Heute in den Feuilletons

Der Heintje-Effekt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.01.2014. In der taz fordert Steve McQueen, dass sich Briten und Amerikaner in punkto Vergangenheit an die eigene Nasen fassen. Die NZZ fordert ungewöhnliche Lehrer. Im Freitag erinnert Wolfgang Müller die reaktionären Aspekte am Werk Arno Schmidts. Kenan Malik plädiert in seinem Blog gegen das Verbot der Dieudonné-Shows. Die Zeit arbeitet den Fall Beltracchi auf und bringt selbstkritische Anmerkungen zum Literaturbetrieb. Außerdem im Freitag: ein Interview mit Karl Ove Knausgård und Armond Whites Kritik an Steve McQueens Film "12 Years a Slave".

Freitag, 16.01.2014

Wolfgang Mülller, ganz in der Nähe von Bargteheide aufgewachsen, aber Arno Schmidt nie begegnet, erinnert daran, dass Schmidt seinerzeit von anderen experimentellen Sprachkünstlern stark kritisiert wurde, allen voran Oswald Wiener: "Arno Schmidt hasse die Jugend, konstatierte Oswald Wiener, ja, der Autor lehne die Gegenwart wegen ihrer Lockerheit im Umgang mit Sexualität ab. Die Freiheit bestünde bei ihm vor allem im 'freien' Gebrauch der Worte. Und das, was die Arno-Schmidt-Gemeinde besonders anspreche, sei letztlich das Hochhalten klassischer Bildungswerte: Autorität durch eigene Leistung, Sexualität als Herrensache und eine konservative Lebenshaltung."

Mikael Krogerus besucht den norwegischen Autor Karl Ove Knausgård, dessen Frau in einer geschlossenen Anstalt sitzt und der eigentlich keine Interviews mehr geben will. Schon der Anfang gestaltet sich schwierig: "Das Haus zu betreten, heißt 'Min Kamp' zu betreten. Denn das ist das Extreme an den Büchern: Die zehnjährige Vanja ist keine Romanfigur. Sie ist Vanja. Knausgårds Frau Linda ist keine Romanfigur, sie ist Linda. Die Schwiegermutter hat wirklich verdächtig gerötete Wangen. Und sie hat gelesen, was ihr Schwiegersohn über sie geschrieben hat."

Außerdem bringt der Freitag eine scharfe Kritik Armond Whites an Steve McQueens Film "12 Years a Slave". White war kürzlich aus dem New York Film Critics Circle rausgeworfen worden, weil er bei einer Preisverleihung über Regisseur Steve McQueen gepöbelt haben soll: "'You're an embarrassing doorman and garbage man. F--- you. Kiss my ass,' he allegedly said", zitiert ihn der Hollywood Reporter. In seiner Besprechung stellt White "12 Years a Slave" in eine Reihe mit Lee Daniels' "The Butler" und Tate Taylors "The Help", Steven Spielbergs "Lincoln" und Quentin Tarantinos "Django Unchained", die er alle als "Race-Hype-Filme" bezeichnet: "Race-Hype-Filme befriedigen das Bedürfnis des linksliberalen Amerikas nach gerechtfertigter Genugtuung, indem sie vergangene Ungerechtigkeiten thematisieren, ohne dazu anzuregen, die noch immer bestehenden Benachteiligungen zu überwinden und Veränderungen zu erzwingen."

Aus den Blogs, 16.01.2014

"Michael Wolf fotografiert die Architektur der Dichte": Designboom bringt einige der überaus beeindruckenden Aufnahmen Wolfs aus asiatischen Städten.
Stichwörter: Michael Wolf

NZZ, 16.01.2014

In Zeiten von Wikipedia hat die Schule das Wissensmonopol verloren, meint der Psychotherapeut Allan Guggenbühl und macht sich Gedanken darüber, wie man Schüler dennoch zum Lernen motiviert: "Das Interesse am Schulstoff steigt, wenn er die Qualität des Außergewöhnlichen hat und nicht nur als regulärer Teil des Bildungskanons wahrgenommen wird... Lehrpersonen sollten darum nicht nur Normalität repräsentieren, sondern auch außerschulische Themen einbringen. Sie dürfen ruhig ein wenig 'schräg' sein: sich für eine Affenfarm in Tansania begeistern, einen Spleen für Bauernhäuser im Toggenburg haben oder vom Bluesmusiker Big Joe Williams schwärmen."

Außerdem: Kersten Knipp schreibt den Nachruf auf den argentinischen Dichter Juan Gelman.

Besprochen werden die Filme "Nebraska" von Alexander Payne (dessen sozialdokumentarische Schwarzweißbilder ihn für Michèle Wannaz zu "einem ästhetischen Genuss" machen), "A Touch of Sin" von Jia Zhangke und "The Wolf of Wall Street" von Martin Scorsese, außerdem das Tanzstück "Genesis" des flämischen Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui in Antwerpen sowie Bücher, darunter der Jesmyn Wards Südstaatenroman "Vor dem Sturm" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
Anzeige

TAZ, 16.01.2014

Cristina Nord unterhält sich mit Steve McQueen über dessen Filmdrama "12 Years a Slave", das auf einer autobiografischen Geschichte aus der amerikanischen Sklavereizeit basiert. Dass es so wenige Filme über das Thema gibt, erklärt sich McQueen mit durchaus "nachvollziehbarer Scham", meint aber auch: "Bisher war es für die Leute leichter, den Bösewicht im deutschen Nazi zu sehen statt in sich selber. Deshalb gibt es so viele Holocaust- und Weltkriegsfilme. Sogar im Western ist der Gute meistens der Cowboy. Es gibt wenig Selbstreflexion, bis heute." Hier die Besprechung des Films.

Weitere Artikel: Ophelia Abeler bedauert in ihrer New York-Kolumne den geplanten Abriss des architektonisch ambitionierten American Folk Art Museum, das einem neuen Turm von Jean Nouvel weichen muss, den das MoMA teilweise bespielen will. Christoph Schröder resümiert den Auftakt der Frankfurter Poetikvorlesungen von Schriftstellerin und Drehbuchautorin Terézia Mora, auf der sie ihren Leitsatz verriet: "Vertraue deiner Methode, aber verliebe dich nicht in sie." Jürgen Vogt würdigt im Nachruf den argentinische Schriftsteller und Menschenrechtsaktivisten Juan Gelman. Gefeiert wird außerdem eine kleine Auswahl an Gallizismen.

Besprochen werden Jia Zhang-kes Film "A Touch of Sin", der von der chinesischen Gegenwart nach der kapitalistischen Wende erzählt, und die DVD von Rodrigo Garcías Film "Albert Nobbs" von 2011, in dem Glenn Close einen als Mann verkleideten Butler Ende des 19. Jahrhunderts spielt.

Und Tom.

Perlentaucher, 16.01.2014

In den USA sorgt der Umstand, dass Steve McQueen sein Sklavereidrama "12 Years a Slave" mit hochkarätigen weißen Nebendarstellern und sentimentalem Hans-Zimmer-Score aufgepeppt hat, für Debatten. "Vielleicht", schlägt Thomas Groh in der Kinokolumne des Perlentauchers vor, "sind das aber auch Reibeflächen, die McQueen bewusst sucht, die es ihm vielleicht sogar gestatten, seinen ansonsten durch und durch radikal auf Seiten der Versklavten verorteten Film so wirkmächtig im Diskurs zu positionieren, wie ihm dies gelungen ist. Das tränenrührende Melo und der ästhetisch ambitionierte Furor gehen zuweilen Hand in Hand, dann wieder stehen sie quer zueinander, wie zwei Formen im Widerstreit. Steve McQueens zu jeder Zeit hochkonzentriertem Film tut das gut."

In einer zweiten Besprechung schreibt Lukas Foerster über Alexander Paynes entspanntes Roadmovie "Nebraska", an dem ihm besonders der antiheroische Gestus gefällt: "Es geht in 'Nebraska' um Amerika als ein ewig und irgendwie auch zwingend unfertiges Projekt, um ein Amerika, das sich damit abgefunden hat, dass die eine frontier nicht mehr existiert, vielleicht nie existiert hat, und dass aufmerksame, neugierige Introspektion allemal interessanter ist als die Suche nach der einen, großen nationalen Aufgabe."

Aus den Blogs, 16.01.2014

Die Debatte um Dieudonnés antisemitische Shows geht weiter. Kenan Malik wendet sich in seinem Blog gegen Bernard-Henri Lévy, der jüngst ein Verbot befürwortete: "Banning Dieudonné will not remove the reasons for which people support him. It will not erase the contempt for mainstream politics and politicians, or assuage the sense of being voiceless and abandoned that helps drive that contempt, or reduce the willingness to believe in conspiracy theories, or combat the growth of anti-Semitism. In fact, it is likely to have the opposite effect."

Welt, 16.01.2014

Trotz aller Kritik an der NSA will Richard Herzinger nicht vergessen, was wir Amerika verdanken und insistiert auf dem "grundlegenden Unterschied zwischen einer Demokratie, in der geheimdienstliche Aktivitäten bisweilen auszuufern drohen, und einem Staat wie dem heutigen Russland, in dem Geheimdienste an der Macht sind."

Weiteres: Dankwart Guratzsch begrüßt das kommende Volksbegehren um die Bebauung des Flughafen Tempelhofs. Martin Scholz unterhält sich mit Martin Scorsese über dessen neuen Film "The Wolf of Wall Street". Besprochen wird außerdem Alexander Paynes neuer Film "Nebraska" mit einem rührend gealterten Bruce Dern.

Im Forum glaubt Thomas Schmid nicht, dass man durch jetzt noch erlassene Gesetze das Unrecht der Enteignung "entarteter" Kunstwerke noch je wieder gut machen könnte - und skizziert zwei Wege, um mit dem Thema umzugehen.

Aus den Blogs, 16.01.2014



(Via Marcel Weiß) Es ist Urheberrechtswoche. Diese von Techdirt veröffentlichte Grafik zeigt die Auswirkungen des Copyright auf die Zahl von Wiederveröffentlichten Büchern bei Amazon. "See that big gap? All of that is lost culture thanks to our restrictive copyright laws, and the 1976 Act's ability to effectively kill off the public domain in the US. It should be seen as highly problematic that there are more books from the 1880s available for sale on Amazon than books from the 1980s. "

(Via Matthias Rascher) Und diese Angorakaninchen (mehr hier) hätten wahrschienlich sogar Alice im Wunderland überrascht.
Stichwörter: Amazon, Copyright

SZ, 16.01.2014

Andreas Zielcke schöpft Hoffnung für den Suhrkamp Verlag, nachdem das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg dem Insolvenzplan des Verlags zugestimmt hat. Joachim Hentschel spricht mit Steve McQueen über dessen neuen Film "12 Years a Slave". Peter Richter porträtiert New Yorks neuen Bürgermeister Bill de Blasio, der aus derselben, noch nicht völlig gentrifizierten Brooklyner Ecke stammt, in der Richter wohnt. Laura Weissmüller besucht die Kölner Möbelmesse, wo sie über die Genialtät eines rollbaren Rahmensystems staunt, das auf wenig Raum "alles enthält, was man zum Wohnen braucht." Jens Malte Fischer gratuliert der Sängerin Marilyn Horne zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Alexander Paynes neuer Film "Nebraska" und Bücher, darunter Carl Nixons Roman "Settlers Creek" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 16.01.2014

Zum Start von Steve McQueens neuem Film "12 Years a Slave" hat sich Bert Rebhandl nochmal genauer mit der Geschichte der Sklaverei in der US-Filmproduktion befasst, die auch in kanonisierten Beiträgen wie der Serie "Roots" mitunter zu wünschen übrig lässt. Sein Fazit: "Dem elementaren Wunsch, frei zu sein, hatte sich das amerikanische Kino bisher nicht in dem Maß gestellt, in dem es sich dazu aufgefordert fühlen hätte müssen, von der Sklaverei tatsächlich aus der Perspektive ihrer um Emanzipation bemühten Opfer zu erzählen. Es brauchte die Erinnerung an den Bericht eines freien Mannes, der in die Unfreiheit fiel, um uns auf diesen einfachen Umstand zu verweisen."

Weitere Artikel: Manhattan befindet sich im Baufieber und wird dabei immer stärker zum Wohlstandsghetto, berichtet Jordan Mejias. Nach dem Bekanntwerden von Francois Hollandes Affäre mit der Schauspielerin Julie Gayet hält Lena Bopp weniger die Frage nach der bürgerlichen Tugend von führenden Politikern, sondern die Frage nach der politischen Funktion von First Ladys für relevant. Hubert Spiegel berichtet von der ersten Lesung Terézia Moras bei ihrer Frankfurter Poetikdozentur, in der es "zwanglos, wenig akademisch und auf unbekümmerte Weise grundsätzlich" zuging. Sehr beeindruckt begleitet Swantje Karich die Sonderführungen der Rüsselsheimer Opelvillen für demenzkranke Frauen: Deren "Verwandlung beizuwohnen, von schüchternen Fremdkörpern im Angst einflößenden Museum zu aufrechten, selbstbewussten Frauen, ist ein Erlebnis". Andreas Kilb meldet, dass eine jüngst von Historikern und Journalisten erstellte "Charta für die Mitte von Berlin" die Belebung von Berlins historischem Stadtkern fordert.

Auf der Medienseite berichtet Uta Rasche aus den Filmarchiven in Kabul, wo der verrottende historische Schatz von 30000 Filmminuten aus afghanischen Wochenschauen darauf wartet, digitalisiert zu werden.

Besprochen werden Martin Scorseses neuer Film "The Wolf of Wall Street" und Bücher, darunter David Schalkos Roman "Knoi" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Zeit, 16.01.2014

Auf vier Seiten arbeitet die Zeit den Fall von Wolfgang und Helene Beltracchi auf, die dreißig Jahre lang Kunstwerke fälschten und verkauften - die Schadenssumme wird auf 34 Millionen Euro geschätzt. Zu lesen sind Auszüge aus ihren in diesen Tagen bei Rowohlt erscheinenden Büchern "Selbstporträt" und "Einschluss mit Engeln", außerdem erzählen sie in einem ausführlichen Gespräch mit Iris Radisch und Adam Soboczynski vom Gewissen und Genuss des Kunstfälschers. Helene: "Die Gemälde waren meist reine Spekulationsobjekte auf einem überdrehten Markt, gehandelt von Unternehmen in irgendwelchen Steuerparadiesen. Damit haben wir unser Gewissen beschwichtigt. Aber: Natürlich war mein Mann seinerzeit stolz auf die Qualität seiner Bilder, er hat es genossen, von der Witwe Max Ernsts über sein Bild 'Forêt' zu hören, es sei das beste Bild ihres Mannes." Wolfgang: "Heute könnte ich, nachdem ich auch alle naturwissenschaftlichen Gutachten kenne, Bilder malen, die niemand entlarven würde. Niemand."

Der Autor Florian Kessler mokiert sich in einem sehr amüsanten Erfahrungsbericht über den bildungsbürgerlichen Konformismus deutscher Jungliteraten: "In einem starren kulturellen Milieu, in dem Debütantenruhm besonders durch einige wenige Literaturredakteure und die mit ihnen identischen preisvergebenden Juroren erzeugt wird, bewährt es sich am allermeisten, so richtig dazuzugehören und ebenso professionell wie die gentlemen of the jury zu sein. Das ist der Heintje-Effekt der deutschen Literatur: Immer jüngere Autoren verhalten sich immer braver immer älter."

Weitere Artikel: Die Hände, die sich bisweilen in den Scans von Google Books finden, lehren uns "die Wahrheit über die Technik und über die von ihr induzierte Träumerei", meint Maximilian Probst (dem Thema widmen sich auch verschiedene Blogs, etwa dieses und jenes). Kilian Trotier findet Sascha Lobos FAZ-Essay "rührend kindlich". Jens Jessen resümiert die Diskussion über Martin Scorseses "The Wolf on Wall Street". In der Debatte um gefälschte Galilei-Zeichnungen (mehr hier und hier) antwortet der Karlsruher Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich auf Horst Bredekamp: "Eine Kunstwissenschaft, wie sie Bredekamp betreibt, bereitet selbst den Boden für die Existenz von Fälschungen dieses Typs." Caroline Pirich trifft den 90-jährigen Pianisten Menahem Pressler, der am Wochenende sein erstes Konzert als Solist mit den Berliner Philharmonikern gab.

Besprochen werden der Film "A Touch of Sin" von Jia Zhangke (in dem Katja Nicodemus "das wuchtige Porträt einer bis in ihre feinsten zwischenmenschlichen Verästelungen barbarisierten Gesellschaft" erkennt), neue Alben von der Pianistin Olga Scheps und der britischen Jazzformation Sons of Kemet sowie Bücher, darunter der Roman "Das Böse im Blut" von James C. Blake (mehr in unserer Bücherschau heute um 14 Uhr).

Im Dossier porträtiert Tanja Stelzer die Theaterschauspielerin Julia Häusermann. Volker Ullrich rekapituliert die "Fischer-Kontroverse", einen Historikerstreit der sechziger Jahre über die Frage nach der Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs, den Christopher Clark mit seiner Studie "Die Schlafwandler" aufgreift. Und in Glauben & Zweifeln und der Wirtschaft geht es um die Insolvenz des Weltbild-Verlags.