnis beherrscht werden, denn das führt niemals zu Gutem. Genauso wenig wie das Verschwinden von fachlicher Entscheidungsfindung, von Vertrauen und Vernunft. (…) Ich bin sehr froh, dass ich in den USA meine eigenen Drehbücher verwirklichen konnte, was eine Seltenheit ist; aber das hat auch dazu geführt, dass ich nicht für die großen Studios arbeite und nicht gebeten werde, Drehbücher anderer zu verfilmen. Das ist eine andere Art von Arbeit, für die ich - angesichts meiner geringen Flexibilität - wahrscheinlich auch nicht geeignet bin. Meine Filme haben ein sehr geringes Budget, und ich bin allen Schauspielern dankbar, die sich auf dieses Abenteuer einlassen - einschließlich Amy Adams, für die das ein Abenteuer ist, genau wie für mich. Ich mache englischsprachige Filme, weil ich keine ungarischsprachigen Filme machen kann. So dumm es auch klingen mag, ich würde mich über ein gesünderes Gleichgewicht freuen. Ich vermisse es sehr, in Ungarn zu drehen, ich vermisse ungarische Filme sehr."
Archiv: HVG

Harper's Magazine (USA), 24.03.2026

Ein wahres Gruselkabinett: Sam Kriss schaut sich in der AI-infizierten Tech-Szene der Gegenwart um und porträtiert eine Reihe von Gestalten, die in dieser Welt auf die eine oder andere Art erfolgreich sind - oft nicht so sehr aufgrund herausragender Kenntnisse oder Fähigkeiten, sondern wegen einer Eigenschaft, die derzeit das A und O der Branche ist: Handlungmacht. Kriss fasst das Ethos der schönen neuen Welt folgendermaßen zusammen: "Individuelle Intelligenz wird nichts mehr bedeuten, sobald wir übermenschliche KI haben. Dann wird der Unterschied zwischen einem obszön talentierten Giga-Nerd und einem gewöhnlichen, Sixpack-trinkenden Trottel ungefähr so bedeutsam sein wie der Unterschied zwischen zwei beliebigen Ameisen. Wenn das, was du tust, irgendetwas mit der menschlichen Fähigkeit zu Vernunft, Reflexion, Einsicht, Kreativität oder Denken zu tun hat, wirst du nur noch Fleisch für die Coltanminen sein. Die Zukunft wird Menschen gehören, die eine ganz bestimmte Kombination aus Persönlichkeitsmerkmalen und psychosexuellen Neurosen besitzen. Eine KI mag schneller programmieren können als du, aber es gibt einen Vorteil, den Menschen noch haben. Er heißt Handlungsmacht - oder: besonders agentisch sein. Hoch agentische Menschen sind solche, die einfach handeln. Sie warten nicht schüchtern auf Erlaubnis oder Konsens; sie walzen wie Bulldozer alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellt. Wenn sie etwas sehen, das sich in der Welt verändern ließe, schreiben sie keine lange Kritik - sie verändern es. KIs sind nicht in der Lage, auf jene unangenehmen Kindheitserfahrungen zuzugreifen, die einem diesen Hunger verleihen. Handlungsmacht ist heute die wertvollste Ressource im Silicon Valley. In Tech-Vorstellungsgesprächen werden Bewerber häufig gefragt, ob sie 'mimetisch' oder 'agentisch' seien. Du willst nicht 'mimetisch' sagen. Einst zog San Francisco Ausreißer, Künstler und Freaks an; heute ist es ein gewaltiger Magnet für hoch agentische junge Männer."

Einen - zumindest auf den ersten Blick - ganz anderen Plan verfolgen die Tech-Industriellen, denen sich Maddy Crowell widmet. Crowell besucht die Industriemesse Reindustrialize 2.0, deren Organisatoren eine Revitalisierung der amerikanischen Wirtschaft das Wort reden - allerdings geht es ihnen nicht darum, klassische Blue-Collar-Jobs ins Land zurück zu holen: "Die Tech-Industriellen haben einen anderen Plan, um Amerika zu retten. Ihrer Ansicht nach brauchen wir eine fortschrittliche Fertigungsindustrie. Viel zu lange, so sagen sie, hätten Tech-Ingenieure mit immateriellen Dingen herumgespielt: Software, Blockchain, Krypto, KI. Währenddessen produziert China, die größte Industriemacht der Welt, rund fünfundachtzigtausend Autos pro Tag; die Vereinigten Staaten schaffen kaum ein Drittel dieser Zahl. Das Silicon Valley quillt über von Start-ups, doch zu wenige ihrer Produkte sind greifbar und konkret. Die Tech-Industriellen glauben, dass Amerika moderne Rechenkapazitäten auf die industrielle Produktion anwenden muss. Ihrer Meinung nach ist die Technologie zu weit in den unsichtbaren Bereich der Bits oder in die digitale Cloud abgedriftet. Sie haben genug vom Küsten-Ethos 'Tech um des Tech willen'. Und sie haben einige sehr einflussreiche Unterstützer in den neu verbündeten Welten von Tech und amerikanischer Politik gewonnen, darunter den Vizepräsidenten und den Verteidigungsminister. 'Der Westen hielt einst sein eigenes Schicksal fest in der Hand', heißt es im Leitbild der New Industrial Corporation. 'Wir alle spüren es. Ein Superzyklus kommt ächzend zum Stillstand. … Die bekannte Weltordnung gerät aus den Fugen. Das 'Ende der Geschichte' geht zu Ende.'" Crowell freilich ist skeptisch: "Die ständigen Beschwörungen des goldenen Zeitalters der Nachkriegszeit wurden allmählich ermüdend. Es ist nachvollziehbar, dass eine Konferenz zur Reindustrialisierung an die industrielle Glanzzeit des Landes erinnert, doch es ist keineswegs klar, welche langfristigen landesweiten Folgen das tech-industrielle Versprechen haben wird. Trotz des erklärten Ziels der Konferenz, junge Unternehmer mit Risikokapitalgebern von den Küsten zusammenzubringen, schien 'mit China konkurrieren' zu bedeuten, möglichst viele traditionelle Arbeitsplätze in der Fertigung wegzuautomatisieren."