Heute in den Feuilletons

Die sagen: Wir forschen selbst

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.11.2013. Im Deutschlandradio fordert Peter Raue, dass die Bilder des Gurlitt-Schatzes ins Netz gestellt werden. Aber genau das will die Augsburger Staatsanwaltschaft nicht, meldet die taz. Erstaunlich, dass man von Schatz spricht, und nicht von Schätzen, findet die NZZ. Immerhin, sie wurden gut gelagert, meldet erleichtert die SZ. Ist der an deutschen Universitäten gelehrte Islam allzu liberal, fragt die FAZ.Vor seiner Wahl erweckte Barack Obama den Eindruck, er wolle Whistleblower schützen und Folterer verurteilen, nun macht er's genau umgekehrt, klagt der Atlantic.

Aus den Radios, 06.11.2013

Skandalös findet es Rechtsanwalt Peter Raue im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur, dass die Staatsanwälte die Öffentlichkeit nicht schon deutlich früher über den Münchner Kunstfund in Kenntnis gesetzt haben. Und dies vor allem auch wegen vieler verpasster Chancen für die vernetzte Provenienzforschung: Er hält das für "nachgerade dreist. ... Da gibt es jüdische Familien, denen von den Nazis die Bilder geraubt wurden (...), und man verrät denen nicht, dass diese Bilder da sind und sagt, jetzt forschen wir erst mal ... Das einzig Vernünftige wäre (...) alle 1500 Bilder ins Internet zu stellen. ... Dann könnten auch andere mitforschen, dann könnten die Museen sagen, das hing bei uns im Museum bis 1933 oder 34, es könnten jüdische Familien kommen und könnten sagen, ich habe hier ein Foto, da sehen Sie, wie das über dem Sofa meiner Mutter hing. Das wird alles verhindert, weil die sagen: Wir forschen selbst. Das ist unglaublich."

TAZ, 06.11.2013

Die in München gefundenen Gemälde könnten Cornelius Gurlitt inzwischen rechtmäßig gehören, aber die Geheimhaltung des Gemäldefunds durch die Münchner Staatsanwaltschaft hat möglicherweise gegen die sogenannte Washingtoner Erklärung verstoßen, meldet Brigitte Werneburg. Und: "Bilder von dem spektakulären Gemäldefund in München wird man so bald nicht sehen, auch nicht online. Das sagte gestern der Augsburger Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz bei der ersten Pressekonferenz seiner Behörde zu dem Fall, den sie ursprünglich als mögliches Steuervergehen übernahm. Ein solches Vorgehen könnte die Interessen von Anspruchsberechtigten verletzen."

James Balogs Film "Chasing Ice" macht den Klimawandel "ein gutes Stück erlebbar und nachfühlbar", erklärt der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf, hochbeeindruckt von den Schwierigkeiten, in Island Gletscher zu filmen: "Balog gründete den Extreme Ice Survey: ein Projekt, um mit zahlreichen automatischen Kameras die Gletscher in Island, Grönland und Alaska im Zeitraffer zu erfassen. Welche Schwierigkeiten vor ihm lagen, ahnte er damals nicht."

Besprochen werden Woody Allens Film "Blue Jasmine" ("So unversöhnlich ... hat man Woody Allen lange nicht erlebt", schreibt Andreas Busche), die Dokumentarfilme des "Sensory Ethnographic Lab" der Universität Harvard bei der Viennale und die Géricault-Ausstellung in der Schirn in Frankfurt.

Und Tom.

Tagesspiegel, 06.11.2013

Nadine Lange ist nicht einverstanden mit David Byrnes Kritik an Streaming-Portalen wie Spotify (gestern in der SZ):"Solche vereinzelten Boykotte und Klagerufe bringen gar nichts. Vor allem kommen sie deutlich zu spät. Nach Jahren mit desaströsen Umsatzrückgängen erholt sich die Musikindustrie erstmals wieder leicht. In Deutschland ist der Umsatz der Branche im ersten Halbjahr um 1,5 Prozent gewachsen, auch dank der Streamingeinnahmen." Die Musiker sollten lieber bessere Verträge mit ihren Labels aushandeln und nicht auf einen "Apokalyptiker wie den 61-jährigen Byrne" hören, dessen Musik ja schließlich selbst auf Spotify und Co. zugänglich sei.
Anzeige

NZZ, 06.11.2013

Samuel Herzog wundert sich über die Aufregung um den Fall Gurlitt: Überlagert dabei das gefühlte Unrecht womöglich das tatsächliche? "Gewöhnlich würde man ja wohl eher von Kunstschätzen sprechen - im Fall Gurlitt aber verwenden die Medien durchgehend den Singular: Schatz. Fast hört man das Wesen Gollum, wie es sich in 'Der Herr der Ringe' nach seinem 'Schaaaaatz' verzehrt." Herzog meint, es sei keinesfalls auszuschließen, "dass die Behörden demnächst einiges zurücktragen müssen in die schmuddelige Höhle des bösen Räubers".

In Marseille neigt sich das Kulturhauptstadtjahr dem Ende zu. Roman Hollenstein besucht dort eine große Ausstellung über den Architekten Le Corbusier. Dessen bekanntestes Bauwerk in der Hafenstadt ist der Wohnblock "Unité d'habitation": "Die durch die Mangelwirtschaft der Nachkriegszeit begründete Verwendung des nackten, roh geschalten Betons, die ganz Le Corbusiers schon Ende der zwanziger Jahre erwachtem Interesse am Ursprünglichen entsprach, bedeutete eine Absage an die einst von ihm mitbegründete ätherische Moderne." (Bild: Marseille, Unité d'habitation, Le Corbusier, 1945 ©Fondation Le Corbusier)

Außerdem: Marc Zitzmann war auf der Gedenkfeier für Patrice Chéreau im Pariser Odéon-Théatre, bei der neben Michel Piccoli, Marianne Faithfull, Charlotte Rampling und Jane Birkin auch Isabelle Huppert ihre Hommage an den Regisseur vortrug, in der sie erklärte, Cheréau habe in ihr den Wunsch geweckt, Schauspielerin zu werden.

Besprochen werden eine Ausstellung über das evangelische Pfarrhaus im Deutschen Historischen Museum Berlin und Bücher, darunter eine Cicero-Biografie von Wolfgang Schuller und Kinderbücher (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Weitere Medien, 06.11.2013

Bevor er gewählt wurde, erweckte Barack Obama die Hoffnung, er würde Whistleblower schützen und gegen Folter vorgehen. In beiden Punkten hat er enttäuscht, schreibt Conor Friedersdorf im Atlantic: "Long before Edward Snowden exposed mass surveillance on Americans by the NSA, the Obama Administration was aggressively persecuting former civil servants who blew the whistle on objectionable behavior during the Bush Administration. On torture, President Obama laudably decided against restarting what he and Attorney General Eric Holder both declared to be an official program of illegal torture. But the Obama Administration has declined to investigate and prosecute the torturers."

FAZ, 06.11.2013

Der deutsche Staat versucht mühsam, sich an den Universitäten einen kompatiblen Islam zu backen, um ihn an den Schulen als Islamunterricht verabreichen zu können. Nun kritisiert der Zentralrat der Muslime den Theologen Mouhanad Khorchide für seine angeblich zu liberale Koranauslegung, berichtet die FAZ im politischen Teil. Zwar können die Islamverbände in einem Gremium Einfluss nehmen, so der Bericht weiter: "Doch dieses Gremium ist noch nie zusammengetreten. Denn wiederholt fielen bei der Überprüfung durch den Verfassungsschutz Kandidaten des Koordinationsrats durch." (Auf der Meinungsseite der taz kommentiert Charlotte Wiedemann den Fall)

Im politischen Teil wird auch von der Pressekonferenz zu den Gurlitt-Kunstwerken berichtet. Julia Voss porträtiert die Kunsthistorikerin und Sachverständige Meike Hoffmann und sie erfährt einiges über das Konvolut: "Der Anteil von Papierarbeiten scheint groß zu sein. Der in Berichten kolportierte Sammlungswert von einer Milliarde Euro gehört also ins Reich der Märchen."

Im Feuilleton berichtet Melanie Mühl über Fortschritte in der Reproduktionsmedizin, die sie eine Optimierung des Menschen fürchten lassen. Thomas Thiel kann sich dem negativen Votum MacKenzie Bezos' über Brad Stones Biografie ihre Mannes Jeff nicht anschließen. Zum Erscheinen des ersten Bandes des "Graphic Canon" bei Galiani erkundet Andreas Platthaus die Geschichte von Comics nach literarischen Klassikern. Klaus Englert besucht den Neubau des dänischen Maritim-Museums in Helsingör. Hans-Jörg Rother resümiert das Leipziger Dokumentarfilmfestival.

Auf der Medienseite stellt Maximilian Kalkhof das taiwanesische Portal Newtalk.tw vor, das sich gegen die Beeinflussung der taiwanesischen Presse durch die Volksrepublik China wendet.

Besprochen werden Woody Allens neuer Film "Blue Jasmine" (die Andreas Kilb als Schwester Emma Bovarys erscheint), Konzerte des Berliner Jazzfests, die Philip-Guston-Ausstellung in der Schirn, Verdis "Macbeth" in Magdeburg und Essen und Bücher, darunter eine Neuübersetzung von Evelyn Waughs Roman "Wiedersehen mit Brideshead" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 06.11.2013

Ira Mazzoni liefert historische Hintergründe zum umstrittenen Kunsthändler Hildebrand Gurlitt und sichtet erste Werke aus dem sensationellen Münchner Kunstfund. Und sie gibt Entwarnung: "Anders als in ersten Berichten kolportiert, wurden die kostbaren Papierarbeiten und ungerahmten Gemälde zudem völlig sachgerecht und sorgfältig in einem Mappenschrank gelagert. Sie sind gepflegt, frisch, höchstens ein wenig angestaubt."

Jörg Häntzschel berichtet unterdessen von der Augsburger Pressekonferenz. Dort staunt er darüber, dass die Staatsanwaltschaft offenbar keine Ahnung von Cornelius Gurlitts Verbleib hat, und wundert sich, wie lasch der Staatsanwalt die lange Geheimhaltung begründet: Er versucht es mal "legalistisch: klar, das Interesse an dem Kunstfund sei riesig, doch als möglicher Steuerhinterzieher sei Gurlitt eben nur ein winziger Fisch gewesen, daher sei dieser Fall nicht 'von großem öffentlichen Interesse'. Mal verweist er auf 'versicherungstechnische Bedenken'. Er klingt sogar ein wenig kaltschnäuzig, als er meint: 'Warum sollten wir unsere eigenen Ermittlungen in diesem Stadium erschweren? Wir äußern uns nur, insofern es der Aufklärung dient.'" Hier ein Protokoll der Pressekonferenz.

Online gibt es außerdem einen Kommentar von Thomas Steinfeld, der in dem Kunstfund die Fäden vieler zu erzählender Geschichten sieht: "Wenn all diese Geschichten erzählt werden, sind sie unendlich viel größer als das Abenteuer vom wiedergefundenen Nazi-Schatz." Außerdem schwärmt Jochen Förster nach dem Berliner Konzert von Amanda Palmer von der Konsequenz, mit der diese "ihren Weg als Graswurzel-Popstar geht". Danach gab es noch eine Zugabe im Publikum, verrät Youtube:



Für die Seite 3 besucht Peter Richter in New York Trevor Paglen, den "Edward Snowden der Künste", der mit speziellen Kameras die Aktivitäten der amerikanischen Geheimdienste dokumeniert. (Hier seine Webseite und hier ein Artikel zu den Edward-Snowden-Enthüllungen, den Paglen im Juni für Guernica geschrieben hat.

Besprochen werden Woody Allens neuer Film "Blue Jasmine" (Tobias Kniebe jammert über den akut "fortschreitenden Weltverlust, der Allens Werk seit Längerem plagt"), eine Corbusier-Ausstellung in Marseille und Maxim Billers Novelle "Im Kopf von Bruno Schulz" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).