Heute in den Feuilletons

Sich erheben, abwärts schweben

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.03.2013. Die NZZ lässt sich vom Berliner Verleger Andreas Rötzer erklären, was eingreifendes Verlegen ist. In der taz fordert die Aktivistin Monika Hauser eine Aufarbeitung der Vergewaltigungen durch deutsche Soldaten. In der Welt antwortet Wolfgang Kraushaar seinen Kritikern. In der SZ verteidigt Salman Rushdie noch einmal einen universellen Freiheitsbegriff. Entsetzen herrscht in der Netzöffentlichkeit über das Einknicken der SPD beim Leistungsschutzrecht. Till Kreutzer nennt das Gesetz verfassungswidrig und fordert Bundespräsident Gauck auf, es nicht zu unterzeichnen.

Weitere Medien, 23.03.2013

Till Kreutzer, Begründer der Initiative gegen das Leistungsschutzrecht, Igel, zu der auch der Perlentaucher gehört, kommentiert das Einknicken der SPD: "Entgegen aller vollmundigen Ankündigungen der SPD haben die sozialdemokratisch geführten Länder gegen die Einberufung des Vermittlungsausschusses gestimmt. Das Gesetz wurde im Bundesrat einfach durchgewunken und kann nun in Kraft treten. Es sei denn, der Bundespräsident entscheidet sich, dieses verfassungswidrige Regelwerk nicht zu unterschreiben." Sein Artikel kulminiert in einem Appell an Bundespräsident Gauck, seine Unterschrift zu verweigern.
Stichwörter: Leistungsschutzrecht

NZZ, 23.03.2013

Joachim Güntner besucht den "Matthes und Seitz"-Verleger Andreas Rötzer in Berlin, der versucht, mit einem anspruchsvollen Programm über die Runden zu kommen und dabei auch die digitalen Techniken nutzt: "Als in Davos die Mächtigen zum Weltwirtschaftsforum 2013 zusammenkamen, stellte, terminlich auf den Tag genau abgestimmt, der Verlag Matthes & Seitz eine fünfzigseitige Reportage von Emmanuel Carrère zum Download bereit: 'Davos. Im Disneyland der Reichen' heißt der Text, der auf Recherchen aus dem vorigen Jahr beruht und nun dem jüngsten Gipfeltreffen die hintergründige Folie gab. Um gedruckt und gebunden zu werden, ist das Werk zu schmal, fürs digitale Publizieren aber ideal. 'Eingreifendes Verlegen' nennt das Andreas Rötzer."

Weiteres: Angela Schader schreibt zum Tod des nigerianischen Autors Chinua Achebe. Barbara Vinken ist schlaflos. Besprochen wird die David-Bowie-Ausstellung im Victoria & Albert Museum in London.

In der Beilage Literatur und Kunst möchte Brigitte Kronauer Jean Paul nicht auf seine "liebenswerten Käuze" festgelegt wissen. Dies sei "Folge einer ideologisch, wenn nicht idiotisch selektiven (oder schlicht versäumten) Lektüre, die alle feurigen und verzweifelten, zynischen, destruktiven Widersacher aus Jean Pauls großen Romanen einfach unterschlägt. Ganz abgesehen von der legendären 'Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei', deren sehr unschnurrige Schauerlichkeiten einem Autor ja nicht als akademische oder impressionistische Ausrutscher durchs im Übrigen behaglich versponnene Gemüt streichen."

Außerdem: Roman Bucheli hat die Neuerscheinungen zu Jean Paul gelesen. Hans Ulrich Gumbrecht sucht nach dem Gravitationszentrum von Denis Diderots Werk. Kornel Ringli schreibt zum 50. Geburtstag von Eero Saarinens TWA-Flugzeugterminal in New York.

Welt, 23.03.2013

In der Literarischen Welt antwortet Wolfgang Kraushaar auf seine Kritiker, die ihm vorgeworfen haben, in seinem Buch über die antisemitischen Mordanschläge in "München 1970" letztlich nicht beweisen zu können, dass Linksextremisten, womöglich aus dem Kreis von Dieter Kunzelmann, zu den Tätern gehören. Besonders antwortet er auf den SZ-Artikel Willi Winklers, der sein Bild Kunzelmanns als famosem Politclown im Herzen bewahren möchte (mehr hier) und Kraushaar angekreidet hatte, die Linke mit aller Gewalt des Antisemitismus überführen zu wollen. Am meisten wundert Kraushaar, dass sich Winkler den ehemaligen Münchner Bürgermeister Christian Ude zum Kronzeugen nimmt, der Kraushaar wiederum unterstellt, von den neonazistischen NSU-Morden ablenken zu wollen: "Das Oberhaupt jener Stadt, die gut daran täte, sich dem Faktum der damals begangenen antijüdischen Verbrechen und ihrer politischen wie strafrechtlichen, ihrer gesellschaftlichen wie moralischen Nichtaufarbeitung zu stellen, scheut sich offenbar nicht, hier ganz unterschiedliche und noch immer tief verstörende Mordaktionen gegeneinander auszuspielen. Das erweckt fast den Anschein, es sei besser, über den antisemitischen Anschlag in der Reichenbachstraße auch weiterhin den Mantel des Schweigens auszubreiten."

Weitere Artikel: Henryk Broder unterhält sich mit der Autorin Sophie Dannenberg über ihren Roman "Teufelsberg". Aus der New Republic übernimmt die Welt Ian McEwans Artikel über seine Zweifel an der Literatur. Klaus Harpprecht bespricht die von Angelika Schrobsdorff herausgegebenen Briefe ihres Bruders Peter Schwiefert an die gemeinsame Mutter. Besprochen werden auch Eva Menasses Roman "Quasikristalle" und Josef Winklers neues Buch "Wortschatz der Nacht" sowie Bücher der Hirnforscher Oliver Sacks und V.S. Ramachandran.

Im Forum bekennt Richard Herzinger Zweifel an dem Wert der Serie "Unsere Mütter unsere Väter" für die Vergangenheitsbewältigung. Im Feuilleton schreibt Dirk Naguschewski zum Tod Chinua Achebes. Lucas Wiegelmann geht mit dem Pianisten Ingolf Wunder essen. Die Dankrede Daniela Strigls für den Kerr-Preis wird abgedruckt. Hanns-Georg Rodek geht die Nominierten-Liste für den deutschen Filmpreis durch. Besprochen wird die Ausstellung "Auf den Spuren der Irokesen" in der Bundeskunsthalle.
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Aus den Blogs, 23.03.2013

Nach dem Einknicken der SPD beim Thema Leistungsschutzrecht schreibt Wolfgang Michal auf Carta: "Mein Mitgefühl gehört nun den armen tapferen Netzpolitikern der SPD. Nach der Parteitagsposse um die Vorratsdatenspeicherung müssen sie eine weitere schmerzliche Niederlage einstecken. Das haben sie nicht verdient. Sie werden es künftig noch schwerer haben, ernst genommen zu werden."

Sascha Lobo hat nach dem schmachvoll durchgewunkenen Leistungsschutzrecht eine Stinkwut und geißelt sich selbst, beziehungsweise die Netzgemeinde: Wer hat's verbockt? Wir alle, lautet seine Antwort: "Wir sind voll die Twitter-Elite, aber wenn Peter Altmaier sein Handy aushat, ist Twitter eine Million Lichtjahre vom Kanzleramt entfernt, das Axel-Springer-Hochhaus bleibt dagegen in Sichtweite. Die Lernfähigkeit der traditionellen Parteien ist gering - zu gering, um den eigenen informierten Leuten besser zuzuhören als den Lobbyisten der Verlage. Vor allem aber haben wir uns auf Argumente konzentriert, wo offensiver, politischer Druck zählt und wenig sonst. Wir wollten, dass die Politik gefälligst nach unseren Regeln spielt, wo in den Diskussionskriegen im Internet derjenige gewinnt, der schneller, logischer und unterhaltsamer argumentiert."

Marcel Weiß von Neunetz und Perlentaucher Thierry Chervel unterhalten sich im Neunetzcast über das Leistungsschutzrecht und die Folgen:

Tagesspiegel, 23.03.2013

Christiane Peitz hat für ihre Kritik an "UMUV" eine recht griffige formulierung gefunden: "Drastisch gesagt: 'Unsere Mütter, unsere Väter' macht aus Schweinen arme Schweine."
Stichwörter: Schwein

TAZ, 23.03.2013

Auch "Unsere Mütter, unsere Väter" blendet das Schicksal der im Krieg vergewaltigten Frauen aus, kritisiert Monika Hauser von der NGO medica mondiale: "Sexualisierte Gewalt gegen Frauen war ein wirksames Mittel der Einschüchterungs- und Terrorpolitik im NS-Staat, beim Holocaust und bei der Okkupation fremder Staatsgebiete. Eine angemessene Aufarbeitung dieser Verbrechen gegen Frauen und der damit verbundenen Traumata der Vergewaltigungen hat in der deutschen Nachkriegsgesellschaft jedoch nicht stattgefunden."

Weitere Artikel: Astrid Geisler bilanziert ihre Zeit bei den Piraten und räumt ein: "Auf nichts hatte ich mich mehr gefreut - und nichts enttäuschte mich mehr als diese angeblich so phänomenale Liquid Democracy." Irina Serdyuk begleitet den deutschen Ableger von Femen beim Protest gegen die NPD. Dirk Knipphals packt auf Sylt die Sehnsucht nach dem alten Westberlin. Esther Slevogt porträtiert Kathrin Bergel, Inspizientin am Deutschen Theater Berlin.

Besprochen werden die große David-Bowie-Ausstellung in London, das neue Album von DJ Koze, die Ausstellung "Verfemt, verfolgt - vergessen?" im Berliner Ephraimpalais und Bücher, darunter Joe R. Lansdales Roman "Dunkle Gewässer", den Katharina Granzin für "durchgeknallt gothic" hält (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Und Tom.

SZ, 23.03.2013

Lothar Müller füht ein ausführliches Gespräch mit Salman Rushdie, der seinen Atlas der Weltliteratur beschreibt, dabei immer noch einen universellen Freiheitsbegriff verteidigt und jeden Kulturrelativismus ablehnt, der nur Diktatoren nütze: "Den jungen Leuten, die auf dem Tahrir Platz demonstrierten, ging es nicht um irgendeine islamische, besondere Art von Freiheit. Sondern um das, was überall auf der Welt unter Freiheit verstanden wird. Es ging ihnen um eine offenere Gesellschaft. Sie haben das nicht bekommen, sondern stattdessen eine islamistische Regierung."

Weitere Artikel: Andrian Kreye besucht den Musiker Stephen Stills von Crosby, Stills and Nash, der von seinen alten Bandmaschinen schwärmt und von Musik auf digitalen Medien gar nichts hält: "Diebstahl! Man beraubt Sie, nur um der Bequemlichkeit Willen. Sie kriegen da nur 10 Prozent des eigentlichen Signals." Til Briegleb lauscht in Hamburg Vincenz Leuschners Darlegungen, warum Transparenz Demokratie gefährde: "Immer größere mediale Beobachtung [führt] zu immer undurchsichtigeren Entscheidungsfindungen." Reinhard Brembeck rauft sich die Haare über den gerade verliehenen Branchenpreis "Echo", der mit Kategorien wie "bestes Album des Jahres" und Nominierungen im Vorfeld eine Maßgeblichkeit für sich beansprucht, über die er wegen seiner strikten Ausrichtung auf verkaufte Einheiten gar nicht verfügt. Wolfgang Schreiber stellt die Arbeit des Bühnenbildners Alexander Polzin für den Salzburger "Parsifal" vor. Florian Peil findet die neue Ausgabe des Al-Qaida-Magazins Inspire "eher peinlich".Hans-Peter Kunisch schreibt den Nachruf auf den nigerianischen Autor Chinua Achebe.

Besprochen werden eine Ausstellung über Henry van de Velde im Neuen Museum in Weimar und Thomas Ostermeiers Ibsen-Inszenierung "Gespenster" in Lausanne.

Auf der Seite 3 singt Boris Herrmann ein Liebeslied auf den Flughafen Tegel, in das heute morgen sogar müde Perlentaucher einstimmen.

In der SZ am Wochenende begrüßt es Sebastian Schoepp, dass die europäischen Nationen wegen der Eurokrise nun mehr als früher über sich und einander nachdenken. Hilmar Klute lässt sich von Schauspieler Hanns Zischler für eine Berliner Stadterkundung an die Hand nehmen. Helge Denker stellt erfolgreiche Crowdfunding-Projekte vor. Jochen Temsch erzählt die Geschichte von Thor Heyerdahls Südsee-Expedition, auf der der aktuelle Kinofilm "Kon-Tiki" basiert. Außerdem plaudert Miriam Stein mit dem Musiker Bruno Mars.

FAZ, 23.03.2013

Hannah Lühmann und Julian Staib sammeln Stimmen zu Zypern, das "als Laboratorium für extreme Versuche der Krisenbewältigung dienen muss". Markus Morgenroth, Mitarbeiter einer amerikanischen Firma, die Daten auswertet, gibt im Interview einen recht nüchternen Einblick in seine Tätigkeit: "Tatsächlich geht es oft um die Beobachtung interner Bedrohungen, also darum, herauszufinden, welche Mitarbeiter Firmen oder anderen Mitarbeitern böse mitspielen." Auf der Meinungsseite möchte Michael Hanfeld nach erfolgreicher Durchboxung des Leistungsschutzrechts, dass die EU jetzt Google "in eine anders als ausbeuterisch verfasste Marktwirtschaft" einbindet.

Besprochen werden die neue Show von Cindy aus Marzahn, Konzerte von John Adams und Peter Sellars beim Osterfestival in Luzern, eine Ausstellung zu Roberto Bolaño im Zentrum für Gegenwartskultur von Barcelona und Bücher, darunter darunter Taiye Selasis Debütroman "Diese Dinge geschehen nicht einfach so" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

In der Frankfurter Anthologie stellt Dirk von Petersdorff ein Gedicht von Clemens Brentano vor:

"Lieb und Leid im leichten Leben
Sich erheben, abwärts schweben,
Alles will das Herz umfangen,
Nur Verlangen, nie erlangen,
..."