Heute in den Feuilletons

Was uns fehlt, sind Robben

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.08.2013. In der taz meint Geschäftsführer Kalle Ruch zur Diskussion um die Zukunft der Zeitungen: Wenn die Zeitungen in der Krise sind, dann liegt das an der Ideenlosigkeit der Verlage. In der NZZ kritisiert Pritzker-Preisträger Wang Shu die aktuelle Drama-Architektur, während die FAZ zu den flachen Bauten der Internetkonzerne steile Thesen entwickelt. SZ, taz und irights.info fragen: Warum gibt's nicht mehr Aufregung über den NSA-Skandal?

TAZ, 17.08.2013

taz-Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch kann das Gejammer über die Zeitungskrise und den Untergang der Demokratie nicht mehr hören: "Mit dem Ende der gedruckten Presse wird in dieser Debatte gern das Ende des Journalismus als unverzichtbarer Bestandteil einer funktionierenden Demokratie herbeigeschrieben. Dabei ist die Zeitungskrise allein eine Krise von Verlagen, bei denen die traditionellen Geschäftsmodelle nicht mehr funktionieren. Zeitungen mögen sterben, der Journalismus wird es nicht ... Auch die Mär von der Gratismentalität im Netz ist bodenlos. Die Internetwirtschaft boomt für Unternehmen, die die richtigen Konzepte haben." Wie das konkret aussieht, wenn man den Medienwechsel versäumt, kann man in Anne Fromms Zusammenfassung der Krise der Stadtmagazine lesen: Die haben das Internet nämlich gründlich verschlafen.

Auch recht verschlafen wirkt die schockstarre Netzaktivistenszene nach Prism, die ein ganzer Pulk von taz-Autoren porträtiert. Warum ergreifen die Aktivisten die Chance nicht beim Schopfe und machen aus Prism für sich das, was die Anti-Atombewegung aus Tschernobyl gemacht hat? "'Der Vergleich mit Tschernobyl funktioniert nicht', sagt Constanze Kurz. ... 'Was uns fehlt sind Robben', sagt sie, 'oder im Öl verendende Vögel.' Bilder, die Gefühle wecken, Betroffenheit. 'Daten kann man nicht fotografieren', sagt Kurz. Diese Bilderarmut sei ein Problem, dafür habe man allerdings den Vorteil, dass fast jeder Mensch inzwischen mit Computern zu tun habe. Und damit automatisch Betroffener ist." Dazu unterhält sich Laura Hofmann mit dem Netz-Politologen Alexander Hensel darüber, warum die Netzaktivisten sich nicht auf die Beine gestellt kriegen. (Jetzt hätte nur noch ein Artikel gefehlt, der die unterirdische Berichterstattung der taz zum Thema aufgreift.)

Weitere Artikel: Peter Unfried besucht Hans Ulrich Gumbrecht in Stanford, der im Muscleshirt vom American Way of Life schwärmt - ein tolles Porträt! Andreas Fanizadeh regt sich über Jakob Augsteins Kapitalismuskritik auf. Martin Reichert fordert einen Boykott der Olympischen Spiele in Russland als Zeichen gegen die dort grassierende Homophobie. Thomas Winkler trifft sich mit dem Sänger der Britpop-Band Travis, der mittlerweile in Berlin ein neues Zuhause gefunden hat. Martin Kaul unterhält sich ausführlich mit dem Kabarettisten Georg Schramm. Außerdem befasst sich ein ganzer Themenschwerpunkt der Berliner Ausgabe mit dem Tanz in der Stadt.

Besprochen werden das neue Album von Julia Holter (hier zum Anhören), die Fotoausstellung "The Family of Man" in Luxemburg Stadt, eine Ausstellung über die Geschichte der Skateboardkultur im Stattbad Wedding in Berlin und Bücher, darunter Yehuda Bauers Studie "Der Tod des Schtetls" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Und Tom.

Aus den Blogs, 17.08.2013

Ärger bei den Snowdens? Edward Snowden hat der Huffington Post eine Mail geschreiben, in der er betont, dass er nicht von seinem Vater und dessen Anwälten vertreten wird: "I've been fortunate to have legal advice from an international team of some of the finest lawyers in the world, and to work with journalists whose integrity and courage are beyond question," Snowden said. 'There is no conflict amongst myself and any of the individuals or organizations with whom I have been involved.'" Mehr dazu auch bei Zeit online.

Welt, 17.08.2013

Im Forum sieht Richard Herzinger das monströse Schlamassel Ägyptens, das im Konflikt zwischen der Militärregierung und den nicht weniger finsteren Muslimbrüdern versinkt, auch als Folge der Außenpolitik der Regierung Obama: "Zu lange setzte sie darauf, sich mit Mursi und einem 'gemäßigten Islamismus' an der Macht arrangieren zu können, und übersah das Potenzial des Widerstands, der in die Volkserhebung gegen das Regiment der Muslimbrüder mündete."

Fürs Feuilleton besucht Tim Ackermann die große Meret Oppenheim-Schau im Berliner Gropiusbau. Wolf Lepenies schreibt eine Glosse über die Afrikapolitik der Chinesen, die überall "Fußallstadien der Freundschaft" bauen und dann die Rohstoffe abtransportieren. Barbara Möller gratuliert Robert de Niro zum Siebzigsten. Elnmar Krekeler liest für seine Krimikolumne Andrea Maria Schenkels neuen Roman "Täuscher". Anke Sterneborg unterhält sich mit Filmregisseur Thomas Arslan, der seinen Western "Gold" nach heftiger Kritik bei der Berlinale umgeschnitten hat.

Aufmacher der Literarischen Welt ist Peter Praschls Besprechung von Friedrich von Borries' Roman-Projekt "RLF". Besprochen werden außerdem Clemens Meyers Roman "Im Stein", Jacek Dehnels viel gefeierter Roman "Saturn" über Goya Vater und Sohn, Jo Lendles "Was wir Liebe nennen", Uwe Timms Roman "Vogelweide", der Augenzeugenbericht "Freiwillig nach Auschwitz" des polnischen Autors Witold Pilecki und Urs Widmers Autobiografie.
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NZZ, 17.08.2013

Wojciech Czaja unterhält sich mit dem chinesischen Architekten und Pritzker-Preisträger Wang Shu, dem die Architektur in seinem Land zur Zeit zu "westlich" ist: "Das große Motto in Asien lautet derzeit 'Drama, Drama!'. Jedes Haus ist Hauptdarsteller auf der Bühne namens Stadt. Jedes Haus muss eine dramatische Geste aufs Parkett legen. Jedes Haus tut so, als ob es das größte, das schönste, das wichtigste in der ganzen Stadt sei. Das ist für mich gelegentlich etwas anstrengend. Denn ich bin ein Freund einer gewissen Balance, einer gewissen Ausgewogenheit des Kollektivs."

Außerdem beschwört Christian Renfer in Literatur und Kunst "Chinas gefährdetes Bauerbe und die Denkmalpflege". Und der Dramaturg Hermann Beil bringt dem Bühnenbildner Hein Heckroth eine Hommage dar. Fürs Feuilleton besucht Roman Bucheli Bergpark und Wasserspiele beim Schloss Wilhelmshöhe in Kassel, die ins Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen wurden. Und Till Brockmann gratuliert Robert de Niro zum Siebzigsten.

Besprochen werden eine Tanzperformance von Constanza Macras im Berliner Müggelwald und Bücher, darunter ein neu übersetztes "Südamerikanisches Reisetagebuch" von Christopher Isherwood.

Weitere Medien, 17.08.2013

Das NYMag bringt eine faszinierende Reihe historischer Polizeifotos weiblicher Krimineller aus einer Ausstellung, die derzeit im Prison & Police Museum in St Marygate, Ripon, UK zu sehen ist.

Joseph von Westphalen genießt den Sommer in der Stadt München. Dort sind Ferien, und "eine stillschweigende Solidarität schweißt die Daheimgebliebenen zusammen". Und das höchste Glück: Satirische Fernsehsendungen machen ebenfalls Pause.

Der New Yorker bringt eine Fotostrecke des Fotografen Moises Saman über den gestrigen "Tag des Zorns" in Kairo.

Die taz muss Thilo Sarrazin 20.000 Euro als Schmerzensgeld wegen beleidigender Äußerungen ihres Kolumnisten Deniz Yücel zahlen, meldet Meedia.

Perlentaucherin Anja Seeliger fragt sich in einem Gastbeitrag bei irights.info, warum die Reaktionen auf den NSA-Skandal bisher so schwach bleiben. Einer der Gründe: Die Geheimdienste arbeiten längst im globalen Schulterschluss. "Bisher können die Bürger jedoch nur national diskutieren und sind damit einer Debatte eigentlich gar nicht mehr gewachsen. Was fehlt, ist ein europäisches Forum, eine Plattform im Netz, auf der die Bürger Europas Informationen austauschen und gemeinsame Widerstandsmöglichkeiten diskutieren können: Können wir unsere Bürgerrechte noch schützen oder ist es dafür zu spät? Können wir nur noch auf Waffengleichheit drängen? Wie Harry Cheadle im US-Magazin Vice erklärte: Wenn wir transparent sind, muss es die Regierung auch sein."

SZ, 17.08.2013

Ein Land, dem alles Wurst zu sein scheint, bereisen Johannes Boie und Frederik Obermaier für die Reportage auf Seite Drei. Das Land ist Deutschland, in dem sich nach NSA und Prism allenfalls laue Lüftchen, wenn überhaupt, regen. Bei ihrer Reise treffen sie auch auf den Ex-FDP-Politiker Gerhart Baum, der seit sich den Protesten gegen die Notstandsgesetze in den 60er Jahren für die Bürgerrechte engagiert. Doch "wenn er das alles lese, 'komme ich mir verarscht vor', sagt Baum und deutet auf die Zeitungsartikel. 'Ich habe Urteile erstritten, um die deutschen Sicherheitsbehörden zu disziplinieren und jetzt das.' Mails, Telefonate, Daten insgesamt: 'Ununterbrochen, tagein, tagaus wird zusammengefasst, zusammengequirlt. Ausgewertet, milliardenfach.' ... 'Mein lieber Mann. Vor allem waren damals die Intellektuellen dabei. Wo bleiben die mit Rang und Namen in diesem Lande?'"

Im Feuilleton berichtet Kristina Maidt-Zinke in Revolutionslaune vom Opernfestival in Pesaro: "Es lebe der Belcanto, viva Rossini ... Wer weiß ob nicht der 'Liberté'-Schlusschor des 'Tell' sogar das von Berlusconi eingeschläferte Italien auf die Barrikaden ruft." Tim Neshitov unterhält sich mit dem Dichter Chirikure Chirikure aus Simbabwe über Mugabe, Literatur und Zensur. Das nationalkatholische Lager Polens grollt dem Satiriker Slawomir Mrozek bis über den Tod hinaus, berichtet Thomas Urban. Geburtstagsgrüße gehen an Robert de Niro (70) sowie hier an Roman Polanski (80).

Auf der Medienseite porträtiert Katharina Riehl Lars Eidinger, der in den 80ern als Kinderdarsteller aus der Sendung "Moskito" auf Berlins Straßen häufiger angesprochen wurde als heute. Außerdem berichtet Kathrin Werner von CNNs Transformation von einem Fernseh- zu einem auf allen Medienkanälen präsenten Sender, der zwischen TV und Internet auch redaktionell nicht mehr unterscheidet.

Besprochen werden die Ausstellung "Leben mit Pop. Eine Reproduktion des Kapitalistischen Realismus" in der Kunsthalle Düsseldorf, das neue Album der Band Travis und Bücher, darunter Fritz Rudolf Fries' Roman "Last Exit to El Paso" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

In der SZ am Wochenende zeichnet Paul Munzinger die Geschichte der staatlich-bürokratischen Datenakquise nach. Hilmar Klute lässt sich anlässlich der "Feuchtgebiete"-Kinoadaption von Charlotte Roche erklären, welches "erotische Utopia" sie für Männer vorgesehen hat: Nämlich eine Welt, in der einfach Frauen die Initiative beim Anbaggern ergreifen. Helmut Martin-Jung verabschiedet sich vom Personalcomputer. Martin Wittmann plaudert mit Roland Emmerich, der in seinem kommenden Film mal wieder das Weiße Haus unter Beschuss nimmt.

FAZ, 17.08.2013

Niklas Maak sieht sich die Entwürfe der Architekten Norman Foster und Frank Gehry für die Apple- und Facebook-Zentralen an - Flachbauten, die in der kalifornischen Landschaft verschwinden, Niklas Maak aber zu steilen Thesen verführen: "So gesehen, ist die heiter bis infantil schwingende Architektur vielleicht auch ein Äquivalent zum Typus des harmlos kindlichen Hacker-Whistleblower-Superprogrammierernerds, dessen Edward-Snowden-hafte, milchig-freundliche Physiognomie im krassen Kontrast zu den globalen Verheerungen seiner Taten steht..." Hm, ja, genau das scheint diese Architektur auszudrücken.

Weitere Artikel: Regina Mönch freut sich über den Kinderboom in den neobourgeoisen Stadtteilen Berlins, der die Schulen vor Kapazitätsprobleme stellt. Jürg Altwegg schreibt den Nachruf auf den "Advokaten des Bösen" Jacques Vergès. Auf der letzten Seite unterhält sich Thilo Wydra mit Schauspieler Michael Caine, der auch mit achtzig Jahren munter weitermacht. Auf der Medienseite macht Stefan Schulz die Teilnehmer der Diskussion über die Zukunft der Zeitungen auf Spiegel Online darauf aufmerksam, dass die Zeitungen Garanten journalistischer Qualität seien.

Besprochen werden eine Ausstellung mit aktuellen (wenn auch wohl nicht tagesaktuellen) Fotos aus Ägypten in Hamburg und Bücher, darunter Uwe Timms neuer Roman "Vogelweide" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Für die Frankfurter Anthologie liest Henning Heske ein Gedicht von Jürgen Nendza - "Die Wimpern:

Die Wimpern knistern, dein Blick treibt unter
dünnem Eis: Das Tageslicht hockt über uns. (...)"