Heute in den Feuilletons

Sie sind schon denkend

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.01.2014. Die ersten Reaktionen auf Barack Obamas Rede sind zwiespältig bis kritisch. The Verge und die Electronic Frontier Foundation vergleichen Obamas Maßnahmen Punkt für Punkt mit Forderungen von Bürgerrechtsgruppen. Wir binden Julian Assanges CNN-Interview ein: Der Wikileaks-Gründer kritisiert vor allem, dass die Geheimgerichte nicht abgeschafft werden. Auch Deutsche Politiker reagieren laut FAZ bis hin zur CDU recht skeptisch auf Obamas Rede. Außerdem: Arno Schmidt in der taz. Und Luc Bondys Pariser Marivaux-Inszenierung mit Isabelle Huppert allüberall.

Aus den Blogs, 18.01.2014

Slate präsentiert die sechs wesentlichen Fragen, die Obama in seiner Rede unbeantwortet ließ. Frage Nummer 3: "Why should we be reassured by Obama's reliance on a fuzzy and tendentious metadata/data distinction?" Ebenfalls in Slate findet Fred Kaplan die von Obama annoncierten Reformen dagegen "ambitioniert".

Abgewogen ist das Urteil von The Verge zu Barack Obamas NSA-Rede: "All in all, the proposed changes mainly concern the NSA's bulk collection of Americans' phone records, not its spying on internet communications. Even accounting for that limitation, they seem good on paper - and far better than many privacy advocates feared - but we're still waiting to see how they will be enacted." In einer detaillierten Aufstellung werden Obamas annoncierten Maßnahmen mit den Forderungen unabhängiger Experten verglichen. Auch die Electronic Frontier Foundation vergleicht Obamas angekündigte Maßnahmen mit dem Katalog ihrer Forderungen und gibt ihm 3,5 von 12 möglichen Punkten.

TAZ, 18.01.2014

Die Gefahr im Netz hat wenig mit unseren Surfgewohnheiten zu tun, meint Science-Fiction-Autor Daniel Suarez im Interview, sondern mit der Beherrschung des Netzes durch große Konzerne und der Sparwut der Staaten. Als Beispiel nennt er die Industrieaufsicht der USA, die ihr System aus Kostengründen ans öffentliche Netz angeschlossen und die Elektrizitätsnetze aus einem zentralisierten Kontrollraum statt dezentral steuert. So spart man Ingenieure, geht aber auch das Risiko ein, dass ein einziger Cyberangriff die Stromversorgung des Landes unterbricht: "Angesichts solcher Unvorsichtigkeit dürfte auch klar sein, warum die Gefahr einer Cyberattacke die Sicherheitsbehörden so alarmiert. Und wir Steuerzahler übernehmen die Kosten für diesen Irrsinn, indem wir die Sicherheitsbehörden und Geheimdienste finanzieren, die mit ihren wachsenden Etats das Schlimmste verhindern sollen. Wir zahlen außerdem mit dem Verlust unserer persönlichen Freiheit. Die Unternehmen dagegen lagern das Risiko an uns aus. Sie senken die Kosten und gewinnen bares Geld."

Suarez' Vorschlag, ein dezentrales, für den Nutzer sicheres Internet zu entwickeln, ist gar nicht mal so unrealistisch, haben Svenja Bergt und Martin Kaul währenddessen auf der Cyber Security Summit von dem Informatiker Werner Hülsmann erfahren: "Es würde ein paar Jahre dauern, aber das wäre sicher nicht das Problem. Vielmehr sei es eine Frage der Macht."

Auch die taz gratuliert Arno Schmidt mit einem Themenschwerpunkt zum Hundertsten: Vom Schmidt-Fieber fühlt sich Kurt Scheel zwar mittlerweile kuriert, dennoch erzählt er, wie seine Liebe zum Bargfelder Schriftsteller einst entbrannte: "Die Gelehrtenrepublik" hatte er 1963 von einem Klassenkamerad in die Hand gedrückt bekommen, "das sei interessant und, kicherte er, rattenscharf - Letzteres, man glaubt es kaum, war uns Sechzehnjährigen ein wichtiges Kriterium bei unseren wechselseitigen Lektüreempfehlungen. ... Das war eindeutig kein Schund, sondern Hochliteratur, schon vom Schriftbild her, Avantgarde, fortschrittlich, ein Schlag in die Fresse der bundesrepublikanischen Restaurationsgesellschaft." Außerdem räumt Susanne Fischer von der Arno Schmidt Stiftung mit Schmidt-Klischees anhand von Schmidt-Zitaten auf und Tobias Schwartz bietet einen knappen Überblick über die momentane Schmidt-Editionslage. In der "Wahrheit" sammelt die taz unterdessen die sonderbarsten Schmidt-Anekdoten.

Weiteres: Margarete Stokowski erinnert an den #aufschrei und die Reaktionen darauf vor einem Jahr. Detlef Kuhlbrodt empfiehlt einen Abend mit Filmen von Käthe Be. Petra Schellen porträtiert Karin Beier, die neue Chefin des Hamburger Schauspielhauses. Anne Fromm schreibt über Lisa Elfleins Nöte, ein Adolf Hitler zugesprochenes Bild loszuwerden. Vor der Transmediale stellt Carla Baum die DJane und Produzentin Helena Hauff vor:


Besprochen werden Actress' neues Album "Ghettoville", die Ausstellung "Landschaft - Berührt" in Bremen und Bücher, darunter neue über Spinozas Philosophie (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Und Tom.

Welt, 18.01.2014

Die Kunstwelt wird offenbar sehr gern betrogen, so manche verdienen ja auch prächtig daran. Tim Ackermann und Lucas Wiegelmann lesen die Memoiren Wolfgang und Helene Beltracchis, und es stellt sich heraus, dass noch eine Menge unentdeckter Fälschungen zirkulieren dürften: "In den ausschweifenden Schilderungen des charismatischen Fälschers erkennt man die Freude, die Fachwelt gehörig an der Nase herumgeführt zu haben. Fälschungen des französischen Malers Francis Picabia ließen die Beltracchis direkt von der Künstlerwitwe in Paris authentifizieren. Bisher war überhaupt nicht bekannt, dass es auch Beltracchi-Picabias gibt."

Weitere Artikel im Feuilleton: Gerhard Gnauck ist beeindruckt von Pepe Danquarts Verfilmung der Erinnerungen Yoram Fridmans, der Krieg und Holocaust in Verstecken in Polen überlebte. Hannes Stein notiert, dass die Geschichtsschmonzette "Unsere Mütter unsere Väter" in den USA nicht so doll ankommt. Hanns-Georg Rodek geht mit Frank Griebe, Tom Tykwers Kamermann, in Kreuzberg einfach, aber herzhaft essen. Besprochen wird Luc Bondys Pariser Inszenierung von Marivaux' "Fausses confidences" mit Isabelle Huppert.

Die Literarische Welt sucht in einer zweiseitigen Autoren-Umfrage eine Antwort auf die Frage, wie Schriftsteller "Familie und Beruf, Kind und Karriere" vereinbaren. Besprochen werden unter anderem Max Frischs "Berliner Journal" aus den Jahren 1973 und 74, Aharon Appelfelds neuer Roman "Auf der Lichtung", Dirk Knipphals' Essay "Die Kunst der Bruchlandung - Warum Lebenskrisen unverzichtbar sind", Hanns Zischlers Lesung von T. S. Eliots "The Waste Land", Ulrich Noethens Lesung der gesamten "Anna Karenina", eine neue Max-Weber-Biografie und eine Neuausgabe von Johann Kaspar Riesbecks "Briefe eines reisenden Franzosen".
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Weitere Medien, 18.01.2014

Julian Assange antwortet auf CNN auf Barack Obamas NAS-Rede (etwa ab Minute 2.30'). Dass Obama auf die Enthüllungen Edward Snowdens reagieren musste, würdigt er als einen Sieg der Öffentlichkeit. Allerdings kritisiert er, dass die Geheimgerichte, die über viele NSA-Aktivitäten entscheiden, nicht abgeschafft werden.



Auch Glenn Greenwald hält die Rede des Präsidenten für reine Augenwischerei. An der Massenüberwachung ändere sich gar nichts, schreibt er im Guardian: "That, in general, has long been Obama's primary role in our political system and his premiere, defining value to the permanent power factions that run Washington. He prettifies the ugly; he drapes the banner of change over systematic status quo perpetuation; he makes Americans feel better about policies they find repellent without the need to change any of them in meaningful ways. He's not an agent of change but the soothing branding packaging for it."

NZZ, 18.01.2014

Max Nyffeler liest den jetzt auf italienisch und deutsch edierten Briefwechsel zwischen Luigi Nono und Helmut Lachenmann und zitiert aus Nonos ersten (deutschsprachigen) Brief an den 22-jährigen Lachenmann, der ihn gebeten hatte, ihn als Schüler anzunehmen: "Musik, Malerei, also Kunst ist immer in direkten Beziehung zu Menschen - man muss heute erkennen, was heute ist oder, besser, wird, also immer und nur der MENSCH, wenn man will nicht in der Luft bleiben." Und Schließlich: "Sie sind schon denkend..."

Hier ein bisschen Nono: "A Carlo Scarpa, architetto ai suoi infiniti possibili (1984)"



Weiteres in Literatur und Kunst: Roman Bucheli studiert eine neuen Band aus der Robert-Walser-Ausgabe mit journalistischen Texten des Autors. Jean-Pierre Jenny erinnert an die Anatomin Anna Morandi, die vor 300 Jahren geboren wurde. Gabi Wuttke trifft den amerikanischen Übersetzer John E. Woods, der "Zettel's Traum" auf Englisch übersetzt hat. Fürs Feuilleton liest Martin Meyer Max Frischs Berliner Tagebuch aus den jahren 1973 und 74, wo es aber mehr um Frisch als um Berlin geht.

Im Feuilleton ist Barbara Villiger Heilig ganz verzaubert von Isabelle Huppert in Luc Bondys Pariser Inszenierung des "Fausses Confidences" von Marivaux: "Zum ersten Mal in ihrer Karriere, tatsächlich, unter Luc Bondys Regie, schafft es diese Ausnahmeschauspielerin, mit größter Natürlichkeit in no time eine quecksilbrige Figur zu zeichnen. Der wortlose Prolog vermittelt ein halbes Frauenleben."

Besprochen wird außerdem eine Dramatisierung des "Gantenbein" in Zürich.

Weitere Medien, 18.01.2014

Beim WDR erklärt Claudia Sawitzki mit einer schönen Bilderstrecke, welche aktuellen Trends auf der Möbelmesse in Köln schon in den 50er und 60er Jahren angesagt waren. Kleinteilige Wohnlandschaften zum Beispiel:

Stichwörter: 50er, 60er, WDR

FAZ, 18.01.2014

"Ernüchterung" macht das FAZ.Net in einem Nachrichtenartikel nach Barack Obamas NSA-Rede unter deutschen Politikern aus - selbst in der CDU gibt es kritische Stimmen. "Der Vorsitzende des Bundestags-Außenausschusses, Norbert Röttgen (CDU), reagierte enttäuscht. Obamas Reformvorschläge seien 'eher technischer Natur' und hätten 'leider nicht das grundsätzliche Problem aufgegriffen', sagte Röttgen dem Tagesspiegel. Bei der Abwägung zwischen den beiden Werten Sicherheit und Freiheit gebe es einen 'transatlantischen Dissens'.

Im Feuilleton wird ein Kapitel aus Anke Domscheit-Bergs kommendem Buch "Mauern einreißen!" abgedruckt, das die Schwierigkeiten erfolgreicher Frauen bei der Männersuche schildert. In der Glosse malt Fridtjof Küchemann die Entfesselung aller möglichen Gebrauchsgüter im annoncierten "Internet der Dinge" aus. Dieter Bartetzko besucht das wieder aufgebaute Stadtschloss in Potsdam. Patrick Bahners folgte in New York einer Diskussion mit Paul Auster über Edgar Allan Poe. Auf der Medienseite unterhält sich Michael Hanfeld mit dem Showmaster Jörg Pilawa, der zur ARD wechselt.

Besprochen werden Luc Bondys Pariser Inszenierung von Marivaux' "Falschen Vertraulichkeiten", eine Dramatisierung des "Gantenbein" in Zürich und Bücher, darunter ein Briefband Arno Schmidts und ein Band mit klassischen Reportagen des französischen Journalisten Albert Londres (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 18.01.2014

Auf der Meinungsseite zeigt sich Nicolas Richter enttäuscht darüber, wie geringfügig Barack Obama die Befugnisse der NSA künftig zu beschränken gedenkt: "Die Wandlung Obamas in den ersten Amtsjahren ist ein Beispiel für den Einfluss von Apparaten auf Menschen, in diesem Fall von Sicherheitsapparaten auf Politiker. Amerikas Spionage-Organisationen haben einen Präsidenten umgedreht oder verführt, der ihnen einst tief misstraute. Als Kritiker staatlicher Allmacht hätte Obama seinem Volk schon in der ersten Amtszeit schildern müssen, was er 2009 im Weißen Haus entdeckt hat."

Im Feuilleton porträtiert Kai Strittmatter den chinesischen Regisseur Jia Zhangke, dessen neuer, gerade in Deutschland angelaufener Film "A Touch of Sin" trotz gesellschaftskritischer Töne von der chinesischen Zensur erst genehmigt, dann in Cannes ausgezeichnet und schließlich doch in China verboten wurde. Und doch wird "A Touch of Sin" in diesem Jahr der einzige Beitrag aus Chinas florierender Filmindustrie sein, "von dem der Rest der Welt Notiz nehmen wird". Es handelt sich um "das Werk eines Autorenfilmers, der sich bewusst abseits hält von Chinas politisch-industriellem Filmkomplex. Dort nämlich werden Kreativität und Integrität noch bestraft und Werke bisweilen mit solcher Willkür verstümmelt, dass selbst der Kassenschlager-Regisseur Feng Xiaogang sich kürzlich bei einer Preisverleihung unter Tränen zu einem verzweifelten Ausbruch gegen 'die Marter der Zensur' genötigt sah."

Weiteres: Stephan Speicher stellt das wiederaufgebaute Potsdamer Stadtschloss vor, das fortan dem Brandenburger Landtag als Stätte dienen wird. Die Literaturseite ist mit mehreren kurzen Artikeln heute ganz Arno Schmidts 100. Geburtstag gewidmet.

Besprochen werden eine 41 CDs umfassende Ausgabe von Vladimir Horowitz' Auftritten in der Carnegie Hall, eine Ausstellung des Spätwerks von Eva Hesse in den Hamburger Kunsthallen, Luc Bondys Pariser Inszenierung von Marivaux' "Die falschen Vertraulichkeiten" mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle und das neue Album von Warpaint.

Auf Seite Drei fragt sich Katharina Riehl, warum allerorten ein neues goldenes Zeitalter des Fernsehens ausgerufen wird, während die Redakteure beim hiesigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk trotz Milliarden Gebührengelder und Quoten-Unabhängigkeit keinerlei Sprünge wagen: "Das klassische Fernsehen ist für eine ganze Generation schon jetzt völlig überflüssig. ARD und ZDF verwalten also ihren stetig wachsenden Bedeutungsverlust."

In der SZ am Wochenende besucht Martin Zips die Dreharbeiten von Ridley Scotts neuem Monumentalfilm "Exodus". Benjamin Ferencz, einer der Chefankläger der Nürnberger Prozesse, blickt auf sein Leben zurück. Susanne Schneider spricht mit der Sopranistin Anna Netrebko, die einräumt, von Pussy Riot durchaus schon gehört zu haben: "Das ist Politik. Ich kann daran nichts ändern. Ich bin Sängerin, alles, was ich tun kann, ist Leuten mit meiner Musik Glück zu bringen." Na dann.