Heute in den Feuilletons

Abkehr vom Mainstream der Alltagsheringe

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.05.2013. In Spiegel online fordert Sascha Lobo viel mehr Investitionen in ein schnelles Internet - und zwar von der Regierung. Im Tagesspiegel stellt Achim Freyer mit Richard Wagner ein Notgleichgewicht her. Die taz beleuchtet die Rolle von Gewerkschaften und SPD in der Nazi-Zeit. In der Zeit spricht Cecila Bartoli über tragische und weniger tragische Frauenrollen. Die FAZ übernimmt Salman Rushdies Aufruf für die Anerkennung von Freiheitshelden als Freiheitshelden. Das WWW ist zwanzig Jahre alt. Das CERN stellt die allerallererste Website wieder online.

Spiegel Online, 02.05.2013

Es ist Wahlkampf, und jeder will ein schnelles Netz. Aber wer macht damit Wahlkampf? Die jetzige Regierung jedenfalls nicht, so Sascha Lobo in einem zornigen Artikel über die mangelnde "Breitbandstrategie" von Schwarzgelb: "Anfang 2013 dekretierte die französische Regierung, 20 Milliarden Euro in Glasfasernetze zu stecken, um 'Schluss zu machen mit Kupfer'. Das Bundeswirtschaftsministerium schreibt dagegen zum Thema Breitbandausbau: 'In einigen Fällen kann auch der Einsatz von Fördermitteln erforderlich sein, wenn andernfalls eine Erschließung auf mittlere Sicht nicht darstellbar ist.' Noch lascher lässt sich kaum erklären, dass man kein Geld in die Hand nehmen möchte." Lobos Forderung: "Es führt kein Weg an massiven staatlichen Investitionen in eine netzneutrale Glasfaserinfrastruktur vorbei."

Aus den Blogs, 02.05.2013

(Via Netzwertig) Es lebe das World Wide Web, das vor genau zwanzig Jahren beim CERN freigeschaltet wurde. Das CERN hat aus diesem Anlass die alleralllererste Website rekonstruiert.

Das ist praktisch: Dezeen besucht ein Haus mit zweistöckigem Atrium, um Jagdtrophäen zu präsentieren.

(Via Slate) IBM zeigt den kleinsten Animationsfilm aller Zeiten. Gemacht mit Atomen.

Stichwörter: Dezeen, IBM

Tagesspiegel, 02.05.2013

Kerstin Decker schreibt ein schönes Porträt über Brecht-Schüler Achim Freyer, der Los Angeles und Mannheim gerade mit zwei neuen (und unterschiedlichen!) Ring-Inszenierungen in einen Wagnerrausch versetzt hat: "Hätten wir das Leben - wir hätten keine Kunst. Wir hätten sie nicht einmal nötig, hat der Komponist des 'Ring' gesagt. Freyer formuliert denselben Sachverhalt so: Wir haben keine Mitte! Der Mensch ist das einzige Lebewesen ohne natürlichen Halt im Dasein. In der Kunst versucht er, ein Notgleichgewicht herzustellen. Sie ist sein Spiegel. Wir sehen uns darin nicht 1:1, sondern größer oder kleiner und vor allem: Wir sehen uns nicht von außen, sondern wie von innen, sagt Freyer und beweist es mit jedem Werk neu."

Außerdem: Bodo Mrozek erklärt, wie Internet und amerikanische Fernsehserien unsere Sehgewohnheiten ändern. Angelika Brauer ermuntert zum 200. Geburtstag Søren Kierkegaards zur Lektüre seiner Schriften: "Was Kierkegaard vom Menschen erwartet, ist die Abkehr vom Mainstream der 'Alltagsheringe', um den Weg in die 'Innerlichkeit' einzuschlagen, der zu Unabhängigkeit und Souveränität verhilft." Justus Daniels berichtet über den Verein Chance for Children, der gegen die Schultrennung von Romakindern in Ungarn streitet. Julia Prosinger stellt den Journalisten René Wappler vor, der für die Lausitzer Rundschau aus Spremberg über die rechtsextreme Szene berichtet und dafür letzte Woche den Henri-Nannen-Preis gewann. Christian Schröder schreibt über die SS-Mitgliedschaft von Horst Tappert und Herbert Reinecker.
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TAZ, 02.05.2013

Rudolf Walther stellt die von der Hans-Böckler-Stiftung kuratierte Wanderausstellung "Zerschlagung der Mitbestimmung 1933" vor, als SA und SS die deutschen Gewerkschaften auflösten. "SPD und ADGB zeigten sich in dieser historischen Stunde als 'anpasslerisch bis zur Selbstaufgabe' - so der Historiker Manfred Scharrer. Die Führungen beider Organisationen vertrauten auf Disziplin, Ordnung und Gehorsam und waren einer Staats- und Autoritätsgläubigkeit verpflichtet, die sie blind machte für die politischen Gefahren, die von rechts drohten."

Besprochen werden Werner Schweizers und Katja Frühs Film "Verliebte Feinde" über die Schweizer Frauenrechtlerin Iris von Roten, die in den sechziger Jahren für das Frauenwahlrecht stritt, Marcus Vetters und Michele Gentiles Dokumentation "The Court" über die Arbeit des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag und die DVD von Alain Corneaus "Golden-Age-Rätselkrimi" "Love Crime" von 2010.

Und Tom.

NZZ, 02.05.2013

Wei Zhang berichtet im Aufmacher über die demografischen Probleme Chinas, wo die Geburtenrate einen Tiefpunkt erreicht hat. Klaus Bartels widmet sich dem Stichwort "Steuerparadies".

Besprochen werden Ulrich Seidls Film "Paradies: Glaube", Régis Roinsards Komödie "Mademoiselle Populaire", Luk Percevals Inszenierung der "Brüder Karamsov" am Hamburger Thalia Theater, Rosa Liksoms Roman "Abteil Nr. 6" über eine finnische Archäologiestudentin in der Sowjetunion der achtziger Jahre und Florian Werners Band "Schüchtern" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 02.05.2013

Lucas Wiegelmann prüft Sexismus-Vorwürfe gegen die Wikipedia. Felix Mesculi weist darauf hin, dass die gerade reüssierende Metal-Band Volbeat keineswegs ein Senkrechtstarter ist, sondern sich mühsam nach oben arbeitete.

Hier kann man die Band eine Stunde lang dabei beobachten.



Besprochen werden Luk Percevals Dramatisierung von Dostojewskis "Brüdern Karamasow" am Hamburger Thalia und Filme, darunter die dritte Folge des "Iron Man".

Zeit, 02.05.2013

Cecilia Bartoli spricht im Interview mit Christine Lemke-Matwey über tragische Frauenrollen und die Rolle der Frau: "Die einen wollen Päpstin werden, die anderen hören ihr Leben lang Maria Callas, die Dritten stehen am liebsten zu Hause am Herd und kochen Pasta alla Norma. Hauptsache, wir tun, was wir tun, aus freien Stücken."

Weitere Artikel: "Die Schöpfung kommt zur Vollendung", spottet Thomas Assheuer angesichts von Google Datenbrille und der Verschmelzung von Körper und Technik (hier ein anschaulicher Werbeclip, der die baldige Unverzichtbarkeit der Brille belegt.) Bei der interdisziplinären Konferenz "Talking Bodies" im englischen Chester, auf der unter anderem Naomi Wolf über ihr heute auf Deutsch erscheinendes Buch "Vagina. Eine Geschichte der Weiblichkeit" sprach, stellt Susanne Meyer fest: "Wer über die Vagina redet, landet in einem orgastischen Diskurs." Online findet sich ein Interview mit Wolf. Zum 200. Geburtstag von Søren Kierkegaard umreißt Tilo Wesche den Einfluss des Existenzphilosophen auf das Denken der Moderne, und der dänische Autor Stig Dalager beschreibt das schwierige Verhältnis Kierkegaards zu seiner Heimatstadt Kopenhagen.

Der Abriss des Duisburger Jugendstilviertels Bruckhausen ist für Judith E. Innerhofer "ein städtebaulicher Skandal". Ingeborg Harms hat sich eine Pariser Ausstellung über Chanel No. 5 angesehen. "Ein Gebäude, das man schon nach dem ersten Blick nie wieder vergessen wird", präsentiert sich Tobias Timm bei der Wiedereröffnung des städtischen Museums im Münchner Lenbachhaus. Besprochen werden Barnaby Southcombes Thriller "I, Anna" (der ohne Charlotte Rampling "vermutlich doch nur eine bessere TV-Produktion" wäre, ahnt Thomas E. Schmidt), José Gonzales' neues Album "Junip" und Bücher, darunter Jörg Magenaus Doppelbiografie der Brüder Friedrich Georg und Ernst Jünger (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

"Es gibt zwei Uli Hoeneß, eigentlich drei", bekennen Uli Hoeneß im Dossier in einem vierseitigen Interview. Im Wirtschaftsteil schreibt Anne Kunze über amerikanische Bio-Hacker, die jenseits der Konzerne Medizintechnik entwickeln.

FAZ, 02.05.2013

Salman Rushdie will es nicht länger hinnehmen, dass Künstler und Intellektuelle - von Ai Weiwei über Pussy Riot bis zu Hamza Kashgari -, die sich gegen gesellschaftspolitischen und religiösen Dogmatismus wenden, zunehmend als Querulanten hingestellt werden: "Denjenigen, die zu anderen Zeiten für ihre Originalität und Unabhängigkeit gepriesen worden wären, wirft man nun vor, sie brächten Unruhe in die Gesellschaft. ... Es ist eine aufreibende Zeit für all jene, die an das Recht von Künstlern, Intellektuellen und einfachen Bürgern glauben, Grenzen zu überschreiten und Risiken einzugehen und damit unseren Blick auf die Welt zu verändern. Wir müssen immer wieder mit Nachdruck darauf hinweisen, wie wichtig dieser Mut ist, und dafür sorgen, dass die Verfolgten (...) als das gesehen werden, was sie sind: Kämpfer für die Freiheit." Hier der Aufruf im englischen Original.

Nils Aschenbeck staunt bei der Begehung der seit Jahren leerstehenden Kaba-Hallen in Bremen, die sich Street-Artists über eingeschlagene Scheiben angeeignet haben, über die dort zu sehende Graffiti-Kunst: Dort "wird Kunst wieder - Kunst. So, wie sie sein sollte: relevant, aufregend, irritierend."

Weitere Artikel: Der Ethikrat versäumt es in seiner Stellungnahme zur Zukunft der genetischen Diagnostik (hier als pdf), "den Konflikt auch einmal zuzuspitzen und darzustellen, was das nüchtern formulierte Problem für das Leben Betroffener bedeuten kann", schimpft Oliver Tolmein. Thil Wydra informiert sich bei einer Tagung über Shakespeare und das Geld. Andreas Kilb spricht mit Brian de Palma über dessen neuen Film "Passion" und über die gespenstischen Qualitäten Berlins. Hans-Jörg Rother empfiehlt insbesondere die Dokumentarfilme des Jüdischen Filmfestivals in Berlin. Verena Lueken resümmiert das Münchner Filmfestival Kino der Kunst.

Besprochen werden der Superheldenfilm "Iron Man 3", die Filmkomödie "Der Tag wird kommen", Barnaby Southcombes Film "I, Anna", die Ausstellung "Uruk. 5000 Jahre Megacity." im Pergamonmuseum Berlin, ein "Fliegender Holländer" an der Staatsoper Berlin, eine Aufführung von Dostojewskis "Brüder Karamasow" am Thalia-Theater in Hamburg und Bücher, darunter Georg Kleins "Schuld und Segen" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

SZ, 02.05.2013

Michael Stallknecht berichtet von sich formierenden Protesten (hier und hier) gegen zu niedrige Gagen für Künstler insbesondere im Opernbetrieb. Er selbst wirkt dabei etwas unentschlossen: "Ein starker Staat soll alles richten, etwa den Sänger zum geschützten Beruf erheben. Doch eine freie Gesellschaft kann weder privaten Gesangsunterricht verbieten noch die privatwirtschaftliche Verabredung von Menschen, für fünfzig Euro am Abend öffentlich zu singen. ... Gleichwohl kann eine Gesellschaft, die zu Recht stolz auf ihre reiche Musikkultur ist, nicht einfach an den unwürdigen Zuständen vorbeisehen, unter denen Hunderte bestens ausgebildeter Künstler leiden."

Brian de Palma erklärt Susan Vahabzadeh, warum er seinen neuen (von Fritz Göttler besprochenen) Erotikthriller "Passion" nicht digital, sondern auf Film drehte: "Frauen kann man nicht digital drehen, dafür ist das Licht zu flach. Man braucht eine ganz ausgefeilte Lichtsetzung, damit Frauen so schön aussehen, wie sie es tatsächlich sind."

Besprochen werden eine Ausstellung "Die königliche Jagdresidenz Hubertusburg und der Frieden von 1763" in Wermsdorf, Stephan Kimmigs Adaption von Michel Houellebecqs Roman "Plattform" an den Münchner Kammerspielen, die schwarze Komödie "Der Tag wird kommen" und Bücher, darunter eine neue Biografie von Carl von Siemens (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).