Heute in den Feuilletons

Eine Familiengeschichte im deutschen Kunstbetrieb

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.11.2013. Die SZ stellt die unheimliche Frage, ob sich die Familie des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt ihren Kunstschatz wegen abgelaufener Verjährungsfristen womöglich "ersessen" hat. Auch die FAZ trägt Hintergründe zum Fall von Hitlers Kunsthändler zusammen. Außerdem fragt sie sich angesichts eines Google-Springer-Deals, warum Springer das Leistungsschutzrecht erkämpfte (und die FAZ hinterhertrottete). Die Welt freut sich weiter über die Bespitzelung durch freiheitliche Mächte. Und MacKenzie Bezos, die Frau von Amazon-Gründer Jeff Bezos bewertet ein kritisches Buch über ihren Mann auf Amazon mit nur einem Stern.

Spiegel Online, 05.11.2013

Politiker aus CDU, SPD und FDP haben sich laut Spon ausdrücklich dagegen ausgesprochen, Edward Snowden in Deutschland Asyl zu gewähren. Zu groß ist die Angst, die Amerikaner zu verärgern. Andererseits möchte man schon gern wissen, was Snowden weiß - aber ohne Gegenleistung: "'Snowden hat der Öffentlichkeit einen Dienst erwiesen, aber er ist kein politisch Verfolgter. Einen zwingenden Grund, ihn nach Deutschland zu holen, gibt es nicht, denn man kann ihn problemlos in Moskau vernehmen', sagt etwa der FDP-Europaabgeordnete und Mitbegründer der Atlantischen Initiative Alexander Graf Lambsdorff."

Unterdessen meldet der Independent, dass die Kanzlerin (und wer weiß, wer noch) auch aus der britischen Botschaft abgehört wurde. Und die Washington Post trägt neue Details zur Bespitzelung der Clouds von Yahoo und Google zusammen.

Weitere Medien, 05.11.2013

Leider noch nicht online ist Daniel Kothenschultes Grundsatzkritik aus der FR am System der deutschen Filmförderung: "Automatisierte Förderinstrumente wie der Deutsche Filmförderfonds, DFFF, legen ihren Entscheidungen keine Qualitätsprüfungen zu Grunde. Die Spielregel ist einfach: Wer als Produzent fünf Prozent des Budgets selbst aufbringen kann, ist berechtigt, bis zu zwanzig Prozent des in Deutschland ausgegebenen Budgets ersetzt zu bekommen. Ebenso wenig wie künstlerische Argumente spielen übrigens Erfolgsprognosen eine Rolle. Es geht nicht um die Frage, was wird produziert, sondern allein darum, dass etwas produziert wird. Genau das macht den DFFF und seinen Erfinder, Kulturstaatsminister Bernd Neumann bei den Filmschaffenden so beliebt.

MacKenzie Bezos, die Frau von Amazon-Gründer Jeff Bezos, hat eine bitterböse Nutzerkritik auf Amazon geschreiben, berichtet Juslie Bosman in der New York Times. Ziel ihres Ärgers ist Brad Stones Buch "The Everything Store" über ihren Ehemann: "In Ms. Bezos's review, the only one-star review 'The Everything Store' has received, she accused Mr. Stone of making factual errors and, noting that Mr. Bezos was 'never interviewed for this book,' took issue with Mr. Stone's use of the phrases 'Bezos believed' and 'Bezos felt.'" Das Buch des ehemaligen Times-Reporters sei für seine stichhaltigen Recherchen gelobt worden, betont dagegen Bosman, auch der Verlag weist die Vorwürfe zurück.

NZZ, 05.11.2013

Susanne Ostwald erinnert an das grüne Funkeln in den Augen der vor hundert Jahren geborenen Vivien Leigh: "Das fiebrige Spiel Vivien Leighs bei der Darstellung solch ambivalenter Figuren, die verzweifelt gegen ihr Scheitern ankämpfen, verdankte sich weniger einer soliden Schauspielausbildung als vielmehr einem reizbaren Temperament, im Guten wie im Schlechten." Andrea Köhler berichtet vom Empfang der New York Review of Books , die zu ihrem fünfzigjährigen Bestehen das "Who's Who der internationalen Intelligenz" einlud.

Im politischen Teil fragt Joachim Güntner, ob Cornelius Gurlitt, der Sohn des Kunsthändlers Hildebrand, womöglich rechtmäßig im Besitz seines Kunstschatzes ist: "Die 'Washingtoner Erklärung' von 1998, worin sich über vierzig Staaten verpflichteten, in Museen und Archiven nach NS-Raubkunst zu suchen und mit den Erben faire Lösungen auszuhandeln, zwingt Cornelius Gurlitt ..zu nichts, denn sie tangiert keinen Privatbesitz."

Besprochen werden eine Neuinszenierung von Charles Gounods "Faust" am Opernhaus Zürich (den Regisseur Jan Philipp Gloger unnötigerweise, wie Thomas Schacher findet, ins Second Empire versetzt) und Bücher, darunter Brigitte Kronauers Roman "Gewäsch und Gewimmel" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
Anzeige

Aus den Blogs, 05.11.2013

(Via Slate) Bei NPR kann man schon den Soundtrack des neuen Coen-Brüder-Films "Inside Llewyn Davis" hören, der in der New Yorker Folkszene der frühen sechziger Jahre spielt. Auch Justin Timberlake singt mit. Hier der zweite Song des Albums, "Fare Thee Well (Dink's Song)" mit Marcus Mumford und Oscar Isaac.


Stichwörter: Oscar Isaac

Welt, 05.11.2013

Im Forum ist Henryk M. Broder fest davon überzeugt, Antiamerikanismus sei der wahre Grund für die Kritik an der Überwachung durch die Geheimdienste. Mit Sorge um den Verlust der Souveränität Deutschlands habe sie jedenfalls nichts zu tun: "Zum einen haben die Deutschen bis zum Abschluss des Zwei-plus-vier-Vertrags im September 1990 ganz gut mit einer eingeschränkten Souveränität gelebt - unter dem großen Schutzschild der Amerikaner, der es ihnen ermöglichte, einen Wohlfahrtsstaat aufzubauen, ohne sich allzu sehr um die eigene Sicherheit kümmern zu müssen. Zum anderen vergeht kaum ein Tag, da nicht irgendein Politiker versichert, die Aufgabe der nationalen Souveränität wäre eine gute Sache. Für die Deutschen, für Europa, für die ganze Welt." Und weil der europäische Bürger sich nicht gern von in- und ausländischen Geheimdiensten bespitzeln lassen möchte, ist er antiamerikanisch? Logikkurs?

Im Feuilleton stellt Michael Pilz die neue Eminem-CD vor. Anlässlich der 1500 Bilder, die in der Münchner Wohnung von Cornelius Gurlitt gefunden wurden, erzählt Peter Dittmar die Geschichte der unter den Nazis blühenden Kunsthändlerfamilie Gurlitt. Tim Ackermann berichtet von den Kunstauktionen in New York. Josef Engels amüsiert sich beim Jazzfest Berlin. Besprochen wird Alvis Hermanis' Inszenierung von Mozarts "Così fan tutte" in Berlin.

TAZ, 05.11.2013

Detlef Kuhlbrodt kommt ganz benommen vom Leipziger Dokumentarfilmfestival zurück, so "bewegend und welthaltig" waren die Filme, die er dort gesehen hat. Zum Beispiel "Stop Over". Der Film "begleitet Flüchtlinge in Athen, wo der Regisseur Kaveh Bakhtiari zufällig seinen iranischen Cousin Mohsen wieder trifft. Während der Regisseur einen Schweizer Pass hat, ist Mohsen als illegaler Einwanderer gekommen, saß dafür drei Monate lang im Gefängnis und hängt nun in Athen fest, wo er sich mit anderen 'Illegalen' eine Wohnung mit stets verhängten Fenstern teilt."

Aram Lintzel fordert eine poetische Antwort auf die Flüchtlingsfrage an Europas Küsten: "Ist die einzige würdige Reaktion auf die Ereignisse vor Lampedusa nicht die bedingungslose Forderung nach unbedingter Gastfreundschaft?" Oliver Gehrs sieht auch angesichts der gravierenden Auflagenverluste beim Spiegel die "Ära der Dickhodigkeit" zu Ende gehen.

Besprochen werden Tim Bonyhadys Erinnerungen "Wohllebengasse" und die Ausstellung "Wien Berlin" in der Berlinischen Galerie (die Katrin Bettina Müller gerade jenseits der großen Namen spannend findet).

Und Tom.

Aus den Blogs, 05.11.2013

In aller Kürze: Unser Filmkritiker Nikolaus Perneczky bringt in seinem Blog ein beeindruckend umfangreiches Ranking aller bei der gerade zu Ende gegangenen Viennale gesehenen Filme. Ganz weit oben: Jerry Lewis' Klassiker "Artists and Models", ein 35mm-Screening, um den wir ihn aus Berlin sehr beneiden, zumal wir uns hier mit einem (noch nicht mal einbettbaren) Ausschnitt begnügen müssen.

Nach einem Monat Pause bringt Roland Graffé die neue Folge seines Machtdose-Podcasts mit knapp 80 Minuten freier Netzmusik. Hier die Playlist samt weiteren Infos und Downloadmöglichkeiten.

FAZ, 05.11.2013

Julia Voss erzählt einige interessante Hintergründe zum Fall des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, dessen Sohn in Schwabing über tausend geraubte Kunstwerke hortete. Obwohl jüdischer Herkunft, war Gurlitt einer der wichtigsten Kunsthändler unter Hitler, er besorgte unter anderem Kunstwerke für Hitlers monströses Museumsprojekt in Linz. Dass er die Werke, die er nach dem Krieg noch im Besitz hatte, als zerstört oder verschollen ausgab, war wohl eine gängige Lüge unter Hitlers Kunsthändlern: "Es ist eine Familiengeschichte im deutschen Kunstbetrieb, die vom Nationalsozialismus über die Nachkriegszeit in die Gegenwart verlängert worden ist. Sie wurde wie in einer Zeitkapsel in der Schwabinger Wohnung aufbewahrt. Und erst jetzt, nach Jahrzehnten, in denen sich das Unrechtsbewusstsein dramatisch gewandelt hat, blickt man fassungslos auf diesen Fall zurück."

Zum Thema führt Voss auch ein Gespräch mit der Berliner Rechtsanwältin Imke Gielen. Im politischen Teil nennt es Peter Raue einen Skandal, dass der Fund über zwei Jahre geheim gehalten wurde - so dass einige betagte Besitzer womöglich nichts mehr davon erfahren haben.

Weitere Artikel: Patrick Bahners porträtiert den New Yorker Bürgermeisterkandidaten Bill de Blasio, der durch linke Parolen auffällt. Jan Wiele hörte bei einer Lesung in Marbach einige salzige Passagen aus Peter Rühmkorfs unveröffentlichten Tagebüchern. Edo Reents verlangt ein besseres Fernsehprogramm. Thomas Thiel unterhält sich mit dem Soziologen Ulrich Beck und dem br-Intendanten Ulrich Wilhelm (warum mit dem?) über die Zukunft Europas. Gina Thomas liest das im Guardian veröffentlichte letzte Gedicht Seamus Heaneys. Ulf Meyer begutachtet die von Rem Koolhaas designte neue Börse in Shenzhen.

Auf der Medienseite echauffiert sich Michael Hanfeld über einen Deal zwischen Springer und Google - der Internetkonzern wird die nicht verkauften Restplätze in Springers Werbeangebot mit Billigbannern vollnageln. Aber einen interessanten Punkt spricht Hanfeld doch an, auch mit selbstkritischem Blick auf die eigene Zeitung, wie es scheint: "Nebenbei rätselt man natürlich auch, was Springer eigentlich mit dem Feldzug für das Leistungsschutzrecht für journalistische Inhalte wollte, bei dem alle anderen brav hinterhergetrottet sind."

Besprochen werden "Così fan tutte" an der Komischen Oper Berlin, Christoph Nußbaumeders Stück "Mutter Kramers Fahrt zur Gnade" im Schauspiel Bochum, eine John-Martyn-CD-Box und Bücher, darunter eine Studie über mittelalterliche Skriptorien (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 05.11.2013

Die Tagesthemenseite ist ganz dem spektakulären Münchner Kunstfund gewidmet, den der Focus in seiner aktuellen Ausgabe aufdeckt (hier dessen Online-Schwerpunkt). Neben einer Zusammenfassung des bisherigen Informationsstands (hier und hier) stellen sich Ira Mazzoni und Catrin Lorch einige triftige Fragen, zumal nach den Grundsätzen der Washingtoner Konferenz zur Restitution von Raubkunst, die Privatleute von ihren Auflagen ausdrücklich befreit, es gut sein kann, dass die Familie Gurlitt die gehortete Kunst wegen Verjährung von Eigentumsdelikten sich tatsächlich "'ersessen' hat. ... Warum erfahren es die Nachkommen jüdischer Sammler und Händler, die bestohlenen Museen und die Kunsthistoriker erst jetzt? Und umgekehrt: Wird Cornelius Gurlitt möglicherweise zu Unrecht kriminalisiert?"

Nach fast vier Wochen liefert die SZ heute ihren Lesern die Übersetzung von David Byrnes ursprünglich im Guardian geäußerter Kritik an Streamingservices wie Spotify und Co. nach. Der Popmusiker bemängelt darin, dass selbst etablierte Künstler dort nur wenig Geld verdienen, was das Modell besonders für Nachwuchskünstler wirtschaftlich sehr unrentabel macht. "Sollten Künstler in Zukunft tatsächlich zum Großteil auf Einnahmen aus diesen Diensten angewiesen sein, können sie nach spätestens einem Jahr ihren Job wechseln. Sicher, einige von uns verfügen noch über andere Einnahmequellen, Live-Konzerte etwa ... Was auf dem Spiel steht, ist nicht so sehr das Überleben von Künstlern wie mir, aber das von aufstrebenden Künstlern und solchen, die nur ein paar Erfolge vorweisen können."

Lesenswerte Entgegnungen auf Byrnes Kritik gab es bereits wenige Tage später im Guardian selbst (hier, ausführlicher hier) und in diesem Wortlauttranskript eines Radiogesprächs mit Tim Renner. Der ehemalige Majorlabel-Chef meint darin, dass Musiker eher mal mit ihren Labels ein ernstes Wörtchen reden sollten: "Also hier werden die Künstler im Endeffekt verarscht von den alten Systemen. Dasselbe passiert Byrne und Co. bei den einzelnen Stream-Abrechnungen. Weil, die werden so abgerechnet wie früher eine Schallplatte, also auf den sogenannten Händlerabgabepreis. Aber da ist drin die Presskosten für die Schallplatte, da ist drin Rabatte, Boni, Discounts, da ist drin die Gema-Gebühren. All das entfällt bei Spotify, das heißt, der Gewinn für die Plattenfirma ist viel, viel höher, das Einkommen für den Künstler ist viel, viel geringer." Von diesem Debattenstand kriegen die Printleser der SZ heute leider nichts, aber vielleicht ja in vier Wochen etwas mit.

Im Feuilleton gratuliert Fritz Göttler dem Schauspieler Sam Shepard zum 70. Geburtstag. Besprochen werden die Schau "Arktis" in Kopenhagen, Alvis Hermanis' Inszenierung von Mozarts "Così fan tutte" an der Komischen Oper Berlin (in der ein missmutig gestimmter Wolfgang Schreiber "erdachten Unsinn" erblickt), Erwin Wagenhofers Film "Alphabet" und Bücher, darunter Roddy Doyles Roman "Die Rückkehr des Henry Smart" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).