Heute in den Feuilletons

Pragmatische Theorie der Tücke

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.05.2012. Die Welt erzählt, was man in der großen Ausstellung über den jungen Dürer in Nürnberg lernen kann. Und sie spricht sich gegen die Vorschläge der Piratenpartei zum Urheberrecht aus.  In der SZ begrüßt der Historiker Michael Wildt neue Blicke auf die Gewaltzusammenhänge des 20. Jahrhunderts. Und Georg Klein zerschneidet Schnecken. Slate.fr fragt: Wie frauenfeindlich darf ein Festival wie Cannes sein?

Welt, 23.05.2012

Eckhard Fuhr besucht die große Dürer-Ausstellung in Nürnberg, die zwar auf die großen Selbstporträts verzichten musste, in der Fuhr aber eine Menge über Dürer erfahren hat: Gelernt hat er "zum Beispiel, dass der junge Dürer überaus selbstverliebt und vom eigenen Ich bezaubert war, dass er damit aber in einem gesellschaftlichen Trend schwamm, der das Nürnberger Stadtbürgertum um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert insgesamt erfasst hatte. Das Silberstift-Selbstporträt des Knaben trägt von Dürers Hand die Aufschrift: 'Dz hab ich aws ein Spigell nach mir selbst kunterfet im 1484 Jar do ich noch ein Kint was'."

Weitere Artikel: Wieland Freund spricht sich gegen den Vorschlag der Piratenpartei aus, die Schutzfrist von Werken auf zehn (statt bisher siebzig) Jahre nach dem Tod des Urhebers zu verkürzen: "Buchverlage, die das Werk eines Autors im Interesse dieses Autors pflegen, wären von der Verkürzung der Schutzfrist auf zehn Jahre in ihrer Existenz so bedroht, wie dessen rechtmäßige Erben enteignet." Die dänische Autorin Janne Teller macht sich Gedanken über den gegenwärtigen Zustand Europas und warnt vor einer Renationalisierung. Jan Küveler hat einen Tag mit dem Occupy-Vordenker David Graeber verbracht. Und Hanns-Georg Rodek hat in Cannes Wes Anderson getroffen, dessen Film "Moonrise Kingdom" morgen auch in Deutschland anläuft.

FR/Berliner, 23.05.2012

Dirk Pilz berichtet von der ersten Pressekonferenz mit Shermin Langhoff und Jens Hillje, die nun nach langer Intendantensuche als neue Leiter des Berliner Maxim-Gorki-Theaters ab 2013 feststehen, und konstatiert, dass diese Entscheidung auch ein kulturpolitisch "deutliches Signal" sei: "Nach gut 50 Jahren Einwanderungsgeschichte in der Bundesrepublik wird Langhoff, 1969 in der Türkei geboren und in Nürnberg aufgewachsen, die erste Intendantin der postmigrantischen Generation." Nur die Wiener, deren Festwochen Langhoff leiten wollte, fühlen sich auf den Schlips getreten, weil sie so sang- und klanglos sitzengelassen wurden.

Außerdem freut sich Anke Westphal in Cannes bei schlechtem Wetter über überraschenden Slapstick bei Abbas Kiarostami und Felix Helbig heftet sich am Rande der Frankfurter Blockupy-Proteste an die Fersen von Occupy-Vordenker David Graeber, der in der Bankenmetropole sein neues Buch über Schulden als Machtinstrument vorstellt.

TAZ, 23.05.2012

Boris Palmer, grüner Oberbürgermeister von Tübingen, leckt noch einmal Wundern aus dem verlorenen Kampf gegen Stuttgart 21. Cristina Nord schreibt in ihrer Cannes-Kolumne über neue amerikanische Filme. Besprochen wird Sibylle Lewitscharoffs Komödie "Vor dem Gericht" in Mannheim.

Und Tom.
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Aus den Blogs, 23.05.2012

Zur Urheberrechtsdebatte merkt Marcel Weiß in Neunetz an: "Nahezu alle, die bisher laut aufgeschrieen haben, haben sich wenig bis gar nicht mit dem aktuellen Urheberrecht und schon gar nicht mit der Debatte auseinandergesetzt. Sie wissen nicht, was das Internet bewirkt und sie können das industriell geprägte Urheberrecht nicht in Kontext setzen."

(Via @hemartin) Da uns das Thema alle so beschäftigt: Craig Mod (mehr hier) hat auf Readlists.com eine Liste mit den wichtigsten neueren Texten zu "Future of Books and Publishing" zusammengestellt. Ganz oben steht Kevin Kellys groaßrtiger Essay aus dem Jahr 2006.

Ist das französische Kino frauenfeindlich?, fragt Charlotte Pulowski in ihrer Cannes-Kolumne auf slate.fr: "Frauen ohne Beine, kranke Frauen, Frauen als Sextouristinnen, liebende Frauen, reisende Frauen. Und selbst ein Mann, der gern eine Frau wäre. Das ist Cannes: Frauen gibt es in allen Filmen. Außer hinter der Kamera."

NZZ, 23.05.2012

Anette Selg porträtiert den ägyptischen Comic-Zeichner Magdy El Shafee. Susanne Ostwald vermisst Visionäres in Cannes. Jakob Tanner schreibt zum Tod des Sozial- und Wirtschaftshistorikers Rudolf Braun.

Besprochen werden die Uraufführung Marco Stroppas Oper "Re Orso" in der Pariser Opéra-Comique und Bücher, darunter Ulrike Landfesters Studie über "Tätowierung und europäische Schriftkultur" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
Stichwörter: Oper, Jakob Tanner

FAZ, 23.05.2012

Monitor-Moderatorin Sonia Seymour Mikich berichtet auf der ganzen ersten Seite des Feuilletons von ihren horrenden Erlebnissen bei einem längeren Krankenhausaufenthalt. "Große Schauspielkunst" sah Verena Lueken im neuen Film von Alain Resnais, der gerade in Cannes lief. Beim Versuch, am Stuttgarter Schauspiel den Geist von Occupy über den Spielplan zu stülpen, werde "das alte Schlachtross 'Politisches Theater' (...) mit Furor und Aplomb" totgeritten, findet Martin Halter. Dirk Schümer seufzt nach dem Besuch der von Sigrid T'Hooft inszenierten Barock-Oper "Amadigi di Gaula" bei den Händelfestspielen in Göttingen: "Solcher handgemachten Transzendenz bedarf das sterile Computerzeitalter nicht minder als weiland die Barockzeit." Edo Reents ärgert sich grün und blau über die Phrasendrescherei des Fußballkommentators Wolff-Christoph Fuss.

"Ein Geschenk" sei es, findet Swantje Kirch auf der Medienseite, dass arte heute Abend "Dies ist kein Film" von Jafar Panahi zeigt, mit dem der vom iranischen Regime gegängelte Regisseur gegen sein Berufsverbot protestiert (hier ein Ausschnitt aus dem Film, weitere Videos zur Causa Panahi hier in der Mediathek des Senders).

Besprochen werden eine Ausstellung über die Geschichte der europäischen Mode im Deutschen Historischen Museum in Berlin, eine 12 DVDs umfassende Edition von Filmen mit Romy Schneider, der iranisch-amerikanische Film "Sharayet - Eine Liebe in Teheran", der Dietmar Dath ganz außerordentlich gut gefällt, und Bücher, darunter ein Band über den Islam im historischen Kontext von Alexander Flores (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

SZ, 23.05.2012

Der Historiker Michael Wildt nimmt jüngere historische Studien über Gewalt in Osteuropa im 20. Jahrhundert (wie etwa Timothy Snyders Buch "Bloodlands") vor dem Vorwurf (zum Beispiel hier in der Welt) in Schutz, dass die Schoah darin "nicht mehr den zentralen Stellenwert" einnehme: "Gewalt wird durch die vergleichende Analyse nicht gleich, sondern klarer. Die Schoah gehört in diesen Gewaltzusammenhang des zwanzigsten Jahrhunderts wie die stalinistische Politik und die europäische koloniale Gewalt in Afrika, Asien und Lateinamerika - als vielfach verflochtene, aufeinander Bezug nehmende, aber eben keineswegs gleichzusetzende Geschichte."

Der Schriftsteller Georg Klein zieht jeden Morgen mit einer Schere durch seinen Garten und tötet Nacktschnecken: "Ein halbes Hundert Tiere wird pro Tag Opfer meiner Rundgänge, und im Sommer werden es, so dieser nur regnerisch genug ist, an manchen Tagen doppelt so viele sein. Denn unser Grundstück ist an drei Seiten von Entwässerungsgräben umgeben [...] Wenn ich allerdings für einen Kordon aus zerschnittenen Schneckenleibern sorge, bleiben viele der nachfolgenden Wanderer an ihnen hängen, um sich an den toten Artgenossen zu laben, bis jene im Morgendämmer selbst Opfer meiner Schere werden. Diese Überlegung gehört zu einer pragmatischen Theorie der Tücke, die ich, der spät berufene Gärtner, mir in den zurückliegenden fünfzehn Jahren nach und nach zurechtgelegt habe."

Weiteres: Peter Laudenbach gratuliert dem Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz zur Entscheidung, den Intendantenposten des Maxim-Gorki-Theaters ab 2013 mit Shermin Langhoff zu besetzen, die sich zuvor am Kreuzberger Ballhaus um das "postmigrantische Theater" verdient gemacht hatte. Reinhard Brembeck porträtiert den Theatermacher Heiner Goebbels. Susan Vahabzadeh sieht in Cannes Filme über das Überleben im Kapitalismus. Gustav Seibt gratuliert dem Historiker Johannes Fried zum Siebzigsten.

Besprochen werden neue Techno-Veröffentlichungen, die große Ausstellung über den frühen Dürer im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg samt deren Katalog, der dritte Teil von "Men in Black" und Bücher, darunter eins des Anthrozoologen Hal Herzog über das widersprüchliche Verhältnis zwischen Mensch und Tier (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).