Heute in den Feuilletons

Bei der Kante hat man nur eine Chance

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.01.2014. In der Berliner Zeitung erzählt Marina Hoermanseder, warum sie so gerne Korsette aus Leder macht. In der FAZ bangt die Ökonomin Shoshana Zuboff um Barack Obama, der in seiner heutigen NSA-Rede gewaltig versagen könnte. Die NSA bringt sowieso nix, hat die SZ herausgefunden. Man kann Schriftsteller nicht züchten, ruft die Welt der Zeit zu. Die NZZ hält dem lauernd anmutenden Blick eines Papstes namens Innozenz stand.

Berliner Zeitung, 17.01.2014

Beate Scheder unterhält sich mit der jungen Moderschöpferin Marina Hoermanseder, die einst beim großen Alexander McQueen lernte und nun durch ihre orthopädisch inspirierten Korsette Aufsehen erregt (auch bei der Fashion Week, die gerade läuft). Eigentlich macht sie das nur, weil sie mit Leder arbeiten will: "Von der Tierhaut zum fertigen Objekt gibt es so viele handwerkliche Schritte, bei denen man ganz genau arbeiten muss. Man darf sich auf keinen Fall verschneiden, bei der Kante hat man nur eine Chance. Da ist ein bisschen Adrenalin dabei, das mag ich. Die Kante muss geschliffen werden und gemalt. Das Leder muss lackiert werden, dann wieder getrocknet und wieder lackiert. All das mit der Hand zu machen, ist für mich die schönste Erfüllung." (Foto: Hoermanseder.)
Stichwörter: Alexander McQueen, Led

Weitere Medien, 17.01.2014

Wie gut, dass die öffentlich-rechtlichen Sender mit ihrem mageren Etat noch einen Kinderkanal finanzieren können, und dann noch so einen interkulturell sensiblen. Am Sonntag läuft zum Beispiel eine tolle Sendung über "Tahsins Beschneidungsfest": "Bald ist es so weit! Aufgeregt und voller Vorfreude blickt der elfjährige Tahsin auf das kommende Ereignis, das ihn und seinen kleinen Bruder Emir endlich zu Männern machen soll: Die Beschneidung. 'Wenn ich beschnitten bin, dann bin ich ein echter Mann' - freut sich Tahsin."

NZZ, 17.01.2014

Bei einer Ausstellung mit höfischen Porträts von Velázquez im Madrider Museo del Prado zeigt sich Karin Hellwig insbesondere von der Fähigkeit des Malers beeindruckt, die "psychologischen Eigenschaften und Charaktere der Dargestellten" festzuhalten, etwa in seinem Porträt von Innozenz X: "Beim Bildnis des Papstes, der von seinen Zeitgenossen übereinstimmend als hässlich beschrieben wird, betont er die groben Formen der Züge des Pontifex. Dazu im spannungsvollen Kontrast steht der wachsame, nahezu lauernd anmutende Blick der tiefliegenden Augen, der mit dem Betrachter Kontakt aufnimmt und auf sein saturnisches Temperament und seinen grüblerischen Charakter schließen lässt."

Weiteres: Matthias Messmer besucht den jüdischen Friedhof auf der malaiischen Insel Penang. Andrea Eschbach wirft einen Blick auf neue Wohnideen bei der internationalen Möbelmesse in Köln. Und Frank Schäfer geht dem Einfluss von Thin Lizzy auf die neuen Alben der Heavy-Metal-Bands Robert Pehrsson's Humbucker, Dead Lord und Black Star Riders nach.
Anzeige

TAZ, 17.01.2014

Pünktlich zu seinem 50. Geburtstag bringt Andreas Dorau zwei neue Alben raus: Die Raritätenzusammenstellung "Hauptsache Ich!" und "Aus der Bibliothèque" mit 12 neuen Songs, erzählt Carla Baum, die Dorau in Hamburg getroffen hat. "Außerdem gesellen sich zu den neuen zwei bisher unveröffentlichte Songs, 'Stählerner Adler' und 'Sabelle fliegt'. Ihre Wiederentdeckung ließ in Dorau überhaupt erst die Idee zum neuen Album reifen. 'Stählerner Adler / wo willst du hin?', besingt Dorau mit sentimentalem Einschlag jene Vogelskulptur, die im Bundestag im Parlamentarierraum hinter dem großen Plenarsaal ein Schattendasein fristet. Aussortiert, weil sie als nicht vorzeigbar erachtet wurde, inspirierte sie Doraus Freund, den Berliner Künstler Wolfgang Müller (Die Tödliche Doris) zu einem schönen Text: 'Traurig geht dein Blick dahin ins Nichts / Manchmal auch zurück in bess're Zeit.'"

Weiteres: Ihre "irre" Leistung bestand darin, das "harte Brett der strukturellen Selbstfindung einer Redaktion zu bohren", schreibt Dirk Knipphals in seiner Würdigung der ehemaligen taz-Chefredakteurin Bascha Mika zu ihrem Sechzigsten. Besprochen werden eine Ausstellung über den französischen Comic-Altstar Jacques Tardi im Berliner Literarischen Colloquium am Wannsee, Alben der Rapperinnen Angel Haze und Azealia Banks sowie Ronen Steinkes Studie über den Generalstaatsanwalt des Frankfurter Auschwitz-Prozesses "Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht" (mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Und Tom.

Welt, 17.01.2014

Mark Reichwein nimmt den (leider nicht öffentlichen) Zeit-Artikel des Jungschriftstellers Florian Kessler, der einmal kräftig über den bildungsbürglich braven deutschen Literaturbetrieb gegähnt hatte (unser Resümee), aufs Korn und ruft Kessler zu: "Schreibende Milieus kann man nicht züchten".

Weitere Artikel: Michael Pilz findet es nicht weiter schlimm, dass Winfried Glatzeder, der einst den Paul in der "Legende von Paul und Paula" gespielt hatte, nun im Dschungelcamp gelandet ist. Hanns Georg Rodek geht die Oscar-Nominierungen durch. Marc Reichwein trifft den in den USA sagenhaft erfolgreichen Sachbuchautor Malcolm Gladwell, der in seinem jüngsten Buch über "David und Goliath" extemporiert. Elmar Krekeler bespricht in seiner Krimikolumne Zoe Becks Roman "Brixton Hill".

Auf der Forumsseite tritt der französische Politologe François Heisbourg für eine Abschaffung des Euro ein.

FAZ, 17.01.2014

Vor Obamas für heute anberaumter Rede im Justizministerium in Sachen NSA, redet die amerikanische Ökonomin Shoshana Zuboff dem US-Präsident noch einmal ins Gewissen. Sie sieht eine Zeitenwende wie einst bei Edison heraufdämmern, bei der das Internet - zum Guten oder Schlechten - die zentrale Rolle spielt. Die Chance auf ein neues "blühendes Weltbürgertum" sieht sie durchaus gegeben. "[Doch] es wird kein blühendes, vernetztes Weltbürgertum geben ohne Vertrauen ins digitale Medium. Ich meine das tiefe, unerschütterliche Vertrauen, das den Kitt jeder erfolgreichen Zivilisation oder Gesellschaft bildet. ... Der unstillbare Datenhunger der NSA wurde von Terroristen ausgelöst und zielte möglicherweise ursprünglich darauf, die Welt vor Terror zu schützen. Aber jetzt hat das Bild sich gewandelt. Jetzt ist die NSA nahe daran, selbst der Terror zu sein."

Um (europäischen) Kosmopolitismus im digitalen Zeitalter geht es auch im Gespräch, das Edo Reents mit der Literaturwissenschaftlerin Sigrid Thielking und dem Soziologen Ulrich Beck führt. Dabei unterstreicht Beck, dass der Rückfall ins Nationaldenken sich insbesondere auch aus nationalem Eigeninteresse verbietet, da sich die Problemlagen der heutigen Zeit nicht mehr national lösen lassen. Dies zeigt ihm auch "die Unfähigkeit der Nationalstaaten die Freiheitsrechte ihrer Bürger gegen die digitalen Kontrollmöglichkeiten zu schützen."

Außerdem: Niklas Maak malt sich bei der Lektüre der Memoiren des Kunstfälschers Wolfgang Beltracchi bereits die mögliche Verfilmung aus: "Eigentlich kann man sich dieses vaudevillehaft turbulente Buch nur als Film von Martin Scorsese vorstellen." Corina Bernic kritisiert die Kampagne gegen Rumänen und Bulgaren. Oliver Jungen staunt beim Besuch beim Radiosenders 1Live, dass die WDR-Jugendwelle ihr anvisiertes Zielpublikum trotz innovativem Programm und Absage an den Dudelfunk tatsächlich erreicht. Hülya Özkan klagt darüber, wie wenig vom liberalen und reformistischen Geist aus den ersten Jahren der Regierung Erdogan geblieben ist.

Besprochen werden neue Schallplatten, darunter das neue Album von Andreas Dorau (hier sein aktuelles Video), Alexander Paynes neuer Film "Nebraska", ein neues Werk für großes Orchester von Jörg Widmann, uraufgeführt in Köln, das kulinarische Angebot der Hamburger Seafood Bar und Bücher, darunter Anna Raverats Roman "Lebenszeichen" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Eine einfache Zahl nennt Dietrich Creutzberg im Wirschaftsteil der FAZ. "Ein heute 13-Jähriger wird 77.000 Euro mehr in die Rentenkasse einzahlen, als er herausbekommt." Schuld bin ich: "Kinderlose belasten die Rentenkasse."

SZ, 17.01.2014

Die NSA rechtfertigt ihre gigantischen Datensilos unter Verweis auf die nationale Sicherheit der USA. Doch sonderlich effektiv ist diese Arbeit offenbar nicht, folgt man einer Studie der New America Foundation, mit der sich Jan Heidtmann näher auseinandersetzt: "Traditionelle Ermittlungsarbeit - Informanten, Recherchen im Milieu, Erkenntnisse von FBI oder CIA - halfen im allergrößtenTeil der Fälle, diese aufzuklären. Der Anteil der NSA war verschwindend gering." Den bei der NSA hinterlegten Datenmengen steht "nur ein einziger Fall gegenüber, bei dem potenzielle Sympathisanten der al-Qaida mithilfe dieser Informationen dingfest gemacht werden konnten." Hier kann man sich eine pdf-Datei der Studie herunterladen.

in welchen Museen noch Fälschungen aus der Werkstatt Wolfgang Beltracchis hängen, hat Renate Meinhof der nun veröffentlichten Autobiografie des Fälschers zu ihrer Enttäuschung zwar nicht entnehmen können. Doch dafür ist sie nun mit hinreichend Informationen gewappnet, um selbst in Beltracchis Gewerbe einzusteigen. Um etwa einen Wald von Max Ernst zu fälschen, braucht es "gar nicht viel. Schwemmholz braucht man, und Taue und Netz. Und einmal muss man in die Augen der toten, geblähten Fische geschaut haben, unten am Meer, wo sie schaukelnd antreiben. Dann ist alles ganz einfach. Keine Zerrissenheit, kein innerer Kampf, keine Verzweiflung, kein An-den-Rand-Gehen. Ein Max Ernst, ein Pechstein? Ein Leichtes."

Außerdem: Thomas Steinfeld schreibt über die schwere Krise des italienischen Traditionsbankhauses Monte dei Paschi, das noch kurz vor der Finanzkrise 2008 Konkurrenz aufgekauft hatte: "Der Glaube an die autopoetische Kraft der Investition half aber nicht, als die Wirtschaftskraft der gesamten Nation in Zweifel geriet." Auch die französische Öffentlichkeit diskutiert über Christopher Clarks neues Buch, in dem der Historiker die Ursachen für den Ersten Weltkrieg im Kontext des europäischen Machtgeflechts verortet, berichtet Joseph Hanimann. Tobias Kniebe findet es schade, dass Robert Redfords Leistung in "All is Lost" der Academy keine Oscarnominierung wert ist. Volker Breidecker schreibt den Nachruf auf den Schriftsteller Juan Gelman. Joachim Hentschel gratuliert Françoise Hardy zum 70. Geburtstag. Erst fahren wir mit ihr Boot, dann schauen wir ihr tief in die Augen:



Besprochen werden Bücher, darunter eine Zusammenstellung aus Max Frischs "Berliner Journal" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).