Heute in den Feuilletons

Steile Hierarchien, Massenproduktion, Akkordarbeit

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.05.2013. In Foreign Policy rät Arch Puddington zum heutigen Tag der Pressefreiheit von der Reise in die zehn schlimmsten Länder für Journalisten ab. Die NZZ stellt die Designerin Inga Sempé vor. Mit Longform.org verlinken wir auf die "2013 National Magazine Awards Winners" mit Texten aus dem Atlantic und Texas Monthly. In der NYRB schreibt Ian Buruma über David Bowie. Die FAZ liest den Briefwechsel zwischen Grass und Brandt und empfiehlt Telekom-Kunden die Exhumierung ihrer Akustikkoppler. Die SZ besucht eine Ausstellung über die Geburt der neusten Technik aus dem Geist des Hippietums.

NZZ, 03.05.2013

Andrea Eschbach porträtiert die gefragte Designerin Inga Sempé, die aus einem illustren Illustratorenhaushalt stammt: "Ihre Mutter Mette Ivers schuf die Zeichnungen zu Astrid Lindgrens 'Ronja Räubertochter', ihr Vater Jean-Jacques Sempé ist kein Geringerer als der berühmte Karikaturist und Zeichner der legendären Kinderbuch-Serie 'Der kleine Nick'. Dessen zarte Strichfiguren leben in den Arbeiten der Tochter weiter: Viele ihrer Produkte erscheinen wie gezeichnet. Grafische Effekte prägen die gefalteten Leuchtenschirme aus Plissee oder die Waffelmuster der Sitzmöbel." Bild: Die Lampe "Vapeur", die Sempé für das französische Label Moustache entwickelt hat.

Weiteres: In Kenia werden die Stimmen von kritischen politischen Autoren lauter, berichtet Axel Timo Purr mit Blick auf Yusuf K. Dawood, David G. Maillu und Billy Kahora. Alfred Zimmerlin zieht eine positive Bilanz der diesjährigen Wittener Tage für neue Kammermusik. Besprochen werden CD-Boxen von Aufnahmen mit dem Dirigenten Otto Klemperer sowie eine Edition der Briefe Otto Klemperers (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 03.05.2013

Longform.org verlinkt auf Artikel, die zu den "2013 National Magazine Awards Winners" gehören. Den Essaypreis bekam Ta-Nehisi Coates für den Essay "Fear of a Black President" im Atlantic, der so angeteasert wird: "As a candidate, Barack Obama said we needed to reckon with race and with America's original sin, slavery. But as our first black president, he has avoided mention of race almost entirely. In having to be 'twice as good' and 'half as black,' Obama reveals the false promise and double standard of integration." Als Magazin des Jahres wurde das auch vom Perlentaucher häufig zitierte New York Magazine ausgezeichnet. Die beste Reportage schrieb Pamela Colloff für den Texas Monthly über einen als Mörder Verurteilten, der nach 25 Jahren seine Unschuld beweisen konnte (hier Teil 1, hier Teil 2). Und hier eine Reportage von CNN über Sklaverei in Mauretanien, die wirklich intelligent fürs Netz aufbereitet ist.

Beate Wedekind kommentiert auf Facebook: "Im Zusammenhang mit der Aufdeckung, dass Horst Tappert aka 'Derrick' Mitglied der Waffen-SS gewesen ist, habe ich heute kombiniert, dass ja auch der Chefautor Herbert Reinecker und der Regisseur Alfred Weidenmann, die alle drei den weltweiten Erfolg vom 'Derrick' und anderen deutschen Fernsehserien kreiiert haben, bei der SS waren. Produzent Helmut Ringelmann war es nicht." Über die SS-Vergangenheit Reineckers schrieb Hanns-Georg Rodek vor zwei Jahren in der Welt.

Weitere Medien, 03.05.2013

Sehr ausführlich kommentiert Arch Puddington in Foreign Policy am heutigen Tag der Pressefreiheit die von der NGO Freedom House erstellte Liste der zehn schlimmsten Länder für Journalisten: "Many believe that the Internet and other forms of new media will be instruments of liberation for the oppressed. But most of the countries described still have relatively low Internet penetration rates, and in every case, policies have been put in place to limit new media's potential political impact. "
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Stichwörter: Internet, Pressefreiheit, Arch+

TAZ, 03.05.2013

"Aus der raren Gattung der Selbstdenker" überschreibt der Schriftsteller Jochen Schimmang seinen Nachruf auf den Verleger der Edition Nautilus, Lutz Schulenburg, der am 1. Mai gestorben ist. "Lutz Schulenburg zeichnete sich vor allem durch eine Eigenschaft aus, die dringend gebraucht und doch schon Kindern möglichst ausgetrieben wird: Eigensinn."

Weiteres: Ingeborg Szollösi schreibt zum 200. Geburtstag von Søren Kierkegaard und empfiehlt die gerade erschienene Reclam-Textsammlung "Kierkegaard zum Vergnügen", die zeige, dass Kierkegaard nicht nur depressiv, sondern auch witzig sein konnte. Besprochen werden die Ausstellung "Archivo Bolaño. 1977-2003" in Barcelona über den chilenischen Schriftsteller Roberto Bolaño, der die Hälfte seines Lebens in Katalonien verbrachte, und das neue Album "Lounge Jewels" der Schauspielerin und Musikerin Sharon Brauner.

Und Tom.

Weitere Medien, 03.05.2013

In der neuen New York Review of Books beschreibt Ian Buruma in einem Artikel über die David-Bowie-Ausstellung im V&A die Unterschiede zwischen amerikanischem und englischem Rock: "One of the characteristics of rock music is that so much of it involves posing, or 'role-playing,' as they say in the sex manuals. Rock is above all a theatrical form. English rockers have been particularly good at this [...] But there is another reason: rock and roll being American in origin, English musicians often started off mimicking Americans. More than that, in the 1960s especially, white English boys imitated black Americans. Then there was the matter of class: working-class English kids posing as aristocratic fops, and solidly middle-class young men affecting Cockney accents. And the gender-bending: Mick Jagger wriggling his hips like Tina Turner, Ray Davies of the Kinks camping it up like a pantomime dame, David Bowie dressing like Marlene Dietrich and shrieking like Little Richard. And none of them was gay, at least not most of the time. Rock, English rock especially, has often seemed like a huge, anarchic dressing-up party."

Klassischer Bowie in vier Kostümen:




Welt, 03.05.2013

Jan Küveler porträtiert die Schauspielerin Constanze Becker, die als "Medea" in Frankfurt reüssiert und beim Berliner Thetertreffen einer der großen Stars sein wird: "Wie alle großen Schauspieler, die schließlich mit einem begrenzten Vorrat an Mitteln auskommen müssen, beherrscht Constanze Becker nämlich Folgendes: oft gesehenen, gehörten und dadurch zu Kitsch und Pathos verkommenen Gesten neues Leben einzuhauchen."

Gemeldet wird, dass der Gitarrist und Mitbegründer der Thrash-Metal-Band Slayer, Jeff Hanneman, im Alter von 49 Jahren gestorben ist. Hier eines der trauteren Lieder dieser Band:


Stichwörter: Alter, Frankfurt, Metal, Slayer, Medea

FAZ, 03.05.2013

Nach dem Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch, wo insbesondere auch deutsche Textilketten wegen der niedrgen Löhne produzieren lassen, erkundigt sich Lennart Laberenz vor Ort über die Arbeitssituation: Hier "steht die Moderne noch in voller Blüte. Es herrschen steile Hierarchien, Massenproduktion, Akkordarbeit, Taylorismus-Aufseher schreien, als hätten die Arbeiter ihnen nach dem Leben getrachtet. Am Ausgang werden die Taschen kontrolliert. Dahinter, auf dem Land, ordnen alte Bräuche das Leben." Dazu passend: Eine kürzlich veröffentlichte Reportage im Vice Magazine.

Weitere Artikel: "Nachgerade gespenstisch" wird für Jochen Hieber die Lektüre des bald veröffentlichten, ganzseitig vorgestellten Briefverkehrs zwischen Günter Grass und Willy Brandt, sobald der Schriftsteller auf die Naziverstrickungen politischer Opponenten zu sprechen kommt. Die Pläne der Telekom, ab 2016 die Netzgeschwindigkeit volumenabhängig zu drosseln, rufen bei Constanze Kurz schauderhafte Erinnerungen an die Akustikkoppler aus den 80ern hervor, als die Deutsche Post die ersten Onliner auch schon gängelte, und sie warnt vor den Folgen für dritte Parteien: Insbesondere Anbieter werbefinanzierter Inhalte sollte es "nicht freuen, dass viele Telekom-Kunden in Zukunft Werbeblockierer schon allein zur Minderung ihres Datenvolumens installieren werden." Jürgen Dollase kritisiert das Objektivitätsgebaren von Restaurant-Bestenlisten. Manfred Lindinger gratuliert dem Physiker Steven Weinberg zum 80. Geburtstag.

Auf der Medienseite stellt Markus Bickel syrische Medienleute vor, denen es auch vom Exil in Beirut aus immer schwerer fällt, über die Situation in ihrem Land zu berichten: "Lange vorbei sind die Tage, als Beirut mit seinen hippen Cafés und seinem kreativen Nachtleben zur Blogger-Hauptstadt der syrischen Opposition avancierte. ... Die Hoffnung, allein mit Youtube-Videos über die Schreckenstaten von Polizei und Armee den Westen zum Eingreifen zu bewegen, hat sich zerschlagen; der Traum von der Facebook-Revolution ist auch in Syrien aus."

Besprochen werden neue CDs, eine Ausstellung mit Zeichnungen von Schriftstellern im Alten Rathaus Ingelheim, eine Ausstellung über die königliche Jagdresidenz Hubertusburg und den Frieden von 1763 in Wermsdorf, die Ausstellung "96 Proposals" im Marburger Kunstverein, Werner Schweizers Film "Verliebte Feinde", das Berliner Konzert von Valerie June und Bücher, darunter Channah Trzebiners "Die Enkelin oder wie ich zu Pessach die vier Fragen nicht wusste" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

SZ, 03.05.2013

"Brillant", wenn auch in ihrer Präsentation nicht völlig gelungen, findet Jörg Häntzschel die von Diedrich Diederichsen und Anselm Franke kuratierte Berliner Ausstellung "The Whole Earth. Kalifornien und das Verschwinden des Außen" über die Ursprünge kalifornischer High-Tech-Kultur im Hippietum und was diese heute mit unserem Alltag zu tun haben: Sie stellt die "ikonografische Prämisse (...) der 'kalifornischen Ideologie' samt ihrem Dogma der Selbstoptimierung, der quasi-religiösen Technikverehrung und ihrer Faszination für utopische Großsysteme [dar]. ... Das kalifornische Dogma der Selbstoptimierung, der Wellness und Fitness und die systemerhaltende Annahme, Glück und Erfolg seien eine Frage der Einstellung, nicht der Umstände, hat sich weltweit durchgesetzt. Eine ähnliche Karriere machten die autoritätskritischen und anti-etatistischen Ideen der kalifornischen Gegenkultur. Die Selbstbefreiung ging fast nahtlos über in die Befreiung der Märkte."

Dazu passend: Ein Gespräch mit Diederichsen im Monopol Magazin - und bereits 1979 ätzten die Dead Kennedys mit "California über Alles" gegen kalifornischen Befindlichkeitsterror:



Ganz substanziell widerspricht Wolfgang Janisch Hans Kollhoffs Kritik vom 9. April (siehe Feuilletonrundschau) am geplanten Umbau der Kunsthalle Karlsruhe: "Ein solches Vorhaben gibt es nicht. Jedenfalls nicht in einer so konkreten Form, dass eine grundlegende Auseinandersetzung mit der künftigen Gestalt der Vierflügelanlage lohnend wäre". Außerdem zählt er die gegenwärtigen und reichlichen Defizite der Kunsthalle auf: "Sympathisch rückwärtsgewandt wird das nur finden, wer glaubt, eine staatliche Kunsthalle benötige ohnehin keine Besucher."

Außerdem: David Steinitz trifft sich mit Roman Coppola, der neben eigenen Regiearbeiten mittlerweile auch die Geschicke der Produktionsfirma seines Vaters Francis Ford bestimmt. Tim Neshitov sieht beim Heidelberger Stückemarkt neue Theaterarbeiten aus Griechenland. Christiane Schlötzer porträtiert die griechische Lyrikerin Kiki Dimoula. Thomas Steinfeld berichtet von Rangeleien um die amerikanische Wikipedia, nachdem ein Student dort Schriftsteller nach Geschlecht getrennt hat (mehr). Besprochen werden Bücher, darunter Kenneth Slawenskis Biografie über den zurückgezogenen Schriftsteller J. D. Salinger (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).