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Le Point

1 Presseschau-Absatz

Magazinrundschau vom 24.02.2026 - Le Point

Der bekannte französische Historiker Georges Bensoussan legt eine monumentale, über tausendseitige Geschichte des Zionismus vor. Peggy Sastre und Valérie Toranian führen ein sehr ausführliches und faszinierendes Gespräch mit ihm. Schon vor Herzls Zionismus und der Dreyfus-Affäre gab es die "Alija", erfährt man hier, also eine Rückkehr von Juden nach Israel, besonders aus Jemen und aus Rumänien und Russland. Die Idee des Zionismus, so Bensoussan, entstand parallel zu anderen Projekten nationaler Identitätsfindung, gerade in Osteuropa. "Für die Begründer des Zionismus war der jüdische Staat nicht in erster Linie eine Zuflucht, sondern er bot die Möglichkeit, seine Identität als Nation voll und ganz zu leben - in einer Sprache, einer Kultur, einer wiedererlangten Souveränität. Erst mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus und der anschließenden Shoah gewann die Dimension des Zufluchtsortes an Bedeutung." Den Zionismus schildert Bensoussan als eine Siedlungsbewegung, aber nicht als Kolonialismus - denn hinter Kolonialismus stehen ein Ursprungsstaat und eine Armee. Zugleich sieht er den Zionismus im Kantschen Sinne als eine Dekolonisierung, wörtlich als "Ausgang aus der Unmündigkeit" ("une sortie de minorité" - "minorité" heißt im Französischen sowohl Unmündigkeit als auch Minderheit). Diese Selbstermächtigung ist es , die "die psychische Ökonomie der arabisch-muslimischen Welt und in geringerem Maße auch die der westlichen Welt gefährdet. In verkrusteten Herrschaftsverhältnissen schwächt die plötzliche Befreiung eines Einzelnen das gesamte Gebäude. Israel ist der Name einer abgeworfenen Knechtschaft, und genau dieses Undenkbare muss beseitigt werden." Bensoussan schildert übrigens anfangs durchaus kooperative Verhältnisse mit den Arabern - das änderte sich, als die Briten einen Abkömmling des Husseini-Clans, der für seinen Antisemitismus berüchtigt war, zum Mufti von Jerusalem machten. Und er betont, dass sowohl die Nazis als auch die Kommunisten von Anfang an Antizionisten waren.
Stichwörter: Zionismus